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2005/01/31 (19:41) from 129.206.197.25' of 129.206.197.25' Article Number : 169
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Niklas Luhmann, Ueber Kreativitaet
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ber Kreativitt

Niklas Luhmann

[15] Das Thema Kreativitt, ber das Sie Auskunft von mir erwarten, ist nicht leicht zu behandeln. Bedeutende Beitrge meines Fachs, der Soziologie, sind nicht zu nennen. Der Begriff selbst ist, wohl weil er etwas Gutes bezeichnen soll, ziemlich unklar. Klar ist mir eigentlich nur seine Verwendung als politischer Begriff zur Rechtfertigung von Ausgaben aus ffentlichen Kassen (wenn etwas drin ist, was heute zumeist bestritten wird). Man kann sich dabei gerade auf die Unklarheit des Begriffs sttzen. Man braucht sich nicht darauf festzulegen, wofr oder wogegen jemand kreativ sein oder kreativ werden soll. Und da die Kreativitt, wenn berhaupt, erst im nchsten oder im bernchsten Haushaltsjahr, eintreten wird, braucht man bei der Ausgabe auch nicht zu prfen, wie es sich damit verhlt.

Man kann sich natrlich fragen, was aus der Kreativittsfrderung werden wird, wenn die Politiker einmal bemerken, dass die Frderung der Wissenschaft personell und finanziell auf nur noch geringes oder gar kein Wachstum umgestellt wird mit der Folge, dass jeder Wissenschaftler zeit seines Lebens nur noch einen einzigen Nachfolger auszubilden hat. Aber das ist noch nicht die Sorge dieser Stunde. Ich werde also diese Spur in Richtung auf eine Semantik politischer Beglckungsbegriffe nicht weiter verfolgen; denn Ihr Interesse liegt wohl eher in der Frage, ob etwas mehr ber die Sache selbst ausgesagt werden kann.

Wenn es schwierig ist, einen Gedanken oder einen Begriff inhaltlich zu fixieren, beginnt man am besten mit einer historischen Einleitung. Dann sieht man wenigstens, was sich schon erledigt hat.

Was zunchst zu leisten war und geleistet worden ist, ist die Desexualisierung der Kreativitt. Mehr als tausend Jahre theologischer Arbeit hat man gebraucht, aber dann war es geschafft. Creatio ist nun ein unerreichbar hoch angesetzter Begriff mit nur einem Autor. Damit war das Thema aber in den Bereich von Glaubensstzen und Artikeln entrckt, war Gegenstand einer interpretatorischen Rationalitt geworden und fr Zuschreibung an Menschen ungeeignet.

[16] Die Lcke fllte, etwa um 1600, der Begriff des Genies. Genauer man hat sich mit einer Umdeutung dieses Begriffs. Genie ist seitdem nicht mehr eine besondere, im Menschen wirkende dmonische Kraft, der er ausgeliefert ist, sondern Genie ist der Mensch selber freilich nicht jeder Mensch, sondern nur bei besondere Mensch.

Inhaltlich kann man, und das gilt vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, das Genie auf drei Dimensionen kennzeichnen. In der Zeitdimension tritt es mit neuen Gedanken oder Werken auf. In der Sachdimension ist es bedeutend. In der Sozialdimension kommt es berraschend. Das Zusammenfallen dieser drei Merkmale gilt als unerklrbar, gleichwohl aber als Tatsache der Natur. Das soziale Problem war dann nur noch das Erkennen des Genies. Es zeigt sich im Unterschied zum Esprit, das kann man bei de Bonald nachlesen, nicht sofort, sondern erst mit der Zeit. Zu den wichtigsten Eigenschaften eines Genies gehrt mithin auch eine Verkanntseinsaushaltefhigkeit.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird die naturwissenschaftliche Komponente strker und die Unerklrbarkeit tritt zurck. Fr William James sind Genies an der 꼌xcessive instability of their brains zu erkennen oder zu verkennen. Auch dieses drfte sich aber inzwischen erledigt haben, und jetzt, da theologische Konnotationen ferner liegen, beginnt die Kreativitt ihre semantische Karriere.

Kreativitt scheint nichts anderes zu sein als demokratisch deformierte Genialitt. Die Dreiheit neu/bedeutend/berraschend bleibt erhalten, aber die Ansprche werden abgesenkt. Wer immer Talent hat und sich Mhe gibt, kann es zu Kreativitt bringen. Man braucht langen Atem, und natrlich Planstellen. Mit diesem bergang ins Kleinformatige, gar nicht mehr so Seltene und Exklusive wird aber die Frage nach der Erkennbarkeit erst recht akut. Wenn es Kreativitt sogar schon unter Professoren (und wer wird dann nicht gleich meinen: auch unter Studenten) geben kann: woran lsst sie sich dann erkennen?

Um den Absprung zu finden, braucht man meines Erachtens eine ganz andersartige Begrifflichkeit, die sich von den traditionellen [17] Merkmalen neu/bedeutend/berraschend lst. Denn diese Merkmale verweisen auf ein nachtrgliches Erkennen, auf ein Sichdurchgesetzthaben, auf protokollierte Kreativitt. Sie geben keinen Aufschlu darber, wie Kreativitt zustande kommt.

Bei der Suche nach anderen Konstruktionsmglichkeiten kann man sich an die Systemtheorie werden. Aus der Sich der Systemtheorie handelt es sich um eine durchaus entmystifizierbare Angelegenheit, nmlich um die Fhigkeit zum Ausnutzen von Gelegenheiten; oder in anderer Formulierung: um die Verwendung von Zufllen zum Aufbau von Strukturen.

Diese Fhigkeit wird in hochkomplexen, nicht mehr zentral koordinierbaren(꼑eterarchischen) System wie Gehirnen oder Gesellschaften mit steigender Komplexitt immer wichtiger. Vielleicht erklrt schon diese ein wenig semantische Umstellung von Genialitt auf Kreativitt in einer Gesellschaft, der alles zentrale Planen missglckt und die dann ihre Hoffnungen anderes placieren mu. Gleichviel, dies Systemtheoretische Begrifflichkeit bietet auch die Chance einer genaueren Analyse.

Zunchst: Der Begriff Zufall ist hier nicht im Sinne von ursacheloser, nicht determinierter Spontaneitt gemeint. Er bezeichnet einfach externe oder interne Ereignisse, die ber die Strukturen des Systems weder produziert noch kontrolliert werden knnen. Dabei ist das Zeitmoment ernst zu nehmen. Zuflle sind Ergebnisse, die mit ihrem Auftreten sofort wieder verschwinden. Sie bewirken eine momentane Synthese, die sich sofort wieder auflst. Die Zufallsanst秤e verschwinden auch dann, wenn die im System Resonanz auslsen; auch dann, wenn sie genutzt, erinnert, zur Strukturentwicklung ausgewertet werden. Man kann sie nicht festhalten. Man kann nur etwas daraus machen etwas anderes daraus machen durch Einsatz systemeigener kombinatorischer Mglichkeiten.

Jemand, der es wissen musste, ich glaube es war Louis Pasteur, hat gesagt: Der Zufall begnstigt nur den vorbereiteten Geist.

[18] Kreativitt ist somit in vielen Hinsichten in ihren Effekten ein Zufallsprodukt. Das werden Sie besttigt finden, wenn Sie sich die Biographien bedeutender Leute, seien es Knstler oder Unternehmer, Politiker oder Wissenschaftler ansehen. Zur Belohnung gleichsam und als Ermutigung zum Weitermachen wird dann die personale Komponente nachtrglich berschtzt.

In Systemtheoretischer Terminologie nennt man Sachverhalte dieser Art auch Morphogenese oder from noise oder dissipative Strukturen. Damit will ich Sie nicht langweilen. Wichtiger ist vielleicht, Ihnen noch den Theorietrick zu verraten: Man mu nicht von Einheit ausgehen und nicht nach Einheit fragen, sondern sich fr Differenzbegriffe interessieren. Kreativitt ist der Effekt von Grenzen oder von Diskontinuitten. Es kommt auf die Differenz von Zufall und Struktur an freilich nur, und damit bin ich wieder bei der Rtselhaftigkeit des Phnomens, wenn weitere, noch zu erforschende Bedingungen erfllt sind.

Dies sind nun sehr abstrakte und sehr theoretische berlegungen, die nicht sofort zum Ziele fhren. Da der Soziologie aber auch, ja vor allem, zugemutet wird, eine empirische Disziplin zu sein, mchte ich Ihnen zum Abschlu noch einen von mir entworfenen Kreativittstest vorstellen. Es handelt sich um einen Selbsttest, der aber auch einem Abfrageverfahren zu Grunde gelegt werden kann; und es handelt sich um einen Zweistufentest.

Auf der ersten Stufe ist eine ganz einfache Verhaltensregel zu befolgen: Man nehme sein Gewissen und gehe in das Nachbarzimmer. Wenn man feststellt, dass der Nachbar Bcher liest, die man selbst noch nicht gelesen hat, und wenn man dann ein schlechtes Gewissen versprt, ist man nicht kreativ. Man will ihn nachahmen. Wenn man dagegen feststellt, dass der Nachbar die gleichen Bcher liest wie man selbst und man dann ein schlechtes Gewissen versprt, ist man vermutlich kreativ. Denn dann such man, vielleicht unbewusst, neue Wege.

[19] Kreativitt wird hier also ber die Steuerung von Schuldgefhlen getestet. Allerdings ist dies nur die erste Stufe des Tests. Auf der zweiten Stufe gilt dagegen die Regel: Wer den Kreativittstest anwendet, ist schon deshalb nicht kreativ; denn das zeigt, dass er interessiert daran ist, kreativ zu sein. Und das wollen ja schlielich alle.

Deshalb wnsche ich Ihrem Graduiertenkolleg nicht so sehr, dass mglichst viele von Ihnen Kreativittstest bestehen, sondern eher: Da Sie einer hinreichenden Frequenz von Zuflligkeiten ausgesetzt werden.



Hans-Ulich Gumbrecht (Hrsg.),  
Kreativitt Ein verbrauchter Begriff?, Wilhelm Fink Verlag, Mnchen, 1988. (UB. Nr. 89A 813)


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