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2007/10/27 (23:28) from 78.51.105.151' of 78.51.105.151' Article Number : 533
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Die hohe Kunst des Unterscheidens
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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Glaubensfragen - Manuskript

Die hohe Kunst des Unterscheidens
Ein Portrait des Theologen Eberhard Jüngel

Autor: Johannes Weiß
Redaktion: Dr. Johannes Weiß
Sendung: Sonntag, 22.08.2004, 12.05 Uhr, SWR2

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Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

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Dass Eberhard Jüngel Christ und später einer der berühmtesten deutschen Theologen wurde, war ihm nicht in die Wiege gelegt, jedenfalls nicht von seinen Eltern. Im Hause Jüngel war Religion nicht gefragt.

O-Ton: Ich bin Christ geworden, weil Gott mich dazu verführt hat.

Hatte er also ein konkretes Bekehrungserlebnis - so wie Menschen, die bei einer Zeltmission durch eine Predigt derart angerührt werden, dass sie der Aufforderung, sich unverzüglich zu Christus zu bekehren, freudig nachkommen?

O-Ton: Nee, ich komme ja aus Magdeburg. Magdeburg an der Elbe. Von den Magdeburgern sagt man, sie säßen im Konzert auf den Händen. Sie sind also nicht so schnell zu besonderen emotionalen Ereignissen zu verführen, und Augenblicksbekehrungen kann ich mir von einem Magdeburger überhaupt nicht vorstellen. Ich bin ein Magdeburger.

Aber dass Gott ihn verführt habe, sagt Eberhard Jüngel, das stehe nun doch fest. Mit einer Verheißung habe er das getan - und mit einer Erfahrung.

O-Ton: Die Verheißung steht im Neuen Testament, im Johannesevangelium sagt Christus: Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Ich habe als junger Mensch in der DDR die Erfahrung gemacht, dass sich diese gewiss zunächst auf das geistliche Leben beziehende Verheißung auch ganz weltlich erfüllt. Damals, Anfang der 50er Jahre, bekam man in der Schule und im öffentlichen Leben missliebige Wahrheiten einfach nicht zu hören.

Und schon gar nicht durfte man sie aussprechen. Wer es dennoch tat - und der Schüler Eberhard Jüngel tat es -, der wurde bestraft.

O-Ton: Ich bin einen Tag vor dem Abitur als Feind der Republik aus dem Gymnasium entfernt worden, weil ich mir dennoch erlaubt habe, das, was ich für Wahrheit hielt, auch auszusprechen.

Was war denn der konkrete Grund für dieses harte Vorgehen der DDR-Schulbehörde?

O-Ton: Oh, das waren eine Fülle von Vorkommnissen. Zum Beispiel waren damals die kirchlichen Diakonischen Anstalten in Magdeburg, die Pfeifferschen Stiftungen, beschlagnahmt worden vom Staat. Und wir haben - eine Freundin und ich - im Unterricht, als die Lehrer das auch noch rechtfertigen wollten, dagegen heftig protestiert und darauf hingewiesen, dass das Unrecht ist - übrigens auch nach den Gesetzen und nach der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Das ist ein Beispiel, und die könnte ich beliebig fortsetzen.

Damals blitzte schon etwas von dem auf, was später den berühmten Theologen Eberhard Jüngel auszeichnen sollte: die Kunst der präzisen und ganz konsequenten Unterscheidung. Zum Beispiel zwischen Recht und Unrecht.

Werfen wir an dieser Stelle - und bevor wir uns wieder dem jungen Eberhard Jüngel widmen - einen Blick in dessen große Zukunft. Es war in den Siebziger Jahren, längst genoß der Tübinger Ordinarius internationales Ansehen, da erregte ein anderer berühmter deutscher Theologe Jüngels Unmut. Helmut Gollwitzer, den man  zu den „zornigen alten Männern“ des deutschen Protestantismus zählte. Gollwitzer schrieb damals, Jüngel habe in einem Vortrag vor dem Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU behauptet, Christen müßten Sozialisten sein. Jüngels Vortrag und Gollwitzers öffentliche Stellungnahme dazu lösten damals einen heftigen Theologen-Streit aus. Dabei nahm Jüngel  Gollwitzers Text regelrecht auseinander und bescheinigte ihm, nicht präzise genug unterschieden zu haben. Wie er damals seine öffentliche Erwiderung auf den Gollwitzer-Text begann - das war typisch Jüngel:

Zitat aus „Müssen Christen Sozialisten sein?“ (Sprecher: Detlef Werner)

Verehrter und lieber Helmut Gollwitzer!
Was mag nur in Sie gefahren sein, dass Sie Ihre Feder sich so übereilen ließen? Gewiss, wir sind von Ihnen in letzter Zeit einiges gewohnt. Und man weiß wohl: wenn Helmut Gollwitzer zur Feder greift, dann spitzt sich´s zu. Das ist ja denn auch nicht der geringste Reiz Ihrer Schriften. Aber dass Sie über der kritischen Erwiderung auf meinen vor dem Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU gehaltenen Vortrag, statt mit roter Tinte zu korrigieren, gleich das ganze - rote! - Tintenfass nach mir warfen, das war denn doch des Roten etwas zuviel. Nicht nur die vermeintlichen Fehler, sondern gleich das ganze Referat haben Sie rot angestrichen: „Ein Christ muss also nach Jüngel Sozialist sein.“ Ich habe zum ersten Mal richtig begriffen, was „Chuzpe“ ist. Wie stehe ich nun da: Von Ihrer Tinte so ganz und gar rötlich bekleckert! Und vor allem: wie stehen Sie nun da! Wollen Sie wirklich als der zweite Theologe in die Geschichte eingehen, dem man nachrühmen darf, mit Tintenfässern zu werfen?

Zu den Theologen, die sich damals in diesen Streit öffentlich einschalteten und nach Jüngels Ansicht nicht präzise genug unterschieden, gehörte auch Dorothee Sölle.

O-Ton: Die eben erwähnten - mein väterlicher Freund Helmut Gollwitzer und meine Freundfeindin oder Feindreundin Dorothee Sölle - waren entschieden der Meinung, dass Christen Sozialisten sein müssen. Ich habe mich dagegen gewehrt und habe gesagt: Das widerspricht der Freiheit eines Christenmenschen. Aber Christen „können“ Sozialisten sein, und das ist etwas ganz anderes als „müssen“. Und wenn heute jemand es verbieten will, dass ein Christ auch ein Sozialist sein „kann“, dann hat er mich genauso zum Gegner wie diejenigen, die damals behaupteten, Christen müssen Sozialisten sein.

Zurück zu jenem Tag, an dem der Schüler Eberhard Jüngel als Feind der Republik vom Gymnasium gewiesen wird - unmittelbar vor dem Abitur. Weil er wert gelegt hatte auf die präzise Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht. Nie wird er vergessen, wie damals seine Lehrer reagierten - und auch hierbei war sehr genau zu unterscheiden.

O-Ton: Merkwürdige Begebenheit: Die anständigen Lehrer drehten sich, als wir dann an ihnen vorbeigehen mussten, einfach um - sie haben es nicht ertragen, uns ins Gesicht zu blicken. Es gibt ja ein altes lateinisches Sprichtwort: Cum tacent clamant - indem sie schweigen, klagen sie, schreien sie. Das ging mir damals durch den Kopf, als ich die Lehrer und Lehrerinnen, vor denen ich Respekt hatte, sich so abwenden sah. Während die - ich darf sie mal heute so nennen: die Halunken uns auch noch ganz frech und höhnisch ins Gesicht schauten.

Was die staatliche Schule bestrafte, wurde in der evangelischen Kirche gefördert. In der Kirche fand Jüngel den einzigen ihm damals zugänglichen Ort innerhalb der stalinistischen Gesellschaft, an dem man ungestraft die Wahrheit hören und sagen konnte.

O-Ton: Vielleicht galt das ja auch in der DDR damals für das Kabarett, zumindest für ein besonders mutiges und besonders hinterlistiges Kabarett. Aber sonst herrschte da - mit groß Macht und viel List - die ideologisch ausgebreitete Lüge. In der christlichen Kirche aber war man so frei, den Zwang zur Lüge zu durchbrechen. Man konnte die Wahrheit des Evangeliums nicht bezeugen, ohne zugleich politisch auf Wahrheit zu bestehen. Und das war für mich eine ausgesprochen befreiende Erfahrung.


Das hatte zwar zur Folge, dass man mit dem Staat und der Staatssicherheit in Konflikt geriet, aber es stellte sich eine - wie Jüngel es nennt - innere Freiheit ein.  Doch Christ zu sein und an den Gekreuzigten und Auferstandenen zu glauben, sich von der - wie Jüngel sagt - österlichen Freude anstecken zu lassen - das ist das eine. Warum aber der Entschluss, Theologie zu studieren?

O-Ton:  Zunächst einmal aus einem recht zweifelhaften Grund: nämlich um meinen Vater zu ärgern. Der war ein ausgesprochen areligiöser Mensch, und er hätte für mich jeden anderen Beruf eher akzeptiert als den des Pfarrers. Doch das war selbstverständlich nicht das einzige Motiv, das mich dazu bestimmt hat, Theologie zu studieren. Und während ich es studierte, ist dieses Motiv dann auch immer stärker in den Hintergrund getreten. Aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich es heute verschweigen wollte. Ich wollte - das war das sachliche Motiv - genauer verstehen, was ich glaube. Und ich wollte Rechenschaft ablegen können über die Hoffnung, die mit der eben erwähnten österlichen Freude verbunden ist.  

Für den Republikfeind Jüngel, der einen Tag vor dem Abitur vom Gymnasium geworfen worden war, kam nur ein Studium an einer Kirchlichen Hochschule in Frage, nicht aber an einer staatlichen Universität - die blieb ihm versperrt. Aber das war kein Nachteil, im Gegenteil.

O-Ton: Die Kirchlichen Hochschulen waren intellektuelle Oasen in einer ideologischen Wüste. Und das war ausgesprochen wohltuend.

Denn an den Kirchlichen Hochschulen konnte man nicht nur in sehr großer Freiheit Theologie studieren, man erhielt, so man wollte, auch eine sehr fundierte philosophische Ausbildung. Sein erster wichtiger Lehrer war denn auch ein Philosoph: Gerhard Stammler.

O-Ton: Er hat mir einen Eindruck davon vermittelt, was Denken heißt - nämlich die Stringenz der Konsequenz des Gedankens zu suchen und zu finden.

Jüngel studierte Theologie zunächst mit dem Ziel, Pfarrer zu werden. Sein eigentlicher theologischer Lehrer war Ernst Fuchs. Durch ihn lernte Jüngel den großen Theologen Rudolf Bultmann kennen wie auch den berühmten Philosophen Martin Heidegger.

O-Ton: Ernst Fuchs war ein Schwabe. Er kam aus dem Tübinger Stift. Und wie viele dieser Stiftler hatte er etwas ausgesprochen Genialisches. Er war ein genialischer Lehrer. Denken hieß für ihn immer auch, etwas sehen lassen. Das hatte er wohl bei Heidegger gelernt. Heidegger war einmal gefragt worden, was er von einem philosophischen Kollegen hielte, und er antwortete kurz und hart: Bei dem sieht man ja nichts. Bei Fuchs sah man.

Geprägt wurde Jüngel auch von Martin Heidegger, obwohl er nicht sein direkter Schüler war. Doch die Texte Heideggers hatten Jüngel schon früh beeindruckt - ungeachtet der problematischen Rolle, die Heidegger während der Nazi-Zeit gespielt hatte. Ein Jahr vor seinem Tod besuchte Jüngel den großen Philosophen in Freiburg. Und widersprach ihm.

O-Ton: In dem Gespräch, das da ein Jahr vor seinem Tode stattfand, ging es auch um Gott. Ich war ganz frech. Als junger Professor fragte ich den großen alten Herrn ganz unvermittelt: Und Gott? Daraufhin Heidegger: Gott - das ist das Denkwürdigste, aber da versagt die Sprache. Ich habe ihm natürlich sofort heftig widersprochen, was den zweiten Teil seiner Aussage betraf. Dass Gott das Denkwürdigste ist, das leuchtete mir ein, das musste ich mir auch gar nicht erst sagen lassen. Aber dass da die Sprache versagt,  das kann ein reformatorisch geschulter Theologe natürlich nicht akzeptieren. Und ich habe ja zur selben Zeit, in der ich Heidegger kennen lernte, auch Karl Barth kennen gelernt, in Basel, wo die Sprache nur allzu üppig von Gott redete. Wie heißt es bei Paulus: Ich glaube, darum rede ich. Das ist ein alttestamentliches Zitat, das der Apostel da bringt. Das gehört zum Wesen des Glaubens, dass man gar nicht anders kann, als von dem Gott zu reden, an den man glaubt. Das hängt damit zusammen,  dass Gott ein erfreuliches Wort ist. Freude kann nicht stumm bleiben.

Aber ist Gott wirklich noch ein erfreuliches Wort? Ist nicht allzu verständlich, dass es Menschen wie den jüdischen Literatur-Kritiker Marcel Reich-Ranicki gibt, der nur knapp das Warschauer Ghetto überlebte und die Frage nach einem Gott schroff zurückweist? Für den jüdischen Religionsphilosophen Hans Jonas war ein Gott nur glaubhaft, wenn er entweder allmächtig oder gütig ist - beides zusammen ist nicht denkbar. Denn ein gütiger Gott, der trotz seiner Allmacht Auschwitz zugelassen hat, ist ein Widerspruch in sich. Jonas meinte, Gott nur retten zu können, wenn er ihm die Allmacht absprach.

O-Ton: Ich habe ja mit Jonas darüber korrespondiert. Aber - mit Verlaub, bei allem Respekt vor Hans Jonas - er hat im Grunde nur das methapysisch verstandene Attribut der Allmacht bekämpft. Und das ist wohl wahr: Wenn man Gott im traditionellen Sinne als den Allmächtigen, übrigens auch als den Allwissenden versteht, dann kann einem schon angst und bange werden. Hiob hat offensichtlich solche Erfahrungen gemacht, als er ganz höhnisch zu ihm sagte: Doch jetzt leg ich mich in den Dreck, dann suchst du mich, doch ich bin weg!  Das war eine Absage an den allmächtigen und allwissenden Gott, der einen ständig beobachtet - so wie man im Gefängnis durch dieses kleine Loch von außen ständig beobachtet wird. Aber dann habe ich, aufgrund der biblischen Texte, die man freilich auch kritisch lesen muss, begriffen: Der harte Kern der Macht im biblischen Sinne ist die Liebe. Und insofern ist in Wahrheit die Liebe allmächtig. Und wenn man das begreift, dann versteht man Allmacht nicht mehr methaphysisch, sondern dann ist es die Einsicht, dass ohne Macht kein Leben gedeiht. Aber entscheidend ist, woher die Macht sich versteht. Und wenn der harte Kern der Macht die Liebe ist, dann ist Macht durchaus auch ein positives Phänomen


Und so redet und schreibt der Theologe Eberhard Jüngel unermüdlich von Gott. Seine Bücher sind in vielen Auflagen erschienen. Sein wichtigstes ist sicher „Gott als Geheimnis der Welt“ - ein Buch, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Entscheidend, so Jüngel, sei die „rechte Rede von Gott“.

O-Ton: Das heißt für den Christen zunächst einmal eine an den biblischen Texten orientierte Rede. Die Reformation hat ja eisern darauf bestanden, dass die Schrift allein uns zu leiten hat bei unserer Frage nach der Wahrheit bei der Rede von Gott. Nicht Schrift und Tradition, wie es unsere katholischen Freunde behaupten, sondern „sola scriptura“, die Schrift allein. Freilich die Schrift allein immer in konkreten Lebenskontexten. Sonst wäre die Schrift ein „toter Papst“, ein „papierener Papst“. Innerhalb der Schrift muss dann wiederum unterschieden werden. Die Bibel ist ja kein lineares Buch, sondern ein überaus reiches, komplexes Buch, und da kommen unterschiedlichste Stimmen zu Wort. Das hat die katholische Kirche wiederum dazu veranla sst zu sagen: Deshalb brauchen wir ein unfehlbares Lehramt, das die Schrift angemessen auslegt. Wir Protestanten sagen: Die Schrift schafft das schon alleine. Man muss sich nur mit dem langen Atem, der dafür notwendig ist, auf sie einlassen. Dann fängt die Schrift selber an, in sich einen roten Faden zu zeigen, und der ist für uns evangelische Christen das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen. Das ist das eigentliche Kriterium für die rechte Rede von Gott.

Kein Wunder, dass Eberhard Jüngel vor einigen Jahren die kritische Debatte um die katholisch-lutherische Erklärung zur Rechtfertigungslehre eröffnete. „Um Gottes Willen - Klarheit!“, so forderte er in einem Aufsatz, der die Schwachstellen dieser Erklärung aufzeigte. Denn wenn das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen das eigentliche Kriterium für die rechte Rede von Gott ist, dann kann eine Aufweichung dieses wesentlichsten Kriteriums nicht hingenommen werden. Aber genau das wirft Jüngel der katholisch-lutherischen Erklärung vor.

Immer wieder pocht er auf die Notwendigkeit, zwischen der menschlichen Person und ihren Taten zu unterscheiden. Kein Mensch ist mehr wert durch seine Leistung - und kein Mensch verliert seinen Wert als Geschöpf Gottes durch seine Untaten, auch der schlimmste Verbrecher nicht.

O-Ton: Wenn ich im verurteilten Häftling nur die Ansammlung seiner Untaten, seiner Verbrechen sehe, dann hört er auf, der Mensch zu sein, der eine unantastbare Würde hat.

Als Eberhard Jüngel vor einigen Jahren gefragt wurde, wie er sich im Laufe der Zeit als Theologe geändert habe, da antwortete er: relativ wenig, ja eigentlich fast gar nicht. Die Begegnung mit dem Atheismus habe sein Denken von Beginn seiner Lehrtätigkeit an provoziert - und das gilt bis heute. Dabei warnt Jüngel davor, dem Atheisten die Menschlichkeit abzusprechen. Als jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, hat ihn der Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ natürlich besonders stark bewegt. Doch als Triumph über den Atheismus würde er diesen Zusammenbruch niemals werten. Eberhard Jüngel gehört heute zu den auch international bekanntesten deutschen Theologen. Und ist doch, wie er beteuert, immer noch der Meinung, dass seine Lehrer etwas mehr zu sagen haben als er. Zum Beispiel Karl Barth, neben Rudolf Bultmann der größte evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts.

Die Umstände seiner ersten persönlichen Begegnung mit Barth waren kurios. Karl Barth war in Basel, Jüngel aber war DDR-Bürger. Nachdem er 1953 seine theologische Ausbildung am Katechetischen Oberseminar in Naumburg an der Saale begonnen hatte, war Jüngel zwei Jahre später an die Kirchliche Hochschule in Ost-Berlin übergewechselt - an das sogenannte Sprachenkonvikt. 1957 dann tat er etwas Illegales.

O-Ton: Ja, ich bin - obwohl ich mir sonst Mühe gegeben habe, die Gesetze der Deutschen Demokratischen Republik peinlich genau zu beachten - für ein Semester illegal in die Schweiz gegangen. Ich habe das Gerücht verbreiten lassen, ich hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten, und zu meinem Entsetzen hat man mir - nachdem ich nach einem Semester wieder da war - von allen Seiten gesagt: Wir haben´s ja immer kommen sehen. In Wahrheit ging es mir blendend. Ich war nach Zürich geflogen - die Berliner Mauer stand noch nicht, man musste also nur mit der S-Bahn nach Tempelhof fahren und das Flugzeug besteigen. In Zürich habe ich vor allen Dingen bei Gerhard Ebeling Theologie studiert, fuhr dann aber einmal in der Woche nach Basel zu Karl Barth - und habe da nun einen Lehrer kennen gelernt, der mich in ganz besonderer Weise beeindruckt hat. Mich beeindruckte an Barth etwas, was ich bei seinen Schülern gerade vermisste: die unglaubliche Konzentration seines theologischen Denkens, gleichzeitig bei einer großen Gelassenheit und Entspanntheit des Intellektes. Dann hat mich sehr beeindruckt die Gleichzeitigkeit von Interesse für den Himmel und für die Erde. Dass man der Erde treu zu bleiben hat, wenn man sich für den Himmel interessiert. Das habe ich bei Barth begriffen.

Barth begegnete dem jungen Theologen aus der DDR zunächst mit Skepsis. Er verdächtigte ihn, eine Art Spion der Bultmann-Schule zu sein - zwischen Barth und Bultmann gab es heftige theologische Kontroversen, und Jüngel war ein Schüler von Ernst Fuchs, und der wiederum war Bultmann-Schüler. Bis Jüngel den großen Barth in einer konkreten Situation so stark durch sein Wissen und seine theologische Argumentation beeindruckte, dass Barth ihn zu einer Flasche Wein einlud. Wenige Tage später stand vor der Tür von Jüngels Studentenbude das imposanteste theologische Werk des 20. Jahrhunderts: Karl Barths „Kirchliche Dogmatik“. Mit der Widmung, Zitat: „Eberhard Jüngel auf den Weg in Gottes geliebte Ostzone.“ Wobei dieses 9000 Seiten in 13 Bänden umfassende Werk zwar überaus imposant, in seiner Wirkung aber bei weitem nicht so stark war wie sehr kurzer Text Karl Barths: die berühmte Barmer Theologische Erklärung, die in der Nazi-Zeit klar machte, dass ein Christ keinen Diktator wie Adolf Hitler als den Herrn seines Lebens akzeptieren kann.

Jüngel, so sehr er den großen Lehrer verehrt, ist kein Barthianer geworden. Doch sein theologisches Denken ist durch Barth stark geprägt. Wobei Barth ja eigentlich nichts Neues entdeckt hatte, oder? Der vielzitierte Paukenschlag - eine Interpretation des neutestamentlichen Römerbriefs, die Barth erstmals 1919 vorlegte - war er nicht eigentlich ein Aussprechen von Altbekanntem?


O-Ton:  Ja eben, Sie sagen es, Sie sagen es!

...antwortet Eberhard Jüngel und nutzt die Gelegenheit, die Unart dieser Zeit zu rügen, die ständig nach Neuigkeiten giert - eine Rüge, die wohl insbesondere auch dem Journalisten gilt, der dem Theologen solche Fragen zumutet. Trotzdem, und auch wenn es eine weitere Zumutung ist: Was war denn, kurz zusammengefasst, die zentrale Aussage der Barthschen Theologie, die den Barth-Schüler Eberhard Jüngel bis heute prägt?

O-Ton: Na, das steht in der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung: dass Jesus Christus das eine Wort Gottes ist, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Und wenn man sich zu diesem Jesus Christus als dem Herrn bekennt, wie es bei Paulus heißt, dann kennt man keine anderen Herrn mehr, denen man Gehorsam schuldet - die zweite Barmer These erklärt das auch ausdrücklich. Das heißt man wird kritisch gegenüber totalitären Ansprüchen. Und die Barthsche Theologie ist wie keine andere im letzten Jahrhundert zum Ausgangspunkt der Kritik totalitärer Ansprüche geworden.

Dass diese Theologie den Studenten Eberhard Jüngel, der wegen seiner Kritik am SED-Staat vom Gymnasium gewiesen worden war, beeindruckte und prägte, lag nah. Nun war, als Jüngel 1957 Karl Barth begegnete, noch keineswegs klar, dass er selbst eines Tages ebenfalls Theologieprofessor sein würde. Zum theologischen Lehrer wurde er durch die Mauer. Als die im Jahre 1961 über Nacht hochgezogen wurde, fehlten plötzlich Lehrer am Ost-Berliner Sprachenkonvikt, da die meisten von ihnen in West-Berlin lebten. Eberhard Jüngel wurde - auch hier gleichsam über Nacht - zum Dozenten, später leitete er das Sprachenkonvikt und bekleidete an der Ost-Berliner Kirchlichen Hochschule seinen ersten Lehrstuhl. 1966 folgte er einem Ruf nach Zürich, drei Jahre später wurde er Ordinarius in Tübingen. Seit 1987 leitet er als Ephorus außerdem das altehrwürdige Stift, die berühmteste Theologenschmiede Deutschlands, aus dem auch sein Lehrer Ernst Fuchs hervorging. Hier - in der idyllischen Tübinger Altstadt, unweit des Neckars und des Hölderlinturms - steht dem Junggesellen und Hobbykoch eine geräumige Dienstwohnung zur Verfügung. Journalisten empfängt er in seinem eher bescheidenen Amtszimmer.

Ein Gespräch mit Jüngel, noch dazu wenn es über mehrere Stunden geht, entwickelt sich unweigerlich zu einer philosophisch-theologischen Lektion - immer wieder mahnt der Theologe den Journalisten zur präzisen Unterscheidung, warnt er vor allzu schnellen Schlüssen. Das hört sich dann - im Zusammenschnitt - so an:

O-Ton: Also, mit Verlaub, mit Verlaub - also entschuldigen Sie, ich bin ganz schnell mit dem Widerspruch zur Stelle, weil wir es uns da nicht so leicht machen dürfen - das hat aber nun damit gar nichts zu tun - Das sind mir Fragen, die nicht präzis genug gestellt sind -  Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht, ich warne davor - also man muss unterscheiden - auch hier muss man unterscheiden - die hohe Kunst der Unterscheidung auch hier zu Geltung bringen - hier das richtige Augenmaß zu haben, und das richtige Augenmaß zu haben, heißt, richtig unterscheiden lernen - das Wahre und das Gemachte ist nicht dasselbe, und nicht alles Machbare ist wahr, und die Wahrheit selber ist überhaupt nicht etwas Machbares.

Eberhard Jüngel ist einer der geschliffensten Debattenredner im theologischen Disput der Gegenwart. Seine einstweilen nur aus der Ferne ausgefochtenen Streitgespräche mit dem Leiter der Römischen Glaubenskongregation, Kardinal Josef Ratzinger, gehören zum intellektuell Vergnüglichsten, was es in Kirche und Theologie heute gibt. Jüngel und  Ratzinger auf einem Podium im Streit über die Rechtfertigungslehre und über das unterschiedliche Kirchenverständnis von römischen Katholiken und Protestanten: das wäre  ein Leckerbissen der besonderen Art. Als vor kurzem aus Rom das Papier „Dominus Iesus“ kam, das Ratzingers Handschrift trägt, da war die Erwiderung Jüngels die profilierteste aus dem Lager des deutschen Protestantismus.

Eberhard Jüngel betreibt Theologie mit Leidenschaft. Er ist theologischer Ehrendoktor, Träger des Karl-Barth-Preises, 1992 wurde er in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste berufen. Wenn der Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie in Tübingen seine Vorlesungen hält, dann - so berichten Studenten - herrsche eine Atmosphäre gespannter Aufmerksamkeit. Es sei absolut faszinierend, sich von Jüngel über die hohe Kunst der Unterscheidung belehren zu lassen.

O-Ton: Theologie muss aufklären. Theologie ist Aufklärung im Lichte des Evangeliums. Nun freilich nicht so, dass das Licht der Vernunft dabei ignoriert wird. Aber die Quelle der Theologie ist das Licht des Evangeliums. Und die Welt dem Menschen im Lichte dieses Evangeliums aufzuklären, das ist die Denkaufgabe der Theologie. Theologie, das hat Luther immer wieder betont, ist die hohe Kunst des Unterscheidens: zwischen Gott und Abgott, zwischen Glaube und Aberglaube, dass wir Menschen sein sollen und nicht Götter werden sollen, dass wir auch in unserem politischen Leben nicht pseudoreligiöse Ansprüche erheben oder gar verwirklichen,  sondern dass wir menschliche Menschen werden, weil wir Gott und Mensch richtig zu unterscheiden vermögen - auch das ist ein Ziel der Denkanstrengung der Theologie.











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