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2004/07/21 (23:58) from 80.139.178.23' of 80.139.178.23' Article Number : 161
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Religion und Wissenschaft
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Religion und Wissenschaft

Einstein

[15] Alles, was von den Menschen getan und erdacht wird, gilt der Befriedigung gefhlter Bedrfnisse sowie der Stillung von Schmerzen. Dies mu man sich immer vor Augen halten, wenn man geistige Bewegungen und ihre Entwicklung verstehen will. Denn Fhlen und Sehnen sind der Motor alles menschlichen Strebens und Erzeugens, mag sich uns letzteres auch noch so erhaben darstellen. Welches sind nun die Gefhle und Bedrfnisse, welche die Menschen zu religisem Denken und zum Glauben im weitesten Sinne gebracht haben? Wenn Wir hierber nachdenken, so sehen wir bald, dass an der Wiege des religisen Denkens und Erlebens die verschiedensten Gefhle stehen. Beim Primitiven ist es in erster Linie die Furcht, die religise Vorstellungen hervorruft. Furcht vor Hunger, wilden Tieren, Krankheit, Tod. Da auf dieser Stufe des Daseins die Einsicht in die kausalen Zusammenhnge gering zu sein pflegt, spiegelt und der menschliche Geist selbst mehr oder minder analoge Wesen vor, von deren Wollen und Wirken die gefrchteten Erlebnisse abhngen. Man denkt nun, die Gesinnung jener Wesen sich gnstig zu stimmen, indem man Handlungen begeht und Opfer bringt, welche nach dem von Geschlecht zu Geschlecht berlieferten Glauben jene Wesen besnftigen bzw. dem Menschen geneigt machen. Ich spreche in diesem Sinne von Furcht-Religion. Diese wird nicht erzeugt, aber doch wesentlich stabilisiert durch die Bildung einer besonderen Priesterkaste, welche sich als Mittlerin zwischen den gefrchteten Wesen und dem Volkes ausgibt und hierauf eine Vormachtstellung grndet. Oft verbindet der auf andere Faktoren sich sttzende Fhrer oder Herrscher bzw. eine privilegierte Klasse mit ihrer weltlichen Herrschaft zu deren Sicherung die priesterlichen Funktionen, oder es besteht eine Interessengemeinschaft zwischen der politisch herrschenden Kaste und der Priesterkaste.
Eine zweite Quelle religisen Gestaltens sind die sozialen Gefhle. Vater und Mutter, Fhrer, gr秤erer menschlicher Gemeinschaften sind sterblich und fehlbar. Die Sehnsucht nach Fhrung, Liebe und Sttze gibt den Ansto zur Bildung des sozialen bzw. des moralischen Gottesbegriffes. Es ist der Gott der Vorsehung, der beschtzt, bestimmt, belohnt und bestraft. Es ist der Gott, der je nach dem Horizont des Menschen das Leben des Stammes, der Menschheit, ja das Leben berhaupt liebt und frdert, der Trster in Un[16]glck und ungestillter Sehnsucht, der die Seelen der Verstorbenen bewahrt. Dies ist der soziale oder moralische Gottesbegriff.
In der heiligen Schrift des jdischen Volkes lsst sich die Entwicklung von der Furcht-Religion zur moralischen Religion schn beobachten. Ihre Fortsetzung hat sie im Neuen Testament gefunden. Die Religionen aller Kulturvlker, insbesondere auch der Vlker des Orients, sind in der Hauptsache moralische Religionen. Die Entwicklung von der Frcht-Religion zur moralischen Religion bildet einen wichtigen Fortschritt im Leben der Vlker. Man mu sich vor dem Vorurteil hten, als seien die Religionen der Primitiven reine Furcht-Religion, diejenigen der kultivierten Vlker reine Moral-Religionen. Alles sind vielmehr Mischtypen, so jedoch, dass auf den hheren Stufen sozialen Lebens die Moral-Religion vorherrscht.
All diesen Typen gemeinsam ist der anthropomorphe Charakter der Gottesidee. ber diese Stufe religisen Erlebens pflegen sich nur besonders reiche Individuen und besonders edle Gemeinschaften wesentlich zu erheben. Bei allen aber gibt es noch eine dritte Stufe religisen Erlebens, wenn auch nur selten in reiner Ausprgung; ich will sie als kosmische Religiositt bezeichnen. Diese lsst sich demjenigen, der nichts davon besitzt, nur schwer deutlich machen, zumal ihr kein menschenartiger Gottesbegriff entspricht.
Das Individuum fhlt die Nichtigkeit menschlicher Wnsche und Ziele und die Erhabenheit und wunderbare Ordnung, welche sich in der Natur sowie in der Welt des Gedankens offenbart. Es empfindet das individuelle Dasein als eine Art Gefngnis und will die Gesamtheit des Seienden als ein Einheitliches und Sinnvolles erleben. Anstze zur kosmischen Religiositt finden sich bereits auf frher Entwicklungsstufe, z.B. in manchen Psalmen Davids sowie bei einigen Propheten. Viel strker ist die Komponente kosmischer Religiositt im Buddhismus, was uns besonders Schopenhauers wunderbare Schriften gelehrt haben. Die religisen Genies aller Zeiten waren durch diese kosmische Religiositt ausgezeichnet, die keine Dogmen und keinen Gott kennt, der nach dem Bild des Menschen gedacht wre. Es kann daher auch keine Kirche geben, deren hauptschlicher Lehrinhalt sich auf die kosmische Religiositt grndet. So kommt es, dass wir gerade unter den Hretikern aller Zeiten Menschen finden, die von dieser hchsten Religiositt erfllt waren und ihren Zeitgenossen oft als Atheisten erschienen, manchmal auch als Heilige. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, stehen Mnner wie Demokrit, Franziskus von Assisi und Spinoza einander nahe.


Zuerst erschienen am 11. Nov. 1930 im 껧erliner Tageblatt.

Einstein, 1879 geboren, schuf die spezielle Relativittstheorie. 1905, die allgemeine Relativittstheorie 1915, Nobelpreis 1922.


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