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Genetische Philosophie am Beispiel  - Whitehead
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 Aufs&auml;tze 2 von Hans F. Geyer Alfred North Whitehead
Hirnereignisse und Denkereignisse
Quer durch die Philosophie
Philosophie - Ende? Anfang?


 Genetische Philosophie am Beispiel eines Philosophen:
Alfred North Whitehead



Von Hans F. Geyer, Z&uuml;rich

In:

Whitehead und der Prozessbegriff / Whitehead and The Idea of Process

Beitr&auml;ge zur Philosophie Alfred North Whiteheads auf dem Ersten Internationalen Whitehead-Symposion 1981

Proceedings of The First International Whitehead-Symposium 1981

herausgegeben von / edited by Harald Holz und Ernest Wolf-Gazo

Verlag Karl Alber Freiburg  /M&uuml;nchen

Beitrag Nr. 18, Seiten 240-246.





Von den &auml;ussern Lebensumst&auml;nden Whiteheads ist nicht viel zu berichten. Sein Leben war sein Werk. In Anlehnung an das lateinische veni, vidi, vici (Ich kam, sah und siegte) k&ouml;nnte man von ihm sagen: Er kam, sah und dachte. Und &#8222;siegte" auch. Davon legt Zeugnis ab sein reiches Werk. Aber er wusste, dass es kein endg&uuml;ltiger &#8222;Sieg" ist, noch sein k&ouml;nnte. Der Glaube an das Ende, das Letzte, das Eschaton, an das &#8222;Absolute" Hegels und Marxens war ihm fremd. Er glaubte vielmehr an das Unabschliessbare, f&uuml;r immer Unendg&uuml;ltige, an das Werden, an den &#8222;Prozess", wie er sich ausdr&uuml;ckt, an die Herkunft und Abkunft des ganzen Kosmos aus kreativer Genesis. So hat Whitehead, wenn man so will, in st&auml;ndig sich selbst &uuml;berholender Genesis, in st&auml;ndiger Besinnung auf seine Urspr&uuml;nge und die Urspr&uuml;nge der Philosophie, sich selbst hervorgebracht. Er dachte genetisch. Er lebte genetisch. Sein philosophisches Werk ist hervorgegangen aus seinem Fachstudium, der Mathematik, dessen Rahmen er sprengte. Der Keim des Logos seiner Philosophie, der logos spermaticos, ist zu suchen in dem grossen, zusammen mit Bertrand Russell verfassten Werk Principia Mathematica. Aus diesem Samen wuchs schliesslich der hohe, weit ausladende Baum seiner Philosophie.



Diese These ist, wie ich vermute, ziemlich neu. Ich wenigstens habe sie in der Sekund&auml;rliteratur nicht best&auml;tigt gefunden. So ist einiges Misstrauen angebracht. Wie ist es m&ouml;glich, dass, gewissermassen von der formalen Seite, nicht einmal von der Mathematik, sondern von der mathematischen Logik her, eine grosse Philosophie entscheidend beeinflusst wird? Wie ist die mathematische Genesis einer materialorientierten Philosophie m&ouml;glich? Die L&ouml;sung des R&auml;tsels ist wieder im genetischen Gedanken selbst zu suchen, der bei Whitehead eine wahrhaft abendl&auml;ndische Dimension annimmt. Whitehead malt, aus seiner Sicht, ein grosses Bild der europ&auml;ischen Philosophie. Ein Freskogem&auml;lde mit viel Schwung und nicht ganz ohne deutende Willk&uuml;r. Und da ist es nun sehr interessant zu beobachten, wie die formalen Gesichtspunkte sich mit den Materialen verbinden, wie mathematisch-logische &Uuml;berlegungen eingehen in physikalische, chemische, biologische, physiologische, seelische, geistig-kulturelle. Wie oben gesagt: Der Baum, er w&auml;chst.



Und nun bitte ich Sie f&uuml;r einen Moment um Ihre besondere Aufmerksamkeit f&uuml;r einen etwas unkonventionellen Gedankengang. Es ist der Gedankengang von Whitehead, den er aber nicht in dieser Weise ausgedr&uuml;ckt hat. Ich denke, dass wir so die genetische Grundstruktur seiner Philosophie wie durch eine packende Momentaufnahme ins Bild bekommen. Sie wissen, wie eine mathematische Gleichung aussieht, z. B. a + b = c. Die Striche, welche die Gleichheit ausdr&uuml;cken, dr&uuml;cken auch eine Beziehung zwischen der linken und der rechten Seite der Gleichung aus. Man k&ouml;nne auch sagen, ein &#8222;Werden", einen &#8222;Prozess", obwohl diese Begriffe im rein formalen Sinne der Mathematik eigentlich irref&uuml;hrend sind. Und noch anders k&ouml;nnten wir uns ausdr&uuml;cken, wenn wir uns mit unseren &Uuml;berlegungen in die N&auml;he der folgenden Formulierung wagen: Aus a plus b geht c hervor. Das ist ja auch das Grundprinzip der Principia Mathematica, das Prinzip n&auml;mlich der logischen &Auml;quation, der logischen Gleichung, des logischen Werdens, der logischen Genesis.



Es gilt Mut zu fassen, den Mut zum Sprung, den Whitehead getan hat, n&auml;mlich den Mutsprung von der formal-mathematischen Ad&auml;quanz, der formal-mathematischen Relation zur realen Ad&auml;quanz im Kosmos. Nat&uuml;rlich handelt es sich zuerst nur um ein formales Schema. Denn die Gesetze der kosmischen Ad&auml;quanz sind ganz andere als diejenigen der mathematischen Ad&auml;quanz. Diese sind inhaltsleer; mit Kant zu reden, dr&uuml;cken sie nur aus die Bedingung der M&ouml;glichkeit von Geschehen &uuml;berhaupt, jene aber sind inhaltserf&uuml;llt, sie meinen den Inhalt s&auml;mtlicher menschlicher theoretischer und praktischer Disziplinen, die Whitehead in die Kathedrale der Metaphysik seines &#8222;Prozesses" hineinstellt.



Da hinein m&ouml;chte ich eine wichtige Anregung stellen, eine Anregung, die von meinem Freunde Walter Robert Corti stammt. Walter Robert Corti hat sich einmal, wenn ich mich richtig erinnere, ungef&auml;hr so ge&auml;ussert: &#8222;Ich habe das Substantiv im Verdacht. Es f&uuml;hrt als grammatikalisches Schema, ja als grammatikalische Verf&uuml;hrung zu philosophischen und wissenschaftlichen Konstruktionen, die der Wirklichkeit Gewalt antun. Ich habe mehr Vertrauen in das Adjektiv und in das Verb."



Wie sollen wir diesen Aphorismus im Rahmen einer genetischen Philosophie verstehen? Nehmen wir als Beispiel den Satz: &#8222;Das Blatt ist gr&uuml;n." Das Misstrauen von Walter Robert Corti - und wir d&uuml;rfen hinzuf&uuml;gen - von Whitehead richtet sich mit voller Wucht gegen das Substantiv (logisches Subjekt) &#8222;Blatt". Von ihm wird ausgesagt, dass es &#8222;gr&uuml;n" sei. Das h&ouml;rt sich erst einmal recht harmlos an. Aber so harmlos ist es eben nicht. Denn das Substantiv ist ein kleines Monstrum, es hat die Tendenz, das Adjektiv zu verschlingen. Und nicht nur das Adjektiv. Auch das Verb. Denn das Adjektiv &uuml;bt eine T&auml;tigkeit aus. Bei &#8222;gr&uuml;n" die T&auml;tigkeit des &#8222;Gr&uuml;nens" etwa, so, wie wir im Fr&uuml;hling vom &#8222;Gr&uuml;nen" der Pflanzen sprechen. Aber wir k&ouml;nnen es noch einfacher ausdr&uuml;cken mit dem Beispiel: &#8222;Der Mensch denkt." Das Verb steht hier in der gleichen Gefahr wie das Adjektiv.



Genauer: In welcher Gefahr? Da m&uuml;ssen wir, mit Hilfe von Whitehead, etwas weiter ausholen. Wir haben ja von seinem &#8222;Freskogem&auml;lde" der europ&auml;ischen Philosophie gesprochen. Diese beginnt mit der griechischen. &Auml;hnlich wie die deutsche eignet sich die griechische Sprache gut daf&uuml;r, Verben zu substantivieren, Verben als Substantive zu verwenden. Man denke nur an das Verb &#8222;sein" und dessen Substantiv: &#8222;Das Sein". &#8222;Das Sein" wurde ja noch in letzter Zeit im eigentlichen und im &uuml;bertragenen Sinne zum Haupt-Wort einer Philosophie: derjenigen von Heidegger. Eine Haupt-Wort-Philosophie ist auch die aristotelische. Die aristotelische Logik (das &#8222;Organon") sowie die aristotelische Metaphysik beruhen auf der Verbindung von Subjekt und Pr&auml;dikat, Substanz und Attribut. Die aristotelische Logik und Metaphysik haben deshalb einen statischen Charakter. Die bestimmenden schwergewichtigen Mittelpunkte, die wie Statuen wirken, sind die Subjekte und Substanzen; die Leichtgewichte sind deren &#8222;Satelliten", n&auml;mlich die ausgesagten Pr&auml;dikate und Attribute. Im Gegensatz dazu beruht die moderne mathematische Logik und insbesondere diejenige von Whitehead und Russell nicht auf statischen Mittelpunkten, sondern auf Beziehungen, auf Relationen, deren formaler Ausdruck, wie wir gesehen haben, die Gleichheitsstriche der mathematischlogischen Gleichungen, deren materialer Ausdruck im Kosmos aber die Naturgesetze sind. Diese nehmen &uuml;brigens in der Chemie auch die &auml;ussere Form von Gleichungen an. Whitehead weist nun nach, dass trotz des Triumphes der Naturwissenschaften die substantivische und substantielle Philosophie des Aristoteles sich in der Geschichte der Philosophie &uuml;ber das Mittelalter hinaus bis in die Neuzeit erhalten hat.



Nennen wir einige Beispiele f&uuml;r diese Entwicklung: Ausser der &#8222;Substanz" des Aristoteles die &#8222;Idee" Platons, die denkende und ausgedehnte Substanz Descartes' und Spinozas, die Monaden ohne Fenster des Leibniz, das &#8222;Ich der transzendentalen Apperzeption" Kants, den &#8222;Geist" Hegels. F&uuml;r alle diese Substanzen, Subjekte und m&auml;chtigen Haupt-W&ouml;rter gilt, dass sie inmitten ihres &#8222;Hofstaates" von Pr&auml;dikaten und Attributen souver&auml;n und unabh&auml;ngig &#8222;residieren", aber auch, dass sie isoliert bleiben, keine Beziehung nach aussen haben. Um es mit einem politischen Gleichnis auszudr&uuml;cken: Sie haben keine &#8222;Aussenpolitik". Sie sind &#8222;fensterlos" wie die Monaden von Leibniz.



Die Folgen? Ich m&ouml;chte sie gern an einem Beispiel illustrieren. Es ist wieder die einfache Gleichung: a plus b = c. Setzen wir nun f&uuml;r die Variable c die m&auml;chtigen Hauptw&ouml;rter, Substanzen, Subjekte ein, die wir oben erw&auml;hnt haben. Was ergibt sich? Wir k&ouml;nnen uns bem&uuml;hen, wie wir wollen, die Gleichung l&auml;sst sich nicht vervollst&auml;ndigen. Wir finden aus der Situation der Substanz-Subjekt-Philosophie heraus in der Nachfolge des Aristoteles keine &#8222;Werte", die wir f&uuml;r a und f&uuml;r b einsetzen k&ouml;nnten. Was bedeutet dies? Es bedeutet, dass der Wert f&uuml;r c in keiner &#8222;Gesellschaft", in keiner Gemeinschaft steht mit anderen Werten. Es bedeutet, dass er &#8222;sich selbst setzt" (so wie Fichte von dem &#8222;sich selbst setzenden Ich" spricht). Es bedeutet, dass Ursprung, Herkunft, Abkunft des Wertes f&uuml;r c unbenannt und unbekannt bleiben. Es bedeutet, dass er nicht hervorgeht aus andern Werten, dass er nicht genetisch erkl&auml;rt werden kann. Die linke Seite der Gleichung f&auml;llt aus. Damit ist auch die Gleichung hinf&auml;llig, mit ihr die Relation, welche die Genesis ausdr&uuml;cken soll. Wir reden nat&uuml;rlich in einem Gleichnis, in einem mathematischen, aber Sie werden seinen materialen Hintergrund verstehen.



Wir haben bisher vom formalen Prinzip der Philosophie Whiteheads gesprochen. Gehen wir nun &uuml;ber zu seinen materialen Folgen. Der genetischkosmologische Zug in der Philosophie Whiteheads ist un&uuml;bersehbar. Der Mensch Whiteheads steht in der Welt. Aber er steht in der Welt nicht als &#8222;Ich" wie bei Descartes, als &#8222;Geist" wie bei Hegel, als &#8222;Dasein" wie bei Heidegger, als &#8222;F&uuml;rsich" (pour soi) wie bei Sartre, er steht in der Welt als menschlicher K&ouml;rper. Dieser K&ouml;rper darf nicht nur biologisch, psychologisch und geistig verstanden, er muss auch &#8222;astronomisch" begriffen werden. Der K&ouml;rper Whiteheads ist im eigentlichen Sinne ein &#8222;Weltk&ouml;rper", der in der Welt steht wie die Welt in ihm. Mit der Welt verbindet ihn seine innere und &auml;ussere Genesis. Wo h&auml;lt sich Whitehead auf in seinen Tr&auml;umen, wo ist sein f&uuml;r die Bestimmung des menschlichen K&ouml;rpers massgebender &#8222;geophilosophischer" Ort? Ich m&ouml;chte sagen, mitten im Atlantik, irgendwo zwischen England und Amerika. Whitehead hat, als er nach Harvard &uuml;bersiedelte, den Atlantik nicht nur physisch &uuml;berquert, sondern auch geistig. Und er tut es immer wieder in seiner Philosophie. Whitehead ist ein transatlantischer Geist, ein Geist des &Uuml;bergangs zwischen den Kontinenten. Er atmet die Luft der gr&ouml;ssten irdischen R&auml;ume, die Luft der Meere, die auch Saint John Perse begeisterten und die er besungen hat. Ja, die Analogie zu Saint John Perse geht bis hin zur Poesie, zu jener Poesie, die Whitehead am besten versteht, die er zitiert und liebt. Sie hat eine innere Unendlichkeit, ein inneres Apeiron, sie ist une poesie marine, der Art nach eine Meerespoesie, auch wenn sie nicht vom Meere handelt. So zitiert Whitehead aus dem Gedicht &#8222;The Prelude" von Wordsworth eine Stelle, wo von der &#8222;unumgrenzten Erde Fl&auml;che" die Rede ist, die wie ein &#8222;Ozean" aufwogt (A. N. Whitehead: Wissenschaft und Moderne Welt, Z&uuml;rich 1949, S. 109).



Wenn ich nun die transatlantische Philosophie Whiteheads vergleiche mit Philosophien kontinentaler Inspiration, etwa mit derjenigen von Heidegger und Sartre, so f&auml;llt mir der Ausspruch eines Franzosen &uuml;ber unsere kontinentale Kultur &uuml;berhaupt ein: &Ccedil;a sent l'enferm&eacute;. Jener leicht muffige Geruch ist gemeint, der einem lange nicht gel&uuml;fteten Kasten entweicht. Es fehlt eben der tragende Atem des Meeres, die verbindende Kommunikation nach innen und nach aussen, es fehlt das Nachinnentreten des Aussen, das Nachaussentreten des Innen, es fehlt die Genesis des Innen von aussen her und die Genesis des Aussen von innen her. Man nehme als Beispiele Begriffe wie das &#8222;Dasein" Heideggers und das &#8222;F&uuml;rsichsein" Sartres. Man nehme sie nicht nur. Man nehme sie auf die Zunge, schmecke sie. Unsere Zunge wird ein abgek&uuml;rztes Urteil f&auml;llen, besser und treffender als B&auml;nde von Sekund&auml;rliteratur es tun k&ouml;nnten. Es sind Begriffe, die sich nicht &#8222;&ouml;ffnen" lassen. Begriffe der Innenvertiefung, aber nicht der Aussenvertiefung. Begriffe der Innenmystik, aber nicht der Aussenmystik. Und dies, obwohl Heidegger und Sartre ihre Begriffe in ein &#8222;Mitsein" der Welt hineinstellen, dies, obwohl sie mit dem Substanzmythos des Ich brechen, der in der Erbfolge der Philosophie von Descartes bis in den deutschen Idealismus hinein vorherrscht. Die egologische Substanzmetaphysik wird zwar von Heidegger und Sartre verworfen, aber sie kommt zur Hintert&uuml;r wieder herein. Da ist die abwehrende Geste. Gegen das Aussen. Gegen die Welt. Die abwehrende Geste Heideggers. Der Feind ist f&uuml;r ihn der &#8222;Betrieb", der das Dasein verf&auml;lscht, ins Unwesentliche zieht. Die abwehrende Geste Sartres. Der Feind ist f&uuml;r ihn: le regard de l'autre qui p&egrave;se sur le pour soi. Das Ich muss unter dem Auge des andern Menschen agieren. Das Auge des andern als Einschr&auml;nkung der innerlich vorgestellten Freiheit, als Zensur. In beiden F&auml;llen ein Grad innerer Vertiefung, der sich gegen den Einfluss von aussen wehrt, gegen die Genesis von aussen wehrt, die sich als Selbstursprung, als eigene, als souver&auml;ne Genesis vorstellt und an dieser Illusion eisern festh&auml;lt. Und wenn sich diese Verschlossenheit vielleicht doch einmal &ouml;ffnet, so riecht es leicht muffig. &Ccedil;a sent l'enferm&eacute;. Die Angst, sich zu &ouml;ffnen, die zum Kerker wird. Whitehead m&ouml;chte sicherlich nicht, dass man seine Philosophie zum Kn&uuml;ppel macht, um andere Philosophien totzuschlagen. Diese Kritik soll keine Abwertung der Lehren Heideggers und Sartres bedeuten. Wohl aber den Hinweis auf eine Erg&auml;nzung. Die Erg&auml;nzung Whiteheads. Die Erg&auml;nzung der engen Tiefe durch die Weite, die kosmische, die nicht zu erlangen ist, wenn man den Menschen nur als Ich, Geist, Seele sieht, wenn man ihn nur in geisteswissenschaftlichen Kategorien erfasst und nicht auch in naturwissenschaftlichen, k&ouml;rperlichen.



Es ist merkw&uuml;rdig, dass bisher kaum ein Erkenntnistheoretiker auf den Gedanken gekommen ist, dass es ein Organ gibt, ein Organ des menschlichen K&ouml;rpers, das eine entscheidende Rolle f&uuml;r die Beziehung zur Aussenwelt spielt, n&auml;mlich die Oberfl&auml;che des menschlichen K&ouml;rpers, die Haut. Hautnah ist uns das Universum. Aber auch hautfern. Hautnah, weil das Universum, insofern es Aussenwelt ist, gleichsam &#8222;vor der T&uuml;re der Haut" beginnt, hautfern aber, weil das &#8222;Jenseits der Haut" einen qualitativen Unterschied bedeutet, jenen qualitativen Unterschied, der eindeutig unser ganzes Leben bestimmt. Das Weltall zerf&auml;llt in zwei verschiedene H&auml;lften, regiert von zwei je verschiedenen Ordnungen: das Universum &#8222;vor der Haut" (die leibliche Aussenwelt) und das Universum &#8222;hinter der Haut" (die leibliche Innenwelt). Den Grund daf&uuml;r, dass die erkenntnistheoretische Bedeutung der menschlichen Haut bislang nicht erkannt wurde, hat Whitehead wohl richtig gesehen, wenn er von zwei historischen Irrt&uuml;mern spricht: dem Irrtum der Verabsolutierung der Innenwelt, der Introspektion, und dem Irrtum der Verabsolutierung der Aussenwelt, dem Sensualismus. Zwischen diesen beiden Welten gibt es keinen Verkehr, keine genetische Beziehung. Der Grund daf&uuml;r ist der folgende. Die Introspektion zieht die Aussenwelt in sich hinein und macht sie zu ihrem integrierenden Teil. Dasselbe tut der Sensualismus f&uuml;r die Innenwelt, der Sensualismus, f&uuml;r den die Begrifflichkeit weitgehend mit den gegebenen Sinnesdaten zusammenf&auml;llt. Genetisch sind beide Welten getrennt, die Welt der Introspektion und die Welt des Sensualismus. Kein Abkunftsverh&auml;ltnis, kein Hervorgehen des Innen aus dem Aussen, des Aussen aus dem Innen, keine &#8222;Osmose" zwischen Aussen und Innen, obwohl doch gerade dieser Vorgang par excellence die menschliche Haut charakterisiert, und zwar sowohl im physischen und physiologischen, wie auch im seelischen und geistigen Sinn was Whitehead oft genug sehr deutlich macht. Die Introspektion ist ihrem &#8222;geistigen Einzugsgebiet" nach eine idealistische, der Sensualismus eine materialistische Richtung.



Zu Introspektion und Sensualismus gesellt sich noch ein dritter, von Whitehead abgelehnter Irrtum: der Dualismus. Auch er unterbricht die gleichsam &#8222;transatlantische Weite" des Stroms der Genesis von leiblichem Innen und leiblichem Aussen, zwischen der Welt hinter der Haut und der Welt vor der Haut, deren scheidendes Organ, eben die Haut, nur trennt, um nicht zu trennen, entsprechend ihrem osmotischen Prinzip, das, wie bereits erw&auml;hnt, nicht nur eine physische und physiologische, sondern auch eine seelische und geistige Tragweite hat. Der Dualismus vollendet in einem, was Introspektion und Sensualismus, Idealismus und Materialismus durch Ausdehnung ihres Geltungsbereichs tun. Er setzt zwei &#8222;kontinentale Bl&ouml;cke" nebeneinander, ohne sie auseinander hervorgehen zu lassen. Was unsere genetischen &Uuml;berlegungen anbelangt, so repr&auml;sentiert die Introspektion, also der Idealismus, den Selbstursprung, die Selbsthervorbringung des auch die Aussenwelt umfassenden innerlichen Prinzips, der Sensualismus aber, also der Materialismus, die Selbsthervorbringung des auch die Innenwelt umfassenden &auml;usserlichen Prinzips. Der Dualismus aber setzt den Selbstursprung des Innen gegen den Selbstursprung des Aussen, so dass sich beide Prinzipien, beide Welten, ohne Vermittlung, ohne gegenseitige Genesis gegen&uuml;berstehen. Und noch zur Erg&auml;nzung unserer geophilosophischen &Uuml;berlegungen: Es stehen sich Idealismus, Materialismus und Dualismus einerseits und das &#8222;maritime" Denken Whiteheads andererseits gegen&uuml;ber, das kontinentale Element, das Element &#8222;Erde", das abschottend wirkende, das ausschliessende Prinzip des nicht Durchdringbaren, eindeutig Lokalisierbaren, dem Element &#8222;Wasser", dem Prinzip des Alldurchdrungenen und Allesdurchdringenden, des universell genetisch Offenen, des nicht und nie eindeutig Lokalisierbaren, weil in ihm alles mit allem verbunden ist. Da sind philosophische Urerlebnisse im Spiel, die wir als Einfl&uuml;sse des kontinentalen und des maritimen Wesens, als Prinzipien des physischen und geistigen alten Griechenland feststellen k&ouml;nnen, erscheinend etwa im Gegensatz der Philosophie des Seins eines Parmenides und des Werdens eines Heraklit.



Summary*


This paper wants to show that in dealing with Whitehead's philosophy we must take a genetic perspective into account. Also, we haue to see Whitehead's development from the Principia Mathematica, and not act, as though Whitehead's organic philosophy appeared immanent at the time of his writing Process and Reality.



In Whitehead's thought we can study, in detail, how formal thinking, in terms of mathematical logic, enters into the realm of bio-physiological dimensions; in addition, the cultural aspects enter into the picture in terms of aesthetics. Generally speaking, entertaining Whitehead's grand view of the world means, to observe the encounter of the formal and material aspects in the world. It is Plato and Aristotle all over again -except on conditions specifically designed for the 20th century.



We want to emphasis, particularly, Whitehead's insistence that the Human Body is of utmost importance. We may also speak of the "geophilosophical location" of the body in the world. Our body, a "world body," concatenated with other bodies, enables us to communicate our "experience" of the world. Moreover, one aspect of our body, important for the development of an adequate epistemology, is our skin. It seems that the epistemological significance of our body's skin has not been duly considered. It is the skin which helps us to a kind of "osmotic epistemology" coming to terms with our "inner experiences" and outer realities.



In the last analysis it is the element "Water" as "Ocean," which constitutes the most fundamental understanding of Whitehead's genetic, or organic philosophy.



* Summarized by E. Wolf-Gazo with the approval of the respective author.






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