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Moltmann - Die Endzeit hat begonnen




DIE ZEIT
 

Die Endzeit hat begonnen

Warum viele Amerikaner die Bibel als verschlüsselten Fahrplan der Weltgeschichte lesen

Von Jürgen Moltmann

Ein regulärer Flug mit dem Jumbojet über den Atlantik ist auf dem Weg nach London. Die Maschine ist voll besetzt. Da kommt plötzlich die Stewardess zu dem Kapitän ins Cockpit. Mit weichen Knien und zitternder Stimme meldet sie: Dutzende der Passagiere sind verschwunden. Ihre Schuhe, Socken, Hosen und Kleider sind zurückgeblieben. Er sieht nach, findet in der ersten Klasse alles in Ordnung, in der zweiten Klasse aber schreit eine Frau nach ihrem verschwundenen Mann. Keiner weiß, was los ist. Er ruft Heathrow Airport an, kann dort aber nicht landen: Zahllose Flugzeuge sind abgestürzt, weil die Piloten plötzlich verschwunden sind, auch in der Flugleitung ist keiner mehr.

Der Pilot fliegt nach Chicago zurück. Dort herrscht dasselbe Chaos, aber Räumdienste machen ihm eine Landebahn frei. Die Katastrophe ist perfekt: abgestürzte Flugzeuge, zusammengestoßene Autos, entgleiste Züge, Tausende von Toten. Nur CNN funktioniert noch, und man sieht Bilder aus Kreißsälen, in denen Babys plötzlich aus dem Bauch schwangerer Frauen verschwinden, einem Bräutigam vor dem Altar die Braut abhanden kommt und auf den Philippinen ganze Schulklassen sich in nichts auflösen. Als der Kapitän endlich nach Hause kommt, ist auch seine Frau verschwunden.

Was ist passiert? Für ihn selbst war die Sache mit Gott immer nur irgendwie okay, aber seine Frau ging regelmäßig in Bibelstunden und gehörte zu einer Gruppe wiedergeborener Christen. Das bringt ihn auf die Spur. Sein Pastor erklärt es ihm: Die Endzeit hat begonnen. Wie die Bibel prophezeit, werden die wahren Gläubigen in die Wolken zu Christus „entrückt“, während über die zurückbleibenden Ungläubigen die Schrecken des Weltuntergangs kommen. Die Endzeit beginnt mit the great rapture der Gläubigen und führt die Ungläubigen sieben Jahre lang in the great tribulation mit Seuchen, Erdbeben, Tornados, Überschwemmungen und dem Terror des Antichristen im „Zeichen des Tieres“. Zuletzt aber kommt Christus wieder, tötet den Antichristen und errichtet sein tausendjähriges Reich, in dem die Gläubigen mit ihm herrschen werden, während die Ungläubigen vernichtet sind.

Wem die Stunde schlägt

Natürlich sind das Fiktionen, aber die Leser sind reale Menschen. Seit 1995 erscheint in Amerika in Romanform die (auch verfilmte) Serie Left Behind der beiden Sonntagsschullehrer Tim LaHaye und Jerry Jenkins, die mit dieser Story anfängt. Auflage mehr als 40 Millionen. Für Band zehn The Remnants gab es in diesem Jahr 2,5 Millionen Vorbestellungen. Nur die Hälfte der Leser mögen evangelikale Christen sein. Nach den Anschlägen vom 11. September stieg der Absatz um 60 Prozent. Auch säkulare Menschen fragten: Kommt das Weltende?, und viele lieben den doom and gloom in der Welt des Krimis und der Science-Fiction: „Beam me up, Scotty!“ Zweifellos die angenehmste Art, mit dem Bösen umzugehen.

1970 gab es schon einmal eine solche fiktive Apokalypse in Hal Lindsays Buch The Late Great Planet Earth mit ähnlicher Millionenauflage. Damals ging es um Harmaggedon, den Endkampf zwischen Gott und den Teufeln, Christus und Antichrist, den Guten hier und dem Reich des Bösen dort in jenem Tal bei Jerusalem. Dort sollten zuerst die Rote Armee der antichristlichen Sowjetunion, dann die Volksarmee des gottlosen China mit Atom- beziehungsweise Wasserstoffbomben vernichtet werden. Lindsay diente Ronald Reagan als Nahost- und Israelberater und überzeugte den Präsidenten von einem unvermeidlichen „Armageddon in unserer Generation“. Zum Glück kam Michail Gorbatschow mit seiner Friedenspolitik dazwischen. Es scheint, als ob das apokalyptische Szenario immer dann attraktiv wird, wenn säkulare Menschen die Welt nicht mehr verstehen wie nach dem Terror des 11. September. Nach Time/CNN fürchteten 59 Prozent aller Amerikaner, dass die apokalyptischen Weissagungen der Bibel wahr werden, und 25 Prozent glaubten sogar, die Bibel habe den terroristischen Angriff auf New York vorausgesagt.

Woher stammt die typisch amerikanische Lust auf den Weltuntergang? Theologisch gründet sie seit 1860 im so genannten dispensationalism des englischen Evangelisten John Nelson Darby und wurde durch die Scofield Reference Bible von 1909 populär. Hier wird die Bibel nicht als Glaubenszeugnis gelesen, sondern als verschlüsselter göttlicher Fahrplan für die Weltgeschichte. Die Zahl – zum Beispiel 666 – wird zum Schlüssel der Weltgeschichte. Man nennt diese Lesart der Bibel zwar „Biblizismus“, es handelt sich jedoch um eine Errungenschaft der frühen Aufklärungszeit. Wie Newton durch Erkenntnis der Naturgesetze die Natur entzauberte, so wollten die frühen „prophetischen Bibelausleger“ die Geheimnisse der Ge-schichte durch Erkenntnis ihres geplanten Ablaufs durchschauen. Der Grundgedanke ist einfach: Wie Gott in sieben Tagen die Welt geschaffen hat, wird auch – dispensations genannt – ihre Geschichte in sieben Zeitaltern ablaufen. Mit dem Erscheinen Christi sind wir in das christliche sechste Zeitalter eingetreten, und heute steht uns das siebte und letzte Weltzeitalter bevor. Biblische Prophetie soll geschichtliche Weissagung sein. Die Weissagung für die Endzeit steht in der Apokalypse. Folglich ist die Johannes-Offenbarung das wichtigste Buch der Bibel. Auch von Sir Isaak Newton gibt es Auslegungen der Apokalypse, schließlich war seine Weltmaschine eine Weltenuhr, an deren Zustand man erkennen sollte, was die Stunde geschlagen hat. Die apokalyptische Aussicht auf die bevorstehenden Schrecken der Endzeit gewann im Zeitalter der allgemeinen Fortschrittseuphorie Bedeutung für die fundamentalistische Reaktion auf den Modernismus und Liberalismus der protestantischen Welt. Sie stammt aber aus der gleichen Wurzel der Aufklärungszeit, die Glauben in Wissen überführen wollte.

Fromme Entrückung

Kritisch wird bemerkt, dass dieses Endzeitszenario nicht von Christus stammt, denn „Zeit und Stunde weiß niemand, auch nicht der Sohn“ (Markus 13, 32). Die „Entrückung“ der Glaubenden, von der Paulus in 1. Thess. 4, 17 spricht, ist auch kein Eskapismus zum Hohn auf die Hinterbliebenen, sondern ein Bild, in dem die Bewohner einer Stadt ihrem ankommenden König entgegengehen, um ihn in ihre Stadt zu geleiten. Von Schrecken der Zurückgelassenen steht da nichts. Die Zukunft Christi findet auf Erden statt, nicht im Himmel. Es wäre also besser, die Glaubenden blieben der Erde auch in Katastrophen treu und würden sich nicht ins Jenseits flüchten. Der fromme Entrückungstraum dagegen enthält eine Resignation, die diese Erde der Vernichtung preisgibt. Wer in seinem Glauben andere „zurücklässt“, verlässt sie. Das kann weder eine gesegnete Hoffnung sein, noch etwas mit Liebe zu tun haben. Schließlich: Ein Gott, der nur darauf wartet, christliche Besatzungen aus ihren Flugzeugen zu „entrücken“, damit diese abstürzen und Tausende Menschen getötet werden, kann kein Gott sein, dem man vertrauen kann. Das ist eher der üble Abgott einer krankhaften Weltverachtung.

In sektiererischen Zirkeln hat es solche Vorstellungen immer gegeben, im heutigen Amerika aber sind sie eine Massenerscheinung. Mehr und mehr Amerikaner lesen und sprechen über das Weltende, während Europäer das ziemlich kalt lässt. Warum? Ein Land, das seine Bestimmung von Anfang an in göttlicher Vorsehung begründet, hat eine natürliche Schwäche für Prophetien. Ein Volk, das eine „neue Welt“ gegenüber einer „alten Welt“ in Europa bauen wollte, ist geneigt, in dualistischen Kampfkategorien zu denken: hier die Guten – dort die Bösen und „wer nicht für uns ist, ist wider uns“. Im 19. Jahrhundert mobilisierte der Fortschrittsglaube den Aufstieg Amerikas, aber es entstanden auch drei apokalyptische Bewegungen der „letzten Tage“: Zeugen Jehovas, Mormonen und Adventisten. Heute schwanken viele zwischen einem messianischen Sendungsbewusstsein für das American empire und den dargestellten Weltuntergangsängsten. Es sind zwei Seiten derselben Medaille, die man auch Egomanie nennt. Christlicher Glaube ist demgegenüber demütige, aber anhaltende Leidenschaft für das Leben.


Jürgen Moltmannn ist emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Zuletzt erschien von ihm „Wissenschaft und Weisheit. Zum Gespräch zwischen Naturwissenschaft und Theologie“; Gütersloher Verlagshaus; 19,95 Euro



(c) DIE ZEIT 51/2002

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