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2005/11/21 (01:06) from 129.206.196.147' of 129.206.196.147' Article Number : 228
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Luhmanns Systemtheorie
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'Ich sehe was, was du nicht siehst'
Niklas Luhmanns Systemtheorie - ein 'Kinderspiel' mit Folgen
Ein Feature von Peter Zudeick

Also ich denke, daß mein Ausgangspunkt immer ist ein Defizit in der gegenwärtigen intellektuellen Landschaft. Was immer wieder dazu führt, dass einzelne Gesichtspunkte hochgezogen werden und dann für das Ganze verkauft werden. Man spricht ja von Risikogesellschaft oder von Informationsgesellschaft, man meint, das alles über den Computer besser begreifen zu können. Oder die Verteilungsungerechtigkeit ist des gesellschaftlichen Wohlstandes als das Zentralproblem der modernen Gesellschaft. Aber wie kommt es zu diesem Urteil? Die Frage ist, wieso weiß jemand, daß es darauf ankommt und auf nichts anderes? Und ich finde, daß gegenüber den möglichen intellektuellen Ansätzen das einfach unzureichend ist und man das besser machen könnte.

PROGRAMMSPRECHER (IN)
"Ich sehe was, was du nicht siehst". Niklas Luhmanns Systemtheorie – ein "Kinderspiel" mit Folgen. Ein Feature von Peter Zudeick.

AUTOR
"Ich sehe was, was du nicht siehst" ist ein Kinderspiel. Jedes Kind sieht, dass jeder anders sieht, anderes sieht. Eine Frage der Perspektive, des Standorts. Deshalb gilt auch: Du siehst was, was ich nicht sehe. Denn wenn wir beide auch in die nämliche Richtung schauen, focussieren wir doch jeweils anders, anderes. "Ich sehe was, was du nicht siehst" ist auch der Titel eines Aufsatzes, in dem Niklas Luhmann den formalen Beobachtungs-Kalkül von George Spencer Brown erläutert - eine der wesentlichen Voraussetzungen seiner Theorie. Spencer Browns Grundthese: Beobachtungen operieren mit zweiwertigen Unterscheidungen. Wobei immer eine Seite bezeichnet wird und die andere ausgeblendet. Beobachtung ist dabei eine übergeordnete Kategorie. Bei Luhmann heißt es:
SPRECHER
Von Beobachtung und, wenn Texte angefertigt werden, von Beschreibung soll die Rede sein immer dann, wenn Unterscheidungen benutzt werden, um etwas (und nicht anderes) zu bezeichnen. Es soll nicht darauf ankommen, wie diese Operation Beobachtung realisiert wird - ob durch bewußte Disposition über Aufmerksamkeit etwa im Prozeß des Wahrnehmens oder Handelns, oder durch Kommunikation über bestimmte Themen, oder eventuell auch durch Operationen elektronischer Maschinen. Die Grundstruktur ist in all diesen Fällen dieselbe.
AUTOR
Wenn der Beobachter etwas als "warm" oder "schön" oder "blau" bezeichnet, dann operiert er mit den Unterscheidungen warm/kalt, schön/häßlich, blau/nichtblau. Binäre Codierungen also wie die 0/1-Unterscheidung der Computer-Sprache. Die Konsequenz: Welche Unterscheidung gewählt wird, das entscheidet darüber, was beobachtet wird. Die Focussierung auf die Unterscheidung warm/kalt bedeutet, daß anders und anderes beobachtet wird als mit der Unterscheidung spitz/stumpf oder alt/neu oder gut/böse. Die Pointe dabei: Die Unterscheidung selbst kann im Akt des Unterscheidens nicht beobachtet werden. Dazu bedarf es einer zweiten Beobachtung, einer Beobachtung zweiter Ordnung.
SPRECHER
Das Beobachten muß und kann Unterscheidungen wählen und es kann in bezug auf die Unterscheidungen, die es wählt, oder auch in bezug auf die, die zu wählen es vermeidet, beobachtet werden. Alle Beobachtung bleibt unterscheidungsabhängig, wobei die Unterscheidung im Gebrauch nicht beobachtet werden kann.
AUTOR
Sagt Luhmann. Daß die Unterscheidung selbst nicht beobachtet werden kann, nennt Luhmann den "blinden Fleck" des Beobachtens. Und schließlich:
SPRECHER
Und da Unterscheidungen in großer Zahl zur Verfügung stehen und man Dasselbe auf sehr verschiedene Weise unterscheiden kann, gibt es keine beobachterunabhängig vorgegebene Realität.
AUTOR
Diese Behauptung ist nicht neu. In der philosophischen Tradition spätestens seit Immanuel Kant gilt als geklärt, daß die Außenwelt, die Welt der Objekte erkannt werden kann immer nur im Medium des erkennenden Subjekts. Es mag ein "Ding an sich" geben, aber es steht den erkennenden Subjekten nicht zur Verfügung, weil Erkenntnis immer eine jeweilige ist, immer subjektbezogen: Es ist "Ding für uns". Man mag aus der Mannigfaltigkeit der Erkenntnisobjekte ein "Ding an sich" destillieren, abstrahieren, postulieren. Aber es bleibt ein Konstrukt. Luhmann, beeinflußt von Kybernetik und Neurobiologie, radikalisiert diese Einsicht. Der Kybernetiker Heinz von Foerster, die Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela beziehen sich in ihren Kognitionstheorien vor allem auf die Ergebnisse der Gehirnforschung. Das Gehirn, so die Grundthese, kommt so gut wie ohne Kontakt zur Außenwelt aus. Zwar wirken Reize aus der Umwelt auf das Gehirn, es ist an die Umwelt "strukturell angekoppelt", sagen die Neurobiologen. Aber diese Reize bewirken nicht etwa, daß die Merkmale einer äußeren Erscheinung ins Nervensystem abgebildet, kopiert werden. "Die Erregungszustände einer Nervenzelle codieren nur die Intensität, aber nicht die Natur der Erregungsursache", sagt Heinz von Foerster. Das ist die Leistung des Gehirns, das Quantitäten in Qualitäten transformiert und damit Qualitätsunterschiede erzeugt. Foerster spricht auch vom "Errechnen einer Realität" oder "Errechnung von Beschreibungen einer Realität" - das heißt letztlich Kognition. Und das ist eine Operation, die vom Nervensystem selbst geleistet wird. Was uns die Sinne "von außen" liefern, was wir fühlen, sehen, hören, riechen, sagt Heinz von Foerster, kommt bei den Nervenzellen unterschiedlos als "Klick, Klick, Klick" an. Das neuronale System als geschlossenes System, das nach eigenen und nur nach eigenen Gesetzlichkeiten operiert - das ist eine der wichtigsten Quellen von Niklas Luhmanns Systemtheorie. Diese baut zunächst auf der Theorie von Talcott Parsons auf, mit dem er 1960/61 bei einem Studienaufenthalt an der Harvard-Universität zusammentraf. Er variiert diese Theorie durch den schlichten Satz: "Es gibt Systeme." Gegen die traditionelle Systemtheorie, die Systeme als Verstandeskonstruktionen begriffen hatte, betont Luhmann:
SPRECHER
Der Systembegriff steht (im Sprachgebrauch unserer Untersuchungen) immer für einen realen Sachverhalt. Wir meinen mit "System" also nie ein nur analytisches System, eine bloße gedankliche Konstruktion, ein bloßes Modell.
AUTOR
Luhmann unterscheidet drei Systemtypen: Organische Systeme, psychische Systeme - unter dem Traditionsbegriff "Mensch" geläufig - und soziale Systeme. Sie zeichnen sich durch zwei Merkmale aus: Sie beziehen sich auf sich selbst und sie stellen sich selbst her. Erstens: Selbstbezüglichkeit oder Selbstreferentialität - das bedeutet, daß Systeme Umwelteinflüsse nur nach Maßgabe ihrer eigenen Strukturen aufnehmen. In Luhmanns Worten:
SPRECHER
Umweltereignisse führen nur dann zu einer Sequenz von Reaktionen im System, wenn dies nach den eigentümlichen Strukturbedingungen dieses Systems möglich ist. Resonanz ist also immer: beschränkte Resonanz, strukturabhängige Resonanz.
AUTOR
Denn ein System ist erst ein System, wenn seine Resonanzfähigkeit begrenzt ist.
SPRECHER
Wenn ein System nicht filtern könnte, sondern durch alle Umweltereignisse intern betroffen wäre, wäre es kein System.
AUTOR
Ein System kennt keine wirklichen Einflüsse von außen,
SPRECHER
sondern nur Irritationen und Störungen, die nach Maßgabe innerer Strukturen aufgegriffen und normalisiert werden. Jedes selbstreferentielle System hat nur den Umweltkontakt, den es sich selbst ermöglicht, und keine Umwelt "an sich".
AUTOR
Das zweite Merkmal von Systemen: Die Selbstherstellung oder Autopoiesis. Das ist ein Kunstbegriff, den Humberto Maturana geprägt hat. Er besagt zunächst, daß Systeme sich selbst schaffen und erhalten und daß in diesem Prozeß zugleich der Unterschied von System und Umwelt konstituiert wird. Das ist bei Maturana noch bezogen und beschränkt auf lebende Organismen. Luhmann weitet den Begriff aus.
SPRECHER
Der Begriff bezieht sich auf (autopoietische) Systeme, die alle elementaren Einheiten, aus denen sie bestehen, durch ein Netzwerk eben dieser Elemente reproduzieren und sich dadurch von einer Umwelt abgrenzen - sei es in der Form von Leben, in der Form von Bewußtsein oder (im Falle sozialer Systeme) in der Form von Kommunikation. Autopoiesis ist die Reproduktionsweise dieser Systeme.
AUTOR
Soziale Systeme, Kommunikation: Damit nähern wir uns allmählich dem Bereich, der Luhmann eigentlich interessiert. Denn er ist ja kein biologischer Kognitionstheoretiker und kein philosophischer Erkenntnistheoretiker; er ist Soziologe und versteht sich als solcher. Freilich als einer, der den Anspruch erhebt, die Theoriekrise der Soziologie zu überwinden, indem er eine allgemeine Gesellschaftstheorie erarbeitet.
ZUSPIELUNG (Luhmann)
Gesellschaft ist ja nicht ein makrosoziologisches Phänomen. Das kann man nicht begreifen, wenn man die Scheidungsraten oder die Migrationsraten hochrechnet und dann mit, was weiß ich, Rechtsfragen oder sonst korreliert. Und die Soziologie typisch hat diese Unterscheidung zur Makrosoziologie und Gesellschaftstheorie nie wirklich gemacht, und deswegen ist auch eine Gesellschaftstheorie nie entstanden. Und für mich war bei dem Phänomen Gesellschaft ja immer entscheidend, daß die Gesellschaft in der Gesellschaft konstruiert und beschrieben wird. Die Operationen der Gesellschaft finden in der Gesellschaft statt, und es gibt keine kommunikative Position außerhalb der Gesellschaft, von der aus man über die Gesellschaft reden könnte, das ist immer schon in der Gesellschaft.
ZUSPIELUNG
Rauschen
AUTOR
Rauschen (Ergänzung: Technische Definition)
ZUSPIELUNG (Peter Fuchs)
Das ist ein alter informationstheoretischer Begriff, der aber immer noch Bedeutung hat, und zunächst nichts weiter sagt, als daß in der Umwelt von Systemen wie zum Beispiel Bewußtsein oder Gesellschaft oder irgendeinem Kegelklub oder unserem System, das wir gerade hier in irgendeiner Weise realisieren, ein Lärm entsteht, den dieses System erst einmal ordnen muß. Also beispielsweise: Wir reden gerade, und unsere Äußerungen reagieren irgendwie aufeinander, aber wir beide können nicht in unsere Köpfe gucken. Also ich weiß nicht, was Sie wirklich denken, und Sie wissen nicht, was ich wirklich denke. Also muß eine Form von Ordnung entstehen, die dieses Rauschen, dies in diesem Fall strukturierte sprachliche Rauschen, in irgendeiner Weise in einen Zusammenhang bringt. Ein solcher Zusammenhang wäre zum Beispiel die Form des Interviews, an der wir uns jetzt im Augenblick orientieren. Also Sie klopfen mir zum Beispiel nicht auf die Schulter, Sie küssen mich nicht, Sie springen nicht auf den Tisch, sondern Sie machen das, was ein Interview typischerweise ausmacht, und das Rauschen wäre sozusagen die Größe, die erst geordnet werden muß, damit irgendeine Form von Ordnung entsteht, und die wird dann in der Systemtheorie typischerweise System genannt.
AUTOR
Peter Fuchs, Systemtheoretiker, Luhmann-Schüler. Das System ist die Ordnungsmacht, die das Rauschen in ein verständliches Kontinuum von Sätzen transformiert. Nicht etwa die Menschen, die Subjekte, die an dieser Kommunikation teilnehmen. Denn nach Luhmanns Theorie kommunizieren Menschen gar nicht: Die Kommunikation kommuniziert. Was heißt das?
ZUSPIELUNG (Fuchs)
Zunächst ist einfach nur gemeint, daß ein Miteinander-Kommunizieren meinetwegen von Subjekten schon deswegen ausgeschlossen ist, weil eine Vielzahl von Wahlen vorgenommen werden müssen, die sich gar nicht auf eine einzige Person konzentrieren. Das Kommunikationsmodell sieht ja vor, dass Kommunikation aus drei Momenten besteht - Information, Mitteilung und Verstehen -, und meine Äußerungen - utterances würde ich lieber sagen oder Mitteilungen - müssen an irgendeinem anderen Ort verstanden werden, so dass wir schon eine Mehrheit von Personen brauchen, ich gar nicht allein kommunizieren kann. Aber das ist nur die eine Seite der Sache. Es gibt einen zweiten Begriff, der da eine wichtige Rolle spielt, das ist ein - sagen wir mal vorsichtig - aus der Biologie adaptierter Begriff, nämlich der der autopoiesis, der sagt, daß die Äußerungen, die wir zum Beispiel im Moment machen, aufeinander reagieren, das heißt: Ich mache eine Äußerung, Ihre Äußerung beschreibt das, was ich gesagt habe, als eine bestimmte. Unabhängig davon, was ich denke oder nicht denke. Um ein Beispiel zu machen: Nehmen wir an, wir seien ein Liebespaar, und ich würde jetzt fragen "Liebst du mich?" Dann wäre die Frage in meinem Kopf irgendwie präsent, also ich will wissen, ob Sie mich lieben. Das, was diese Äußerung aber war, entsteht erst durch eine Äußerung, die Sie tun werden. Zum Beispiel könnten Sie sagen: "So'n Quatsch, habe ich überhaupt nicht im Kopf, ich liebe doch keinen Systemtheoretiker. Quatsch einfach." Oder Sie sagen: "Oh, ich hab nicht gewußt, daß wir uns schon auf dieser Ebene bewegen" oder etwas in der Art. Oder Sie sagen: "Lieben nicht, aber ich hab' dich gern", und Sie riskieren sozusagen den Krach, der dadurch entstehen kann. Oder Sie sagen: "Ach, seitdem es Luhmann gibt, brauchen wir über Liebe nicht mehr so zu reden, man müßte ganz anders reden", und jedesmal entstünde etwas anderes, eine andere Sequenz. Ich könnte das gar nicht steuern. "
AUTOR
Dem liegt eine Theorie zugrunde, die Verstehen nicht als psychische Leistung, sondern als rekursive Operation des Systems, eben der Kommunikation, auffaßt. Im Kommunikationsmodell Information, Mitteilung, Verstehen ist die Information der Inhalt, Mitteilung die Form, in der Information vermittelt wird, und Verstehen die Identifikation der Differenz von Information und Mitteilung.
ZUSPIELUNG
Also wie sage ich Ihnen denn, daß ich Hunger habe oder verliebt bin oder was auch immer. Ich kann sagen, also ich hab mächtig Schmacht in de Hacken, Sie zum Beispiel, wenn Sie länger hierblieben. Oder Sie könnten sagen, ich wäre einem kleinen Imbiß nicht abgeneigt, oder Sie könnten sagen, liebe Frau Fuchs, also ich finde es ganz entzückend, wie's hier ist, und wenn ich noch eine Kleinigkeit zu essen bekäme, dann wär ich ganz glücklich, oder Sie könnten sagen, hier gibt's überhaupt nichts zu essen - es wär immer derselbe Sinn, also immer dieselbe Information, aber Sie würden natürlich immer verschiedene Anschlußselektivitäten produzieren. Aber entscheidend dürfte sein, daß nicht Ich, wiederum nicht Ich, bestimme, wie meine Mitteilung verstanden wird, sondern der Anschluß dazu führt, daß das, was ich eben gesagt habe, als die bestimmte Mitteilung einer bestimmten Information verstanden wird. Also jemand fragt: Liebst du mich. Und ein anderer sagt: Ich hab dich gern. Jetzt wird die Äußerung vorher sozusagen relativiert. Der Mann, der das vielleicht am Anfang gesagt hat, der hat mit dieser Relativierung nicht gerechnet, und eine nächste Äußerung sagt: Das hab ich so nicht wissen wollen. Ich wollte wissen, ob du mich wirklich, wirklich liebst. Und der andere sagt: Ja, soll ich jetzt knien, oder soll ich dies oder jenes machen - und dann sehen Sie, daß es aus der Zukunft her mit jedem nächsten Ereignis das eben Geschehene als die Differenz von Information und Mitteilung beobachtet wird, und das nennt man Verstehen. Also Verstehen ist nicht ein psychischer Akt, sondern das nächste Ereignis erzeugt das, was eben gewesen ist.
AUTOR
Freilich können Menschen sich auf Kommunikation auch einstellen. Indem der Mitteilende zum Beispiel seine Mitteilung von mißverständlichen Konnotationen so weit wie möglich freihält; indem der Verstehende sich auf den Informationsgehalt der Mitteilung konzentriert und eigene Beimischungen nach Möglichkeit rausläßt. Indem beide nachfragen: War das so gemeint? Hast du mich richtig verstanden? Und so funktioniert Verstehen ja auch, wenn Kommunikation auf Verstehen angelegt ist. Ein Anflug dieses Gedankens kommt bei Luhmann auch durchaus vor:
SPRECHER
Ohnehin müssen ja Individuen, um sich auf Kommunikation einlassen zu können, einander Ähnlichkeiten der Erfahrungen trotz voll individualisierter, idiosynkratischer Operationsweise ihrer Bewußtseinssysteme unterstellen.
AUTOR
Aber diese Einsicht bleibt folgenlos, weil im Zentrum eben die These von der nahezu autistischen Selbstbezüglichkeit nicht nur der organischen, sondern auch der Bewußtseinssysteme steht. Und diese These paßt sich wiederum ein in Luhmanns Begriff von Gesellschaft.
SPRECHER
Gesellschaft ist ein soziales System, das heißt: ein System, das aus Kommunikationen und nur aus Kommunikationen besteht. Die Gesellschaft besteht, mit anderen Worten, nicht aus Menschen. Sie ist nicht als eine Gesamtheit biologischer und psychologischer Tatsachen zu begreifen. Dies wäre ein theoretisch unhandlicher Begriff, der auch mit dem biologischen und psychologischen Wissensstand unseres Jahrhunderts kollidiert.
AUTOR
Kommunikation ist mehr als Sprache und auch ohne Sprache möglich, allerdings trägt Sprache als hochdifferenziertes System zur Ausdifferenzierung sozialer Systeme bei. Aber es bleibt dabei: Gelungene Kommunikation als "Verstehen" ist ausgesprochen unwahrscheinlich, was zentral am Problem der "doppelten Kontingenz" liegt. Diesen Begriff hat Luhmann von Parsons übernommen, ihm liegt folgende Überlegung zugrunde: Kontingent ist, was zufällig so ist, aber auch anders sein kann. Aus der unendlichen Vielfalt von möglichen Handlungen wird eine Möglichkeit ausgewählt. Das gilt aber für alle, die Kontingenz wird also – in der Kommunikation zum Beispiel - verdoppelt. Luhmann sagt:
SPRECHER
Wenn jeder kontingent handelt, also jeder auch anders handeln kann und jeder dies von sich selbst und den anderen weiß und in Rechnung stellt, ist es zunächst unwahrscheinlich, daß eigenes Handeln überhaupt Anknüpfungspunkte (und damit: Sinngebung) im Handeln anderer findet.
AUTOR
Dieses Problem wird gelöst - grob vereinfacht gesprochen - durch die Bildung sozialer Systeme. Die doppelte Kontingenz ist sozusagen Auslöser für die Entstehung sozialer Systeme. Luhmann stellt sich das so vor:
SPRECHER
Unbekannte signalisieren sich wechselseitig zunächst einmal Hinweise auf die wichtigsten Verhaltensgrundlagen: Situationsdefinition, sozialer Status, Intentionen. Damit beginnt eine Systemgeschichte, die das Kontingenzproblem mitnimmt und rekonstruiert. Mehr und mehr geht es daraufhin im System um die Auseinandersetzung mit einer selbstgeschaffenen Realität: um Umgang mit Fakten und Erwartungen, an deren Erzeugung man selbst beteiligt war und die sowohl mehr als auch weniger Verhaltensspielraum festlegen als der unbestimmte Anfang. Die doppelte Kontingenz ist dann nicht mehr in ihrer ursprünglichen, zirkelhaften Unbestimmtheit gegeben. Das System verliert Offenheit für Beliebiges und gewinnt Sensibilität für Bestimmtes.
AUTOR
"Offenheit für Beliebiges" - das ist ein anderer Ausdruck für den bei Luhmann geläufigeren der Komplexität. Komplexität, die chaotische Mannigfaltigkeit und Undurchschaubarkeit der Welt, wird reduziert durch eine Grenzziehung, durch die Unterscheidung von innen und außen, also die Unterscheidung von System und Umwelt. Diese Grenzziehung erlaubt das Ausfiltern von Zusammenhängen, die dann weniger komplex sind als die Umwelt. Voraussetzung für das Entstehen ist dann, daß die Umwelt die Selbstherstellung des Systems toleriert.
SPRECHER
Zunächst muß also im Falle des Sozialsystems Gesellschaft dafür gesorgt sein, daß Kommunikation an Kommunikation anschließt und daß nicht jeder Übergang von einer Kommunikation zu einer nächsten die Gesamtheit der dafür nötigen Umweltbedingungen kontrollieren, also unter anderem darüber kommunizieren müßte, ob die Teilnehmer noch leben. Kognition wird unter diesen Bedingungen daher primär innenorientiert eingesetzt. Es gilt in erster Linie zu sichern, dass eine Kommunikation zu einer anderen paßt.
AUTOR
Wenn Luhmann sagt, daß Gesellschaft aus Kommunikation besteht, dann heißt das, wie gesehen, daß Organismen nicht dazu gehören. Zellen, Moleküle, Nervensysteme oder Menschen werden gleichsam nach draußen geschickt, damit deren Komplexität die Gesellschaft nicht weiter "belastet" und die Gesellschaft selbst als Kommunikation wiederum höhere Komplexität aufbauen kann. Gewinnung von Komplexität (im System) durch Reduktion von Komplexität (in der Umwelt) - das ist damit gemeint. Und gemeint ist dies alles wiederum nicht metaphorisch, sondern wörtlich: Es ist empirisch so zu beobachten, sagt Luhmann.
SPRECHER
Gewonnen wird mit der Unterscheidung von System und Umwelt die Möglichkeit, den Menschen als Teil der gesellschaftlichen Umwelt zugleich komplexer und ungebundener zu begreifen, als dies möglich wäre, wenn er als Teil der Gesellschaft aufgefaßt werden müßte; denn die Umwelt ist im Vergleich zum System eben derjenige Bereich der Unterscheidung, der höhere Komplexität und geringeres Geordnetsein aufweist. Den Menschen werden so höhere Freiheiten im Verhältnis zu seiner Umwelt konzediert, insbesondere Freiheiten zu unvernünftigem und unmoralischem Verhalten.
AUTOR
Die Irritationen, die solche Überlegungen hervorrufen, sind Luhmann selbstverständlich bewußt. Er weiß, was er da tut. Denn daß die Menschen mit der Gesellschaft doch irgendwas, im Prinzip eine ganze Menge, wenn nicht alles zu tun haben, erscheint dem Alltagsdenken evident. Luhmann kommt dem entgegen, indem er das Verhältnis von Menschen und sozialen Systemen - wiederum mit einem Begriff von Parsons - mit "Interpenetration" bezeichnet. Das bedeutet, daß zwei Systeme sich wechselseitig dadurch ermöglichen, daß sie in das jeweils andere ihre eigene Komplexität einbringen. Sie bleiben dabei füreinander Umwelt.
SPRECHER
Man kann deshalb auch formulieren, daß die psychischen Systeme die sozialen Systeme mit hinreichender Unordnung versorgen, und ebenso umgekehrt.
AUTOR
Nun ist mit Gesellschaft nicht etwa ein großes Mammutsystem bezeichnet. Sondern die moderne Gesellschaft - und nur an der ist Luhmann interessiert, an deren Entstehungs- und Funktionsvoraussetzungen und -mechanismen -, die moderne Gesellschaft ist ausdifferenziert in Subsysteme, die sich an spezifischen Funktionen orientieren, die sie für das Gesellschaftssystem erfüllen,
SPRECHER
also an Politik oder Wirtschaft, Wissenschaft oder Religion, Recht oder Erziehung, Krankenbehandlung oder Intimkommunikation, vielleicht Kunst oder anderem mehr.
AUTOR
Diese Ausdifferenzierung hat zwei wichtige Konsequenzen. Die eine: Jeder steht für sich allein, jedes System ist ein eigenständiges, selbstreferentielles, autopoietisches. "Die" Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur eine Vielfalt von Subsystemen.
SPRECHER
Keines der Teilsysteme kann für ein anderes einspringen. Weder kann die Politik die Probleme der Wirtschaft lösen noch die Wirtschaft die Probleme der Wissenschaft, noch die Wissenschaft die Probleme der Religion, noch die Religion die Probleme der Erziehung und so weiter in allen Zwischensystembeziehungen - und dies, obwohl zugleich gilt, daß diese Funktionssysteme mehr voneinander abhängen als je zuvor.
AUTOR
Die zweite Konsequenz: Da es "die" Gesellschaft nicht gibt und die Subsysteme gleichzeitig geschlossene Systeme sind, gibt es keine darüber hinausgehende Repräsentation. Es gibt keine Verbindlichkeiten, keine privilegierten Positionen, von denen aus Normen oder Perfektionsvorstellungen für alle Funktionssysteme kommuniziert werden könnten.
SPRECHER
Wenn die wichtigsten Subsysteme der Gesellschaft anhand von Funktionen ausdifferenziert sind und das Gesellschaftssystem selbst sich auf funktionale Differenzierung einzustellen beginnt, entfallen die Voraussetzungen für eine Repräsentation der Gesellschaft in der Gesellschaft. Es gibt dafür keine konkurrenzfreien Positionen mehr: Weder die Politik noch die Erziehung, weder die Wirtschaft noch die Wissenschaft können in Anspruch nehmen, mehr als andere für die Gesellschaft zuständig zu sein. Jede dieser Funktionen ist unentbehrlich, jede limitiert die Möglichkeiten der anderen, aber keine kann sich selbst an die Stelle der anderen setzen.
AUTOR
Luhmann hat diese Gesellschaftstheorie zuerst am Rechtssystem entwickelt. Das liegt deshalb nahe, weil dies sein ursprünglicher Erfahrungsbereich ist. Luhmann hat Jura studiert, war von 1954 bis 62 Verwaltungsangestellter, zuletzt im niedersächischen Kultusministerium. Nach drei Jahren am Forschungsinstitut der Verwaltungshochschule Speyer holte ihn Helmut Schelsky an die Sozialforschungsstelle Dortmund. Innerhalb eines Semesters holte er an der Universität Münster Promotion und Habilitation nach, und 1968 erhielt Luhmann an der gerade gegründeten Universität Bielefeld einen Lehrstuhl für Soziologie. Das Recht ist für Luhmann wie jedes andere soziale Teilsystem selbstherstellend, selbstbezüglich, es greift bei seinen Operationen immer wieder auf sich selbst zurück. Dabei bestreitet Luhmann nicht, daß das System Recht mit anderen sozialen Systemen in Zusammenhang steht. Es ist zur Durchsetzung seiner Normen zum Beispiel auf die Politik angewiesen. Nur: Vorstellungen von Gerechtigkeit und Moral, sofern sie im System nicht schon codiert sind, haben keinen Platz. Moralische Anforderungen an das System Recht hält Luhmann für prinzipiell unmöglich. Moralische Bewertungen sind pluralistisch, sagt Luhmann, also individuell verschieden, während das Rechtssystem sicherstellen muß, daß es als Einheit fungiert. Moralische Wertungen können da nur als Zumutung, ja als Gefährdung der Konsistenz des Systems empfunden werden. Zwar geht Moral auch ins Rechtssystem ein – aber über den Umweg der Institutionalisierung. Wenn sich Einstellungen zur Sexualmoral in der Gesellschaft ändern, dann schlägt sich das im Handeln des Gesetzgebers nieder: Die Strafvorschriften für Homosexualität, Kuppelei, Unzucht mit Abhängigen werden geändert, und die Rechtssprechung hat diesen Wandel zu vollziehen. Wir haben es hier mit einer typischen Argumentationsfigur Luhmanns zu tun: Weil Systeme selbsteferentiell und autopoietisch funktionieren, ist alles, was dieses Funktionieren, die Stabilität der Systeme in Gefahr bringt, dem Systemdenker verdächtig. Hier unter anderem setzt eine Kritik an Luhmann an, wie sie der Sozialphilosoph Oskar Negt in der Tradition der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule vertritt.
ZUSPIELUNG (Negt)
Luhmann sagt, Systeme bestehen darin, daß sie verläßliche Verhaltensorientierungen sichern, also zum Beispiel das Familiensystem, daß man nicht jeden Tag darüber nachdenken muß, welche Beziehung habe ich zu meinen Eltern, zu meinen Kindern, sondern es ist eine Art verlässliche Dimension, die hauptsächlich im Verfahren besteht, nicht in den Inhalten. Und die Verfahrensrationalität ist der in meiner Sicht reduzierte Begriff der Vernunft. Einen anderen Vernunftsbegriff gibt es nicht bei Luhmann. Sondern Vernunft ist in Verfahrensrationalität übergegangen. Aber gerade darin zeigt sich das Problem bei Luhmann, daß er zum Beispiel sagt: Die Positivierung des Rechts in der Verfahrensrationalität ist die äußerste Stufe der Emanzipation des Rechts. Sehen Sie, gerade nach dem Dritten Reich und der großen Kritik von Gustav Radbruch, wo er sagt, nicht wahr, ein positives Recht ohne Kerngedanken von Gerechtigkeit verletzt den Rechtsbegriff, selbst wenn das Ver-fahren stimmt. Und das ist ja das Fatale im Dritten Reich gewesen, daß die Verfahren - sogar die Nürnberger Gesetze sind da mit einem hohen Grad von Verfahrensrationalität. Mit anderen Worten: Die Systeme, die in sich ihre eigene Steuerungslogik haben, noch in Zusammenhang zu bringen mit dem bestehende Herrschaftssystem - auch dem politischen Herrschaftssystem, ob es demokratische Verhältnisse sind oder nicht -, wäre für mich der Schritt, der über Luhmann hinausgehen müßte.
AUTOR
Nur: Einen Begriff wie "Herrschaftssystem" gibt es bei Luhmann in diesem Sinne gar nicht. Wenn jedes System für sich und aus sich heraus funktioniert, kann es - wie wir gesehen haben - keine übergeordnete Zuständigkeit geben, keine führende Rolle eines Systems, auch nicht der Politik; und die Vorstellung, es gäbe ein über all diesen Funktionssystemen schwebendes "Herrschaftssystem", würde Luhmann in den Bereich des Mythos verweisen oder allenfalls mit einer gewissen erstaunten Belustigung registrieren. Das ist der fundamentale Unterschied zu allem, was sich "kritisch" nennt.
ZUSPIELUNG (Negt)
Kritische Theorie ist auch Theorie der Kritik von Ideologien, von falschem Bewußtsein, von Herrschaftspositionen und Machtkonstellationen. Alle diese Kategorien - obwohl er ein Buch geschrieben hat über Macht, ist eigentlich Macht in den die Motive der Menschen vom Handeln abkoppelnden Dimensionen gar nicht erkannt. Das heißt: Luhmann ist ein Ordnungssoziologe. Für ihn ist Soziologie eine Ordnungswissenschaft. Damit nimmt er einen alten Gesichtspunkt von der Philosophie positiv von Comte wieder auf, und er stellt die Frage der Bedingungen: Wie stabil ist ein System? Was macht die Systemstabilität aus? Und die Systeme sind für ihn um so stabiler, je unabhängiger sie von den Denkpositionen, den Motiven, den Utopien der Menschen sind. Und da ist ein radikaler Widerspruch zu dem, was ich für richtig halte für eine sozialwissenschaftliche Theorie des Begreifens der Wirklichkeit. Für mich sind die Utopien sehr wohl etwas, was zur Realität gehört, die Menschen haben alle Vorstellungen von einem besseren und gerechten Leben, und sie haben häufig größere Realitätsnähe, diese Utopien, als die positiven Verhältnisse - die Mauern und Beton zerbricht, aber nicht die Wünsche der Menschen.
AUTOR
Diese Art von Kritik ist schon früh artikuliert worden. Die Auseinandersetzung zwischen Jürgen Habermas und Niklas Luhmann war nach dem "Positivismusstreit in der deutschen Soziologie" in den 50er und frühen 60er Jahren die zweite große Theoriedebatte der Bundesrepublik. Habermas nimmt Luhmanns erste größeren Veröffentlichungen - "Zweckbegriff und Systemrationalität" von 1968 und "Legitimation durch Verfahren" von 1969 zum Anlaß einer Generalkritik. Die Vor-würfe: "Uneingestandene Verpflichtung der Theorie auf herrschaftskonforme Fragestellungen", "Apologie des Bestehenden um seiner Bestandserhaltung willen", "kritiklose Beugung der Gesellschaftstheorie unter die Zwänge der Reproduktion der Gesellschaft". Diese Vorwürfe und Luhmanns Replik sind in Teilen Historie, denn beide Kontrahenten haben in dieser und aufgrund dieser Debatte ihre Positionen präzisiert und geklärt. Entscheidend war damals für Habermas, daß in sozialen Systemen zum Problem wird, was in organischen Systemen vorausgesetzt werden kann: Die Tendenz zur Bestandserhaltung. "Wer entscheidet", fragt Habermas, "wann sich in der Objektivität des alltäglichen Problembewusstseins das Interesse einer herrschenden Klasse, und wann sich darin die Bestandserhaltungsinteressen der Gesellschaft insgesamt durchsetzen?" Luhmann kann später, nach dem "Para-digmenwechsel in der Systemtheorie", wie er seinen autopoietischen Zugang selbst nennt, antworten: Es geht nicht um die Erhaltung der Systeme als Systeme, als starre Einheiten, sondern um die Erhaltung der Funktion der Reproduktion.
SPRECHER
Erhaltung ist hier die Erhaltung der Geschlossenheit und der Unaufhörlichkeit der Reproduktion von Elementen, die im Entstehen schon wieder verschwinden.
AUTOR
Was den Vorwurf der Affirmation bestehender Verhältnisse angeht, bleibt es im übrigen bei Luhmanns kühler Replik:
SPRECHER
Einerseits leben wir in dieser Gesellschaft, insofern hat es keinen Sinn, sich mit anderen Gesellschaften zu befassen. Andererseits ändert sich diese Gesellschaft so rapide, in so vielen Hinsichten, daß eine Idenfikation mit ihr eine Identifikation mit Änderungen ist.
AUTOR
Es ist, wie es ist, aber es könnte auch alles anders sein: Das könnte das Motto von Luhmanns Gesellschaftstheorie sein, und das ist auch ganz explizit der Gestus, mit dem er an solche Fragen herangeht. Was passiert, passiert, und der Soziologe hat die Aufgabe, einen Schritt zurückzutreten und als Beobachter zweiter Ordnung zu beobachten, wie andere beobachten.
ZUSPIELUNG (Luhmann)
Das ist also so ein bißchen Luft aus der unnötigen Aufregung herauszulassen, nicht wahr, und dann zu sehen, was man machen kann mit einer, mit einem besseren Verständnis von strukturellen Widerständen und strukturellen Problemen.
AUTOR
Wie Luhmann dabei vorgeht, läßt sich am Beispiel Ökologie-Debatte zeigen. Er hat 1986 ein Buch zum Thema "Ökologische Kommunikation" veröffentlicht und sich außerdem in mehreren Vorträgen und Aufsätzen zu sozialen Bewegungen allgemein und zur Ökologiebewegung im besonderen geäußert. Luhmanns Ausgangspunkt: Ökologische Zusammenhänge sind prinzipiell undurchschaubar. Die Befürchtungen sind unspezifisch, die Reaktionen darauf auch, das Ergebnis ist eine Moralisierung des Problems.
SPRECHER
Vielleicht ist eine aggressive, selbstgerechte Moralisierung ökologischer Probleme nur ein Symptom für ein tiefliegendes Theoriedefizit. Man weiß nicht so recht, was möglich ist und mit welchen Folgen, und kommt dann zu der Vorstellung, alles sei möglich, man müsse es nur wollen und etwaige Widerstände aus dem Weg räumen.
AUTOR
Luhmanns Fazit: Die gesellschaftlichen Systeme können auf ökologische Gefährdungen nicht reagieren. Denn, wir erinnern uns: Das System reagiert nur, "wenn dies nach den eigentümlichen Strukturbedingungen dieses Systems möglich ist." Die ökologische Irritation ist aber im System sozusagen nicht vorgesehen, vor allem im Subsystem Politik nicht, von dem ja in der Regel erwartet wird, daß es reagieren kann. Diese Erwartungen aber werden immer lauter geäußert, die öffentliche Aufregung ufert aus, stört Sicherheit und Ruhe des Systems, weil die Erwartungen an die Politik, die diese per definitionem nicht erfüllen kann, immer größer werden. Luhmann folgert:
SPRECHER
Die Konsequenz aus diesen Überlegungen ist, daß die Resonanz des Gesellschaftsystems auf ökologische Gefährdungen über die einzelnen Funktionssysteme läuft und nicht zentral gesteuert werden kann. Weder eine Spitze noch ein Zentrum, weder eine soziale Elite noch eine Hauptstadt können in der Gesellschaft die Beziehungen zur Umwelt gegenüber allen Funktionserfordernissen vertreten. Vor allem: es gibt keine rein politische Lösung für unser Problem, die allein von politischer Willensbildung und Durchsetzungsfähigkeit abhinge.
AUTOR
Eine weitere Konsequenz: Wenn nicht so viel über ökologische Gefahren geredet wird, sind sie weniger gefährlich. Für das Funktionieren des Systems, versteht sich. Luhmann hat sich genau diese Schlußfolgerung auch nicht verkniffen, und Ulrich Beck hat das auf die bissige Formel gebracht: "Schweigen entgiftet." Freilich beläßt Luhmann es nicht bei diesem Befund. Das Thema irritiert auch einen prinzipiell unaufgeregten Systemtheoretiker. Er versucht daher zu verstehen, warum so etwas wie Protest überhaupt sich artikuliert, und ihn nicht nur als dummes Zeug theorieunfähiger Individuen abzutun.
SPRECHER
Die durch Funktionssysteme organisierte, an Preisen und Rechtsnormen, politischen Wahlen oder wissenschaftlichen Theorien orientierte Kommunikation ist nicht die einzige Kommunikation. Man kann sie als dominante Kommunikation bezeichnen; aber gerade die Tatsache, daß sie vorkommt und sie Szene beherrscht, ermöglicht auch die Kommunikation der Unzufriedenheit mit dieser Kommunikation. Die Gesellschaft erzeugt einerseits effiziente Kommunikation und andererseits Unzufriedenheit mit eben dieser Kommunikation. Zehn Jahre später finden wir in seinem Buch "Die Gesellschaft der Gesellschaft" einen Ansatz, wie man Protestbewegungen auch systematisch einnordet. Indem man ihnen die gesellschaftliche Funktion zuweist, die Negation der Gesellschaft in der Gesellschaft in Operationen umzusetzen, ein fast Hegelscher Ansatz.
SPRECHER
Es geht also um ein genaues Korrelat der Autonomie und operativen Geschlossenheit des Gesellschaftsystems, um das, was man, als man noch in Paradoxien formulieren konnte, als "Utopie" bezeichnet hatte. Die moderne Gesellschaft hat anscheinend eine Form der Autopoiesis gefunden, um sich selber zu beobachten: in sich selbst gegen sich selbst.
AUTOR
Ein anderer Versuch Luhmanns, aus der Höhe der Formalisierung und Abstraktion hinabzuschauen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, ist seine Beschreibung der "Realität der Massenmedien". Dies ist vor allem deshalb interessant, weil Luhmann den Massenmedien eine zentrale Rolle bei der Kommunikation zuweist, also der Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft überhaupt. Seine erste These lautet:
SPRECHER
Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur.
AUTOR
Dies ist eine evident falsche Aussage. Was Luhmann einfach ausläßt, ist die Kenntnis von Welt, die jeder in seiner Alltagspraxis erwirbt. Zum Beispiel einfach dadurch, daß man durch die Gegend läuft und Welt wahrnimmt. Oder durch Kontakt und Kommunikation mit anderen Menschen - hier müßte Luhmann behaupten, daß in diesen Kontakten wiederum ausschließlich medienvermittelte Kommunikation stattfindet. Das Gegenteil ließe sich empirisch nachweisen. Luhmann konzediert an anderer Stelle denn auch, daß es so etwas wie Alltagswissen gibt, das er aber nur "lokal und im engsten Umkreis" verortet. Auch dem ließe sich widersprechen. Aber selbst diese kleine Konzession hat keine Folgen für die Theorie der "Realität" der Massenmedien. Wobei Luhmann durchaus den Doppelsinn des Begriffes Realität meint. Er will etwas aussagen über die Massenmedien selbst und über die Realität, die sie erzeugen. Er geht davon aus, daß das System "Massenmedien", wie jedes System, nach einem binären Code arbeitet. Der heißt Information/Nichtinformation.
SPRECHER
Information ist also der positive Wert, der Designationswert, mit dem das System die Möglichkeiten seines eigenen Operierens bezeichnet. Aber um die Freiheit zu haben, etwas als Information ansehen zu können oder auch nicht, muß es auch die Möglichkeit geben, etwas für nichtinformativ zu halten. Ohne einen solchen Reflexionswert wäre das System allem, was kommt, ausgeliefert; und das heißt auch: Es könnte sich nicht von der Umwelt unterscheiden, könnte keine eigene Reduktion von Komplexität, keine eigene Selektion organisieren.
AUTOR
Soweit fahren wir in der bekannten Bahn der Systemtheorie. Und nehmen ihre Probleme mit. Denn die Behauptung, der Code Information/Nichtinformation sei der Code der Massenmedien, ist nur eine Behauptung. Eine andere wäre: Der Code heißt wahr/unwahr. Luhmann weiß es anders.
SPRECHER
Obwohl Wahrheit oder doch Wahrheitsvermutung für Nachrichten und Berichte unerläßlich sind, folgen die Massenmedien nicht dem Code wahr/unwahr, sondern selbst in ihrem kognitiven Programmbereich dem Code Information/Nichtinformation. Das erkennt man daran, daß Unwahrheit nicht als Reflexionswert benutzt wird. Für Nachrichten und Berichte ist es nicht (oder allenfalls im Zuge von nicht mitgemeldeten Recherchen) wichtig, daß die Unwahrheit ausgeschlossen werden kann. Anders als in der Wissenschaft wird die Information nicht derart durchreflektiert, daß auf wahre Weise festgestellt werden muß, daß Unwahrheit ausgeschlossen werden kann, bevor Wahrheit behauptet wird.
AUTOR
Woher weiß Luhmann, daß "Unwahrheit nicht als Reflexionswert benutzt wird"? Er behauptet es, vor allem auch, um Massenmedien vom System der Wissenschaft abgrenzen zu können. Und er nimmt zur Unterfütterung dieser Behauptung ein Segment medialer Tätigkeit und erklärt es für das Ganze. Denn wenn Unwahrheit nicht vorkommt, kann der Medienschaffende Informationen auswählen und weglassen nach Belieben.
SPRECHER
Er braucht sich nicht allein durch die Wahrheit motivieren zu lassen und sich damit von Vorhaben abhängig machen. Er kann auch falsche oder möglicherweise falsche Informationen bringen, wenn er die Funktion im Auge behält und den Sensationswert gegen das Risiko möglicher Aufdeckung abwägt.
AUTOR
Damit erklärt Luhmann das Arbeitsprinzip der Boulevardpresse zum Arbeitsprinzip von Massenmedien insgesamt. Das kann er deshalb tun, weil es ihm auf Motivationen, auf professionelle Standards, auf Berufsethos nicht ankommt. Sondern darauf, daß Massenmedien Realität konstruieren, alleine dadurch, daß sie Informationen auswählen und andere weglassen. "Ich sehe was, was du nicht siehst": Wenn über Rassenunruhen in Los Angeles berichtet wird, wird eben alles andere ausgeblendet. Man könnte ja auch über das Verkehrssystem berichten oder über das Wetter. Sagt Luhmann. Luhmann hat aber nun gar kein Interesse daran, den Massenmedien Manipulation zu unterstellen oder gar vorzuwerfen. Sie tun das, was sie tun, weil sie es tun müssen, es geht nicht anders, denn ihre gesellschaftliche Funktion ist nicht, über Tatsachen und Meinungen zu berichten. Das ist ihre Selbstbeschreibung, die Luhmann aber nicht einmal als Illusion der Medien über sich selbst charakterisieren will, weil dies voraussetzte, daß es einen nichtillusionären Zugang zu einer "Realität" überhaupt gebe. Sondern die Funktion der Massenmedien ist, einen Beitrag zur Realitätskonstruktion der Gesellschaft zu liefern, unter anderem durch eine ständige Reaktualisierung der Selbstbeschreibung der Gesellschaft und dessen, was sie für Realität hält. Die Massenmedien stellen Schemata bereit und wiederholen sie, und an diese Schemata kann gesellschaftliche Kommunikation anschließen. Und ohne Kommunikation, wie wir wissen, gibt es keine Gesellschaft. Gesellschaft i s t Kommunikation. Oder noch einmal in der Sprache der Systemtheorie:
SPRECHER
Die Realität der Massenmedien, das ist die Realität der Beobachtung zweiter Ordnung. Sie ersetzt die Wissensvorgaben, die in anderen Gesellschaftsformationen durch ausgezeichnete Beobachtungsplätze bereitgestellt wurden: durch die Weisen, die Priester, den Adel, die Stadt, durch Religion oder durch politisch-ethisch ausgezeichnete Lebensformen. Die Differenz ist so krass, daß man weder von Verfall noch von Fortschritt sprechen kann. Auch hier bleibt als Modus der Reflexion nur die Beobachtung zweiter Ordnung, nämlich die Beobachtung, daß eine Gesellschaft, die ihre Selbstbeobachtung dem Funktionssystem der Massenmedien überläßt, sich auf eben diese Beobachtungsweise im Modus der Beobachtung von Beobachtern einläßt.
AUTOR
Wir haben hier das Musterbeispiel einer Methode, die ausschließlich an der Funktion des Systems orientiert ist, also an dem, was sich gleichsam hinter dem Rücken der Subjekte abspielt. Ähnlichkeiten mit Hegel, Adam Smith, Karl Marx sind nicht zufällig.
ZUSPIELUNG MUSIK
Was Niklas Luhmann unternimmt, ist nichts weniger als ein Versuch, nach der tatsächlichen oder vermeintlichen Abdankung umfassender philosophischer Theorien - der großen Erzählungen, wie Lyotard das genannt hat - noch einmal ein großes Theoriegebäude zu zimmern. Sein Schüler Peter Fuchs:
ZUSPIELUNG (Fuchs)
Dies ist einer der großen Würfe dieses Jahrhunderts, bezogen auf eine Problemlage, die diese Theorie selbst beschreibt. Also in diesem Fall heißt das die Umstellung des Gesellschaftssystems auf eine neue Form, innerhalb derer eine Reihe weiterer großer Entwürfe in einem Zeitraum von vielleicht zweihundert Jahren zu beobachten sind, die im Grunde alle mit demselben Problem befaßt sind. Es ist das, was Heidegger auch schon auf den Punkt gebracht hat, es ist die Durchkreu-zung des Seins. Oder bei Foucault die Durchkreuzung des Subjekts. Was geschieht sozusagen, wenn das Sein aus der Welt herausgenommen wird, weil wir nichts mehr dazu sagen können, und was geschieht , wenn das Subjekt verloren geht und damit auch das Objekt. Ich denke, die Größe Luhmanns liegt in seinem anti-cartesischen Affekt. Also was er im Grunde verwirft, das ist Descartes, die Subjekt-Objekt-Unterscheidung, aber er macht es eben auf eine Weise, die, wie ich finde, handfe-ster ist oder stärker mit empirischen Befunden aufgeladen ist, als man das typischerweise findet.
AUTOR
Daß hier ein großer Wurf gewagt wurde, sehen auch Luhmanns Kritiker. "Alles falsch, aber auf höchstem Niveau", soll Jürgen Habermas einmal gesagt haben. Oskar Negts Urteil über die Systemtheorie:
ZUSPIELUNG (Negt)
Sie hat deshalb eine große Bedeutung, weil viele der Rationalisierungsentwicklungen der modernen Gesellschaft diesem Modell entgegenkommen. Das heißt kybernetische Formen der Steuerungssysteme, auch die Erkenntnisse aus der Biologie, aus der Anthropologie, viele Dinge sind eben doch darauf gerichtet, das System und offene Umwelt und die Lernprozesse, die sich hier vollziehen in den strukturierten Systemen, daß das für eine ausdifferenzierte Gesellschaft immer bedeutender wird. Insofern hat das, glaube ich, eine große praktisch anwendbare Bedeutung, was in dieser Systemtheorie entwickelt wird, und bei Luhmann zusätzlich, daß er doch viele Elemente der technischen Systemtheorien, eben der kybernetischen Modelle, auf soziale Verhältnisse, auf die Gesellschaft überträgt, und da ist er der Realität ziemlich nahe.
AUTOR
Was Luhmann versucht, ist natürlich eine große Herausforderung der Philosophie, die ja einmal den Anspruch erhob, über das Ganze zu sprechen. Nur: Es gibt keine Möglichkeit mehr, traditionell über das Ganze zu sprechen, sagt Luhmann. Die durch Religion verbürgten Gewißheiten sind obsolet geworden, und der Einsatz des autonomen Subjekts an die Stelle Gottes hat sich als naiv herausgestellt. Bemerkens wert, daß Luhmann an dieser Stelle mit einem quantitativen Argument arbeitet.
ZUSPIELUNG (Luhmann)
Nun haben wir aber mehr als fünf Milliarden von diesen und, die alle gleichzeitig denken und handeln und - soweit sie nicht schlafen - da kann man sich gar nicht vorstellen, wie da irgendeine soziale Ordnung entsteht, nicht. Außer man müsste ganz anders ansetzen. Oder man müßte den Vergleich zur Bewußtseinstheorie mit systemtheoretischen Mitteln ausarbeiten könne, so daß man sagt, das ist ein System eigener Art mit eigenen Operationen und so weiter und andererseits ist die Gesellschaft auch ein System eigener Art.
AUTOR
Das in der Tat ist Luhmanns Leistung: Bewußtseinstheorie in Systemtheorie überführt zu haben.
ZUSPIELUNG (Fuchs)
Möglicherweise ist so etwas wie das, was Luhmann gemacht hat, also ein Typ universaler Theorie, etwas, was sozusagen in die Funktionsstelle der Philosophie einrückt, die ihrerseits nur noch besteht aus Klassiker-Exegese. Also wenn Sie sich überlegen, was in den letzten Jahrzehnten an Philosophie sozusagen produziert wird, finden Sie wenige Namen. Und diejenigen, die Sie finden, beispielsweise Jacques Derrida, das ist jemand, der innerhalb seiner eigenen Disziplin extrem umstritten ist, aber die sozusagen, das sind Leute, die Theorien produzieren so wie Luhmann auch, die auf einer ganz anderen Ebene Kontakt miteinander aufnehmen und wo die Grenzen zwischen Wissenschaft, Intellektualität und dem, was man ehedem philosophisch nannte, verschwindet. Wobei das jetzt aber keine Abwertung von Philosophie darstellt. Also, Luhmann hat den Hegelpreis bekommen, also es hat wenigstens irgendwelche Philosophen gegeben, die gemerkt haben, daß dort etwas passiert.
AUTOR
Das vermutet Peter Fuchs richtig. Der Stuttgarter Philosoph Robert Spaemann hat seine Laudatio anläßlich der Verleihung des Hegel-Preises explizit "Niklas Luhmanns Herausforderung der Philosophie" genannt. Und der Kölner Philosoph Günter Schulte beschreibt diese Herausforderung so.
ZUSPIELUNG (Schulte)
Er will zum Beispiel die Erkenntnistheorie "mit betreuen". Oder er sagt, er will die "Firma Vernunft" unter einer neuen Bezeichnung, nämlich Selbstreferenz, übernehmen. Vernunft war sicher ein wichtiges Thema der Philosophie, wenn nicht das Thema, das würde der Philosophie jetzt aus die Hand genommen. Da fragt man sich: Woher dieser Anspruch? Wir hatten natürlich in der Philosophie schon mal Leute, die rigoros aufgeräumt haben, was die Philosophie der Vernunft betraf, das war Hegel, der meinte, man müßte die subjektive Vernunft, also die Vernunft der individuellen Subjekte, die frei handeln und entscheiden, umstellen auf eine göttlich, absolute Systemvernunft. Und dieses System Hegels ist das, was Luhmann zunächst am allermeisten beeindruckt. Weshalb er auch zu Recht den Hegel-Preis bekommen hat. Dann kam nach Hegel Marx und stellte dieses System des absoluten Geistes um auf Materie. Prima, sagt Luhmann, das können wir auch benutzen, indem wir jetzt eine naturalisierte Erkenntnistheorie machen - so eine Idee stammt von Bateson -, indem man nämlich meint, dieses Geist-System, was er jetzt Sinn-System nennt, Hegels kann empirisch beobachtet werden. Damit hat er also diese Marxsche Wendung mit drin. Und nun haben wir also die Vernunft vom Subjekt umgestellt auf das System.
AUTOR
Günter Schulte entdeckt darüberhinaus noch eine besondere Pointe in Luhmanns Theorie, die er aus der These der Beobachtung des Beobachters zieht. "Ich sehe was, was du nicht siehst" - nämlich Gott als den Urheber aller Unterscheidung, womit Luhmanns Theorie eine theologische Fundierung bekäme.
ZUSPIELUNG
Gott ist der, der diese Unterscheidung macht: Es werde Licht, also teilt Licht/Finsternis, Erde/Wasser, und er benutzt dazu auch immer diese Genesis-Geschichte, das hat er von Bateson übernommen, daß der Geist in Unterscheidungen arbeitet, und dann gibt's da die Logik von Spencer Brown, die er da auch mit bezieht, und bei Spencer Brown ist es auch eine theologische Figur, er sagt, diese Einteilung von links und rechts der Grenze und die Grenze selbst, das ist die Trinität, das ist Gott Vater, der Sohn und der Heilige Geist, also Spencer Brown arbeitet mit der Trinität, Luhmann arbeitet mit der Genesis-Geschichte, daß Gott derjenige ist, der Unterscheidungen macht und eine Kaskade von Unterscheidungen macht, und der Beobachter, er jetzt, der das alles beobachtet, der ist aus dem Hause Teufel, der ist der Luzifer, der zuguckt, wie die Entscheidungen von Gott gemacht werden. Also der sitzt quasi hinter einem Zaun und lugt darüber und sieht, was abläuft, aber er meint, das wäre ja nur möglich, weil das System in sich selbst den Beobachter enthält und das System sich immer in sich selbst abbildet, auch weniger komplex abbildet, so daß das System immer Abbildungen von sich selbst hat. Was er tut, ist nichts anderes, als daß er innerhalb des Systems, durch das System im Zuge einer Selbstreflexion, der Selbstreferenz des Systems, das System in sich selber abbildet. So hat er dann seine Theorie abgesichert, ähnlich wie Hegel das gemacht hat, der gesagt hat, was ich hier schreibe in der Logik, sind die Gedanken Gottes vor Erschaffung der Welt, Luhmann würde nicht sagen vor Erschaffung der Welt, weil es so einen rationalen Plan nicht mehr gibt, aber es ist die laufende Beobachtung der Selbsterschaffung der Welt beziehungsweise der Gesellschaft.
ZUSPIELUNG MUSIK
AUTOR
Die immer wieder entscheidende Frage bei alledem ist eine doppelte: Die nach der Legitimation und die nach den Subjekten. Zum ersten: Wenn man wie Luhmann sich auf die Beschreibung der Funktionsweise von Systemen kapriziert, kommt dabei zwar auch Aufklärung heraus - Luhmann besteht ausdrücklich darauf, Soziologie als Aufklärung zu betreiben. Und zwar Aufklärung über die beschönigenden Selbstbeschreibungen der sozialen Systeme, deren Agenten gerne das Allgemeinwohl im Munde führen, dabei häufig nichts weiter als die Selbsterhaltung ihres Subsystems im Sinn haben. Aber diese Vorgehensweise birgt eben auch die Gefahr der Verharmlosung. Die Botschaft, daß Systeme nun mal so funktionieren, wie sie funktionieren, signalisiert auch: Laß mal die Wirtschaft so laufen, wie sie läuft, darauf kann man keinen Einfluß nehmen, sie bestimmt ihre Regeln notwendigerweise selbst. Kein Wunder, daß Systemtheorie bei Wirtschaftsführern besonders beliebt ist. Dagegen bleibt Oskar Negts Kritik aktuell.
ZUSPIELUNG (Negt)
Luhmann rebelliert und protestiert gegen eine Form des empirischen Positivismus. Der Zerfall des Universums Gesellschaft wird von ihm nicht so aufgenommen, daß man jetzt nur noch Einzelforschung betreiben kann. Das heißt: Luhmann behält den philosophischen Blick aufs Ganze aufrecht. Was uns unterscheidet - und das gilt seit den frühen Habermas-Kontroversen mit Luhmann -, besteht darin, daß diese Regelungssysteme, von denen er spricht, gewissermaßen die Legitimität durch bloßes Verfahren, das heißt die Verfahrensrationalität, die er überall entdeckt, überhaupt den Blick auf die kritische Veränderung der Gegenstände nicht zuläßt. Für mich ist es eben darin - aus meiner Tradition von Hegel, Marx, Kant, Adorno, auch Habermas – eine unkritische Theorie, eine Art sekundärer Positivismus, der da drin steckt, obwohl er eben viele Kategorien mit aufnimmt, die eher zur kritischen Gesellschaftstheorie gehören. Es ist für mich in dem Sinne keine wirkliche Theorie, sondern eine hochkompetente Kombination von Begriffen und Strukturen, die in der Realität selber sich bewegen, aber der Konstitutionszusammenhang von Realität kommt nicht in den Blick.
AUTOR
Auf der anderen Seite die unerhörte, aber nach Luhmann zwingende Zumutung, das Subjekt aus der Theorie zu verabschieden. Günter Schulte.
ZUSPIELUNG (Schulte)
Also man fragt sich: Wo bleibe ich. Ich werde annulliert, annihiliert, zu Nichts gemacht, auf meinen Körper kommt es nicht an, es kommt nur auf die Geräusche an, die ich beim Versuch der Kommunikation mit anderen mache. Also ich sträube mich dagegen, der ich mich behaupte als einzig und die Welt als mein Erscheinungsbild - jetzt transzendentalphilosophisch gedacht. Jetzt sagt aber Luhmann: Der Plausibilitätsschwund der Transzendentalphilosophie, der liegt doch auf der Hand. Natürlich kann man noch so denken, wenn man auf Kongresse geht und Aufsätze schreibt, aber es ist doch nicht mehr evident. Mir geht es nicht so, also ich finde das, was er erzählt, sehr künstlich, artifiziell, sehr interessant, ironisch, weil es der Versuch ist, alles mal andersrum zu sehen, von der anderen Seite. Aber ich bin auf der Seite meines Leibes, nicht, und da bin ich von fasziniert, mich selbst interessieren die Systeme, die Gesellschaft nur in zweiter Linie, also ich frag mich immer: Was soll ich tun, wie weit habe ich Entscheidungsspielraum, was kann ich machen, und wie weit kann ich andere ansprechen und beeinflussen. Also ich bin immer noch in der alten Perspektive.
AUTOR
Die aber, um es zu wiederholen, nach Luhmann allein deshalb nicht nur alt, sondern hoffnungslos veraltet ist, weil es eben so viele Subjekte gibt.
ZUSPIELUNG (Luhmann)
Viele Menschen erleben und handeln gleichzeitig. Und da gibt's keine Ordnung in der Gleichzeitigkeit. Die Subjekttheoretiker oder die Sinntheoretiker geben darauf eigentlich keine Antwort.
AUTOR
Luhmanns Antwort auf den Vorwurf, der Mensch käme in seiner Theorie gar nicht mehr vor, formuliert Luhmann-Schüler Peter Fuchs.
ZUSPIELUNG (Peter Fuchs)
Ja, das ist ein Mißverständnis, das Luhmann selber auch immer wieder beklagt hat. Der entscheidende Gesichtspunkt ist, das die Systemtheorie ihr Neues gegenüber anderen Systemtheorien darin hat, daß sie zwischen System und Umwelt unterscheidet. Und sie sagt ja im Grunde nichts weiter, als daß es soziale Systeme gibt, die enthalten kein Bewußtsein - wenn ich also jetzt zum Beispiel still wäre, würde gar nichts passieren -, und daß es Bewußtseine gibt oder bewußte Systeme, die nichts Soziales beinhalten, also nicht selbst kommunizieren. Da hat man ne Differenz. Und das bedeutet, daß die Menschen - dieser Kompaktbegriff, dieser Begriff, der eigentlich gar nicht viel besagt angesichts fünf oder sechs Milliarden Leuten - daß die sozusagen extern zur Kommunikation sind, aber gerade deshalb von ungeheurer Bedeutsamkeit. Jede Kommunikation zerfiele sozusagen automatisch, wenn kein Bewußtsein in der Umgebung Lärm produzieren würde. Ich würde hinzufügen - und mit Luhmann, denke ich, kann ich das machen -, daß natürlich der umgekehrte Fall auch gilt. Daß das Bewußtsein zusammenbricht, wenn keine Kommunikation mehr stattfindet. Das kann man empirisch zeigen, aber ich denke mir, daß wenn jetzt sozusagen alle Kommunikation ausfiele, die Menschen noch eine eine Woche oder zwei oder drei kommunikationslos existieren könnten, eben noch Dosen essen oder was auch immer, und dann wär Schluß, dann würden sie sich sozusagen in stammelnde Idioten verwandeln.


    관련링크

Niklas Luhmann  


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