Bibliothek zum Wissen





2001/06/12 (23:34) from 129.206.85.195' of 129.206.85.195' Article Number : 68
Delete Modify 전철 Access : 9271 , Lines : 1652
Ueber das Land Korea





Ueber das Land Korea

http://www.ems-online.org/_texte/korea/

Ein geteiltes Land, reich an Kontrasten

Von Gisela Köllner

Millionenstädte und Bauerndörfer

Die koreanische Halbinsel, im äußersten Osten Asiens zwischen Pazifischem Ozean und Gelbem Meer gelegen, entspricht mit einer Gesamtgröße von rund 220
000 km2 in etwa der Fläche der alten Bundesländer in Deutschland. Seit 1948 ist diese naturräumliche Einheit politisch zweigeteilt. Der nördliche Teilstaat, die
Demokratische Volksrepublik Korea, auch Nordkorea oder Choson genannt, grenzt entlang des Flusses Yalu an die Volksrepublik China. Eine kommunistische
Regierung unter KIM Jong-Il sorgt für eine starke Weltabgeschlossenheit Chosons. Nur wenige Informationen über Nordkorea mit seinen 23 Mio. Einwohnern
erreichen die internationale Öffentlichkeit. Der südliche Teil der Halbinsel wird eingenommen von der Republik Korea, auch als Südkorea bezeichnet, in der
Landessprache als Taehan Minguk. Auf einer Fläche von rund 100.000  qkm leben 44 Mio. Menschen, 440 Personen pro qkm. (Zum Vergleich: in Deutschland
ist die Bevölkerungsdichte nur halb so hoch).

In diesem Streiflicht soll das Land Südkorea vorgestellt werden. Ein Land mit Millionenstädten, Industrie und rasantem Wirtschaftswachstum, aber auch mit langer
Geschichte, lebendigen Traditionen und schönen Landschaften. In sechs Millionenstädten konzentriert sich die Hälfte der Landesbevölkerung (in Seoul, Pusan,
Taegu, Inchon, Kwangju und Taejon). Nur noch º der Südkoreaner leben in Dörfern. Industrie und Universitäten sowie ein wachsender Dienstleistungssektor
bewirken eine Abwanderung aus den bäuerlichen Dörfern und eine schnelle Zunahme der städtischen Bevölkerung. Durch eine rasche Industrialisierung seit den
60er Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation der Menschen auch soweit verbessert, daß zunehmend eine Freizeitgesellschaft entsteht, in der die jüngere
Generation traditionelle Werte in Frage stellt. So existieren heute kleine, einfache Bauerndörfer und eine moderne Weltstadt wie Seoul in direkter Nachbarschaft.
Der weitere Entwicklungsprozess dieses Landes wird von seinen Menschen noch viel an Offenheit für Veränderungen abverlangen.

Faszinierende Bergwelt im Osten, Landwirtschaft und Industrie im Westen

Korea wird häufig als die "Schweiz Asiens" bezeichnet. Dafür sorgt eine abwechslungsreiche Bergwelt, die im Osten der Halbinsel auf Höhen von fast 2000 m
ansteigt, in Nordkorea noch höher. Ähnlich wie der Schwarzwald entlang unseres Oberrheingrabens ragen hier Bruchstellen aus der Kontinentalplatte. Nach
Osten hin bricht diese Platte steil ins Japanische Meer hinein ab. Vor allem im Bereich dieser Bergwelt sind in Südkorea viele Nationalparks mit herrlichen
Wandermöglichkeiten ausgewiesen. 7,6% der Landesfläche sind Naturschutzgebiete. In dieser Zurückgezogenheit finden sich viele buddhistische Tempel, die
während der Zeit der YI-Dynastie (1392-1910) mit konfuzianistischer Ausprägung in den Städten nicht gern gesehen waren.

Gegen Westen wird die Landschaft flacher - so wie auch unser Schwarzwald langsam in die Gäuflächen übergeht. Hier gibt es geeignete Ebenen für
Landwirtschaft, aber auch für Industrieansiedlungen und große Städte, und so spielt der Westen des Landes wirtschaftlich eine bedeutende Rolle. Auf jeder
kleinen, geeigneten Fläche werden Reis, Sesam und Peperoni angebaut, daneben viele weitere Gemüsearten und auch die wertvolle Ginsengwurzel. In der
Umgebung der Städte schießen Neubausiedlungen wie Pilze aus dem Boden, und weite Industrieareale sind Zeugen der raschen Wirtschaftsentwicklung des
Landes.

Im Süden ist die Insel Chejudo ein rein vulkanisches Eiland, das stark durch Landwirtschaft und Tourismus geprägt ist.

Brückenland zwischen Großmächten

Im Laufe seiner Geschichte wurde das Land häufig Opfer seiner Lage zwischen den beiden Mächten China und Japan. Zwar kamen über die Halbinsel viele
kulturelle Neuerungen aus Asien, aber auch kriegerische Heere. Und für Japan stellte Korea ein Sprungbrett auf den asiatischen Kontinent dar. Trotzdem hat das
Land eine sehr eigene Kulturentwicklung erlebt, mit rein koreanischer Sprache und Schrift, eigener Literatur, Malerei, Töpferei und Musik.

Nach mythologischer Vorstellung im Jahre 2333 v. Chr. durch den Göttersohn Tangun gegründet, gibt es Funde einer menschlichen Besiedlung bereits aus der
Zeit um 800 000 v.Chr. Um 500 nach Chr. existieren auf der Halbinsel drei Königreiche: Koguryo im Norden, Paekche im Südwesten und Silla im Südosten. Es
gelangt Silla, seinen Machteinfluß über alle Königreiche auszudehnen. Die Hauptstadt des Sillareiches, Kyongju, ist eine Stätte bedeutender Tempel und
archäologischer Funde und gilt als eine der 10 bedeutendsten historischen Anlagen der Menschheit.

Von 918-1392 wird das Schicksal des Landes durch die Koryo-Dynastie bestimmt. Ein Lehenssystem und die buddhistische Religion prägen das Leben der
Menschen.

Ab 1392 bis 1910 hatte die YI-Dynastie das Sagen im Lande, deren konfuzianische Haltung bis heute Nachwirkungen auf das Leben hat. 1905 wird Korea
japanisches Protektorat, von 1910-1945 japanische Kolonie. Diese Zeit bringt viel Leid und Unterdrückung über das Volk, vom Verbot der Sprache und der
koreanischen Namen bis hin zur Zwangsverschleppung koreanischer Männer und Frauen, die in der Kriegsindustrie und als Zwangsprostituierte des japanischen
Militärs schrecklich ausgenutzt wurden.

Ein Brudervolk - zwei politische Systeme

Mit der Kapitulation Japans endet für Korea nicht nur der 2. Weltkrieg, sondern auch die japanische Kolonialherrschaft. Auf internationalen Konferenzen wird in
der Folge heftig über die Zukunft des Landes debattiert und eine sowjetisch-amerikanische Treuhandschaft für 5 Jahre beschlossen. Im Norden und Süden der
Halbinsel kommt es zur Bildung von Verwaltungsorganen, und 1948 wird die Republik Korea mit neuer Verfassung im Süden ausgerufen, der rasch die
Proklamation der Volksrepublik Choson im Norden folgt. Mit Beginn des kalten Krieges verschärft sich auch die Trennung der beiden Koreas, und am 25.6.1950
eskaliert die Situation im Koreakrieg. Nordamerikanische, UNO- sowie chinesische Truppen sind an diesem leidvollen Kapitel der koreanischen Geschichte
beteiligt. Das seit 27.7.1953 geltende Waffenstillstandsabkommen bestimmt noch heute die Lage dieses Volkes, das durch die undurchdringlichste Grenze der
Welt geteilt ist.

Zwischen Tradition und Aufbruch

Der Koreakrieg und die Teilung des Landes sind mit dem erlebten Leid und der häufig beschworenen "Gefahr aus dem Norden" für die Menschen und die Politik
bis heute prägende Faktoren in Südkorea. Nach 1953 folgte eine fast ununterbrochene Reihe diktatorischer Regime: YI Sungman 1953-1960; PARK Chung-Hee
1963-1979, in seiner Zeit werden die Weichen für den rasanten Wirtschaftsaufstieg des Landes gestellt; CHUN Doo-Hwan 1980-1987; ROH Tae-Woo
1987-1993 war zwar direkt gewählt, aber ein Kandidat des Militärs. Vom Volk gewählt wurde Präsident KIM Young-Sam 1993, bezüglich Pressefreiheit,
Gewerkschaftsarbeit und anderen demokratischen Strukturen bestehen jedoch noch immer Einschränkungen im Lande. Studenten- und Arbeiterproteste haben
diese Präsidenten begleitet. Am folgenschwersten waren Demonstrationen im Mai 1980, bei denen in der Stadt Kwangju viele Studenten im Kugelhagel ihr Leben
verloren haben. Heute sind in Südkorea allerorten Initiativen für eine weitere Demokratisierung im Lande spürbar. Aber für viele Menschen im Lande ist politische
Freiheit auch mit einer Wiedervereinigung verbunden: erst wenn keine angebliche Gefahr mehr den militärischen Apparat rechtfertigt, kann es persönliche Freiheit
geben.



Zwischen Konfuzius und Bibel - die religiöse Situation im Lande

Über China kam der Buddhismus im 4. nachchristl. Jahrhundert nach Korea, wo er lange Staatsreligion blieb. Erst die YI-Dynastie (1392-1910) erhob den
Konfuzianismus zur bestimmenden Weltanschauung und verbannte die buddhistischen Tempel in abgelegene Bergregionen. Als weiteres religiöses Moment gibt
es die alte koreanische Tradition des Schamanismus. Das Christentum kam erstmals 1784 durch einen koreanischen Gelehrten ins Land, der in China den
Katholizismus kennengelernt hatte. Eine starke Zunahme an christlichen Gemeinden gab es in unserem Jahrhundert, angeregt v.a. durch nordamerikanische
Missionare. Heute sind rund º aller Südkoreaner Christen, 36% Buddhisten, daneben gibt es Anhänger von Schamanismus und Konfuzius, aber auch viele
Konfessionslose. Die christlichen Kirchen kennen eine Trennung zwischen Katholiken (ca. 2 % der Bev.) und Evangelischen (ca. 25%), wobei es eine starke
denominationelle Aufsplitterung unter den evangelischen Gemeinden gibt.

[Quelle: EMS, Streiflicht Korea, August 1996]

Ein halbes Jahrhundert unterdrückt

Die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung

Von Kerstin Sommer

Ein halbes Jahrhundert der Unterdrückung - und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Schon kurz nach der Entstehung der ersten Gewerkschaft in den 40er Jahren
wurde sie von der Regierung als pro-kommunistisch verboten und durch eine regierungshörige Gewerkschaft ersetzt. Seit Südkorea auf Export setzt und
wirtschaftlich erstarkte, stieg die Zahl der Arbeiter, vor allem in der Textilbranche, enorm an. In diesem wichtigen Industriezweig sind Frauen in der Mehrzahl.
Landflucht und Verstädterung führten schnell zur Bildung einer Arbeiterklasse. Ein politisches Wir-Gefühl entwickelte sich erst allmählich, da sich die
Industrialisierung zu rasch vollzog. Erst die Selbstverbrennung des Textilarbeiters Chun Te Il im Jahr 1971 leitete den Kampf für bessere Arbeitsbedingungen ein.
Kirchen und Intellektuelle setzten sich für dieses Ziel ein. Die Studenten, die bisher primär für Demokratisierung gekämpft hatten, nahmen sich jetzt auch der
Arbeiterfrage an. Sie informierten in sog. Arbeiterschulen Menschen über ihre Rechte. Die städtische Industriemission (UIM) und die katholische Arbeiterjugend
(JOC) stärkten die nicht-staatlichen Gewerkschaften durch Ausbildung von Aktivisten. Diese Institutionen waren ein wesentlicher Rückhalt für die Bewegung und
die einzigen, bei denen sich die Arbeiter ohne Gefahr versammeln konnten. Kirchliche Räume tastete die Regierung nicht an, obwohl sie die UIM verbal als
"kommunistische Organisation" attackierte. Die Unterstützung der Studenten machte die Arbeiter mutiger. Auf Demonstrationen reagierte die Regierung mit
Brutalität. Im Katastrophenjahr 1980 tötete das Militär Hunderte von Zivilisten bei einer Demonstration in Kwangju. Doch gerade diese Tragödie gab der
Gewerkschaftsbewegung neuen Auftrieb. Studenten initiierten Arbeiteraufstände. Neue demokratische Gewerkschaften wurden ins Leben gerufen, die ihre legale
Anerkennung forderten. Die Kooperation von studentischen Aktivisten und Arbeitern führte zu einem "verkleideten" Arbeiterphänomen. Studenten bewarben sich
als Arbeiter, um die Bewegung zu unterstützen. Allein 1985 wurden 160 dieser "verkleideten" Arbeiter verhaftet. Einen weiteren Schub erlebte die
Arbeiterbewegung 1987. In diesem Jahr kam der Student Park Chong Chol durch Polizeifolter ums Leben. Eine neue Welle von Streiks folgten: Vor 1987
registrierte man rund 200 Arbeiteraufstände pro Jahr, nach 1987 waren es 3700. Erstreckten sich die Forderungen der Arbeiter bisher auf Lohnerhöhungen und
bessere Arbeitsbedingungen - Korea hat bis heute die höchste registrierte Arbeitsunfallrate - , so kamen nun Forderungen nach der Autonomie von
Gewerkschaften, Reform der Arbeitsgesetze und Teilhabe am Management dazu. Ein Jahr vor der Olympiade in Seoul (1988) lockerte die Regierung ihren harten
Kurs gegenüber den freien Gewerkschaften, kehrte aber schon 1989 zum gewohnten Stil zurück. Das koreanische Gewerkschaftssystem wird derzeit von zwei
Organisationen geprägt, von der regierungstreuen Federation of Trade Unions (FKTU) und von den demokratischen Gewerkschaften, die sich 1995 zur Korean
Federation of Trade Unions (KCTU) zusammengeschlossen haben. Ihr gehören rund ein Viertel der organisierten Arbeiter an, vor allem aus dem Schiffsbau, der
Automobilindustrie und dem öffentlichen Dienst, obwohl die KCTU sofort nach ihrer Gründung als illegal erklärt wurde. In Kleinstbetrieben, die auf der Basis von
Familien- und Bekanntenkreisen aufgebaut sind, sind KCTU-Anhänger ungern gesehen: Schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne und Überstunden sind
die Regel. Anders ist es bei den weltweit agierenden koreanischen Konzernen geworden. Hier hat sich die Arbeitslage deutlich verbessert, Arbeitsgesetze
werden eingehalten und gerechte Löhne bezahlt. Die Kluft zwischen Kleinbetrieben und Großfirmen wird aller Voraussicht nach größer werden. Korea gleicht
seinen Arbeitermangel durch Gastarbeiter aus, die froh sind, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben. Bei ihnen haben die Gewerkschaften bislang kaum Chancen.
Dennoch besteht die Hoffnung, dass mit dem einsetzenden Demokratisierungsprozess eines Tages auch die nicht-staatlichen Gewerkschaften legal werden.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 39]

Yang Wansuk hat einen Traum

Aus dem Leben einer Textilarbeiterin

Von Kerstin Sommer

Yang Wansuk ist heute 28 Jahre alt. Sie kommt aus einem Dorf in der Chullabukdo-Provinz. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr lebte sie zusammen mit sieben
Geschwistern bei ihren Eltern. Der Tagesablauf war durch das bäuerliche Leben bestimmt und ließ nicht viele Perspektiven offen. So war es für Yang Wansuk der
normale Weg, nach dem Abschluss der Schule in der nächsten Kleinstadt in einer Textilfabrik zu arbeiten. Drei Jahre später zog sie nach Seoul, um dort die
Aufnahmeprüfung für die Universität abzulegen. Geprägt durch das Leben mit einem behinderten Bruder wollte sie Behindertenlehrerin werden. Während der
Vorbereitung auf die Prüfung musste Yang Wansuk nebenbei arbeiten gehen. Darunter litt das Lernen, und sie gab nach der zweiten nicht bestandenen
Aufnahmeprüfung auf.

Während dieser ganzen Zeit fand sie Rückhalt in der Shim-Myong Gemeinde, die in einem Industriegebiet von Seoul zuhause ist. Ihr heimatlicher Pfarrer hatte ihr
die Shim-Myong Gemeinde empfohlen. In dieser Arbeiter-Gemeinde, die das Andenken an Chun Tae Il und sein Selbstverbrennungsopfer für bessere
Arbeitsbedingungen bewahrt hat, fand Yang Wansuk eine neue Heimat. Seit sechs Jahren verdient sie nun ihr Geld in einer mittelgroßen Textilfabrik mit dem
Nähen von Herrenhosen. Ihr Tageslauf ist durch ihre Arbeit und die Gemeinde bestimmt. Ihr Tag beginnt um 5 Uhr, eine Stunde später nimmt sie am Morgengebet
der Gemeinde teil. Ihr Arbeitstag geht von 8 bis 21 Uhr, einschließlich von Überstunden, ohne die sie nicht genug zum Leben verdient. Aber mittwochs und
sonntags steht die Gemeinde im Vordergrund. Am Mittwochabend ist Bibelstunde. Gemeinsam mit dem Pfarrer werden Bibelstellen gelesen, und nicht selten
vernimmt man ein Lachen aus der Bibelgruppe; denn oft erfährt die Bibelstelle eine Aktualisierung, die für Erheiterung sorgt. An diesem Abend bricht Yang
Wansuk aus dem Alltag aus. Das gibt ihr Kraft für den Rest der Woche. Den Sonntag verbringt sie ganz in der Gemeinde. Am frühen Morgen putzt sie die
Gemeinderäume oder beginnt mit der Vorbereitung des gemeinsamen Mittagessens. In Arbeitsgruppen am Nachmittag werden Erfahrungen der letzten Woche
ausgetauscht. Für Yang Wansuk ist die Gemeinde eine Familie, in der sie Verständnis, Ruhe und Kraft für das Leben findet.

Eine Zeit lang wollte sie andere von ihren Erfahrungen als Textilarbeiterin profitieren lassen. Da sie sich nicht der unternehmensfreundlichen Gewerkschaft ihrer
Firma anschließen wollte, stand sie einer Arbeitergruppe in der Gemeinde vor und klärte andere über ihre Rechte auf. Allerdings konnte sie dann nicht abends
arbeiten gehen, und schließlich musste sie diese Aufgabe aus Geldnot wieder aufgeben. Seit rund zwei Jahren lebt einer ihrer Brüder ebenfalls in Seoul, auch er
fand in der Gemeinde Halt. Die Geschwister haben beschlossen, zusammenzuziehen, um so etwas Geld für Yang Wansuks Traum zu sparen. Denn sie möchte
noch immer studieren, nur haben sich ihre Neigungen in der Zwischenzeit verändert. Es ist ihr großer Wunsch geworden, eines Tages Theologie zu studieren.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 40]

Der Anfang ist schon die halbe Vollendung

Anmerkungen zum Bildungssystem

Von Wolfgang Kröger



Südkorea hat sich in den letzten Jahrzehnten rapide verändert. Aus einem hochverschuldeten Dritte-Welt-Land ist eine selbstbewusste und leistungsfähige Nation
geworden. Dr. Wolfgang Kröger ist Lehrer und hat einige Jahre in Korea gearbeitet. Er fragt nach den Schlüsseln zu dieser Erfolgsstory. Sijaki ban - der Anfang ist
schon die halbe Vollendung - scheint dabei auch eine Rolle zu spielen.





Die Schul- und Bildungspolitik hat für diesen erstaunlichen Wandel die Voraussetzungen geschaffen. Im konfuzianisch geprägten Korea genießt Bildung höchstes
Ansehen. Lehrer und Professoren sind anerkannte Autoritätspersonen, denen der Lernende lebenslang zu Dank verpflichtet bleibt. Familien investieren alles, was
sie haben, in die Ausbildung ihrer Kinder. Da, wo wirklich internationaler Wettbewerb herrscht - wie im Bereich der Musik und Bildenden Kunst, natürlich auch im
"big business" - tauchen vermehrt koreanische Namen in der Spitzenkategorie auf. Globalisierung ist seit der Olympiade 1988 die Bezeichnung für den Kontext
der koreanischen Bildungspolitik.

Dabei erscheint für den westlichen Beobachter vieles im koreanischen Bildungssystem seltsam und störend: Die Klassen in den Schulen sind riesig groß. Es wird
weitgehend unkritisch gelernt, der Lernstoff wird eingepaukt und wenig verarbeitet. Es findet ein dauernder, scharfer Wettbewerb zwischen den Schülern statt, und
während der Prüfungszeiten steigert sich dieser Kampf bis ins Absurde und belastet die Schülerinnen und Schüler enorm. Noch immer herrscht im Bildungssystem
weitgehende Korruption. Soll das eigene Kind gut gefördert werden, so braucht der Lehrer eine gute "Zuwendung". Will man eine gute, sich auszahlende Lehrer-
oder Professorenstelle bekommen, muss man zunächst selber äußerst "spendabel" sein. Der Schuldrill und die Autoritätshörigkeit bereiten natürlich nicht auf ein
Leben in einer Demokratie vor. Die zentral organisierten Schulprüfungen gehen vielfach, um überhaupt zu einer "Differenzierung" kommen zu können, weit über
den Lehrstoffplan hinaus, so dass nur die Schüler, die sich die besten und teuersten Nachhilfestunden leisten konnten, eine gute Chance haben. Nach dem
Schulstress und der Zuteilung der Lebenschancen durch die Universitätseingangsprüfungen wird im Studium zunächst ziemlich gegammelt; Uni-Ausflüge, Demos,
Sportturniere, Liebesgeschichten - alles scheint auf dem College-level wichtiger zu sein als ein ordentliches Studium.

Was macht dann dies Bildungssystem trotzdem so erfolgreich? Kinder werden in Korea bis zum Schuleintritt verwöhnt. Natürlich pauschaliert eine solche
Aussage. Aber es ist doch auffallend, eine wie große Freiheit koreanische Kinder und besonders die Jungen genießen. Sie sind überall dabei, und immer ist
jemand für sie da. Wenn sie quengeln oder müde werden, nimmt Mutter oder Großmutter sie auf den Rücken und trägt sie herum und wiegt sie ein. Das schafft ein
Grundvertrauen ins Leben. Das Selbstbewusstsein und die Lebenszufriedenheit sind vorgegeben und können durch mögliche Niederlagenerfahrungen im
Schulalltag nicht mehr ganz erschüttert werden. Wenn sich dann in der Schule noch Erfolge einstellen, verwirklicht sich für den einzelnen Schüler das, was die
Botschaft der "koreanischen Kindheit" war: Du bist der Star, du bist der über alles geliebte. So gefördert und gefordert, steckt sich der Jugendliche hohe Ziele,
wirkt dabei manchmal naiv und ein wenig aufgeblasen - und hat in Korea nicht zu fürchten, als "Angeber" fertiggemacht zu werden. Im Ergebnis erreicht dann
mancher, und sei es über Umwege, ein solch hochgestecktes Ziel. Bei alledem stehen Eltern und Gesamtfamilie bereit, dem begabten Kind alle Förderung zuteil
werden zu lassen: Privatunterricht, Schulgeld, Unigebühren, Auslandsstudium.

Was allerdings im koreanischen Ausbildungssystem zu kurz kommt, ist der tertiäre Sektor, also die Berufsschul- und Berufsausbildung. Zwischen Arbeitern und
"white-collar-Leuten" herrscht deshalb ein allzu großer Abstand. Doch die Sehnsucht, nicht mit der Hand arbeiten zu müssen, ist natürlich auch ein starker
Impuls für die Bildungsbeflissenheit der koreanischen Gesellschaft. Dass Bildung auf der gesellschaftlichen und familiären Werteskala obenan steht, ist der
Schlüssel zur individuellen und gesellschaftlichen Erfolgsstory in Korea. Dabei schließt Bildung auch das "östliche Wissen" mit ein, also Grundkenntnisse im
Chinesischen und das Wissen um die chinesische Philosphie. Und das macht die jungen Koreaner durchaus selbstbewusst auch gegenüber ihren westlichen, in
dieser Beziehung ignoranten Kolleg/innen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 43-44]

Das Christentum - eine koreanische Religion

Wie der Katholizismus nach Korea kam

Von Gisela Köllner



Die christliche Religion ist in Korea weit verbreitet und genießt hohes Ansehen. Vertreter koreanischer Kirchen betonen immer wieder, daß das Christentum von
Koreanern ins Land gebracht und mit großer Überzeugung angenommen wurde. Es sei falsch zu sagen, die christliche Religion sei unter kolonialen Bedingungen
verbreitet worden. Diese bemerkenswerte Geschichte hat das 18. Jahrhundert und die harte gesellschaftliche Realität in der koreanischen Yi-Dynastie zum
Hintergrund. In der strengen konfuzianischen Hierarchie hatten die regierenden Gruppen von Adeligen (Yangban) und die Landbesitzer das Sagen, arme Bauern
und Handwerker führten unter den Steuerlasten ein schweres Leben. Auch Yangban ohne Beamtentätigkeit und ohne Einfluß auf die Regierung waren
unzufrieden. Das Land war streng von der Außenwelt abgeschnitten, nur die jährlichen Regierungsdelegationen an den Hof des Kaisers in China hatten Kontakt
zu Ausländern und konnten sich über weltweite Entwicklungen informieren. Bereits seit dem 17. Jahrhundert brachten diese Gesandtschaften westliches
Gedankengut in Buchform nach Korea, allen voran chinesische Übersetzungen von Werken zu Astronomie, Geographie, Technik und Mathematik. Das Studium
dieser Bücher führte 1654 zu einer Reform des Kalendersystems, die Kenntnis von Weltkarten veränderte das Bild der eigenen Position und widerlegte die
bisherige Vorstellung von China als dem Reich der Mitte.

Auch Übersetzungen theologischer Werke gelangten nach Korea, wo sie mit einem gewissen intellektuellen Interesse in Yangban-Kreisen gelesen wurden. Durch
Freunde auf diese Religion aufmerksam gemacht, gehörte Yi Sung-Hun 1783/84 zur jährlichen China-Delegation. In Beijing traf er katholische Missionare, ließ
sich von ihnen unterweisen und 1783 taufen. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1784 berichtete er über seinen neuen Glauben in Adeligenkreisen des
koreanischen Südens, die offen für Neues waren. Vor allem jedoch in ärmeren Bevölkerungsschichten des ganzen Landes fand die christliche Religion rasche
Verbreitung. Bis 1795 entwickelte sich ein rein innerkoreanischer Katholizismus. Erst dann kam der erste ordinierte Pfarrer, der Chinese Chou Wen-Mu, illegal
nach Korea. In einer Woge der Christenverfolgung wurde er am 31. Mai 1801 hingerichtet.

Christliche Märtyrer gab es jedoch schon früher. Die Regierung war über die rasche Ausbreitung der neuen Religion beunruhigt; einige Inhalte stellten ihre
konfuzianisch begründete Macht infrage. So beispielsweise der Gedanke, daß weltliche Macht ein wertloses Ansinnen sei. Aber auch die strikte Ablehnung des
Ahnenkults, die von seiten des Vatikan unterstrichen wurde, war für viele Koreaner schockierend. Ein Yangban namens Yun Chi-Chung in der Provinz Cholla
ließ beim Tod seiner Mutter 1791 anstelle der konfuzianischen Zeremonie einen christlichen Gottesdienst abhalten und verbrannte die Ahnentafeln seiner
Vorfahren. Nach koreanischen Vorstellungen stellte er damit das gesamte Gesellschaftssystem infrage und beging als Sohn die größtmögliche Sünde. Er und
einige beteiligte Verwandte wurden deshalb hingerichtet. 1785 wurde der Katholizismus offiziell verboten, theologische Literatur wurde verbrannt. Dennoch nahm
die Zahl der Katholiken zu und erreichte 1855 eine Zahl von 13 600 Christen, 1884 von 17 600. 1832 kam Gutzlaff als erster evangelischer Missionar ins Land;
ihm folgten seit den 60er Jahren viele weitere. Heute ist rund ein Drittel der Bevölkerung getauft, ca. 23 Prozent sind evangelisch und fünf Prozent katholisch.

Nach: Han Woo-Keun: The History of Korea. The Eul-Yoo Publishing Company, Seoul 1970; Allen D. Clark: A History of the Church in Korea. The Christian
Literature Society of Korea, Seoul, 1992. Bearbeitung: Gisela Köllner

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 15]

Deutsche Ostasien-Mission

Die Deutsche Ostasienmission (DOAM) wurde 1884 gegründet. Sie hat ihre Wurzeln in der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts. Ihre Gründer aus der
Schweiz und aus Deutschland suchten die Auseinandersetzung mit Religionen in Asien und entsandten ihre Mitarbeiter als Missionare nach China und Japan.

Die Veränderungen im theologischen Denken der 20er Jahre in Deutschland führte zu einer Neubesinnung und in den 30er Jahren zu Zerreißproben, so dass es
nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Spaltung in eine Schweizerische und eine Deutsche Ostasienmission kam. Nach Jahren der Entfremdung gibt es heute eine
freundschaftliche Zusammenarbeit. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands haben sich auch die beiden gezwungenermaßen getrennten Vereine der DOAM
im Osten Lind Westen wieder zusammengefunden. Bei der Integration der Missionsgesellschaften in das EMS und das Berliner Missionswerk hat die DOAM ihre
Selbständigkeit weithin aufgegeben in der Erwartung, dass die Kirchen, in deren Bereich die DOAM tätig war, ihre Aufgaben in Zukunft besser wahrnehmen
können.

Drei direkte Aufgaben sind der DOAM noch vorbehalten: die Verwaltung einer japanischen Stiftung im Herzen von Tokyo, die Betreuung von Freundeskreisen
vor allem in Ostdeutschland und die Durchführung einer jährlichen Studientagung zu Ostasien. Das Interesse liegt nach wie vor in der lebendigen Begegnung mit
fremden Kulturen und Religionen sowohl in Deutschland als auch in Ostasien. Besonders dienen dazu die beiden christlichen Institute in Japan und Korea, die
sich mit den Problemen ihrer jeweiligen Gesellschaft auseinandersetzen: das Tomisaka Christian Center in Tokyo, das u.a. die Problematik des Tennoismus oder
die ökologischen Fragen in einer modernen Industrienation aufgegriffen hat, und das Koreanische Theologische Forschungsinstitut in der Nähe von Seoul, das
mit seinen theologischen Lehrbüchern einen beträchtlichen Einfluss auf die theologische Ausbildung koreanischer Pfarrer hat.

[Quelle: EMS, Fürbitt-Kalender 2000, 16. Tag]

Brief an unsere Kirchen und Gemeinden

Vom 12. bis 16. 9. 2000 trafen sich in Musashi-Ranzan bei Tokyo / Japan Christinnen und Christen aus Südkorea, Japan und Deutschland. Wir geben
Ergebnisse und Fragen an unsere Gemeinden weiter und verstehen das Folgende als einen Beitrag zum Programm des Ökumenischen Rates der Kirchen
"Dekade zur Über-windung von Gewalt".

Wir arbeiteten zu den Themen VERGEBUNG, WIEDERGUTMACHUNG UND GEWALTVERZICHT. Wir sind betroffen über die Gräueltaten, die in den letzten 60
Jahren in Deutschland, Korea und Japan begangen worden sind und manchmal erst jetzt in ihren furchtbaren Einzelheiten in die Öffentlichkeit kommen. Wir
denken dabei z.B. an das durch die US-Truppen verursachte Massaker von No-gun-ri im Koreakrieg (Anm. 1), an Kwangju (Anm. 2) (1980), an das durch
Japan begangene Blutbad in Nanjing (Anm. 3) (1937), an die Shoah in Deutschland und die politischen Unrechtstaten in der ehemaligen DDR.

Wir sind betroffen, wie japanische Soldaten mit koreanischen Frauen im Pazifikkrieg umgegangen sind. Wir hörten von den Zwangsverschleppungen des
japanischen Staates während der Kolonialherrschaft Japans über Korea. Uns beschwert, dass viele unschuldige Menschen, die in Gefängnissen gelitten haben,
bis heute nicht entschädigt worden sind. Wir bekennen, dass unsere Kirchen in ihren Ländern nicht eindeutig ihre Stimme gegen angewandte Gewalt erhoben
haben.
Weil Gott uns einen neuen Anfang geschenkt hat, sehen wir, dass trotz aller Be-lastungen und Verletzungen, die zwischen uns stehen, neue Wege zueinander
und miteinander möglich sind.

Gewaltverzicht
Wir sind überzeugt, Gewalt beginnt
- mit der Verachtung von Menschen aus anderen Kulturen und Religionen,
- mit Gleichgültigkeit gegenüber der politischen und ökonomischen Wirklichkeit,
- mit dem Ignorieren anderer Menschen,
- mit einer Sprache, die negativ über Minderheiten redet,
- mit sozialer Isolierung oder psychischer Demütigung.
Wir sehen in jedem Staat und in wirtschaftlicher Macht (Mammon) die Gefahr, dass Menschen nicht nur beschützt und reicher werden, sondern auch gefährdet
sind.

Wir halten das Widerstandsrecht gegen versklavende Gewalt für legitim. Wir bitten die Gemeinden, mit Gläubigen aus anderen Ländern über die Rolle von Militär
und Gewaltverzicht zu beraten, um neue Perspektiven für eine gewaltfreiere Zukunft zu gewinnen. Dabei dürfen die Ziele der Bergpredigt und die Praxis von
Gandhi, Martin Luther King und Kwangju 1997 ("Entmächtigung des Tränengases" - Anm. 4) nicht vergessen werden.
Wir halten Recht und Gerechtigkeit für die wichtigste Alternative zur Gewalt. Deshalb müssen das Völkerrecht, die internationalen Gerichtshöfe und die
Menschenrechte gestärkt werden.

Wir wollen wirksamer darauf achten, dass Gewissensentscheidungen respektiert werden. Durch die Gebote der Bibel müssen in den Gemeinden die Gewissen der
Menschen immer wieder geschärft werden (z.B. keine Gewalt gegen Frauen). Die Kirchen müssen grundsätzlich auf der Seite der Schwachen stehen.

Vergebung
Das nationalistische Denken in Deutschland und Japan führte zur Shoah, entfesselte den Zweiten Weltkrieg und machte viele Nachbarvölker zu Opfern.
Vertre-terinnen und Vertreter aus Korea berichteten uns eindrücklich über die besonderen Folgen in ihrem Land. Allerdings hat es in jedem Volk und jeder
Kirche Täter und Opfer, aber auch eine schweigende Mehrheit von Zuschauern und Mitläufern gegeben. Wir sind Vertreter der Kinder- und Enkelgenerationen,
die nicht direkt mit den Verbrechen und Untaten des Zweiten Weltkriegs oder des Koreakriegs zu tun haben. Trotzdem müssen wir Stellung nehmen. Denn wir
werden immer wieder mit der Geschichte unserer Väter und Mütter konfrontiert. Wir sind dafür verantwortlich, dass alle Generationen die Last der Geschichte nicht
ignorieren, sondern aus der Schuld der Völker und Kirchen Wege zur Versöhnung finden.

Wir sind überzeugt, dass öffentliche Schuldbekenntnisse eine neue Zukunft für Täter und Opfer eröffnen, vor allem wenn sie Schuld konkret benennen. Wir sind
überzeugt, dass die Täter, die Buße tun, ihre Gräueltaten aufdecken und Entschädigung leisten, Vergebung von den Opfern empfangen. Wir sind uns aber
bewusst, dass die Täter aus Angst vor Verurteilung und Ehrverlust diesen Schritt scheuen. Oft können sie sich ihrer Schuld und Verstrickung erst stellen, wenn
ihnen Vergebungsbereitschaft entgegengebracht wird. Die Stärke der Opfer ist ihre Bereitschaft, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun. Wir wissen, dass
bedingungslose Vergebung für einzelne Menschen möglich ist. Für die Völker verlangt Versöhnung eine politische und ökonomische Gestaltung.

Inspiriert von der biblischen Geschichte von der Begegnung zwischen Jesus und Zachäus (Lukas 19, 1-10) sind wir überzeugt, dass auch die Kirchen nicht in
einer Zuschauerhaltung bleiben dürfen. Sie müssen dazu beitragen, dass Täter und Opfer aufeinander zugehen, dass die Leiden der Opfer öffentlich anerkannt
werden und die Täter bereit sind, die Wahrheit über ihre Taten zu bekennen und Entschädigung zu leisten. So kann Vergebung durch die Opfer und Versöhnung
möglich werden.

Entschädigung / Wiedergutmachung
Wir sind der Meinung, dass Wiedergutmachung zwischen Tätern und Opfern im Grunde genommen unmöglich ist. Für die Opfer und die Hinterbliebenen sind
sowohl eine klare Aussage der Wahrheit und die konkrete Aufarbeitung der Geschichte notwendig als auch die materielle Entschädigung, so weit als möglich.
Eine Entschädigung kann helfen, eine Wiederholung des Bösen zu verhindern. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass Entschädigung die Gefahr in sich birgt, zur
Beendigung der Diskussion missbraucht zu werden. Von großer Bedeutung ist in jedem Fall die Wiederherstellung der Menschenwürde.

Darum fordern wir auch uns selbst auf, die Wahrheit ans Licht zu bringen und lebendig ins Gedächtnis des Volkes zu rufen.

Wir, Christinnen und Christen aus drei Ländern, verlangen von der japanischen Regierung, dass sie sich sofort bei den Opfern entschuldigt und Entschädigung
leistet. Darum unterstützen wir auch das Internationale Frauen-Tribunal für die Comfort Women (Anm. 5) im Dezember dieses Jahres in Tokyo.

Diese Aufgaben verändern die Beziehungen zwischen Völkern und auch die unseres eigenen Lebens. Sie gehören zum ökumenischen und missionarischen
Auftrag aller Kirchen.

Schluss
Darum bitten wir unsere Kirchen in Korea, Japan und Deutschland, vor Ort für die Erinnerung der Geschichte sowie für die Weitergabe gewonnener Erkenntnisse
an die nächste Generation zu arbeiten.

So bitten wir unsere Gemeinden, sich dafür einzusetzen, dass die z. T. erst jetzt bekannt gewordenen Unrechtstaten nicht verdrängt werden, und rufen sie auf,
gemeinsam mit den verantwortlichen Politikern und Bürgerinitiativen nach Lösungen zu suchen.

Wir bitten unsere Kirchen, die Zeitzeugen nicht zu überhören und sich für weitere Austauschmöglichkeiten und Begegnungen zwischen den drei Ländern
einzusetzen, um auch die Jugend in die uns bewegenden Fragen verantwortlich einzubeziehen.

Auch bitten wir die Kirchen in unseren drei Ländern darum, sich für die Versöhnung zwischen Nord- und Südkorea, die im Juni dieses Jahres begonnen hat, auf
allen Ebenen einzusetzen.

Die Tagung fand erstmals auf Initiative der Deutschen Ostasienmission, des Tomisaka Christian Center (Japan) und des Koreanischen Theologischen
Forschungsinstitutes (Seoul) statt.

Deutsche Ostasienmission: Paul SCHNEISS
Zähringer Str.16, 69115 Heidelberg, Germany
Aunae-Stiftung: KIM Jeong-Ran
33 Byungchun-ri, Byungchun-Myun, Chonan-shi, Korea
Tomisaka Christian Center: MURAKAMI Hiroshi
2-9-4 Koishikawa, Bunkyo-Ku, Tokyo 112-0002, Japan


Anmerkungen:

1 Nogun-ri ist ein Dorf in Südkorea, bei dem die im Juli 1950 in einen Tunnel geflüchtete Zivilbevölkerung und nordkoreanische Flüchtlinge von US-Soldaten
niedergeschossen wurden (über 200).
2 Kwangju, Hauptstadt der Südwestprovinz Südkoreas, in der das südkoreanische Militär ein Blutbad unter der unbewaffneten Bevölkerung anrichtete, die sich für
Demokratie einsetzte.
3 Nanjing (früher: Nanking, China), wo das jap. Militär 1937 wochenlang ein Massaker unter der Bevölkerung beging, dem 300.000 Menschen zum Opfer fielen,
was bis heute von Japan offiziell nicht anerkannt wird.
4 Die gewaltfreie Demonstration zum Jahrestag des Massakers von Kwangju 1980 ließ sich auch vom Tränengas der Polizei nicht einschüchtern.
5 "Comfort Women", also "Trostfrauen" wurden die Zwangsprostituierten im jap. Militär während des Zweiten Weltkrieges genannt (geschätzt über 200.000).

Diakonie- das Stichwort für die kommenden Jahre

Von Reinhilde Freise



In der Nähe vom Magdalena-Haus hat Gene Malony eine kleine Beratungsstätte. Die Leute des Viertels kommen und fragen um Rat z. B. bei Eheproblemen,
wegen Kinderadoption oder Scheidungsrecht. Die Mary-Knoll-Sisters haben insgesamt zwölf Büros in Korea mit verschiedenen sozialen Diensten, die fast ganz
von Spendern getragen werden. In Seoul unterhalten sie eine Klinik für Arme, ein Zentrum für Alkoholiker und führen Armenspeisung durch. In einem Treffpunkt
für Stadtteilentwicklung können Frauen Lesen und Schreiben lernen und ein paar Fertigkeiten erwerben, mit denen sie Geld verdienen können. Ein weiteres Büro
ist auf Gerechtigkeitsfragen spezialisiert. In Kwangju führen sie eine Schule für körperlich behinderte Kinder und bieten soziale Dienste für die ärmeren
Studen/innen an.

Diakonie wird in südkoreanischen Kirchen häufig von einzelnen getragen. Dabei darf man nicht vergessen, daß die katholische Kirche und einige protestantische
es jahrelang für eine wichtige soziale Aufgabe ansah, für Demokratie und Menschenrechte einzutreten, politische Gefangene zu verteidigen und sich um ihre
Familien zu kümmern. Mitglieder von Mittelstandsgemeinden gehören zwei oder drei Hilfsorganisationen an, für die sie sammeln. Insgesamt aber tut man sich in
solchen Gemeinden schwer, einen Ausgleich zwischen armen und reichen Gemeinden zu schaffen.

Koreanische Pfarrer, die nach Deutschland kommen, wundern sich über die schlecht besuchten Gottesdienste, entdecken meistens aber mit Bewunderung die gut
organisierten diakonischen Dienste der Kirchen. In Korea entscheidet jede Gemeinde selbst, welche Projekte sie unterstützen möchte; viel Geld und Einsatz
bleiben auch hier in der eigenen (Mittelstands-) Gemeinde. "Die koreanische Kirche hat sich bisher zu sehr am Himmel orientiert und zuwenig um die Erde
gekümmert", meint Sook Lee-Phil, Predigerin in einer armen Gemeinde. Sie selbst hat fünf Waisen bei sich aufgenommen und betreut 35 weitere Kinder
zusammen mit zwei Helferinnen in einer Kindertagesstätte. Sonntags versucht sie, in möglichst vielen Gemeinden zu predigen; nur so komme sie an Geld für ihre
Arbeit. Dies ist ein typisches Beispiel für die Diakonie-Situation in den rund 160 evangelischen Denominationen im Land. Doch ist Diakonie das Stichwort für die
kommenden Jahre, nachdem der Staat sich nicht zu einem Sozialstaat entwickelt und immer mehr Randgruppen entstehen. Man kann es sich nicht mehr leisten, in
Konkurrenz zueinander und unvernetzt zu arbeiten. Inzwischen bestehen Kontakte zum Diakonischen Werk in Deutschland, dessen Arbeit als vorbildlich gilt.
Altenbetreuung, Pflege von Behinderten, Frauenhäuser, Frauennotruf, Drogenberatung und vieles andere mehr sollen verstärkt und besser vernetzt werden.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 35]
Vielseitig, modern und fröhlich

Die Diakonieschwestern in Mokpo

Von Sabine Bauer



Schwester Lee Young-Sook schürzt die blaugraue Tracht, startet das Motorrad durch und fährt los. Auf der geraden Strecke geht alles gut, dann die Kurve. Das
Hinterrad rutscht weg und Schwester Lee liegt neben dem Motorrad. Als wir auf sie zugerannt kommen, steht sie schon wieder auf den Beinen. "Na", meint sie,
"das Ding, mit dem ich jahrelang zu den Kranken in die Dörfer gefahren bin, war halt bloß ein Moped." Schwester Lee ist eine der sechs Frauen, die sich 1980
zusammentaten, um eine Form gemeinsamen Lebens in Gebet und Dienst am Menschen zu finden. Eine Ärztin in Mokpo, Dr. Yoh, schenkte ihnen ein Stück
Land, und die jungen Schwestern arbeiteten in ihrer Lungenklinik mit. Bis heute ist die Pflege von Patienten mit offener Tb in der Wohngemeinschaft des
"Hansalmejib" Teil ihrer Arbeit. Zur Zeit leben dort 15 Patienten und zwei Schwestern. Vor zwei Jahren hatte Lee Young-Sook sich angesteckt. Zum Glück
wurde es früh entdeckt, und nach Monaten völliger Ruhe konnte sie die Arbeit wieder aufnehmen. Heute zählt die Schwesternschaft zwölf Mitglieder. Manche
junge Frauen, die ins Noviziat kamen, sind wieder gegangen. Das ist schmerzlich für die Schwestern, aber sie meinen, erst im gemeinsamen Leben kann man
feststellen, ob dies wirklich die angemessene Antwort auf den Ruf Gottes ist. Doch inmitten der am quantitativen Wachstum orientierten koreanischen Kirche ist es
nicht leicht, als kleine Gemeinschaft selbstbewusst zu bleiben. Neuerdings stattfindende diakonische Frauenseminare sollen dazu beitragen, die Schwestern und
ihre Arbeit bekannter zu machen. Die Schwestern sind mit Hilfe von Prof. Ahn Byung-Mu, dem damaligen Leiter des "Korean Theological Study Institute", mit
Schwesternschaften in Europa in Verbindung gekommen und wurden Mitglied im Kaiserswerther Verband. Schwestern aus Grandchamps halfen ihnen bei den
ersten Gestaltungsversuchen ihres geistlichen Lebens. Die geistliche Ausrichtung der Diakonia-Schwesternschaft betont das Soldidarischwerden mit dem Leiden
der Menschen.

Das ihnen damals geschenkte Stück Land haben die Schwestern vielfältig genutzt: Eine Kapelle wurde gebaut, ein Tagungszentrum, das von kirchlichen Gruppen
genutzt wird. Nach vorn zur Straße hin gibt es große Gewächshäuser mit Aloepflanzen, die sich genau wie die Erzeugnisse der Orchideenzucht gut verkaufen
lassen. Aber die Hauptaufgabe bleibt nach wie vor die Sozialarbeit. Im Team mit Ärzten und Krankenschwestern besuchen sie Arme und Kranke in ihren Häusern,
versorgen sie medizinisch und beraten bei familiären Problemen. 1993 haben sie ein kleine Zahnarztpraxis eingerichtet, in der Ärzte kostenlos behandeln. Die in
der Stadt tätigen Schwestern kommen abends ins Mutterhaus zurück, um wenigstens zweimal am Tag am gemeinsamen Gebet teilnehmen zu können. Im
Mutterhaus führen sie praktische Seminare für Jugendliche und Frauen aus ländlichen Gebieten durch und machen sie mit biologischem Anbau und aller Art von
Umweltschutzmaßnahmen bekannt. Die Schwestern haben sich im Laufe der Jahre ein erstaunliches landwirtschaftliches Fachwissen angeeignet. Seit neuestem
sind drei Schwestern von Mokpo nach Chonan übergesiedelt, wo sich das frühere Korean Theological Study Institute zum "Aune-Dorf" entwickelt hat, in dem
ebenfalls eine Gemeinschaft entstehen soll. Wer weiß, vielleicht muss Schwester Lee ihre Motorradfahrkünste bald wieder im Ernst einsetzen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 33]


Leben auf dem Lande

Kleinbauern zwischen Weltmarkt und Tradition

Von Gisela Köllner



Die traditionelle Landwirtschaft ist bedroht, die bäuerliche Kultur zum Absterben verurteilt. Die Autorin, Mitarbeiterin im EMS, schildert am Beispiel des typisches
Dorfes Youngri die Probleme der ländlichen Bevölkerung.

4. Uhr 30 am Morgen in dem 300-Seelen-Dorf Youngri in der Provinz Chungcho-nam, ungefähr 150 Kilometer südlich von Seoul: Seit wenigen Minuten hört
man den Klang von Glocken leise aus den Nachbarorten jenseits der Hügel. Und nun setzt auch der Lautsprecher der kleinen Kirche von Youngri ein und ruft mit
einem koreanischen Kirchenlied zum Morgengebet - wie in allen Dörfern Südkoreas zu so früher Stunde. Gleich danach beginnt die harte Tagesarbeit.

Kommt man aus der modernen und hochtechnisierten Hauptstadt in ein koreanisches Dorf, wird man mit Impressionen einer völlig neuen Welt konfrontiert: einfache
Betonplatten-Zufahrtswege zum Ort, unbefestigte Dorfstraßen, alte Bauernhäuser, die manchmal renovierungsbedürftig sind. Zwischen kleinen, verstreut
liegenden Feldern mit Reis, Gemüse, Obstbäumen, Sesam- und Pepperonipflanzen und manchmal der wertvollen Ginsengwurzel trifft man vor allem alte
Menschen und Kinder. Die mittlere Generation ist überall fast vollständig in die großen Städte ausgewandert, wo die begehrte Universitätsausbildung möglich ist
und wo es im Industrie- und Dienstleistungsbereich attraktivere Berufsmöglichkeiten gibt. Auf dem Land jedoch kommen nur Besitzer größerer Flächen finanziell
zurecht. Dabei gibt es in heutigen koreanischen Dörfern sogar noch Tagelöhner, oft alte Menschen oder Witwen oder Pächter mit kleinen Feldern, die in sehr
ärmlichen Verhältnissen leben. Für die harte Tagesarbeit erhalten sie umgerechnet rund DM 40,-- bei Lebenshaltungskosten, die ungefähr so hoch sind wie in
Deutschland. Und natürlich ergeben sich nur während der Pflanz- und der Erntezeit Verdienstmöglichkeiten.

Lee Jin-Soon und seine Frau Park Seung-Boon sind Bauern wie fast alle Bewohner von Youngri. Auf den Feldern rund um Youngri wird vor allem Reis
angebaut. Es gibt aber auch ausgedehnte Obstbaumkulturen, wo im Herbst die für Korea typischen kopfgroßen Äpfel und Birnen geerntet werden. Dem
Eigenbedarf dienen kleine Felder mit Peperoni- und Sesampflanzen. Die Reisfelder sind teilweise in winzige Parzellen zerstückelt, manchmal nur zehn oder
zwanzig Quadratmeter groß. Es ist sehr mühsam diese kleinen Flächen zu bearbeiten. Oft liegen weite Wege zwischen den verschiedenen Feldern eines Bauern.
Zählt man all die kleinen "Handtuchparzellen" einer Familie zusammen, so kommt man im Durchschnitt in Youngri auf eine Fläche von zehn Hektar. Es gibt aber
viele dörfliche Betriebe in Korea, die nur über einen Hektar verfügen. Vergleicht man diese beiden Größen mit deutschen Bedingungen, wo ein
landwirtschaftlicher Betrieb mit 30 Hektar als zu unrentabel betrachtet wird, hat man einen weiteren Anhaltspunkt über dörfliche Lebensbedingen. Häufig sind die
Bauern nicht die Besitzer der Felder und Wiesen, sondern haben die Flächen nur gepachtet. Dafür bezahlen sie 50 bis 60 Prozent ihrer Ernte an
Großgrundbesitzer. Wer im traditionellen Halbpachtsystem Land bewirtschaft, kommt kaum über die Runden und kann Industrieprodukte wie Fernseher und
Motorrad nur als Geschenk von Verwandten aus der Stadt bekommen. Großhändler kaufen Äpfel und Reis in Youngri auf, transportieren die Güter in ihren
Lastkraftwagen, lagern sie in ihren Tiefkühlhäusern und bringen die Äpfel im nächsten Frühjahr zum doppelten Preis auf den Markt in der nächstgelegenen
Kleindstadt, Godok, vier Kilometer von Youngri entfernt. Herrn Lee geht es vergleichsweise gut. Er besitzt ungefähr 20 Hektar Land, und er fährt auf seinem
Motorrad selbst auf den Markt.

Zu Beginn der 70er Jahren hatte mancher Dorfbewohner Hoffnungen auf eine gute bäuerliche Zukunft, als von Regierungsseite das Programm "Saemaul
Undong", "Neues Dorf", ins Leben gerufen wurde. Es bescherte Zufahrtsstraßen in die Dörfer und Kredite für neue Dächer oder Kleinmaschinen. In allen
koreanischen Dörfern sind die alten Strohdächer nahezu völlig verschwunden und durch Ziegeldächer in bunten Farben ersetzt. Manche Familie hat jedoch ihre
Schulden noch nicht abbezahlt. In Youngri ist jede Familie im Schnitt mit DM 30 000,-- belastet. Jeder gesparte Won wird in die Ausbildung der Kinder
investiert, die es einmal in einem Arbeitsbereich außerhalb der Landwirtschaft besser haben sollen und die durch Bildung ihre soziale Position enorm anheben
können. Heute halten sich einige bäuerliche Betriebe noch dadurch am Leben, dass landeseigene Agrarprodukte teilweise durch hohe Einfuhrzölle gegen Importe
geschützt werden. Durch die GATT-Verhandlungen der Uruguay-Runde (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen; 1986) ist das Land jedoch gezwungen, in
den nächsten Jahren diese Zölle stufenweise abzubauen. Nur ein geringer Anteil der bislang noch rund 12 Prozent landwirtschaftlich Erwerbstätigen wird in
Zukunft finanziell über die Runden kommen, indem es ihm gelingt, auf großen Flächen eine vollmechanisierte und international konkurrenzfähige Produktion zu
betreiben. Das Verschwinden der traditionellen ländlichen Kultur scheint unausweichlich. Selbst Ehepaar Lee Jin-Soon und Park Seung-Boon haben unter
diesen Voraussetzungen keine Chance. Ob sie in wenigen Jahren noch im bäuerlichen Dorf Youngri mit seinen kleinen Reisfeldern, den nichtasphaltierten
Wegen und dem morgendlichen Glockenklang sein werden, ist fraglich. Welche beruflichen Alternativen hätten sie und die anderen Bauern in den
hochtechnisierten Städten wie Seoul und Pusan? Schon heute erlebt ein Reisender in Korea zwei recht konträre Welten. Die rasanten Veränderungen werden
sich fortsetzen und in den nächsten Jahren von den betroffenen Menschen große Opfer und extreme Anpassungsfähigkeit fordern.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 48-49]

Frauenwege im Patriarchat

600 Jahre konfuzianische Ethik sind zu überwinden

Von Reinhilde Freise



Am 3. Dezember 1986 konnte man in der größten koreanischen Tageszeitung heftige Diskussionen zwischen der Frauenbewegung und Konfuzianern über eine
beabsichtigte Gesetzesänderung des Familienrechts verfolgen. Vorrangig ging es um die Tatsache, dass Frauen nach geltendem Recht nicht Familienoberhaupt
sein können. Die Gegner der Gesetzesänderung argumentierten, damit werde der über 5000jährigen koreanischen Tradition (mythologische Entstehungszeit 2333
v. Chr.) der Boden entzogen. Tatsache ist, dass zu Beginn der Yi-Dynastie (1392-1910) Männer und Frauen über gleiche Erbrechte verfügten, beide
Geschlechter den Ahnenkult vollzogen und die Namen von Söhnen und Töchtern genealogisch registriert wurden. Am Ende der Li-Dynastie wurden Töchter nur
noch ohne Namen eingetragen, und die Gleichstellung war aufgehoben. Die Änderungen vollzogen sich schleichend. Erst im 18. Jahrhundert gelang es der
herrschenden Dynastie, die konfuzianische Ethik vollständig durchzusetzen.

Die konfuzianische Ethik geht ursprünglich von dem Nachdenken über die Tugenden der Menschlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Sie
ist dann aber auch eine Verbindung mit religiösen Weltbildern, besonders dem chinesischen Taoismus, eingegangen, die das Wesen von Mann und Frau
definieren. Die konfuzianische Ethik beruht auf drei Grundsätzen:

1. Der König ist das Vorbild für seine Untertanen.

2. Der Vater ist das Vorbild für seinen Sohn.

3. Der Ehemann ist das Vorbild für seine Ehefrau.

Daraus wurden fünf ethische Prinzipien abgeleitet. Das erste davon besagt, dass zwischen Vater und Sohn Vertraulichkeit herrschen soll, das zweite, dass
zwischen Ehemann und Ehefrau ein Unterschied bestehen soll. Vereinfacht gesagt, wird die Frau durch den Mann definiert, so dass Frauen nie Vorbilder für
Männer sein können. Die Unterordnung der Frau wird als Tugend definiert, wobei die Macht der Männer im Konfuzianismus mit dem Himmel identifiziert wird: "Die
Frau muss dem Mann genauso wie dem Himmel als etwas Absolutem und Heiligem gehorchen" (ne hun; Lehre von der weiblichen häuslichen Erziehung 1457).
Frauen haben diese Ideologie durch Erziehung und Sitte verinnerlicht. So fällt es auch gebildeten "modernen" Frauen schwer, einen Blick für emanzipatorische
Modelle zu entwickeln.

Der Vater/Ehemann hat moralischen Anspruch auf die Unterordnung unter seine Stärke. Er bewährt sich in der außerfamiliären Welt und lässt seine Frau
gesellschaftlich Anteil daran haben. Die Frau bewährt sich im Haus. Sie soll dem Mann gefallen, eine vorbildliche Hausfrau, gute Mutter und Erzieherin ihrer
Kinder sein. Frauen, die aus wirtschaftlichen Zwängen arbeiten müssen und daneben die Tugenden der Hausfrau und Mutter erfüllen, haben es besonders
schwer, an ihrer Befreiung mitzuarbeiten. Ungefähr 40 Prozent der Frauen sind Arbeiterinnen, verheiratet und mit Lohn- und Hausarbeit belastet. Dennoch ist ein
befreiender Wandel im Gang. 1989 schlossen sich 22 Frauengruppen zur Korean Women United (KWU) zusammen; vor allem Arbeiterinnen sind im KWU aktiv. Ab
1. Januar 1991 haben Töchter und Söhne wieder gleiche Rechte in der Erbfolge. Noch vor zehn Jahren sagten Frauen U-Bahnhaltestellen mit feminin-piepsigen
Stimmen an. Heute sprechen sie normal.



Nach: Jai Sin Pak: Familie und Frauen in Korea. IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt/M 1995

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 47]

Erfolgreichste Fußballnation Asiens

Daß Korea die Fußball-WM im Jahr 2002 ausrichten möchte, überrascht nicht, wenn man weiß, daß das Fußballspiel hier Tradition hat. Bereits seit 1983, als
erstes asiatisches Land, gibt es die professionelle Liga mit neun Mannschaften. Finanziert werden die Klubs der "Drachen", "Panther" usw. von großen Firmen
wie Samsung und Hyundai. Hohe Zuschauerzahlen in den Stadien und hohe Einschaltquoten bei großen Spielen zeugen von breiter Anteilnahme. Doch nicht nur
das "Zuschauen" erfreut sich großer Beliebtheit. In Korea hat sich das Fußballspiel als Breitensport etabliert. So sieht man auf Bolz- und Fußballplätzen Koreaner
jeglichen Alters bei dieser Freizeitbeschäftigung, auch schon morgens vor Arbeitsbeginn!

Nachdem sich die Koreanische Nationalmannschaft schon viermal in der 66jährigen Geschichte der Fußballweltmeisterschaften qualifiziert hat, möchte das Land
nun selber Gastgeber sein. 1,3 Milliarden Dollar sind für den Neubau und Umbau von Stadien und für infrastrukturelle Maßnahmen vorgesehen. Daß Planung und
Umsetzung eines solchen Projektes bei den Koreanern in guten Händen läge, zeigt schon die perfekte Ausrichtung der Olympischen Spiele von 1988 in Seoul.
Auch die Inspektorengruppe der FIFA, die Korea vor kurzem bereist hat, bestätigte die guten "technischen" Voraussetzungen des Landes für eine Ausrichtung
der WM. Die Planungen der koreanischen Bewerbungskommission waren schon zu Beginn des Jahres so weit gediehen, daß auch die zu erwartenden Gewinne
künftigen Nutznießern zugewiesen waren - nämlich sehr prestigeträchtig an die FIFA und die Konföderierten zur Verbreitung und Unterstützung des Fußballspiels
in den sogenannten unterentwickelten Ländern.

Ein Problem gibt es dennoch für Korea: einziger Mitbewerber für die WM 2002 ist ausgerechnet Japan, alte Kolonialmacht und bestgehaßter Bruder im
asiatischen Raum. Unter diesen Bedingungen wird schnell aus einer normalen Bewerbung um die WM eine Konkurrenz, die ganz rasant die nationalen Gefühle
anschwellen läßt. Immerhin befürworten über 85 Prozent der Koreaner die Bewerbung - trotz der immensen Kosten für die Ausrichtung der Meisterschaft.
Besonders kennzeichnend für die Situation ist auch die Bemerkung des koreanischen Ministerpräsidenten Lee Hong Koo, daß für ihn die FIFA-Entscheidung
einen höheren Stellenwert habe als die anstehenden Parlamentswahlen.

Daß alles Planen der Bewerbungskommission und auch das festverwurzelte Fußballinteresse der Koreaner nicht ausgereicht hat, die Konkurrenz für sich zu
entscheiden, zeigte sich am 1. Juni dieses Jahres in Zürich. Hier hatte die FIFA ihre Wahl zu treffen. Entgegen allen internationalen Erwartungen wurde nicht
eins der beiden konkurrierenden Länder favorisiert, sondern beide Länder erhielten den Auftrag, sich die Ausrichtung der Weltmeisterschaft zu teilen. So wurde
dann doch noch - nachdem die japanische Delegation in Zürich grünes Licht gegeben hatte - , dieser Kompromißvorschlag des malayischen
Konföderationsvorsitzenden in die Tat umgesetzt.

Nach: Frankfurter Rundschau vom 18.5.1996 und Stuttgarter Zeitung vom 2.6.1996

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 61]

Unterwegs zur Demokratie...

Geschichte Koreas seit 1945

Von Huh Kum-Hoe

Studenten demonstrieren in Seoul und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Das sind typische Szenen der 60er bis 90er Jahre, die häufig auch im
deutschen Fernsehen zu sehen waren. Huh Kum-Hoe, der im Fachbereich Germanistik an der Universität Heidelberg promoviert, schildert die historischen
Hintergründe.



Ein dorniger Weg in Richtung Demokratie. Am 15.8.1945 kapituliert Japan. Für die Menschen in Korea ein Augenblick voller Hoffnung: Nach 35 Jahren kolonialer
Unterdrückung durch den Nachbarstaat besteht endlich die Aussicht auf Unabhängigkeit. Schon 1943 haben die USA, Großbritannien und China beschlossen,
dass "Korea zu gegebener Zeit frei und unabhängig werden soll". Viele Landesbewohner hoffen auf eine demokratische Ordnung. Es existieren koreanische
Exilgruppierungen, die Entscheidungen - Jalta 1945: Internationale Treuhandschaft über Korea, Moskauer Vertrag vom 20.12.1945: fünfjährige Treuhandschaft
der Siegermächte - werden jedoch auf internationalen Konferenzen der Siegermächte gefällt, ohne das koreanische Volk einzubeziehen. Sie werden in Korea mit
großer Enttäuschung aufgenommen. Die USA einigen sich mit der Sowjetunion auf die Teilung des Landes entlang des 38. Breitengrades. Unter sowjetischer
Vorherrschaft im Norden und US-amerikanischer im Süden kommt es am 15.8.1948 zur Ausrufung der Republik Korea im Süden der Halbinsel, der rasch die
Proklamation der Demokratischen Volksrepublik Choson im Norden folgt. In der Situation des Kalten Krieges wird Korea zu einem der undurchlässigsten
Grenzgebiete zwischen westlicher und östlicher Hemisphäre. Am 25.6.1950 eskaliert die Situation im koreanischen Bruderkrieg, der nahezu das ganze Land
zerstört und von jeder Familie Opfer fordert. Die Teilung des Landes, durch das Waffenstillstandsabkommen von 1953 festgeschrieben, dient allen beteiligten
Regimen als ständige Begründung für Aufrüstung und eingeschränkte Meinungsfreiheit. Der stramme südkoreanische Antikommunismus ist ein Ausgangspunkt
vieler Menschenrechtsverletzungen. Es folgt eine fast ununterbrochene Reihe diktatorischer Regime. 1948 wird Yi Sungman zum Präsidenten gewählt. In den USA
ausgebildet, ist er ein Mann westlicher Interessen, der eine Beamtenschaft voll blinder Loyalität und einen unter japanischer Herrschaft geschulten Polizeiapparat
für sich zu nutzen weiß. Die Erste Republik wird zur Diktatur.

Studentinnen und Studenten sind die bewegende Kraft für Demokratie, Wiedervereinigung und Wahrung der Menschenrechte. Die Studentengeneration der 60er
Jahre ist nach dem 19. April 1960 benannt, als es in Folge von massiven Wahlfälschungen zu Demonstrationen kommt, durch die Yi Sungman ins Exil
gezwungen wird. Von Juli 1960 bis Mai 1961 dauert der kurze Versuch einer Zweiten Republik mit Präsident Yun Po-Sun. Am 16.5.1961 kommt es zu einem
Militärputsch, dessen größte Gefahr in der Wiederholung besteht. Mit zweifelhaftem Wahlergebnis wird Generalmajor Park Chung-Hee 1963 Präsident. In seiner
Amtszeit erfolgt die Weichenstellung für den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg im bisherigen Agrarland durch eine exportorientierte Industrialisierung und
Importzölle zum Schutz eigener Produkte. Park wird durch die Yushin-Verfassung zum unumschränkten Alleinherrscher. Yushin gibt auch der aufgebrachten
Studentengeneration der 70er Jahre ihren Namen. Am 26.10.1979 wird Park von seinem eigenen Geheimdienstchef erschossen.

Die 80er Jahre beginnen mit der Machtübernahme durch Generalmajor Chun Doo-Hwan und Studentenprotesten, die in Kwangju im Kugelhagel der militärischen
Sondertruppen gipfeln - die genaue Zahl der Toten ist bis heute unbekannt. Die Demonstrationen häufen sich und zeigen ausgesprochen antiamerikanische
Züge. Die politische Landschaft verändert sich: Normalbürger interessieren sich für Politik. "Kwangju geht weiter" wird zum Motto der engagierten Bevölkerung.
Die politisierte Studentengeneration der 80er Jahre trägt ihre Forderungen von Menschenrechten, Demokratie und Wiedervereinigung vor. Im Vorfeld der
Olympischen Spiele in Seoul 1988 fordert sie vor der Weltöffentlichkeit die Rechte auf freie Meinungsäußerung und gerechtere politische und wirtschaftliche
Strukturen. Sie erhält im nachhinein den Namen "Sanduhr-Generation", nach der 1995 ausgestrahlten Fernsehserie "Sanduhr", in der aus der Perspektive eines
Halbstarken die Zeit der Chun-Diktatur dargestellt wird.

Vor den Olympischen Spielen findet der Machtwechsel von Chun Doo-Hwan an Rho Tae-Woo (1987) als Direktwahl statt. Dabei nutzt Roh Tae-Woo die
Spaltung der Opposition zwischen Kim Dae-Jung und Kim Young-Sam für seinen Wahlsieg aus. 1993 kommt es tatsächlich zu einem Zivilpräsidenten, dem
Oppositionsführer Kim Young-Sam, der als politischer Taktiker im Vorfeld der Wahlen in die Regierungspartei übergewechselt war. Trotz seines Zickzackkurses
zwischen den Hoffnungen der Wähler und den alten Positionen in Militär und Verwaltung siegt seine Partei in der letzten Wahl der Abgeordneten zur
Nationalversammlung 1996. Die heutige Studentengeneration wird bislang "Neue Generation" genannt: junge Menschen, die teilweise politisch aktiv, teilweise
aber auch völlig apolitisch sind und aus wirtschaftlich relativ gesicherten Verhältnissen kommen. Demonstrationen finden nach wie vor statt. Korea - ein Volk,
das sich seit einem Jahrhundert auf den Weg zur Demokratie begeben hat. Sein Ziel ist noch nicht erreicht. Dass die ehemaligen Militärmachthaber Chun und
Roh jetzt wegen Korruption und wegen des Kwangju-Massakers vor Gericht stehen, ist ein gutes Zeichen für das demokratische Bewusstsein im koreanischen
Volk. Die strukturellen Korruptionen, die während der Diktatur entstanden sind, haben noch Gültigkeit. Bei den heutigen Parteien geht es nicht um ein konkretes
Programm, sondern nur um eine bestimmte Führungspersönlichkeit. Die Nationalen Sicherheitsgesetze sind noch immer in Kraft, nach denen es auch heute über
400 politische Gefangene im Lande gibt. Das Bemühen um Demokratie und Wiedervereinigung muss weitergehen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 31-32]

Königreich Vasallenstaat und Kolonie

Geschichte im Schatten von China und Japan

Von Ko Son

Als Brückenland zwischen China, dem Reich der Mitte, und Japan war Korea ein Vermittler kultureller Errungenschaften wie auch ein begehrtes militärisches Objekt.
Politische Abhängigkeiten haben die Geschichte geprägt. Trotz aller äußeren Einflussnahme hat sich im Land jedoch eine völlig eigenständige Kultur entwickelt.

Jedem Koreaner ist die Gründungssaga um den Göttersohn Tangun bekannt, der 2333 v. Chr. die Erde betrat. Die Besiedlungsgeschichte ist älter. Es gibt
archäologische Funde in Korea, die belegen, dass die Halbinsel seit dem Paläolithikum bewohnt ist. Die Bewohner des heutigen Korea sind in mehreren
Besiedlungsphasen über die Mandschurei zugewandert. Ihre Sprache ist mit den mongolischen, den turk- und den tungusisch-mandschurischen Sprachen
verwandt und gehört zu einer völlig anderen Sprachfamilie als das Chinesische. Bereits seit vorchristlicher Zeit besteht jedoch ein politisches
Abhängigkeitsverhältnis zum chinesischen Reich, das erst 1910 endete.

Um die Zeitenwende wurde die Halbinsel von unabhängigen Stammesverbänden regiert, die sich zunehmend zu größeren Königreichen zusammenschlossen: im
Norden zu Koguryo, im Südwesten zu Paekche und im Südosten zu Silla. 668 n.Chr. kam es zum ersten staatlichen Zusammenschluss der gesamten Halbinsel
unter der Vorherrschaft von Silla - bis 918. Diese Einheit blieb bis 1945 fast ohne Unterbrechung bestehen. Die Hauptstadt Kyongju ist ein Ort bedeutender
Tempel und archäologischer Funde und wurde von der UNESCO zu einer der zehn bedeutendsten Kulturstätten der Menschheit erklärt. Silla anerkannte die
chinesische Oberhohheit durch eine Tributpflicht. Der Buddhismus war die prägende Religion. Im Land herrschten Adelige über eine unfreie Bauernbevölkerung.
Ein Aufstand der verarmten Landbevölkerung 889 ist der Beginn des Silla-Niedergangs.

Von 918 bis 1392 wurden die Geschicke der Halbinsel durch die Koryo-Dynastie bestimmt. Die Hauptstadt war Kaesong im heutigen Nordkorea, in dem der
vorherrschenden Religion entsprechend viele buddhistische Tempel errichtet wurden. Ein Schutzwall entlang der Nordgrenze sicherte das Land gegen Übergriffe
von China. Von 1290 an stand das Land vorübergehend unter mongolischer Oberhohheit. Die schwere innenpolitische und wirtschaftliche Krise am Ende der
Koryo-Dynastie konnte Yi Songgye durch eine Bodenreform erleichtern. Er wurde der Begründer der nachfolgenden Yi-Dynastie, die von 1392 bis 1910 das
Schicksal Koreas bestimmt.

Korea wurde wiederum ein tributpflichtiger Vasallenstaat Chinas. Es kam unter der neuen Herrschaft zu teifgreifenden Veränderungen im Lande (vgl. das Portrait
von König Sejong). Bis heute von nachhaltiger Wirkung war die Stärkung des Konfuzianismus als staatsprägender Philosophie. Unter anderem gehörten ein
hierarchischer Gesellschaftsaufbau und eine gravierende Verschlechterung der gesellschaftlichen Stellung der Frauen zu den Folgen. In Korea pflegte man vor
allem Philosophie und Künste und setzte damit das Land immer wieder militärischen Invasionen aus, deren gravierendste unter dem japanischen General
Hideyoshi in den Jahren 1592 bis 1598 stattfanden, jedoch durch Admiral Yi Sun-Sin und seine Erfindung gepanzerter Kriegsschiffe zurückgeschlagen werden
konnten. Seit dem 17. Jahrhundert hat das koreanische Volk eine Politik der strikten Abgeschlossenheit nach Außen verinnerlicht.

Hohe Steuerlasten und eine ungleiche Landverteilung waren die Ursachen für die Armut der unteren Bevölkerungsschichten in diesem Feudalstaat. Im 19.
Jahrhundert wehrte sich das Volk mit Aufständen. In diesem Klima entstand die Tonghak-Lehre, die "östliche Wissenschaft", die die Gleichwertigkeit aller
Menschen betont und Anleihen aus dem Schamanismus und dem Christentum aufweist. Sie verbreitete sich rasch im ganzen Land, wurde aber von den
Regierenden im Jahr 1894 blutig abgewürgt. Die Aufstände gaben auch chinesischen und japanischen Truppen Anlass, einzumarschieren. Dabei sicherte sich
Japan eine zunehmende Einflussnahme auf der Halbinsel. 1905 musste die koreanische Regierung einen Vertrag unterzeichnen, der das Land zum japanischen
Protektorat machte, 1910 wurde Korea eine japanische Kolonie. Die folgenden Leidens- und Schreckensjahre haben viele ältere Menschen im Lande noch in
trauriger Erinnerung: den Abzug koreanischer Produkte nach Japan, die Zwangsverschleppung von Arbeitern für die Kriegsindustrie und von Frauen in
Militärbordelle, das Verbot der koreanischen Sprache und Namen, das gewalttätige Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung. Anlässlich der Beisetzung König
Kojongs kam es am 1.3.1919 zu einer gewaltfreien Volkserhebung, die von den Besatzern blutig niedergeschlagen wurde. Erst 1945 brachte die Kapitulation
Japans die Hoffnung auf Unabhängigkeit.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S.10-12]

Geschichte im Überblick

3.10.2333 v.Chr. Mythologische Gründung Koreas durch Tangun: Tag der Öffnung des Himmels

57 v.Chr. - 668 drei Königreiche: Silla, Paekche und Koguryo

668 Vereinigung der drei Königreiche

668 - 918 erstes Großreich unter Silla-Vorherrschaft

918 - 1392 Koryo-Dynastie

1392 - 1910 Yi - Dynastie

1446 Einführung des koreanischen Hangul-Alphabets

1592 Japanischer Invasionsversuch unter Hidejoshi

Februar 1784 Taufe des ersten Koreaners

1884/1885 erste amerikanische Missionare

1894 Tonghak-Bauernaufstand

1895 Ende der chinesischen Vorherrschaft über Korea nach Niederlage Chinas im Chinesisch-Japanischen Krieg

1905 Korea wird japanisches Protektorat

1910 - 1945 Japanische Kolonie

1.3.1919 gewaltfreie Volkserhebung (Sam-Il), durch Japaner blutig niedergeschlagen

1945 Kapitulation Japans, Treuhandschaft der Siegermächte über Korea

1948 endgültige Teilung des Landes

25.6.1950 Beginn des Koreakrieges

27.7.1953 Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens

1948 - 1960 "Erste Republik" mit Präsident Yi Sungman

19.April 1960 Studentenproteste führen zum Sturz Yi Sungmans

1960 - 1961 Zweite Republik

16.5.1961 Militärputsch unter Park Chung-Hee

26.10.1979 Ermordung Park Chung-Hees

1980 Putsch von Offizieren um Chun Doo-Hwan

Mai 1980 Massaker von Kwangju

1981 - 1987 Staatsoberhaupt Chun Doo-Hwan

1987 - 1992 Staatsoberhaupt Rho Tae-Woo

1988 Olympische Spiele in Seoul

seit 1993 Präsident Kim Young-Sam

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 11]

Kleiner historischer Abriss:

Die koreanische Halbinsel ist seit der Altsteinzeit (mindestens 20 000 Jahre) besiedelt.

Die ersten Bewohner wanderten über die heutige Mandschurei, letzlich Südsibirien, ein. Auf diesen historischen Kontext geht die Urreligion Koreas - der
Schamanismus - zurück, der sich im Land weiterentwickelt hat und heute noch kräftig ist.

Auf koreanischem Boden bildeten sich ab dem 3. Jahrtausend kleine Königreiche.

Das Gründungsdatum des ersten mythischen Königreichs geben Koreaner mit 2333 v. Chr. an. Wir haben mit einer 5000jährigen kontinuierlichen historischen
Tradition von Königsherrschaft zu rechnen. Die Könige hatten das Amt von Priester-Schamanen innen. Im heutigen koreanischen Schamanismus sind Frauen
als Schamaninnen tonangebend.

Im Jahr 668 n. Chr. wurde die koreanische Halbinsel zum ersten Mal staatlich zusammengeschlossen. Diese Einheit blieb bis 1945 bestehen!

Das erste koreanische Großreich (Silla) blieb bis 988 bestehen, es wurde dann abgelöst von einer neuen Dynastie (Koryo), die bis 1392 herrschte.

Die Jahrhunderte von 688 bis 1392 waren Höhepunkte buddhistischer Frömmigkeit.

Von 1392 bis 1910 herrschte die Yi-Dynastie (618 lange Jahre). Diese Dynastie führte die konfuzianische Staatslehre und Ethik ein. Der Konfuzianismus
blieb prägend bis heute. Die Dynastie war die meiste Zeit als Vasall dem Kaiserreich China tributpflichtig. Doch schaffte es Korea, seine eigenständige Kultur
weiterzu- entwickeln.

In der Yi-Dynastie kam auch erstmals das Christentum - und ohne westliche Missionare ins Land. deshalb empfinden viele koreanische Christen, dass der
christliche Glaube keine westliche Religion, sondern eine koreanische sei. Die koreanischen Herrscher mussten jährlich eine Regierungsdelegation an den
kaiserlichen Hof in Peking schicken. Ein Delegationsmitglied lernte 1783/84 katholische Missionare am Hof des Kaisers kennen, ließ sich unterweisen und kehrte
als Christ nach Korea zurück. Er gewann andere Adlige, wurde dafür aber hingerichtet. Dennoch entwickelte sich bis 1795 ein rein innerkoreanischer
Katholizismus.

1832 kam der erste protestantische Missionar.

1910 brach die japanische Kolonialzeit an. Sie ging bis 1945. Noch heute gilt Japan als Feind bzw. Hauptkonkurrent Japans. Auf den Straßen von Korea sieht
man kein einziges japanisches Auto (Importverbot). Bei den Verhandlungen um die Fußball-WM 2000 standen als potentielle Ausrichter Japan und Korea an.
Korea als Austragungsort wäre ein Triumph gewesen. Nun hat die FIFA beide Länder als Austragungsorte benannt.

Auf der koreanischen Halbinsel ging der Kalte Krieg bis heute weiter. 1948 wurde das Land geteilt. Die südkoreanische Bevölkerung ersehnt eine
Wiedervereinigung. Ihre Regierung sieht es mit Misstrauen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren aus der wirtschaftlichen Not des kommunistischen
Nordkoreas heraus und aus dem wirtschaftlichen Expansionswunsch des staatskapitalistisch orientierten Südkorea schon eine kleine Zusammenarbeit ergeben:
im August 1996 sind der nordkoreanische Samchonri in der Hauptstadt Pyonyang und das sükoreanische Unternehmen Daewo eine Partnerschaft auf 50:50
Prozent Basis eingegangen. Südkoreanische Kleidungsingenieure (Fachkräfte) arbeiten mit den nordkoreanischen ArbeiterInnen zusammen und dürfen auf dem
Werksgelände leben.

[Quelle: EMS, Gisela Köllner]

Das einzige Vertraute in der Fremde

Koreanische Gemeinden im südwestdeutschen Raum

Von Martina Waiblinger

Die Evangelisch-Koreanische Gemeinde in Deutschland zählt heute 100 Gemeinden mit ca. 25 000 Mitgliedern. Einige Gemeinden sind 30 Jahre alt; der
Gesamtverband feiert demnächst das 25jährige Jubiläum. Martina Waiblinger hat die Evangelisch-Koreanische Gemeinde im Süddeutschen Raum besucht.





Herr Choi verschwindet fast hinter den Blumenarrangements, den Päckchen und Paketen, die er zu seinem 60. Geburtstag geschenkt bekommen hat. Im
Gemeindesaal der Tübinger Martinsgemeinde sind die Tische festlich gedeckt, alle Plätze belegt, überall sind lebhafte koreanische Unterhaltungen im Gang. Vom
kunstvoll aufgebauten Buffet verbreiten sich köstliche Gerüche im Raum. Die Frauen bringen immer neue Schüsseln mit Kimchi, in Seetang gewickelten Reis,
Fleischpfannen, Obst und Kuchen aus der Küche. Bis zur Schlacht am Buffet vergeht noch eine Weile, denn die angereisten Gemeindemitglieder der
koreanischen Gemeinden Stuttgart, Göppingen und Trossingen haben ein Festprogramm vorbereitet. Der 60. Geburtstag ist für Koreaner immer ein ganz
besonderer Tag. Als würde man ein neues Leben geschenkt bekommen. Pfarrer Park Chun-Soo, zuständig für alle vier Gemeinden, eröffnet das Fest mit einem
Gebet. Herr Choi sitzt vorne und genießt ganz offensichtlich, was sich ihm zu Ehren abspielt. Die Kinder singen einige zuvor im Garten noch einmal geprobte
Stückchen, ein koreanischer Sänger der Stuttgarter Staatsoper singt mit Flügelbegleitung wehmütige koreanische Lieder und später tritt ein richtiges Orchester mit
Chor auf, hauptsächlich aus Musikstudent/innen aus Stuttgart und Trossingen.

Herr Choi wohnt in Bitz, in der Nähe von Hechingen. 1965 kam er nach Dinslaken und arbeitete im Bergbau. Ende der 50er Jahre fehlten im westdeutschen
Bergbau und in den Krankenhäusern viele Arbeitskräfte. Deshalb wurden Bergleute, Krankenschwestern und Pflegehelferinnen aus Südkorea angeworben. Die
ersten Bergleute kamen 1963 nach Deutschland. Für den Bergbau wurde das Programm 1973 gestoppt, für den Pflegebereich 1978. Von den 8000 Bergleuten
und den 10 000 Koreanerinnen ging ein Teil später wieder zurück, ein Teil blieb hier, manche heirateten und haben heute die deutsche Staatsangehörigkeit. So
wie Herr Choi. Nach vier Jahren Bergarbeit kam er nach Ebingen auf die Schwäbische Alb, wo er in verschiedenen Fabriken arbeitete und eine koreanische
Krankenschwester heiratete. Die zwei Söhne waren natürlich am Geburtstag dabei, der jüngere, Sin-Moo, hielt eine kleine Rede auf den Vater - das einzig
Schwäbische an diesem Nachmittag, denn Sin-Moo und Young-Moo können nicht so gut koreanisch. Sie fühlen sich als Deutsche.

Herr Chois Vater war Konfuzianer, seine Mutter Buddhistin. Als er klein war, nahm sie ihn oft mit in buddhistische Klöster in den Bergen. Er erinnert sich noch gut
an die unberührte Natur, das gute Quellwasser und das vegetarische Essen der Mönche. Erst in der Schule kam er mit dem Christentum in Berührung und ließ
sich mit 19 bei den Adventisten taufen. Über die in Ebingen und Umgebung lebenden Koreaner bekam er Kontakt zu der Tübinger Gemeinde. Mit der Krankheit
seiner Frau wurde diese Beziehung noch intensiver. Heute, nach dem Tod seiner Frau, fährt er fast jeden Sonntag zum Gottesdienst nach Tübingen. Für ihn war
und ist der Kontakt zu seinen Landsleuten sehr wichtig: "Wenn man fremd in einem Land lebt, muss man auch seinen Stress loslassen. Auf Deutsch kann ich
meinen Stress nicht ausdrücken. Das kann ich nur auf Koreanisch."

Pfarrer Park Chun-Soo ist seit einem Jahr zuständig für die Koreanische Evangelische Gemeinde im Süddeutschen Raum, mit Sitz in Stuttgart. Ihr gehören 180
Mitglieder an, die sich an vier verschiedenen Orten zum Gottesdienst treffen. Manche Feste, wie die zum 60. Geburtstag, werden gemeinsam gefeiert. Die
Tübinger Gemeinde mit ca. 50 Mitgliedern ist eine eher intellektuell: Pfarrer, die zur Promotion in Tübingen sind, Studenten und Studentinnen verschiedener
Fachrichtungen und Krankenschwestern treffen sich hier. Angefangen hatte es 1972 mit einem kleinen Gebetskreis in der Klinik. Der erste Gottesdienst mit 15
Personen fand am 27.6.1976 in Stuttgart statt.

Ein anderes Gemeindemitglied ist Frau Laux, mit Mädchennamen Park Young-Ran. Sie lebt seit 1979 in Tübingen und hat den Gebetskreis in der Klinik noch
kennengelernt. 1976 kam sie zwanzigjährig als Krankenschwester nach Würzburg. Für die Älteste von fünf Kindern war trotz bester Noten ein Studium nicht in
Frage gekommen. Über eine Freundin hatte sie von der Möglichkeit, in Deutschland zu arbeiten, gehört. Das reizte sie: "Für mich war es etwas ganz Großes. Zu
dieser Zeit kamen noch sehr wenige nach Europa." Trotz der Fremde fühlte sie sich wohl: "Die Leute waren sehr nett. Ich war so klein und zierlich. Die haben
mich geschont." Ihr Geld schickte sie nach Hause. Sie hatte nie gelernt, mit Geld umzugehen. In katholischen Würzburg ließ sich Young-Ran taufen. Ihr Vater
hatte keine Religionszugehörigkeit. Ihre Mutter war Mitglied der Presbyterianischen Kirche, meinte aber, Young-Ran solle sich erst später entscheiden. "Von
meinem Hintergrund war es eigentlich unmöglich, mich katholisch taufen zulassen. Aber ich wollte irgendwo dazugehören. In Tübingen habe ich mich dann gleich
umschreiben lassen."

Die Schwestern bekamen damals nur Dreijahresverträge. Als Young-Ran nach drei Jahren nach Hause kam, merkte sie, wie sehr sie sich verändert hatte: "Ich
war völlig unselbständig erzogen worden. Ich hatte viele Fragen an meine Gesellschaft, aber auch an mich. Ich wollte wieder zurück." In Tübingen lebte sich
Young-Ran gut ein, sie hatte deutsche Freundinnen und ging bald nicht mehr so oft in den Gebetskreis. Erst, als es um die Entscheidung ging, einen Deutschen
zu heiraten und hier zu bleiben, verstärkte sie den Kontakt wieder. Um dem auf sie zukommenden deutschen Element etwas Koreanisches entgegenzusetzen. Als
ein Stück Identitätsfindung. Das war 1987/88. Die koreanische Gemeinde in Tübingen, die sich inzwischen in der Martinskirche etabliert hatte, hatte sich zu der
Zeit gespalten. Man traf sich, ein kleines Grüppchen, nach dem Gottesdienst meist noch irgendwo zuhause. Die jeweilige Hausfrau servierte eine Kleinigkeit, Reis
in Seetang oder Kuchen und Tee. Das hat allen so gut gefallen, dass sich daraus das gemeinsame Mittagessen im Gemeindesaal entwickelte. Ähnlich wie in
Korea. Dort verbringen viele Gemeinden den ganzen Sonntag miteinander. Inzwischen ist die Gemeinde gewachsen, und heute erlebt man in Tübingen eine recht
aktive Gemeinde. Sonntags um 15 Uhr ist Gottesdienst, aber die Aktivitäten beginnen schon eine Stunde früher. Die Kinder haben Koreanisch-Unterricht oder
lernen Taekwondo, und Frau Laux hat mit ca. 15 anderen Chorprobe. Während des Gottesdiensts haben die Kinder dann Kindergottesdienst im Gemeindesaal.
Zweimal im Jahr gibt es einen Gemeindeausflug und einmal im Jahr einen ökumenischen Tag mit der Martinsgemeinde. Im Wechsel sind die Deutschen und die
Koreaner für die Bewirtung zuständig. Frau Laux findet es jetzt "ganz toll" in der Gemeinde. Daneben gehört sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern zur
Lustnauer Gemeinde, auch dort geht sie in den Chor. Für sie ist die koreanische Gemeinde ein wichtiger Bereich in ihrem Leben geworden. Sie kann bewusster
erleben, wer sie ist, wer sie zwischen diesen beiden Kulturen geworden ist.

Für Nahamm Kim ist das schwieriger. Sie studiert seit vier Jahren Theologie in Tübingen und wohnt im Albrecht-Bengel-Haus: "Von außen bin ich Koreanerin.
Aber ich weiß nicht genau, welche Punkte in mir koreanisch und welche deutsch sind." Kein Wunder, denn Nahamm war schon einmal in Deutschland, von ihrem
7.-14. Lebensjahr, und hat schon das zweite Mal die Kultur gewechselt. Ihr Vater, früher Pfarrer in Pusan, hatte damals in Münster weiterstudiert und war mit Frau
und zwei Töchtern nach Deutschland gekommen. Für Nahamm ergab sich der Kontakt zur koreanischen Gemeinde ganz selbstverständlich. Mit einer
koreanischen Musikmissionsgruppe kam sie 1992 in Deutschland an. Diese Gruppe hatte Kontakte zu den koreanischen Gemeinden, in Tübingen natürlich zur
Martinsgemeinde: "Das war für mich sehr bequem. Es war auch schön, Koreaner zu sehen, koreanisches Essen zu bekommen." So eine Gemeinde ist für viele
der erste und einzige Kontakt zu etwas Vertrautem. "Alle, die hierherkommen, müssen kämpfen, mit der Sprache, mit dem Studium. In die Gemeinde kommen auch
manche, die keinen Glauben haben. Man müsste sie mehr integrieren", meint Nahamm. Aber sie selbst fühlt sich auch zu angestrengt, mit ihrem Studium, ihrem
Leben im Ausland, als dass sie die Kraft fände, sich stärker zu engagieren, zum Beispiel in der Arbeit mit koreanischen Jugendlichen. Aber sie hat ja noch Zeit.
Manchmal geht Nahamm sonntagmorgens in die Derendinger Kirche. Da ist sie schon ein bisschen deutsch geworden: "Ich finde es auch mal schön, morgens in
den Gottesdienst zu gehen und den ganzen Sonntag frei zu haben."

Die Süddeutsche Koreanische Evangelische Gemeinde hat sich zu einer wichtigen Anlaufstelle und Gemeinschaft entwickelt. Allerdings war es in
Süddeutschland viel schwieriger als in Norddeutschland, diese Gemeinschaft aufzubauen. Im Norden entstanden durch die vielen Bergarbeiter und
Krankenschwestern schon viel früher recht große und starke Gemeinden. Es gab auch mehr koreanisch-koreanische Ehen. Frau Laux hat das immer beeindruckt:
"Sie können viel mehr koreanische Lieder, und die Kinder sprechen besser Koreanisch." Aber auch hier tut sich was. Für viele, die hier leben, fast unbemerkt.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 58-60]

Ein Fall für eine Frau

Gemeindearbeit im Abseits

Von Sabine Bauer



Ein Wintertag auf dem Land. Draußen friert es Stein und Bein. Im winzigen Pfarrhaus von Im Sook-Jae ist wenigstens der Fußboden warm. Das Wohnzimmer ist
vom Schrank zur Wand und vom Fenster zur Tür gerade so groß, dass drei Leute eng nebeneinander schlafen können. Im zweiten Zimmer steht ein Spezialbett,
in dem Im Sook-Jae wegen ihres stark verkrümmten Rückens besser schlafen kann als auf dem Fußboden; aber sie kann es nur in wärmeren Jahreszeiten
benutzen.

Im Sook-Jae ist eine der fast 200 Theologinnen der Presbyterianischen Kirche in Korea (PCK), die freiwillig den schweren Weg aufs Land, auf die Inseln, in die
Armut gegangen sind. Im Moment wartet die Evangelistin auf das Ergebnis ihrer theologischen Prüfung, die sie zusammen mit weiteren 174 Kolleginnen am 24.
Mai 1996 abgelegt hat. Ein Synodenbeschluss der Presbyterianischen Kirche in Korea (PCK) von 1995 hat es endlich ermöglicht, auch Frauen zu ordinieren. Im
Sook-Jae hat ihre Fähigkeiten, eine Gemeinde zu leiten und dabei Knochenarbeit zu leisten, längst unter Beweis gestellt. Sie ist schon vor 25 Jahren in dieses
abgelegene Tal in der Chungchongprovinz im Westen Koreas gekommen, um in dem Ort Taegok eine Gemeinde zu gründen. Über 20 Jahre hat sie dabei
mitansehen müssen, dass die meisten jungen Leute der bäuerlichen Existenz und den Reisfeldern den Rücken kehrten, nach Seoul abwanderten und die Alten
allein liessen. "Immer habe ich gebetet", sagt sie, "dass unsere Gemeinde einmal wachsen und blühen möge. Die Arbeit war nicht leicht." Und die Kirchengesetze
machten es ihr zusätzlich schwer. Als studierte Theologin, aber Nichtordinierte durfte sie kein Abendmahl feiern, keine Taufe spenden und noch nicht einmal den
Segen sprechen. Für jede Amtshandlung musste ihr Kollege aus dem nächsten Ort kommen. Im Sook-Jae betont, dass sie Glück gehabt habe; denn ihr Kollege
sei sehr kooperativ gewesen, so dass sie in all den anderen Arbeitsbereichen selbständig sein konnte, in der Seelsorge, bei der Altenbetreuung, bei der
Sterbebegleitung, bei den Hausbesuchen, bei den täglichen Morgenandachten um fünf Uhr früh, in den Gottesdiensten. Sie hat immer wenig Geld gehabt: "Mit
dem Zehnten unserer armen Gemeindeglieder kommen keine Reichtümer zusammen."

Ihr Lebensweg nach Taegok war ebenso schwer. Ihr Vater war Konfuzianer, ihre Mutter Buddhistin. Sie waren sehr aufgeschlossen und wollten, dass ihre Tochter
trotz ihrer Behinderung eine volle Schulausbildung bekam. Dann machte der Vater Pleite. Dennoch ging die junge Frau 1970 zum Studium nach Seoul. Sie hat oft
gehungert. Für ein Zimmer hat es nicht immer gereicht. Dann saß sie tagsüber in der Bibliothek und schlief nachts in der Kirche. Nun wird Taegok vielleicht nicht
länger ihre Heimat bleiben. Denn dort hat sich zuletzt doch noch etwas getan. Eine Universität wurde gebaut, junge Menschen erfüllen den Ort mit neuem Leben.
Da wird selbst eine bisher abgelegene Region auch für gestandene ordinierte Pfarrer attraktiv. Und wer will dann schon auf Dauer eine Frau als Gemeindeleiterin,
die dazu noch behindert ist? Im Sook-Jae läßt sich nicht entmutigen. Vielleicht wird sie ja doch von einer Gemeinde gewählt. "Vielleicht kann ich auch eine
Altenkommunität aufmachen." Und hiervon versteht sie viel nach 25 Jahren in Taegok.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 47]

Kimtschi und Ondol

Ein Blick in Küche und Wohnung

Von Gisela Köllner

"Glücklich der Mensch, der sich liegend den satten Bauch streichelt". Dieses koreanische Sprichwort spiegelt den hohen Stellenwert wider, den das Essen in
einem Land einnimmt, in dem die heute über 40jährigen die Zeiten des Hungers während der Kriegsjahre erlebt haben und in dem in der Vergangenheit die
unteren Bevölkerungsschichten nie üppig gelebt haben. Die koreanische Küche stellt eine völlig eigene Kulturentwicklung dar, Gemeinsamkeiten bestehen
minimal mit der chinesischen und überhaupt nicht mit der japanischen Küche. Mit zahlreichen eingelegten Gemüsegerichten, arbeitsaufwendigen Soßen und
vielseitig gewürzten Suppen und Hauptgerichten erfordert die Zubereitung viel Zeit, stellt aber eine gesunde und schmackhafte, wenig belastende
Ernährungsweise dar.

Dreimal täglich wird in Korea warm gegessen. Die Zusammensetzung aller Mahlzeiten bleibt zu jeder Tageszeit gleich: Leicht klebender Reis ist ein Bestandteil
jeder Tafel, dazu werden stets Suppe, verschiedene Beilagen sowie Fleisch- und Fischgerichte gereicht. Erwartet man Gäste, so stehen mindestens sieben
Einzelgerichte auf dem Tisch. Zu besonderen Anlässen wie Feiertagen und Hochzeiten gibt es spezielle Gerichte: Zu einer Geburtstagsfeier gehört
beispielsweise unbedingt die traditionelle Seetangsuppe mit Rindfleischstücken (Mijoggug).

Die wichtigste Beilage ist Kimtschi: Chinakohl und anderes Gemüse, das in Peperonipulver, Zucker und Knoblauch, je nach Hausrezept zusätzlich in
Fischsoßen, Ingwer oder gemischt mit Meeresfrüchten eingelegt ist. Traditionell wird es in großen Tontöpfen aufbewahrt, die auch in modernen
Hochhaussiedlungen der Großstadt Seoul die Balkone schmücken.

Ein häufiges Hauptgericht, das sich mit in Deutschland erhältlichen Zutaten leicht zubereiten lässt, ist Pulgogi. Dünne Rindfleischstreifen werden in einer
Marinade aus Reiswein, Zucker, Sojasoße, gehacktem Knoblauch und Lauch, gerösteten Sesamkörnern, Sesamöl und etwas Pfeffer ca. eine Stunde lang
eingelegt, danach gegrillt oder in der Pfanne gebraten.

Gewürzt wird nicht wie in Deutschland durch Hervorheben einer Geschmacksrichtung (süß, sauer, bitter), sondern durch eine harmonische Kombination
verschiedener Geschmacksrichtungen in einer einzigen Speise. Hauptwürzmittel sind Peperoni und Peperonipaste, Sojasoße und Sojapaste, Zucker, Sesamöl,
Sesamkörner, Knoblauch, Ingwer und Meerestiere. Knoblauch wird in relativ großen Mengen beigegeben.

Ein koreanisches Essbesteck besteht aus einem langstieligen Löffel sowie einem Paar dünner Metallstäbchen. Viele Schüsselchen bedecken die Tafel, die
Lebensmittel sind ästhetisch und farblich abgestimmt angerichtet. Gegessen wird an niedrigen Lacktischen. Die Nähe zum Fußboden behalten auch moderne
junge Menschen bei, selbst wenn sie in ihrer Wohnung vielleicht zusätzlich über europäische Tische und Stühle verfügen. Wer einmal eine Wohnung in Korea
besucht hat, hat die Vorzüge der Bodennähe selbst gefühlt. Die alte koreanische Erfindung der Ondol-Fußbodenheizung beschert vom Herbst über den Winter
bis zum Sommerbeginn eine wohlige Wärme. Ganz besonders hautnah zu genießen ist dieses auch in allen modernen Wohnungen installierte Heizungssystem in
einer kühleren Jahreszeit, wenn das übliche koreanische Bett, bestehend aus einer dünnen Matte, direkt auf dem Fußboden ausgebreitet wird. Tagsüber werden
die Betten zusammengerollt und in Truhen verstaut, so dass ein Schlafzimmer gleichzeitig Wohn- und Arbeitszimmer sein kann. So werden kleine Wohnungen
intensiv genutzt, was gerade in den Großstädten mit fehlendem Wohnraum dringend erforderlich ist.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea 1996, S. 62]

Am Ende werden die Wege zum Land

Korea - ein Naturerlebnis

Von Gisela Köllner



Ernst von Hesse-Wartegg, ein deutscher Reisender, der im Jahre 1894 "das Land der Morgenstille" besuchte, notiert über die königliche Hauptstadt: "Eine
Stunde nach meiner Ankunft wanderte ich längs der Stadtmauer empor zu dem steilen, bewaldeten Nams(ch)an, um von seinem Gipfel den Anblick der großen
Stadt zu genießen. Nun sah ich erst, dass die Höhen hier einen weiten Kessel umschließen, wie den Krater eines erloschenen Vulkans, und in diesem Kessel
verborgen liegt das Häusermeer von Seoul. Nur eine mir bekannte Stadt besitzt eine annähernd ähnliche Lage: Stuttgart."

Während Ernst von Hesse-Wartegg vor 100 Jahren zu Fuß oder auf dem Rücken kleiner Ponies die unbefestigten Wege Koreas bereist hat, findet sich der
heutige Reisende in einem Land mit ausgezeichneter Infrastruktur: Mit Bus, Bahn, Auto oder Flugzeug kann er in wenigen Stunden ganz Korea durchqueren. An
einem sonnigen Tag des Jahres 1996 warten frühmorgens Menschen an einer Bushaltestelle in Seoul, um einen der malerischen Granitberge in der Umgebung
der Millionenstadt zu erreichen - nicht etwa den Namsan, den 262-m-Hügel umgeben von Stadtautobahnen und Hochhäusern, zwischen dessen Laubbäumen
das Wahrzeichen der Stadt, der Aussichtsturm aufragt und der ein beliebtes Ausflugsziel ist. Frühmorgens liegt das Ziel der Stadtbewohner eher in den ruhigeren
waldbedeckten Bergen, die die Silouette der Stadt überragen und unterbrechen. Vor dem Beginn eines anstrengenden Arbeitstages ist hier inmitten der Natur die
Ruhe für ein intensives und manchmal lautes Frühgebet zu finden.

Am arbeitsfreien Sonntag trifft sich früh am Morgen an den Bus- und Metrohaltestellen eine andere Ausflüglergemeinschaft mit Wanderstiefeln und Rucksack. In
der "Schweiz Ostasiens" gehört das Bergwandern zu den wichtigsten Freizeitbeschäftigungen. Im regenarmen Frühjahr und Herbst bewegen sich unter blauem
Himmel auch viele motorisierte Naturfreunde Richtung Süden und Osten, wo es in den hochaufragenden Gebirgen mit ihren zahlreichen Naturparks viele
markierte Wanderwege und gute Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Sollte einmal die Zeit am Wochenende für eine Wanderung zu knapp bemessen sein, so sind
die Autos beladen mit Körben voller kulinarischer Spezialitäten, und unter blühenden Frühlingsbäumen oder herbstlich rotgefärbten Ahorn- und gelben
Ginkoblättern sind die Grünflächen um Ausflugsparkplätze fest in der Hand von Picknickgesellschaften. Die Bergzüge erreichen im Osten der Halbinsel knapp
2000 m Höhe, bevor sie steil zum Japanischen Meer hin abfallen. Kurze Bachläufe führen hinab zum Meeresspiegel, und der enorme Höhenunterschied wird
durch tief eingegrabene Täler überwunden. Mönche und Landschaftsmaler finden hier Ruhe oder Anregung. Im Winter liegt auf den Gipfeln Schnee.

Aus den östlichen Gebirgen fließen längere Bäche und Flüsse nach Westen, wo die Landschaft flacher wird und wo geeignete ebene Flächen für die
Landwirtschaft, aber auch für große Städte und Industrieansiedlungen zur Verfügung stehen. Unterbrochen von bewaldeten Hügelketten liegt hier die
bedeutendste Wirtschaftsregion Koreas, und hier lebt auch ein Großteil der Bevölkerung des dichtbesiedelten Landes. Jedes flache Landstück wird zum Anbau
von Reis, Gemüse und Obst genutzt. Die Gewässer wie beispielsweise der Seoul querende Han-Fluss bewegen sich hier träge und sind nur für die Nutzung
durch kleine Binnenschiffe geeignet. Im Südwesten sind dem Festland zahlreiche kleine Inseln vorgelagert, die teilweise touristisch attraktiv, teilweise aber auch
kaum verkehrsmäßig erschlossen sind.

Wie zu Zeiten von Ernst Hesse-Wartegg werden Korea und seine Hauptstadt von einer imposanten Bergwelt dominiert. Die Höhenzüge sind jedoch nicht
vulkanischen Ursprungs. Um in Korea bizarre Lavaformen und Reste von Vulkankegeln zu sehen, ist die weite Reise auf die Inseln Chejudo oder Ullûngdo
notwendig. Vor allem Chejudo mit seinem subtropischen Klima, den Sandstränden und Südfrüchten ist das Ziel vieler Urlauber. Der Höhepunkt einer solchen
Reise kann der Blick in den Kratersee auf dem höchsten Berg Südkoreas, dem Vulkan Hallasan (1950 m), sein. In Nordkorea erhebt sich im Paektusan mit 2744 m
Höhe ein weiterer Vulkankegel, der höchste Berg der gesamten Halbinsel. Der Wunsch, diese beiden Erhebungen einmal bestiegen zu haben, steht symbolisch
für den Wunsch vieler Landesbewohner nach der Wiedervereinigung der beiden Staaten.

Zwar ist das koreanische Festland mit seinen Granit- und Kalksteinhöhen, seinen Tropfsteinhöhlen und Wäldern landschaftlich völlig anders geartet als die
benachbarten japanischen Inseln; aber heiße Quellen sind auch hier weit verbreitet. Ein Besuch in einem der zahlreichen Bäder ist eine Wohltat für Körper und
Geist. Getrennt nach Männer- und Frauenbädern finden sich zahlreiche Becken mit Wassern verschiedener Temperatur und mineralischer Zusammensetzung.
Bislang konnte das Land trotz intensiver Industrialisierung und Verstädterung in weiten Bereichen seine Naturlandschaft erhalten. Erste ernsthafte Probleme mit
der Wasser- und Luftqualität im Umland großer Industriestädte haben jedoch auch schon die internationale Presse erreicht. Eine aktive Umweltschutzbewegung ist
noch sehr jung. Hoffentlich gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit für die Zukunft der Naturschätze Koreas zu wecken.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 8-9]

Dominant und selbst unter Zwang

Männerrollen im mühsamen Wandel



Von Lee Kook-Il



Männerrollen zu beschreiben, ist für Koreaner, die eine Zeit im westlichen Ausland gelebt haben, keine ungetrübte Angelegenheit. Vorgestellt werden zwei Männer im
Alter von 40 und 31 Jahren. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.



Kim Young-Chun ist 40 Jahre alt, verheiratet, zwei Söhne. Er ist Christ, aber nach seiner Erziehung bleibt er in der konfuzianischen Tradition. Wenn er nach
Hause kommt, zu welcher Uhrzeit auch immer, erwartet er, dass seine Frau ihm das fertige Essen serviert. Das klappt nicht immer, und es ärgert ihn sehr. Seine
Frau hat ein kleines Kalligrafiestudio, mit dem sie sich ein Taschengeld und einen Teil des Haushaltsgelds verdient. Young-Chun sieht es mit zwiespältigen
Gefühlen. Einerseits verschafft es ihm finanziell Luft, andererseits wird seine Frau zu selbständig und eigensinnig. Young-Chun kontrolliert das Haushaltsbuch.
Nachdem seine Frau mehrmals sehr sparsam war und etwas von dem Geld zurückgelegt hat, hat er selbstverständlich seinen Betrag reduziert. Mit der
Haushaltsführung hat er nichts zu tun, er hat noch nie Lebensmittel eingekauft.

Sein Gehalt verwendet er, nach Abzug der festen Kosten, nach eigenem Gutdünken. Er braucht viel Geld, weil er Leute zum Essen einladen muss, die für ihn
wichtig sind. Dabei geht man immer ins Restaurant. Es darf kein billiges sein; das macht keinen guten Eindruck. Die obligatorischen Trinkereien im Kollegenkreis
versucht er in Grenzen zu halten. Er braucht auch immer Reserven. Wenn ein Freund um Geld bittet, muss man großzügig helfen. Das steigert das eigene
Ansehen. Überhaupt ist es wichtig, "das Gesicht zu wahren". Dazu gehören bestimmte Verhaltensweisen. Kürzlich wollte seine Frau Klassenkameradinnen treffen
und bat ihn, ausnahmsweise einen Abend für die Kinder zuhause zu sein. Das fand er eine ziemliche Zumutung und hat es glatt abgelehnt. Für die Kinder ist
seine Frau zuständig. Daraufhin ist seine Frau plötzlich ausfällig geworden und hat ihn angeschrieen. Da hat er sie ins Gesicht geschlagen.

Entscheidungen, auch solche, die die ganze Familie betreffen, trifft er als Familienoberhaupt grundsätzlich allein. Im Augenblick allerdings befindet er sich in
einer Zwickmühle. Ein Höhergestellter in der Firma hat ihn für eine wichtige Arbeit im Ausland vorgeschlagen. Das kann er nicht ablehnen, er würde sich
unmöglich machen. Es macht ihm Sorgen. Er hat das Gefühl, dass die westliche Kultur sich mit seiner Lebensart nicht verträgt. Wie wird das die Frau und die
Kinder beeinflussen? Wenn er amerikanische Fernsehserien sieht, erschrickt er über die Art, wie Männer sich von Frauen beherrschen lassen. Dies entspricht
nicht den traditionellen Rollenvorstellungen für Eheleute. Diese Vorstellungen beherrschen ihn stark - wie übrigens auch noch mindestens 60 bis 70 Prozent aller
jungen Paare, die sich noch über die traditionelle Ehevermittlung verheiraten lassen. Manchmal denkt er, es wäre gut, sich in einer bedrängenden Situation wie
dieser ausführlich mit jemandem besprechen zu können. Seine Frau kommt dafür nicht in Frage, ein Freund vielleicht...? Nein, er ist zu stolz dazu. Man öffnet
einem anderen Menschen nicht sein ganzes Herz. Nicht, wenn man ein Yangban sein will, ein auch innerlich vornehmer Mensch.

Kim Nam-Gi, 31 Jahre alt, verheiratet, noch keine Kinder, lebt in Deutschland, studiert Architektur und betrachtet mit Aufgeschlossenheit alles, was ihm
erstrebenswert erscheint. Aus der Ferne hat er ein neues Bild seiner Heimat gewonnen. Er stellt viele Traditionen infrage. Manches vermisst er hier. Für ihn waren
es vor allem die Olypmischen Spiele 1988, durch die Korea die Welt entdeckt, den Wert der eigenen Kultur wiederentdeckt und damit wichtige Anstöße erhalten
hat. Er vermisst in Deutschland die koreanische Küche;dabei mag er deutsche und ist sich bewusst geworden, wie aufwendig die koreanische ist. Nam-Gi fehlt
vor allem das enge Zusammenleben mit Verwandten. Andererseits genießen er und seine Frau die Selbstbestimmung über ihr Leben: ihre Freizeit
eigenverantwortlich und ohne Rücksicht auf die Erwartungen von Familien- und Bekanntenkreis gestalten zu können.

Seine Frau, Park Mi-Su, geht ihrer beruflichen Tätigkeit nach. Sie ist Designerin, und Nam-Gi ist von ihren Entwürfen begeistert. Er befürwortet, zumindest hier in
Deutschland, ihre Berufstätigkeit. In Korea wäre er mit den Erwartungen seiner Eltern konfrontiert. Es ist nicht nur üblich, dass die Schwiegertochter ihren Sohn
und seine Kinder rundum versorgt, sondern sie selbst haben einen Anspruch darauf, von ihr bedient zu werden. Berufstätigkeit der Ehefrau bringt auf jeden Fall
eine Pflichtenkollision mit sich. Hier im Ausland kann Nam-Gi auch Haushaltsarbeiten mit seiner Frau teilen. Kein Verwandter kann dazu einen Kommentar
abgeben, wenn er einmal das Geschirr spült oder staubsaugt.

Nam-Gi ist erleichtert, mit der deutschen Grammatik relativ wenige Höflichkeitsformen lernen zu müssen und auf ältere Menschen locker zugehen zu können,
ohne sich um die konfuzianisch geprägte Hierarchie kümmern zu müssen. Er rechnet für die Zukunft mit einer Vereinfachung der Umgangsformen in seiner Heimat,
aber mit einer langsamen, die sich über Generationen erstreckt. Nam-Gi weiß genau, dass er und seine Frau nach Korea zurückgehen werden. In seinem
angestrebten Beruf sieht er in den rasch wachsenden Städten viele Aufgaben für sich. Er weiß, dass er in manchen Lebensbereichen wieder anders leben wird
und hofft, einen Mittelweg zu finden. Er wird, sagt er, ab und zu die gemeinsamen Restaurant- und Kneipenabende im Kollegenkreis mitmachen. Sie stärken das
Zusammengehörigkeitsgefühl und gehören nun einmal zum Männeralltag in Korea. Ganz sicher ist er sich, dass er das Gebot der teuren Einladungen von
Verwandten, Freunden und Kollegen erfüllen wird. Wie aber wird sich seine Beziehung zu Mi-Su gestalten? Nam-Gi hat seine Frau auf der Universität
kennengelernt. An der Partnerschaft ist für ihn die Freiheit in gegenseitigem Vertrauen und Liebe wichtig. Rollenunterschiede zwischen Mann und Frau gibt es für
ihn in der Situation als Vater und Mutter. Nam-Gi - ein junger Koreaner, der seinen Weg in den sich ändernden Strukturen sucht. Hier im Ausland konnte er
manche von seinen Vorstellungen verwirklichen. Ob es ihm in seiner Heimat persönlich und gesellschaftlich gelingen wird?

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 45-46]

Das Salz in der Suppe

Minjung: Randsiedler-Gemeinden

Von Lutz Drescher

"Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben." Mit diesem Gedanken von Bonhoeffer verbindet der
Autor das Leben der zahlreichen Minjung-Gemeinden Südkoreas. Es sind Gemeinden von Randgruppen, die den offiziellen Großkirchen mit Skepsis
gegenüberstehen. Lutz Drescher war von 1987 bis 1995 ökumenischer Mitarbeiter der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK).





"Gott ist ein Bauer", verbunden mit dem Hinweis auf Johannes 15,1, steht in großen Lettern auf einem Spruchband an der Außenwand einer kleinen
methodistischen Kirche in einem Bauerndorf, 60 Kilometer von Seoul entfernt. "Das Leben Jesu als Arbeiter" ist der Titel eines Weihnachtsspiels, mit dem junge
Leute aus einer kleinen Arbeitergemeinde in einem Industrieviertel Seouls ihre Erfahrungen und die Geschichten von Jesus von Nazareth miteinander in
Verbindung bringen. "Gottes Herz schlägt für die Armen", ist die Grundüberzeugung, die einen jungen Pfarrer fähig macht, in vollständiger Solidarität das Leben
von Armen in einem Slum in Seoul zu teilen und dort eine kleine reformierte Gemeinde zu gründen. Eines haben diese drei Beispiele gemeinsam: Sie gehören zu
der wachsenden Zahl kleiner Gemeinden, die sich "Minjung-Gemeinden" nennen. Mit dem kaum zu übersetzenden Begriff Minjung werden Randgruppen
bezeichnet, verarmte Bauern, Niedriglohn-Arbeiter, Leute in den Armenvierteln, aber auch politische Gefangene und ihre Angehörigen oder wegen
Gewerkschaftstätigkeit entlassene Lehrer.

Gott als Bauer, Jesus als Arbeiter - das ist auf den ersten Blick befremdlich. Doch in dieser Sprache wird etwas von der Theologie der Minjung-Gemeinden
deutlich: Mitten unter dem Minjung ist der auferstandene Christus lebendig. Der koreanische Theologieprofessor Ahn Byung-Mu, der im Gefängnis hautnah mit
dem Minjung in Berührung kam und die Bibel mit neuen Augen sehen lernte, hat einen entscheidenden Anstoß mit seinem Nachdenken über die letzte
Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern in Galiläa (Markus 16,7) gegeben. Galiläa, das war zu den Zeiten Jesu der Ort, wo fern von den
Machtzentren das einfache, ausgebeutete und sich wehrende Volk lebte, "im Schatten des Todes" (vgl. Matthäus 4,15f). Mit diesen Menschen hat sich Jesus
verbunden. Galiläa heute in Südkorea - das sind die Bauerndörfer, Arbeitersiedlungen und Armenviertel. Zwar nahm sich schon die Stadt-und Land-Mission
seit den 50er Jahren der Anliegen der Bauern und Arbeiter an, aber doch mit dem Anspruch, etwas für sie zu tun. Gemeinden, die sich als Minjung-Gemeinden
verstehen, haben die Erfahrung gemacht, dass sie durchaus selbst in der Lage sind, ihre Sache zu vertreten. "Die Bauern Koreas werden oft als Menschen
zweiter Klasse behandelt und haben in den vergangenen 30 Jahren unter einer vorwiegend am Export orientierten Wirtschaftspolitik und in jüngster Zeit unter der
fortschreitenden Öffnung des Agrarmarkts sehr zu leiden gehabt. Jesus hat in seinen Gleichnisse Gott oft auch mit einem Bauern oder einem Gärtner verglichen.
Ein solcher Gedanke hilft uns, nicht zu verzweifeln, sondern uns für die Rechte der Bauern einzusetzen." So erklärt Pfarrer Song Byung-Mu das Spruchband an
seiner Kirche.

Minjung-Gemeinden in Arbeitervierteln haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Für sie waren ihre Kirchen bis vor einigen Jahren die einzigen Freiräume, in
denen sie offen über ihre Probleme reden konnten. Abends trafen sie sich dort und nach einer Bibelarbeit wurde das Arbeitsgesetz studiert und über die Rolle der
Gewerkschaften diskutiert. Als es 1987 zu einer großen Streikwelle im ganzen Land und zur Gründung freier Gewerkschaften kam, haben viele Arbeiter/innen aus
Minjung-Gemeinden dabei mitgewirkt. Sie wurden überwacht, und hin und wieder wurden auch ihre Pfarrer verhaftet. Gerade in solchen Situationen erlebten die
Gemeinden besonders intensiv die Gemeinschaft mit Jesus, der ja auch verhaftet, gefoltert und schließlich zum Tode verurteilt wurde. Dass Jesus in einem Stall
zur Welt kam, ist für die Bewohner des "Schweinedorfes", einem Armenviertel in Seoul, so genannt, weil dort bis vor wenigen Jahren Vieh gezüchtet wurde, ein
ermutigender und tröstlicher Gedanke, der ihnen die Gewissheit vermittelt: Gott ist uns nahe. Verstärkt wird dies dadurch, dass Pfarrer Oh Young-Shik ihr Leben
mit all seinen Schwierigkeiten teilt. Die kleine Yong-Un-Gemeinde versucht, gemeinsam mit den Bewohnern und freiwilligen Mitarbeitern, anstehende Probleme
zu lösen. Kindertagesstätte, Hausaufgabenhilfe, medizinische Betreuung, Treffpunkt für Ältere, das sind alles Orte, an denen Gottesdienst im Alltag, "Gottesdienst
ohne Worte" stattfindet. Diese Aktivitäten sind notwendige Ergänzung der anderen Gottesdienste, bei denen wie in allen anderen Gemeinden die Bibel gelesen,
gesungen und gebetet wird. Für die weitgehend mittelschicht-orientierten Kirchen sind die Minjung-Gemeinden ein Stein des Anstosses. Sie fordern die großen
Kirchen durch ihr Zeugnis in Wort und Tat und Leiden heraus. Zwar sind Minjung-Gemeinden noch in der Minderheit, aber ihre Zahl wächst, und sie sind jetzt
schon das "Salz in der Suppe und Hefe im Teig" der koreanischen Kirche und Gesellschaft. In der Minjung-Kultur gibt es keine Zuschauer, sondern nur
Beteiligte. In der Minjung-Theologie spielt der Ort des Geschehens eine große Rolle. Und die Leidensbereitschaft des Minjung hat für andere befreiende Wirkung
gehabt.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 22-23]

Die Bärin und der Göttersohn

Ein Mythos von der Geburt des ersten Königs Tangun



"In alter Zeit dachte der Göttersohn Hwangung daran, die Menschen zu erlösen. Als sein Vater hiervon hörte, schickte er seinen Sohn mit drei himmlischen
Abzeichen auf den Gipfel des Taebaek-Berges. Zu dieser Zeit lebten in einer Höhle ein Tiger und eine Bärin, deren sehnlichster Wunsch es war,
Menschengestalt anzunehmen. Deshalb beteten sie unaufhörlich zu Hwangung, der ihnen schließlich einen übergroßen Beifuß und ein Gebinde aus Knoblauch
mit dem Versprechen gab, wenn sie dies äßen und für einhundert Tage das Sonnenlicht mieden, so würden sie Menschengestalt annehmen. Nur die Bärin konnte
jedoch so lange dem Sonnenlicht fernbleiben und nahm, wie prophezeit, die Gestalt einer Frau an. Da ihr nun ein Lebenspartner fehlte, sie sich aber nichts
sehnlicher als ein Kind wünschte, betete sie erneut zu Hwangung, der sich ihrem Flehen nicht verschließen konnte und sie zur Frau nahm. Bald darauf schenkte
sie ihm einen Sohn, den sie Tangun nannten. Später gründete Tangun seine Hauptstadt in Pyongyang und nannte das Land, über das er herrschte, Choson."

Dieser Mythos über die Gründung Koreas findet sich im koreanischen Geschichtswerk "Samgukyusa" aus dem 13. Jahrhundert n. Chr. Er ist eine von mehreren
ähnlichen Varianten über den himmels- und erdentsprossenen göttlichen Helden und Staatsgründer. In der Gestalt der Bärin schimmert noch etwas durch von der
Herkunft des Volkes aus dem sibirischen Raum, wo der Bärenkult eingebettet ist in die schamanistische Religion, wo die Seele des getöteten, aber respektvoll
behandelten Bären bei einigen Völkern als Bote der Menschen und Vermittler zwischen Göttern und Menschen zum Himmel aufsteigt. Der Halbgott Tangun ist
nach der alten religiösen Taejonggyo-Überlieferung der Sohn des Gottes Hanul. Mit der Einführung des Buddhismus und später des Konfuzianismus in Korea
verschwand diese Religion im 15. Jahrhundert. Bis vor kurzem begannen jedoch koreanische Kalender mit der Zeitrechnung im Jahre 2333 v. Chr. - dem
mythologischen Geburtsjahr Tanguns und damit legendärem Gründungsdatum Koreas. Im späten 19. und frühen 20 Jahrhundert kam es durch ein Erwachen
koreanischer National- und Unabhängigkeitsideen auch zu einem Wiederaufleben dieser Tradition.

Quellen: Hanns W. Maull und Ivo M. Maull - Korea. Verlag C.H.Beck, München 1987; A handbook of Korea. Korean Overseas Information Service, 1993.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 12]

Religionen in Stichworten

Bearbeitung: Reinhilde Freise

Der Schamanismus, der aus dem sibirischen Raum stammt, gilt als die älteste greifbare Religion im Land. Im Zentrum des koreanischen Schamanismus steht der
"kut", die große Zeremonie, die sich ursprünglich auf das Leben der Dorfgemeinschaft, auf Ernte und Wetter bezogen hat. Durch Industrialisierung und
Verstädterung bedeutungslos geworden, sind heute drei Zeremonien wesentlich: der "chip-kut" für ein Haus oder eine Familie, der glücksbeschwörende
"chaesu-kut" oder der "pyong-kut" im Fall psychosomatischer Erkrankungen. Beherrschende Gestalt im ekstatischen "kut" ist die Schamanenpriesterin.
Grabfunde deuten darauf hin, dass in vorbuddhistischer Zeit die koreanischen Herrscher neben königlichen Funktionen auch schamanistisch-priesterliche
ausgeübt haben.

Der Buddhismus ist vom 4. Jahrhundert an in Korea belegt, sowohl im nördlichen Koguryo-Reich wie in den beiden Südreichen Paekche und Silla. In Alt-Silla
wurde er 527 offiziell anerkannt. Als Alt-Silla seine beiden Rivalen einverleibte (668), wurde der Buddhismus Staatsreligion und erlebte im Silla-Reich (668-918)
seine große Blüte. Er wurde unter der konfuzianischen Yi-Dynastie (1392-1910) nur teilweise geduldet; temporär kam es zu regelrechten Budhistenverfolgungen.
Die Tempel und Klöster, deren Zahl sich auf mehrere Tausend beläuft, sind deshalb meist tief in den Bergen verborgen. Heute sind rund 20 000 Nonnen und
Mönche registriert; ein Viertel der Bevölkerung bekennt sich zum Buddhismus. Das heißt in erster Linie, dass sie am Fest von Buddhas Geburtstag, am 8. Tag des
4. Mondmonats, zu einem Tempel gehen und dort ihre Geldspenden entrichten. Der koreanische Buddhismus ist ein von strenger Meditation geprägter Son-
(Zen-) Buddhismus. Jedoch ist er kein einheitliches Gebilde; verschiedenste Schulen und Organisationsformen bestehen nebeneinander. Der Chogche-Orden
hat die Führung und leitet auch die buddhistische Dongguk-Universität in Seoul. Buddhismus und Christentum sind die größte Religionsgemeinschaften im Land.

Der Konfuzianismus ist eine geistige Strömung, die vor zweieinhalb Jahrtausenden in China entstanden ist und sich vom 8. Jahrhundert an in ganz Ostasien
ausbreitete. Er ist in erster Linie eine ethisch-politische Lehre, enthielt aber zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Regionen auch starke religiöse
Elemente. In Korea wurde er durch die Yi-Dynastie zur vorherrschenden gesellschaftlichen Ordnung. Staatsführung und patriarchalische Familienmoral sind eine
enge Verflechtung eingegangen, wobei die Tugenden von Mann und Frau festgeschrieben und durch ein religiös-kosmologisches Weltbild von Himmel und
Erde, oben und unten, männlich und weiblich zementiert wurden.

Die statischen Angaben sind nur Annäherungswerte. Viele Koreaner sind gleichzeitig schamanistisch, buddhistisch und konfuzianistisch geprägt.

Nach: Religionen der Welt. Bertelsmann Handbuch, hrsg. von Monika und Udo Tworuschka, 1992, S. 331-332,349-356, 423-424; Fischer Weltalmanach 1996.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 55]

Im Schamanismus sind Frauen tonangebend

Die Urreligion Koreas war nie zu unterdrücken

Von Lutz Drescher



Der Schamanismus gilt als Urreligion Koreas. Als Volksreligion hat er keine heiligen Schriften und keine festen Institutionen. Der Autor, von 1987 bis 1995
ökumenischer Mitarbeiter in Südkorea, beschreibt Formen und Wirkungskräfte der koreanischen Form des Schamanismus.



"Ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass dunkle Seelen wieder hell werden", beschreibt die 27jährige Chong Son-Dok ihre Berufung. Mit acht Jahren,
nach dem Tod ihres Vaters und einer langen, unerklärbaren Krankheit, wurde sie durch ein mehrere Tage dauerndes Ritual zur Schamanin. Fast täglich wird sie
von Hilfesuchenden beansprucht, die körperlich oder seelisch krank sind oder familiäre oder geschäftliche Schwierigkeiten haben. Manchmal hilft ein Gespräch
oder ein kleines Ritual vor dem Hausaltar. In anderen Fällen ist ein Kut notwendig. Im Verlauf einer viele Stunden, manchmal Tage dauernden Zeremonie bricht
die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen auf: Es wird geweint und gelacht, geklagt und getröstet, geschrien und beruhigt, gefleht und gelobt, gestritten und
versöhnt. Die Schamanin handelt als Medium einer Vielzahl von Göttern und Geistern, deren Botschaften sie ausrichtet. Zu jedem von ihnen gehört ein anderes
Gewand, in das sie wie in eine neue Rolle schlüpft.

In einem Gespräch junger Pfarrer aus Arbeiter- und Armenvierteln mit Chong Son-Dok wurde festgehalten, dass der Schamanismus, vielleicht sogar wegen
seiner starken Ablehnung durch die meisten Christen Koreas, durch die Hintertür Eingang in Gemeinden gefunden hat. Auf den ersten Blick scheint das nicht so
zu sein: nüchterne Gottesdiensträume, von amerikanischen Missionaren übernommene Hymnen, Gebete und Predigten wie überall auf der Welt. Sieht man jedoch
genauer hin, wird deutlich, dass eine Spur leidenschaftlicher gepredigt, länger und intensiver gebetet wird. Vor den eigentlichen Gottesdiensten, besonders in
Gebetshäusern und bei Nachtandachten, wird lange gesungen, manchmal getanzt. Bei gemeinsamen lauten Gebeten fließen Tränen, wird geseufzt, durch Schreie
Schmerz und durch Halleluja-Rufe Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht. Man schlägt sich zerknirscht an die Brust, streckt die Arme lobend und sehnsüchtig zum
Himmel. Steine fallen dabei vom Herzen und Knoten lösen sich.

Die Spiritualität vieler Koreaner ist schamanistisch geprägt. "Schamanin im Bauch - Christin im Kopf" lautet der provozierende Titel der deutschen Übersetzung
des vielbeachteten Buches der Theologin Chung Hyun Kyung (Stuttgart 1992). "Konfuzianistisch im Verhalten" hätte wohl hinzugefügt werden müssen, wenn
auch der männliche Teil der Bevölkerung in den Blick genommen worden wäre. Während Konfuzianismus eher "Männersache" ist, sind im koreanischen
Schamanismus Frauen tonangebend. Konfuzianistische Ethik wird eher in der gebildeten Oberschicht gepflegt, während der Schamanismus die Religion der
"kleinen Leute" ist. Der Schamanismus als Urreligion Koreas behielt auch dann seinen Einfluss, als vom 4. Jahrhundert an der Buddhismus immer mehr Raum
erhielt. Buddhismus und Schamanismus wurden von der konfuzianistischen Yi-Dynastie (1328-1905) unterdrückt. In jüngster Zeit hat die alte Religion eine
Aufwertung erfahren. Il-Young, Professor für Religionswissenschaften an der katholischen Hochschule, spricht von 50 000 Wahrsagern und Schamaninnen, die
im offiziellen Wahrsagerverband zusammengeschlossen sind. Die wirkliche Zahl beträgt mindestens das Doppelte und ist damit doppelt so hoch wie die Zahl aller
Pfarrer und Evangelisten.

Im Koreanischen werden Schamaninnen als "Mudang" bezeichnet. Das chinesische Zeichen für "Mu" zeigt Himmel und Erde und zwei tanzende Menschen,
durch die Himmel und Erde miteinander verbunden werden. Die Mudang schafft durch Tanz, Gesang und Ekstase eine Verbindung zwischen der irdischen und
himmlischen Welt, in die alle Besucher eines Kuts einbezogen sind. Zum einen gibt es erblichen Schamanismus: Innerhalb einer Familie werden die zur
Ausübung dieses Berufes notwendigen Fertigkeiten weitergegeben. Zum anderen gibt es die viel größere Gruppe der "berufenen Mudang". Sie alle haben eine
sog. Schamanenkrankheit durchlitten, deren Heilung erst erfolgte, als sie einwilligten, Mudang zu werden. Von dieser Berufung aus Leid her rührt die große
Sensibilität für das Leiden anderer. Mit der Berufung verbunden ist eine mehrtägige Initiation, die "Shin-naerim Kut" genannt wird. "Naerim" bedeutet wörtlich
"Niederkunft", während "Shin" ein Begriff für transzendente Mächte ist, der Gott und Götter, Geist und Geister einschließt. Alle großen Zeremonien werden "Kut"
genannt. Einer der Höhepunkte eines solchen Kuts, gleichsam sein "Gütesiegel"für die Echtheit der werdenden Mudang, ist ein Tanz auf scharfen Messern, in
dessen Verlauf Orakel der Götter mitgeteilt werden. Solch ein Tanz ist nur im Zustand der Ekstase, des "Ergriffenseins" von Göttern und Geistern, möglich und nur
nach längerer Vorbereitung und einer symbolischen Selbstauslieferung der Aspirantin an die Götter. Durch die Initiation wird sie geistige Tochter einer
praktizierenden Mudang. Sie lernt durch die Teilnahme an Kuts über mehrere Jahre hinweg die Gesänge, Tänze sowie den Gebrauch der dabei verwendeten
Gerätschaften. Erst dann arbeitet sie selbständig.

Im allgemeinen haben Mudang eine gewachsene Klientel. Mudang haben eine psychotherapeutische Funktion, da sie in ihren Ritualen seelische Vorgänge in
ständiger Interaktion mit dem Hilfesuchenden inszenieren. Besonders eindrücklich geschieht dies beim Kut für die Seele eines Verstorbenen, die keine Ruhe finde.
Man darf vermuten, dass es die Seelen der Hinterbliebenen sind, die ruhelos bleiben. Im Verlauf eines solchen Kuts ist die Schamanin von dem Geist des
Verstorbenen besessen und spricht Problembereiche an, die vor dem Tod unausgesprochen geblieben sind. Dies ist der Punkt der heilenden Katharsis. Der
Schamanismus hat, wie einige Religionswissenschaftler betonen, Stärke gezeigt, weil es ihm gelungen ist, fremde Religionen, die in Korea Eingang gefunden
haben, "zu schamanisieren". Besonders deutlich wird das auch beim koreanischen Buddhismus: Es gibt kaum einen Tempel ohne einen Seitentempel, der dem im
Schamanismus bedeutsamen "Berggeist" gewidmet ist. Es ist auffallend, dass im Seitentempel oft mehr gespendet wird als im Haupttempel.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, 56-57]

Mit mehr als fünf bist du out

Von Schülerdasein und Schlafmangel

Von Song Kang-Hun und Song Kang-Min



Kang-Hun ist 16 Jahre alt, sein Bruder Kang-Min 15 Jahre. Sie haben zusammen mit ihren Eltern von 1986 bis 1992 in Stuttgart gelebt und hier die Grundschule
und zuletzt das Gymnasium besucht. Im Vergleich zum Schulalltag in Korea erscheint ihnen die Schule in Deutschland wie ein Paradies.



Als ich, Kang-Hun, 1992 nach Seoul zurückgekehrt bin, kam ich in die zweite Klasse der Mittelschule und war sofort damit beschäftigt, mich auf die
Aufnahmeprüfung für die Oberschule vorzubereiten. Das koreanische Schulsystem umfasst sechs Jahre Grundschule, drei Jahre Mittel- und drei Jahre
Oberschule. Das Unterrichtstempo ist schneller als in Deutschland. Darum war ich fast ein Jahr im Rückstand. Schwierig war es außerdem, dass im laufenden
Schuljahr viermal Prüfungen stattfinden, die man alle bestehen muss. Aber ich habe es geschafft und besuche jetzt die Seoul Foreign Language High School,
eine Spezialschule für Fremdsprachen. Da dies eine Spezialschule ist, war die Prüfung auch eine besondere, und die Konkurrenz um die wenigen freien Plätze
war hoch. Dank meiner guten Englischkenntnisse, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte, konnte ich es aber schaffen. Englisch und Japanisch sind
Pflichtfächer, daneben werden Deutsch, Französisch und Chinesisch unterrichtet. Ich bin in die deutsche Sektion eingestiegen und habe jetzt zehn
Wochenstunden Deutsch.

Der Tagesablauf ist hart: Ich stehe um 5.50 Uhr auf, 6.20 Uhr geht der Schulbus. Unterricht von 7.20 bis 12.30 Uhr und von 13.30 bis 17.20 Uhr. Von 18.30 bis
22.30 ist Selbststudium. Mittag- und Abendessen gibt es in der Schulkantine oder vom Imbissstand. Gegen 23.30 komme ich nach Hause und gehe bald schlafen.
Aber es gibt auch Schüler, die dann noch weiterarbeiten. Wir hören immer wieder: "Vier Stunden Schlaf sind okay, mit fünf Stunden bist du out."

Am Samstag und Sonntag gehe ich ins Hagwon zum Lernen. Hagwons gibt es in Deutschland nicht; hier besuchen fast alle Schüler eins. Man kann es mit
Nachhilfeunterricht vergleichen. Vielleicht klingt das für deutsche Ohren alles unglaubwürdig. Tatsache aber ist, dass wir ohne diese Paukerei keine Chance
haben, die Aufnahmeprüfung für eine gute Universität zu schaffen. Weil meine Schule spezialisiert ist, sind die Anforderungen noch größer. Am liebsten habe ich
den Deutschunterricht, weil ich da relaxen kann. Am meisten an der Schule hasse ich, dass der Lehrer beim kleinsten Fehler zuschlägt oder kneift. Ich bin voll
blauer Flecke. Inzwischen bin ich daran gewöhnt und finde es nicht mehr ganz so schlimm wie am Anfang.

Jetzt fange ich an, mich auf die Uni-Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Das ist in unserer ganzen Laufbahn das wichtigste. Ohne Universität bekommt man in Korea
keinen guten Arbeitsplatz und wird in der Gesellschaft nicht anerkannt. Die Uni ist jetzt für mich das wichtigste, ja einzige Ziel. Freizeit gibt es bis dahin nicht für
mich. Was ich mir wünsche? Bloß einmal ausschlafen können!

Ich heiße Song Kang-Min, bin 15 Jahre und in der dritten Klasse der Mittelschule. Mein Tagesablauf ist noch nicht ganz so stressig wie der meines Bruders. Ich
stehe um 7 Uhr auf, bis spätestens 8.15 Uhr muss ich in der Schule sein, wo es zuerst eine Stunde Stillarbeit gibt. Der Unterricht beginnt um 9 Uhr, die Stunden
dauern 45 Minuten, und es gibt einmal zehn Minuten Pause. Von 12.30 Uhr bis 13.15 Uhr ist Mittagspause, dann wieder Unterricht bis 15.30 Uhr. Nach dem
Unterricht müssen wir das Klassenzimmer putzen. Dann komme ich nach Hause, mache Hausaufgaben und esse zu Abend. Danach muss ich ins Hagwon, wo ich
angefangen habe, die Aufnahmeprüfung für die Oberschule vorzubereiten, von 19.30 bis 23.30 Uhr.

Mehr als die Schüler wünschen die Eltern einen guten Schulabschluss für ihre Kinder. Darum besuchen rund 70 Prozent aller Schüler noch den Sonderunterricht
im Hagwon. Das Ziel aller sind die "Sky-Unis": Das sind die Seoul National University, die Koryo- und die Yonsei-University. Die strahlen wie die Sterne am
Himmel. Genauso schwer wie die Sterne vom Himmel zu pflücken ist es auch, dahinzukommen. Alles, was man von der Grundschule an tut, hängt unmittelbar mit
diesem Ziel zusammen. In der koreanischen Schule gibt es Sommer- und Winterferien. Die Winterferien sind länger, weil dadurch Energie gespart wird. In dieser
Zeit besucht man aber weiter das Hagwon, wo man dann ziemlich viele Hausaufgaben bekommt.

Im übervölkerten Seoul gibt es praktisch keine Orte, wo man draußen spielen kann. Darum verbringen wir das bisschen Freizeit, das wir haben, meistens in der
Spielhalle mit Computerspielen. Oder wir gehen in die Leihbibliothek für Comics, ins Noraebang, wo man zu Playback singen kann, oder Tischtennisspielen. In
Korea haben wir es schwer mit dem Individualismus. Alle lesen die gleichen Comics, tragen die gleiche Schuluniform, gucken das gleiche Fernsehprogramm und
die gleichen Videos, und darum spielen auch alle dasselbe und sehen überhaupt alle gleich aus! Wenn man in der Schule etwas anders macht als die anderen
Schüler, gilt man sofort als Außenseiter und Problemkind. Als ich nach Korea zurückkam, fand ich vieles ganz komisch und schrecklich, zum Beispiel, dass die
Lehrer schlagen und Kopfnüsse verteilen oder dass die Schüler praktisch nicht mit den Schülerinnen reden und dass die Klassen so groß sind. In unserer Klasse
sind wir 50. Alle tragen ein Namensschild. Zuerst dachte ich, dass alle Schüler schrecklich fleißig sind, weil sie alle ins Hagwon gehen, aber langsam merkte ich,
dass viele bloß gehen, weil die Eltern Druck machen und dass es auch viele faule Schüler gibt.

Jetzt habe ich noch 100 Tage bis zur Aufnahmeprüfung für die Oberschule, und darum war ich heute mit meinen Freunden "einen Trinken". Das gehört zur Sitte,
damit man die Prüfung besteht. Dann kommt der Endspurt, und ich muss pauken, bis mir der Kopf raucht. Ich habe oft Alpträume. Wenn ich an Deutschland
zurückdenke, dann meine ich, dass dort in der Schule das Paradies war. Das erste, was ich machen würde, wenn ich wieder in Deutschland leben könnte, wäre,
mir eine Punkfrisur schneiden zu lassen. Und dann möchte ich gern Zeit haben und schwimmen, schwimmen, schwimmen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 41-42]

Seoul. Auf dem Weg ins nächste Jahrtausend

Von Martina Waiblinger

Schumann und Clara heißt das Lokal, das uns anzieht. Es liegt an der vor allem abends turbulenten Universitätsstraße mitten in Seoul im ersten Stock. Pizza-Inn,
Mac Donalds, Burger King, kleine Kneipen, Discos und Kinos ziehen die Studenten und die jungen erfolgreichen Seouler an. Hier geht es ab. Motorräder und
Motorroller rauschen durch die breit angelegte Straße, in deren Zentrum Steinskulpturen mit Riesenbrüsten moderner Künstler ausgestellt sind. Sehen und
Gesehenwerden sind hier wesentlich. Die Preise sind auf höherem Niveau. Bei Schumann und Clara treffen sich in romantischem Schummerlicht vor allem junge,
auffallend modern und ausgewählt gekleidete Paare zum Tete-a-Tete, zum Essen und Musikhören. In der Mitte des Raums steht ein überdimensionaler
Fernseher, auf dem Pavarotti, Domingos und Careras ihr Bestes geben. Man sitzt natürlich auf Stühlen, nicht wie in den traditionellen Restaurants auf Kissen, die
auf dem geheizten Boden liegen. Von gegenüber fallen immer wieder die Farbenspiele der Leuchtreklamen ins Schummerlicht. Mein Koreabild wandelt sich hier
schlagartig. In diesem war das Leben von Frau und Mann in Korea getrennt, gingen die Männer abends alleine aus, während die Frauen zuhause blieben.

Ähnliche Erlebnisse begleiten einen in Seoul auf Schritt und Tritt. Zwei Gesichter einer Stadt verwirren den Besucher immer wieder: das geschichtliche,
traditionelle und ein elektronisches, westliches, das hauptsächlich von den USA geprägt ist. Fährt man vom Hauptbahnhof in Richtung Rathaus, ist man mitten
drin in einer hektischen, lauten City mit einer 12-spurigen Straße, eingekeilt von den Beton- und Glaspalästen der Versicherungen, Banken und Hotels. Die
Fahrt führt zunächst direkt auf das einst mächtige Große Südtor (Nam Dae Mun) zu, das im 15. Jahundert gebaut wurde und heute mit dem geschwungenen
Dach, den Malereien und den geschnitzten Äffchen etwas fremd und verlassen wirkt.

Eine 16 km lange Umfassungsmauer und neun Tore hatte die Stadt, die mit der Gründung der Yi-Dynastie am Ende des 14. Jahrhunderts gebaut wurde. Zu dem
breiten und damals noch schiffbaren Han öffnete sich die Stadt. Heute trennt er die alten von den neuen Stadtvierteln und macht immer neue Brücken nötig. Es
gibt aber auch die ruhigen Oasen, die Königspaläste, die in großzügig angelegten Parks liegen und Zeugnis von der Pracht und der Kultur der konfuzianischen
Herrscher ablegen. Der erste Palast der Yi-Dynastie, den König Taejo als Amtssitz diente, ist der Kyongbok-Palast, der Palast des glänzenden Glücks. Er war so
angelegt, dass der Geist der Berggötter freien Zugang zum Palast und weiter zur ganzen Stadt hatte. Während der Besatzungszeit bauten die Japaner ihren
Regierungssitz direkt vor den Palast, gedacht als Demütigung. Später wurde dieser Bau als Nationalmuseum genutzt, soll aber in der nächsten Zeit abgerissen
werden. Mit dem Abbau der Kuppel hat man schon begonnen. Die unzähligen buddhistischen Tempelanlagen beweisen die vergebliche Mühe der Yi-Dynastie,
den Buddhismus zu verdrängen.

Seoul liegt zwischen sieben Hügel. Man kann sie auch als Berge bezeichnen. Auf einem, dem Namsam, steht der 1975 fertiggestellte Fernsehturm, ein wichtiger
Orientierungs- und Aussichtspunkt. Die Berge sind als Lunge für die 12-Millionenstadt unentbehrlich. Für die Seouler Bevölkerung haben sie eine starke
Anziehung. Nicht wenige wandern schon in aller Frühe hinauf, um an einer der Quellen frisches Wasser in Kanister abzufüllen, tief durchzuatmen und einen
erlösenden Schrei auszustoßen. Die mythische Bedeutung der Berge und Berggeister ist nicht nur für die Schamaninnen nachvollziehbar. Die Luft in der Stadt ist
eher geeignet, die Bewohner krank zu machen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Autos in Seoul fast verfünffacht. Endlose Staus und
Parkplatzprobleme gehören zum Alltag. Ungefilterte Autoabgase, Dreck aus der Kleinindustrie und die Angewohnheit, den Müll teilweise gleich am eigenen Herd
zu verbrennen, verdüstern Seoul oft mit einer ungesunden Smogwolke.

Seoul hat in den letzten 20 Jahren rasante Veränderungen erlebt, die sich in den Menschen, den Bauwerken, im Angebot und im Selbstbewusstsein äußern. Die
Stadt, nach dem Bruderkrieg 1953 stark zerstört, hat ehrgeizige Anstrengungen auf sich genommen, Wirtschaft, Ausbildung und Technologie zu entwickeln. Ein
altes koreanisches Sprichwort lautet: "Hast Du ein Pferd, so schick? es nach Cheju, hast du aber einen Sohn, so schick? ihn nach Seoul." Auf der Insel Cheju
gibt es das beste Gras, in der Hauptstadt dagegen die besten Schulen, Universitäten und Ausbildungsmöglichkeiten. Tausende studieren an den 70 Hochschulen
und wollen später möglichst hier auch arbeiten. Das bringt zu dem Verkehrsproblem ein immenses Wohnungsproblem.

In nur acht Jahren wurden in Südkorea über 3,5 Millionen neue Wohnungen für ca. 25% der Gesamtbevölkerung gebaut. Wohnungen heißt hier Apartmentblocks,
die überall wie Pilze aus dem Boden schießen. Für die meisten immer noch ein Zeichen von Fortschritt. Dass die bauliche Qualität nicht immer die beste ist und
manchmal auch auf Sand gebaut wird, zeigte der Kaufhauseinsturz im Sommer 1995, der vielen Menschen das Leben kostete. Dass mit ihnen auch ein Stück
Kommunikation verloren gegangen ist, die in den niedrigen, engen traditionellen Häusern mit den geschwungenen Dächern selbstverständlich war, wird erst
langsam bewusst. Die Schamaninnen ziehen sich in die wenigen alten Viertel zurück. Ihre Trommeln, ihre Gongs, die sie für ihre Rituale und die Ekstase
brauchen, passen nicht in die Hochhausatmosphäre. Gebraucht werden diese Priesterinnen immer noch.

Ein besonderer Bauboom wurde 1988 durch die Olympiade ausgelöst. Die ersten neun Linien der U-Bahn, neue Straßen und Brücken wurden damals gebaut
und viele Slumgebiete mussten riesigen Hochhausvierteln weichen. Seoul sollte nicht den Eindruck einer Dritte-Welt-Metropole machen. Die Stadtverwaltung
verbannte damals auch einen Teil der fliegenden Straßenhändler aus dem Zentrum und verbot das Singen in den traditionellen Trinkstuben. Ein Verlust für die,
die nach einem endlos langen Arbeitstag ihren Frust herunterspülen und hinaussingen wollten. Für die Jungen gibt es Ersatz: bald an jeder Ecke findet man
einen Karaoke-Schuppen - das Singen mit Play Back gehört zu den besonders geschätzten Freizeitbeschäftigungen der Jugendlichen. Außerdem wurden die
Hundefleisch-Gerichte damals aus den Speisekarten der Seouler Restaurants gestrichen, zumindest aber umbenannt.

Überwiegen im innersten Zentrum der Stadt die fast uniformierten Büromenschen, die mit Aktentaschen und Handys diszipliniert ihrem geschäftigen Alltag
nacheilen, lockert sich das Straßenbild in den angrenzenden Stadtvierteln auf. Straßenhändler mit ihren Ständchen auf Rädern verkaufen Erdnüsse, Obst, kleine
in Fett ausgebackene süße oder salzige Krapfen und Trockenfische, Wahrsager bieten ihre gern in Anspruch genommenen Dienste an, Alte kratzen
Kaugummireste von den U-Bahnunterführungen und bekommen hier noch etwas Geld vom Staat. Auf den Balkons und in den Hinterhöfen stehen die Tontöpfe für
den Kimchi, mit Gewürzen eingelegter Chinakohl, der jede ?normale? koreanische Mahlzeit begleitet, die aus Reis und Suppe besteht und je nach dem mit
Fleisch oder Fisch angereichert wird. Manchmal kann man hier und da eine Frau oder einen älteren Mann entdecken, die die traditionelle Kleidung, den Hanbok,
tragen. Die Frauen haben weiße oder ganz farbenfrohe lange Gewänder, die Männer Pumphosen in dezenten Farben und eine schwarze oder farbige Weste. An
den wichtigen Feiertagen, die nach dem Mondkalender ausgerichtet sind, wird das Straßenbild bunter, viele sind dann im traditionellen Stil gekleidet. Normal hat
man eher den Eindruck von einer gewissen Uniformität. Dies rührt auch daher, dass Männer keine Bärte tragen, höchstens alte Konfuzianer, und dass es als
ungepflegt gilt, mit grauen Haaren auf die Straße zu gehen und so die meisten diesselben schwarzen Haare haben. Nur ganz selten findet man einen aufmüpfigen
Jugendlichen mit einer kleinen roten gefärbten Strähne.

Seoul ist nicht Korea. Auf dem Land findet man keine Mac Donalds und Pizzaläden, keine Handys und keine Karaoke-Schuppen, dort gibt es noch keine
Bierbäuche und keine Konditoreien. Es gibt dort auch weniger Geld und Unterstützung, die Traditionen halten sich länger. Aber Seoul gibt vor, wie Korea sein
will.

Was bekannt, aber in der Stadt weniger zu sehen ist, ist Armut. Auch wer arm ist, versucht nach außen einen passablen Eindruck zu machen. Bettler auf der
Straße sieht man selten, sie erscheinen manchmal plötzlich in den U-Bahnen. Blinde und Behinderte kommen durch die Wägen und fordern mehr oder weniger
dezent, was ihnen zusteht. Alte Frauen schieben meterhoch beladene Handkarren mit gestapelten Kartons durch die stark befahrenen Straßen. Sie können sich
keine Haarfärbung leisten, sie tragen Kopftücher. Vom Hotel aus konnte ich in einer kleinen Fabrik Frauen beobachten, die die ganze Nacht über gebügelt
haben.

In der Nacht, wenn die Bierkneipen, ?Höfe? genannt, und die Trinkstuben geschlossen haben, wird es in den meisten Vierteln ruhig, der Lärm und die Hektik
ziehen sich zurück, ein Teil der Leuchtreklamen wird irgendwann abgeschaltet. Es sind nur noch die Sterne und die Lichter des Fernsehturms zu sehen und
immer wieder rot beleuchtete Kreuze. Tagsüber fast unsichtbar, weil sich darunter keine Kirchengebäude verbergen, sondern Gemeinden, die oft gerade nur ein
Stockwerk haben. Die Nacht ist kurz für die meisten Bewohner in Seoul, die Arbeitstage sind lang, die Anfahrtswege oft endlos, Urlaub gibt es wenig und
manchmal findet man ganze U-Bahnwaggons schlafend vor.

Und schon hat Seoul eine neue Herausforderung zu meistern: Nachdem die weißen Herren der FIFA sowohl Korea als auch Japan den Zuschlag für den
Worldcup 2002 gegeben haben, sind wieder neue Herausforderungen und Prestigeschlachten zu gewinnen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 27-30]

Sollal

Neujahrsfest nach dem Mondkalender

Von Martina Waiblinger

Vor Sollal geht es rund. Alle Geschäfte quellen über von Geschenkpackungen mit bunten Schleifen, auf denen ?Happy New Year? oder dasselbe auf Koreanisch
steht. Überall werden Blumen verkauft. Die große Hektik ist ausgebrochen. Es ist wie bei uns vor Weihnachten. Die Frauen müssen einmal wieder beweisen, dass
sie gute Hausfrauen sind, müssen Geschenke und die Zutaten für eine aufwendige Speisefolge besorgen und die Festkleidung, den traditionellen Hanbok
herrichten. Sollal ist das Fest des Neujahrs nach dem Mondkalender. Das zweitwichtigste Familienfest des Jahres. Die Japaner haben während der
Besatzungszeit den gregorianischen Kalender eingeführt. Deshalb feiert ein Teil der Bevölkerung bis heute Neujahr nach dem offiziellen Kalender.

Die Tradition will es, dass die Jüngeren an diesem Tag den Älteren den Respekt erweisen. Das hat eine Reisewelle immensen Ausmaßes zur Folge. Es ist völlig
unmöglich, während dieser drei Tage einen Platz im Flugzeug, Zug oder Überlandbus zu bekommen. Alles ist seit Wochen ausgebucht. In den Wartehallen des
Inlandflughafens und des Bahnhofs bietet sich ein buntes Bild. Frauen, Kinder und Männer, viele im farbenprächtigen Hanbok, sind mit kleinem Gepäck und
Geschenkpackungen auf dem Weg zu den Eltern. Die anderen setzen sich ins Auto. 1996 registriete die koreanische Autobahngesellschaft, dass ca. ein Drittel
der in Seoul registrierten Autos, immerhin über 650 000, die Stadt verlassen haben. Entsprechend lange Staus sind die Folge. Eine seltene Ruhe und
Gelassenheit herrscht in diesen Tagen in Seoul. Bis auf ganz wenige kleine Märkte und Läden ist jetzt alles geschlossen. Trubel herrscht nur in den Parkanlagen
der Königspaläste und den Vergnügungsparks wie in ?Lotte World? und ?Seoul Land?, wo traditionelle Spiele, Wettkämpfe und Tänze aufgeführt werden. Voll
sind auch die Friedhöfe, wo an die verstorbenen Eltern und Ahnen gedacht wird. Ein Anziehungspunkt besonderer Art ist Tong Il-Chung Mang Dae, eine
Gedenkstätte mit Aussichtsturm in der Nähe der entmilitarisierten Zone, eine Autostunde von Seoul entfernt. Mindestens 40 Ferngläser sind hier auf Nordkorea
gerichtet, es gibt Filmvorführungen zum Bruderkrieg, eine Ausstellung und ein Restaurant. 20 000 Menschen sind in diesem Jahr in einem unablässigen Strom mit
den Zubringerbussen hierher gebracht worden. Auf dem Vorplatz steht ein geschmückter Altar in Richtung Norden. Viele verrichten hier die Rituale der
Ahnenverehrung für ihre Verwandten, die in Nordkorea leben oder begraben sind.

Die Jungen scheinen allerdings nicht mehr unter allen Umständen bereit zu sein, diese ganze Aktion mitzumachen. Deshalb hat sich 1996 eine Fernsehanstalt
dazu entschlossen, einen unterhaltsamen Lehrfilm zu diesem Thema zu prominenter Sendezeit auszustrahlen. Es wird eine junge, erfolgreiche Familie mit Kind
gezeigt, die beschließt, über die Feiertage zum Skifahren zu gehen, anstatt zu den Gräbern der Eltern. Die Eltern erscheinen bald als Geister und verderben der
jungen Familie gründlich den Aufenthalt. Schließlich haben sie ein schlechtes Gewissen und sehen ein, dass man sich nicht so einfach aus der Tradition
herausschleichen kann. Ob solche Filme die Veränderungen in einer Gesellschaft letztendlich aufhalten können, in der die individuelle Entfaltung immer mehr
Gewicht bekommt, ist sicher fraglich.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 63]

Geteiltes Land - gemeinsame Sehnsucht

Perspektiven für eine Wiedervereinigung

Von Pak Jai Sin

Der sehnlichste Wunsch der Koreaner, noch heute Erben des Kalten Krieges, ist die Wiedervereinigung. Und man schaut nach Deutschland, um Lösungen zu finden.
Die Autorin, Dr. Pak Jai Sin, kam 1970 nach Berlin. Sie ist eine Wanderin zwischen den Welten Koreas und Deutschlands.

Am 3. Oktober feiert Korea sein mythisch begründetes Entstehungsjahr 2333 v. Chr., während man in Deutschland der wiederhergestellten Einheit gedenkt.
Historisch dokumentiert ist Korea als Nation mit einheitlicher Sprache, Kultur und Identität seit 688 n. Chr. Umso traumatischer erleben Nord- und Südkoreaner die
Teilung ihres Landes, die nun schon 51 Jahre lang anhält. Korea stand stets im Spannungsfeld historischer Auseinandersetzungen von Hegemonialmächten, zum
Beispiel im Chinesisch-Japanischen Krieg 1894/95 und dem Russisch-Japanischen Krieg 1904/05, die Japan beide für sich entscheiden konnte. Im Jahr 1910
annektierte Japan Korea, doch die Befreiung von der japanischen Herrschaft 1945 brachte gleichzeitig das Trauma der Teilung und eines Bruderkrieges (1950
bis 1952). Die Feindseligkeiten zwischen den Regierungen in Nord und Süd waren so stark, dass die Waffenstillstandslinie erst 1992 zur Friedenszone erkärt
wurde. Beide Staaten haben sich ständig gegenseitig beschuldigt, Korea mit militärischen Mitteln vereinigen zu wollen. Solche Schuldzuweisungen sind
innenpolitisch als Druckmittel gegen den politischen Gegner wirksam. Die Armeestärke im Norden wird mit über einer Million Soldaten angegeben, im Süden mit
650 000. Sind die Soldaten als Schutz für Menschen da oder dienen sie ideologischen nationalen Interessen? Wer ist aber die Nation - das Volk oder die
Regierungen? Die Herrschenden werden sagen, sie seien beides.

Die Freund- und Feindbilder im geteilten Korea sind durch 50 Jahre lange antikommunistische Erziehung im Süden und anti-imperialistische im Norden starr
geworden. Wir Koreaner kennen uns nicht mehr. Wir wissen nicht, wie die anderen leben und denken und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Die
Schwarz-Weiß-Malerei, die dem Volk aufgezwungen wurde, kann nur durch einen bedingungslosen Dialog aufgelöst werden, in dem man ohne Forderungen
sehen lernt und Vertrauen entwickelt. Ein Erfahrungsaustausch im Alltag ist angesagt, um die Sozialisationen, ideologischen Überzeugungen und die
sozio-kulturellen Zusammenhänge verstehen zu können. In diesem Bereich geschieht herzlich wenig; ich jedenfalls weiß von keinem solchem Versuch. Es gibt
jeweils nur einseitige politische Konzepte und rücksichtslose Interessenpolitik, die kaum in handlungsfähige politische Schritte umzusetzen sind. Vor allem gilt es,
die Freund- und Feindbilder abzubauen, so wie es im SED-SPD-Dialog über "den Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" in den 80er Jahren in
Deutschland geschehen ist. Doch sieht Nordkorea diesen Dialog mit anderen Augen: Der Verfall der SED und der DDR sei durch den Westen herbeigeredet
worden. Der Zusammenbruch sozialistischer Länder und die Suche nach neuen Wegen erzeugen Angst in Nordkorea. Der Süden muss deshalb Maßnahmen
anbieten, die die Angst auflösen kann. Die DDR sei der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu dogmatisch gefolgt und habe die Anregungen des großen
nordkoreanischen Führers Kim Il Sung nicht hören wollen, kommentiert Li Jong Pil den Zusammenbruch. In Seoul behauptet man, Südkorea könne bald ein
Wirtschaftsriese sein. Beide Seiten bewerten sich selbst überheblich.

Wirtschaftsbeziehungen sind ungeheuer schwierig. Der Handel zwischen beiden Ländern läuft über Hongkong und Singapur. Es gibt keinen Postaustausch, keine
Telefonverbindungen, keine Verwandtenbesuche. Der Besuch von Ahnengräbern an Feiertagen ist untersagt. Das ist in der koreanischen Tradition absolut
pietätlos. Anders war es in den deutsch-deutschen Beziehungen. Hier gab es innerdeutschen Handel ohne internationale Zollgebühr. Wir Koreaner müssen uns
fragen, wie sich der gewaltlose Vereinigungsprozess von Ost- und Westdeutschland im Rahmen der weltpolitischen Veränderungen seit 1989 vollzogen hat. Wer
spielte dabei eine Rolle? Was ist erreicht und was versäumt worden? Erste Analysen von Oppositionsgruppen in der Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung
der DDR lassen erkennen, wie wichtig die Frage nach einer Typologie der ostdeutschen Widerstandsgruppen war und wie wichtig sie noch im gegenwärtigen
Umbildungsprozess ist. Hier könnten sich für Korea wesentliche Forschungshypothesen ergeben, die empirisch differenziert werden könnten. Dazu muss man die
Interessenpolitik der Großmächte China, Japan, Russland und der USA kritisch im Auge behalten.

Was kann Korea selbst zu einer friedlichen Wiedervereinigung beitragen?

Nordkorea schlägt einen konföderativen Staat vor: ein Volk, zwei Nationen, zwei Regierungen und zwei gesellschaftliche Systeme und zeigt hierin eine gewisse
Flexibilität. Südkorea begünstigt ein nationales Referendum, um zur Wiedervereinigung zu kommen. Jedoch wäre Nordkorea mit seinen 22 Millionen im Nachteil
gegenüber Südkorea mit 55 Millionen. Südkorea könnte den Norden wirtschaftlich überrennen. Dies widerspricht dem innerkoreanischen Abkommen vom 4. Juli
1972, das eine Einigung auf der Grundlage nationaler Solidarität vorsieht. Südkorea könnte, wie schon vorgeschlagen, seine kapitalistischen Strukturen durch die
Einführung eines sozialen Wohlfahrtssystem abmildern und so einen Angleichungsprozess erleichtern. Eine nationale Solidarität kann aber nur zustandekommen,
wenn die Koreaner ein realistisches Bild voneinander entwickeln und die kritischen Potentiale nutzen, um in den eigenen Lebensbereichen einen
Demokratisierungsprozess einzuleiten. Hier könnten vor allem die partizipatorisch orientierten NGO?s eine Rolle spielen.

Zunächst muss eine friedliche Koexistenz mit demokratischen Prinzipien, die von den Betroffenen getragen sind, erreicht werden. Friedliche Koexistenz heißt: zu
einer klaren gemeinsamen Definition der Menschenrechte zu kommen; sich zu verpflichten, sich nicht gegenseitig in die inneren Angelegenheiten einzumischen;
beiden Seiten die Fähigkeit zu friedlicher Koexistenz zuzusprechen und die Kräfte zu fördern, die die Vereinigung ohne Gewalt herbeiführen wollen. Das geteilte
Korea kann einiges aus der Wiedervereinigung Deutschlands lernen, auch wenn direkte Vergleiche nicht möglich sind; denn Korea ist kein Sozialstaat. Doch
lehrt der Transformationsprozess in den neuen Bundesländern, dass man neben ökonomischen und strukturellen Problemen auch die sozialpsychologischen und
sozio-kulturellen Gegebenheiten in eine Analyse einbeziehen muss. Wichtig sind die zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz und in kulturellen
Kontakten wie Theater, Kino, Fernsehen, Feste und Forschungen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 50-51]

Ökonomisch auf Erfolgskurs

Wie Südkorea zum kleinen Tiger wurde

Von Kim Jin-Woong



Seit den 60er Jahren erlebte Südkorea eine rasante Wirtschaftsentwicklung. Die Regierung setzte auf exportorientierte Industrialisierung. Dabei wurden die Löhne
mit Gewalt niedrig gehalten, die Gewerkschaften weitgehend ausgeschaltet. Andererseits ist das Bruttoinlandprodukt in nur drei Jahrzehnten um das Hundertfache
gestiegen ist - eine Leistung, die das Volk erbracht hat.



Besuch in einer Textilfabrik in den 90er Jahren. Hier werden Seidenstoffe verarbeitet. Beim Betreten einer der Fabrikhallen wirft uns der Lärm der 50
Webmaschinen fast wieder zurück. Frauen arbeiten hier - ohne Ohrenschutz. Wie sie das den ganzen Tag aushalten? Nun ja, sagt eine, das müsse sie; mit
Ohrenschutz könne sie die Geräusche ihres Webstuhls nicht überwachen. Dabei verhaken sich die Webstühle leicht, und die Frauen müssen schnell eingreifen.
Die Nachfrage auf der Chefetage ergibt eine beschönigende Antwortvariante. Ohrenschutz? Selbstverständlich, aber die Frauen seien halt so nachlässig. Der
Aufstieg des Landes zu einem der vier "kleinen Tiger" Ostasiens - Hongkong, Singapur, Taiwan und Südkorea - begann in den 60er Jahren mit der
Textilindustrie. Das war noch zehn Jahre früher unvorstellbar. Nach dem Koreakrieg (1950-1953) war die Wirtschaft so schwer geschädigt, dass Südkorea ganz
auf die ökonomische Aufbauhilfe der USA angewiesen war. Dann kam das Militärregime unter Park Chung Hee. Er änderte die Wirtschaftspolitik radikal und
machte Südkorea während seiner Herrschaft (1961-1979) in weniger als zwei Jahrzehnten zu einem sog. Schwellenland. Schon 1962 legte Park einen
Fünfjahresplan vor, der auf exportorientierte Industrialisierung setzte. Zunächst standen arbeitsintensive Produkte der Leichtindustrie - wie eben Textilien - im
Vordergrund. Um günstige Investitionsbedingungen zu schaffen, griff die Regierung in den inländischen Marktmechanismus ein. Wegen geringer Löhne mussten
die Bauern die Preise für ihre Produkte niedrig halten. Der auf diese Weise erkaufte Erfolg bestand in einem jährlichen Wirtschaftswachstum von zehn Prozent.

Textilien sind noch immer im Rennen. Am 15. August 1996 meldete der "Far Eastern Economic Review" einen der seltenen Deals zwischen Nord- und Südkorea.
Der südkoreanische Konzern Daewoo und der nordkoreanische Staatsbetrieb Samchonri in der Hauptstadt Pyongyang sind eine Partnerschaft auf einer 50:50
Prozent-Basis eingegangen. Pyongyang hat zehn südkoreanischen Kleidungsingenieuren erlaubt, in der Textilfabrik in Nampo zu arbeiten und zu leben. 13 000
Arbeiter sind für den Textilexport gerüstet. Während Nordkorea hiermit praktisch die wirtschaftlichen Anfänge Südkoreas nachvollzieht, zeigt Südkorea in diesem
Deal ein typisches Merkmal industrialisierter Länder: Auslagerung von Arbeit in Billiglohnländer. Der wirtschaftliche Aufschwung wurde durch viele Opfer erkauft.
In den 70er Jahren stand Südkorea vor dem Problem eines sich verschärfenden Konkurrenzkampfs zwischen den Entwicklungsländern auf dem Weltmarkt. So
wurde der dritte Fünfjahresplan auf die Förderung der Schwerindustrie umgestellt. Man konzentrierte sich vor allem auf die Stahl- und Chemieindustrie und
finanzierte sie durch billige Kredite von den internationalen Finanzmärkten. Von 1971 bis 1979 betrug die jährliche Wachstumsrate 10, 5 Prozent. Das
Pro-Kopf-Einkommen stieg von 232 US$ auf 1349 US$ und hatte 1989 den Stand von 3868 US$ erreicht - Folge einer neuen Strategie in den 80er Jahren.

Das Jahr 1993 war für den koreanischen Schiffsbau ein absolutes Erfolgsjahr. Die Werften konnten ihr Auftragsvolumen um 40 Prozent steigern, vor allem auf
Kosten der japanischen Wirtschaft. Die ehemalige Besatzungsmacht in einem Wirtschaftsbereich zu überrunden, ist Musik in den Ohren der Südkoreaner.
Südkorea war immer flexibel und investierte die Gewinne in die jeweils neuen Technologien. Im Jahr 1991 betrugen die Gesamtausgaben für
Technologieforschungen und -entwicklungen 5,5 Milliarden US$. Dabei spielten das staatlich eingerichtete "Koreanische Institut für Wissenschaft und
Technologie" und in folgenden Jahren auch die 1992 fertiggestellte "Daedok-Wissenschaftsstadt" eine große Rolle. Hier beschäftigt man sich mit Elektro- und
Nachrichtentechnik, industrieller Chemie, Halbleitersystemen und ist gerade dabei, sich auf die Gebiete von Biotechnologie, alternativer Energie, Meeres- und
Luftfahrttechnologie vorzuwagen. Innerhalb der letzten zehn Jahre (1985-1995) verfünffachte sich das Bruttoinlandprodukt von 94 Milliarden US$ auf 456
Milliarden. In drei Jahrzehnten ist es um das Hundertfache gestiegen. Auf der Strecke blieb dabei vor allem die oft hoch verschuldete, für ihre Produkte schlecht
bezahlte bäuerliche Bevölkerung. Jahr für Jahr gibt es höhere Abwanderungsquoten in die Ballungsräume. Auf der Strecke blieben auch die städtischen Armen,
die kaum Zugang zu Bildungschancen haben. Andererseits muss man deutlich sagen, dass im gleichen Zeitraum die Zahl der Arbeitslosen von vier auf zwei
Prozent gesunken ist. Der Anteil erwerbstätiger Frauen ist konstant gestiegen und betrug 1995 rund 48 Prozent. Die Arbeitszeiten für Lohnarbeiter und
Lohnarbeiterinnen sind immer noch gnadenlos. 1995 betrug die Wochenarbeitszeit 48 Stunden, vier Stunden weniger als im Jahr 1985.

Südkorea versteht es meisterlich, sich auf dem Weltmarkt durchzusetzen und gleichzeitig die eigene Industrie zu schützen. Seoul dürfte die einzige Hauptstadt der
Welt sein, in der kein japanisches Auto auf den Straßen zu sehen ist. Es besteht ein absolutes Importverbot für die ostasiatische Konkurrenz. Südkoreanische
Autofirmen hingegen lagern Arbeitsbereiche in Billiglohnländer aus, nach Iran und Spanien, China, Libyen und Vietnam. Im Kern beruht der Erfolg der
exportorientierten Wirtschaft auf einer engen Verbindung zwischen den großen Industrie- und Handelsfirmen und der Staatsbürokratie. Von Anfang an konnte sich
der Einzelunternehmer nach dem Rezept der staatlich geleiteten Wirtschaft entfalten. Die Regierung bot und bietet günstige Kredite und andere ökonomische
Anreize. So wurden die Firmen für die Entwicklungsvorhaben der Regierung gewonnen und mobilisiert. Dabei ist ein Problem nicht zu übersehen. Der Staat fördert
Großbetriebe und vernachlässigt Klein- und Mittelstandsunternehmen. Deshalb spielen die großen Mischkonzerne wie Samsung, Hyundai, Lucky-Goldstar auf
allen gesellschaftlichen Ebenen eine entscheidende Rolle.

Trotz unglaublicher wirtschaftlicher Expansion steht der "kleine Tiger" Südkorea vor verschieden gearteten Schwierigkeiten. Für die Energieversorgung hat die
Regierung auf Kernkraftwerke gesetzt. Derzeit gibt es zehn Kernkraftwerke, weitere zehn sind geplant. Ein großer Teil dieser Kernkraftwerke liegt in den Händen
ausländischer Investoren, da sie mit Krediten finanziert werden und bestimmte Rohmaterialien teuer vom Ausland eingekauft werden mussten. Die im Land
erzielten Gewinne fließen überwiegend wieder ab. Die Löhne in der Industrie sind niedrig; Arbeiter und Arbeiterinnen haben verhältnismäßig wenig Anteil am
Wirtschaftsaufschwung. Der Unmut, vor allem in den unteren Gesellschaftsschichten, wächst. Billigexporte aus Entwicklungsländern, insbesondere aus China,
zwingen manche Firmen, ihre Produktion auf Kosten der Arbeitskraft zu automatisieren. Südkorea ist kein Billiglohnland mehr. Es ist wegen all dieser Faktoren
damit zu rechnen, dass sich der Wirtschaftsaufschwung nicht in dem Tempo fortsetzen kann wie bisher. Bei der Wirtschaftsentwicklung muss Südkorea vor allem
das soziale Gefälle noch mehr abbauen und es gleichzeitig schaffen, seine Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt durch Innovationen und ständige
Qualitätsverbesserung zu behaupten.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 36-38]

Comfort women - Zwangsprostituierte der japanischen Armee 1933-1945

Von Gisela Köllner, EMS-Ostasienreferat





Der Hintergrund dieses Textes ist ein besonders trauriges Kapitel koreanischer Frauengeschichte.

Von 1910 bis 1945 war die koreanische Halbinsel eine japanische Kolonie. Auch die Mandschurei und Formosa waren unter japanischer Kontrolle. Weitere
Expansionswünsche Japans zeigten sich in den chinesisch-japanischen Kriegen. Am 7.12.1941 trat Japan durch die Bombardierung von Pearl Harbour aktiv in
das Geschehen des Zweiten Weltkrieges ein. Seine Armee stand in der Folge an Kriegsfronten im gesamten südostasiatischen und pazifischen Raum.

Fast 50 Jahre nach Kriegsende meldeten sich nach entsetztem und beschämtem Schweigen weibliche Opfer der japanischen Kriegsmaschinerie zu Wort, die von
systematischen Vergewaltigungen an allen Kriegsfronten persönlich betroffen waren. Bis zu diesen öffentlichen Äußerungen einiger koreanischer Frauen war
dieses Thema totgeschwiegen worden, und bis heute scheint es schwierig zu sein, Dokumente zu jenen Vorgängen während der Kriegszeit in japanischen
Archiven aufzufinden. Eine Entschuldigung und den Versuch einer Wiedergutmachung für die betroffenen Frauen durch japanische offizielle Stellen zu erwirken,
scheint fast hoffnungslos.

Nach heutigem Wissensstand gab es Zwangsprostituierte an den Einsatzorten japanischer Soldaten spätestens seit dem Massaker von Nanjing im Jahre 1938,
wahrscheinlich sogar schon viel früher (1933). Da häufig Vergewaltigungen durch Mitglieder der japanischen Armee an einheimischen Frauen in den besetzten
Gebieten vorkamen, entstand die Idee, diese gewalttätigen Übergriffe durch eine systematische "Versorgung" der Soldaten mit Prostituierten zu reduzieren.
Teilweise wurden dazu zunächst wohl vertragliche Abmachungen mit Japanerinnen aus diesem Tätigkeitsbereich getroffen. Um jedoch einer raschen Ausbreitung
von Geschlechtskrankheiten vorzubeugen und eine große Anzahl von Frauen an die Fronten bringen zu können, kam es zur großangelegten Verschleppung
nichtprofessioneller Frauen aus den von Japan besetzten Ländern. Vom 23.8.1944 existiert sogar eine offizielle Anweisung des Tennos Hirohito persönlich über
die Rekrutierung koreanischer Frauen für japanische Bordelle.

Teilweise wurden die Frauen durch falsche Arbeitsverträge als "Wäscherinnen" oder "Köchinnen" angelockt, zum Teil aber auch gewaltsam aus ihren Dörfern
und von ihren Familien weg entführt. Häufig waren Schulmädchen (zum Teil nur 12-15 Jahre alt) betroffen. Hauptherkunftsland war Korea, (circa 80% der
Frauen), aber auch tausende von Chinesinnen, Taiwanesinnen, Philippinas, Indonesierinnen und im damaligen Niederländisch-Ostindien lebende
Holländerinnen wurden zwangsweise missbraucht. Betroffen waren also in erster Linie Frauen aus Ländern, die von Japan besetzt waren, aber auch aus all
jenen Ländern, die im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges von der japanischen Kriegsfront berührt wurden. Schätzungen gehen davon aus, dass circa 120 000
Frauen durch irreführende Arbeitsverträge in die Bordelle gelockt und dort eingesperrt wurden, und dass ungefähr 80 000 Frauen zwangsrekrutiert wurden. Es ist
davon auszugehen, dass viele Frauen an Krankheiten und Entbehrungen starben. Wurden sie beim Fluchtversuch gefasst oder mit Geschlechtskrankheiten
infiziert, drohte die Ermordung. Ihre Bezahlung erfolgte in japanischer Militärwährung, die nach Kriegsende wertlos war. Ein Großteil der Frauen ging wohl 1945
aus gesellschaftsbedingten Gründen nicht in die Heimat zurück oder wählte den Selbstmord (im konfuzianisch-strengen Ostasien wurde Vergewaltigung als
Schande für die Frau und als Scheidungsgrund betrachtet). Die dennoch zurückkehrten, versuchten, ihre Namen zu ändern und ihren Lebenslauf zu
verheimlichen. Die Lebensperspektiven dieser Frauen waren extrem beeinträchtigt.

Erste öffentliche Meldungen über diesen Akt der Missachtung jeglicher Menschenwürde kursierten ab 1991 in der internationalen Presse. Zu diesem Zeitpunkt
hatten sich drei koreanische Frauen entschlossen, ihr Schweigen zu beenden und die Greueltaten der Kriegszeit öffentlich vorzutragen. Seitdem haben sich
Überlebende aus vielen ost- und südostasiatischen Ländern gemeldet, deren Anklagen vereinzelt durch die Aussagen männlicher japanischer Täter bestätigt
wurden. Japanische offizielle Stellen reagierten auf diese Veröffentlichungen zunächst mit der Behauptung, die Bordelle seien damals von privaten Firmen
betrieben worden, und militärische Behörden hätten nichts mit jenen Vorgängen zu tun gehabt. Mühsame Suchaktionen verschiedener Interessierter in
japanischen Archiven förderten kaum Unterlagen zu den damaligen Vorkommnissen zutage, aber immerhin musste inzwischen offiziellerseits die Beteiligung des
Militärs am Betrieb der Bordelle zugegeben werden. Die Tatsache der zwangsweisen Verschleppung und Vergewaltigung der Frauen wurde jedoch erst gegen
Ende des Jahres 1992 bestätigt, angeblich waren zuvor keine Dokumente aufzufinden gewesen, und Zeugenaussagen allein betrachtete man wohl als
ungenügendes Beweismittel. Lange Zeit verharrte die japanische Regierung dann auf der Position, dass eine individuelle Entschädigung der betroffenen
Überlebenden nicht in Frage käme, da alle Forderungen bereits durch den bilateralen Friedensvertrag zwischen Japan und Südkorea von 1965 geregelt worden
seien.

Die bislang ermittelten Überlebenden aus unterschiedlichen Ländern (u.a. Korea, Philippinen, Taiwan, Indonesien, Burma, Malaysia) fordern eine offizielle
Entschuldigung und eine Entschädigung von der japanischen Regierung. Offizielle staatliche Stellen dieser Länder hatten sich zunächst mit Forderungen an
Japan zurückgehalten (möglicherweise bestanden Befürchtungen, durch öffentliche Anklage japanische Entwicklungshilfegelder zu verlieren). Dagegen hat sich
die koreanische Regierung bereit erklärt, den Opfern sofort eine Entschädigung auszubezahlen. Von Tokyo wird eine umfassende Aufklärung jener
Kriegsereignisse verlangt.

Auch heute, wird von japanischer Seite nach wie vor jegliche offizielle Entschuldigung und jede Entschädigung der Überlebenden abgelehnt. In Japan wurden
private Spenden gesammelt, mit dem Ziel, aus diesem Fonds ein "Trostgeld" an die ehemaligen "comfort women" zu bezahlen. Heftige Proteste begleiten diese
Initiative, die als Ablenkungsmanöver zu einer tatsächlichen japanischen Entschuldigung betrachtet wird. Frauengruppen haben inzwischen Verfahren vor dem
Internationalen Gerichtshof in Den Haag angestrengt, um auf diesem Wege eine offizielle Reaktion der japanischen Regierung zu erzwingen.





Spenden für Initiativen zur Unterstützung überlebender Frauen können überwiesen werden unter dem Stichwort "Korea-comfort women" an das Evangelische
Missionswerk in Südwestdeutschland, Kontonummer 124 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft eG Stuttgart, BLZ 600 606 06.

[Quelle: EMS, Streiflicht Korea, Juli 1996]










Backward Forward Post Reply List