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2007/11/15 (08:22) from 85.179.58.192' of 85.179.58.192' Article Number : 303
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Michael Welker - Gott ist keine Zaubermacht
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Gott ist keine Zaubermacht

Über die Todesflut, falsche Allmachtsvorstellungen und eine unzerstörbare Hoffnung

Michael Welker

„Einer trage des anderen Last“ – ein Bibelzitat aus dem Gottesdienst im Januar zum Gedenken an die Flutopfer in Südostasien. Tatsächlich war eine weltweite Solidarität und internationale Hilfsbereitschaft zu beachten. Doch eine Frage will nicht verstummen: Warum? „Vorstellungen von Gottes Allmacht und von der Güte der Schöpfung müssen korrigiert werden“, sagt Michael Welker, Professor für Systematische Theologie in Heidelberg.

Wie konnte Gott das zulassen?“. Nach bisherigen Meldungen gibt es in den Katastrophengebieten in Südostasien über 165000 Tote, 500000 Verletzte, fünf Millionen entwurzelte Menschen, zerrissene Familien, leidende Kinder, zerstörte Existenzen, Chaos, Grauen, unsägliches Leid, vor dem die Sprache versagt. „Wie konnte Gott das zulassen?“ So fragen in diesen Tagen Menschen, die sich in ihrem Gottvertrauen tief erschüttert fühlen. Und so fragen rhetorisch auch manche, die den Glauben an Gott längst abgeschrieben haben. Erzwingt nicht die Todeswelle erneut eine Säkularisierungswelle?
Viele Urlaubsparadiese sind zerstört worden und weite Landstriche, in denen meist arme Menschen wohnten. Kräfte der Schöpfung haben Teile der Schöpfung zerstört. Reichte Gottes Macht nicht aus, um die Schöpfung zu kontrollieren? Es müssen falsche Vorstellungen von der Allmacht Gottes und von der Güte der Schöpfung korrigiert werden. Wir leben in einer Welt, in der Menschen auf Kosten anderer Menschen leben. Wir leben in einer Welt, in der physische und moralische Übel breiten Raum einnehmen. Erschreckend und in überwältigender Weise macht die Todesflut für die ganze Welt deutlich, was alle Menschen in ihrem Leben in kleineren Dimensionen immer wieder erfahren müssen: Wir leben nicht im Paradies. Wir leben auch nicht in einem perfekten Uhrwerk, das ein großer göttlicher Mechaniker eingerichtet hat, wie es besser nicht sein könnte. Auch religiös müssen wir den Glauben an ein Newtonsches Universum und an entsprechende Vorstellungen von Gottes Allmacht verabschieden.
Der biblische Schöpfungsbericht spricht davon, dass Gott dem Himmel, den Gestirnen, der Erde und den Menschen Anteil gibt an den schöpferischen Kräften und Mächten. Damit wird geschöpfliche Freiheit, werden aber auch geschöpfliche Selbstgefährdung und Selbstzerstörung möglich. Gott ist keine Zaubermacht, die die Naturgesetze überrollt. Die theologisch beliebte Rede von Gott als der „alles bestimmenden Wirklichkeit“ ist zu primitiv, um das Verhältnis von Gott und seiner Schöpfung angemessen zu erfassen. Der Glaube an den „allmächtigen Schöpfer“ bezieht sich nicht darauf, dass dieser Not, Leid und Tod perfekt verhindert, sondern auf die Kraft, auch aus Not und Leid heraus Neues und Gutes zu schaffen.
Die Welt, die Urlaubsparadiese hat, ist nicht das Paradies. Sie ist eigenen Naturgesetzen und Ordnungszusammenhängen unterworfen, die auch Gott anerkennt. Sie haben zur Todesflut geführt. Dass die Schöpfung neben ihrer Schönheit und Bewunderungswürdigkeit viele dunkle, ja abgründige Züge trägt und dass diese nicht nur menschlichem Versagen und Fehlverhalten zuzurechnen sind – hier wurde es wieder überdeutlich.
Die Kraft des Glaubens liegt nicht in der illusorischen Hoffnung, Gott könnte auf der Welt in Zukunft Seebeben verhindern. Sie liegt in dem Vertrauen, dass das unsägliche Leid, das über die betroffenen Menschen hereingebrochen ist, nicht in bloße Erfahrungen der Sinnlosigkeit, der Resignation und Verzweiflung treibt. Die weltweite Solidarität, die beispiellose internationale Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, die neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Menschen verschiedener Kulturen und Religionen, der mögliche Aufbau neuer Infrastrukturen und bisher nicht vorhandener Warnsysteme und die Relativierung lokaler politischer und religiöser Konflikte sind Zeichen der Hoffnung inmitten der übergroßen Not.

Die Erfahrung von zerstörender Gewalt und Chaos kann Gott der von ihm unterschiedenen Schöpfung nicht ersparen. Nach schöpferischen und neuschöpferischen Kräften, die das unsägliche Leid begrenzen und aus dem Chaos herausführen – danach muss in dieser Situation nicht nur politisch, wirtschaftlich, technisch und medizinisch, sondern auch religiös und theologisch gefragt werden. <



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