Bibliothek zum Wissen





2001/06/12 (23:34) from 129.206.85.195' of 129.206.85.195' Article Number : 68
Delete Modify 전철 Access : 11708 , Lines : 1652
Ueber das Land Korea
<table width=100% bgcolor="#0F3B4F" cellspacing=0 align="justify"><tr><td><font color=#F2DFA9><div align="justify"><p style=font-size:9pt;margin-left:4cm;margin-right:3cm;line-height:13pt;><br><br>

Ueber das Land Korea

http://www.ems-online.org/_texte/korea/

Ein geteiltes Land, reich an Kontrasten

Von Gisela K&ouml;llner

Millionenst&auml;dte und Bauernd&ouml;rfer

Die koreanische Halbinsel, im &auml;ußersten Osten Asiens zwischen Pazifischem Ozean und Gelbem Meer gelegen, entspricht mit einer Gesamtgr&ouml;ße von rund 220
000 km2 in etwa der Fl&auml;che der alten Bundesl&auml;nder in Deutschland. Seit 1948 ist diese naturr&auml;umliche Einheit politisch zweigeteilt. Der n&ouml;rdliche Teilstaat, die
Demokratische Volksrepublik Korea, auch Nordkorea oder Choson genannt, grenzt entlang des Flusses Yalu an die Volksrepublik China. Eine kommunistische
Regierung unter KIM Jong-Il sorgt f&uuml;r eine starke Weltabgeschlossenheit Chosons. Nur wenige Informationen &uuml;ber Nordkorea mit seinen 23 Mio. Einwohnern
erreichen die internationale &Ouml;ffentlichkeit. Der s&uuml;dliche Teil der Halbinsel wird eingenommen von der Republik Korea, auch als S&uuml;dkorea bezeichnet, in der
Landessprache als Taehan Minguk. Auf einer Fl&auml;che von rund 100.000  qkm leben 44 Mio. Menschen, 440 Personen pro qkm. (Zum Vergleich: in Deutschland
ist die Bev&ouml;lkerungsdichte nur halb so hoch).

In diesem Streiflicht soll das Land S&uuml;dkorea vorgestellt werden. Ein Land mit Millionenst&auml;dten, Industrie und rasantem Wirtschaftswachstum, aber auch mit langer
Geschichte, lebendigen Traditionen und sch&ouml;nen Landschaften. In sechs Millionenst&auml;dten konzentriert sich die H&auml;lfte der Landesbev&ouml;lkerung (in Seoul, Pusan,
Taegu, Inchon, Kwangju und Taejon). Nur noch º der S&uuml;dkoreaner leben in D&ouml;rfern. Industrie und Universit&auml;ten sowie ein wachsender Dienstleistungssektor
bewirken eine Abwanderung aus den b&auml;uerlichen D&ouml;rfern und eine schnelle Zunahme der st&auml;dtischen Bev&ouml;lkerung. Durch eine rasche Industrialisierung seit den
60er Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation der Menschen auch soweit verbessert, daß zunehmend eine Freizeitgesellschaft entsteht, in der die j&uuml;ngere
Generation traditionelle Werte in Frage stellt. So existieren heute kleine, einfache Bauernd&ouml;rfer und eine moderne Weltstadt wie Seoul in direkter Nachbarschaft.
Der weitere Entwicklungsprozess dieses Landes wird von seinen Menschen noch viel an Offenheit f&uuml;r Ver&auml;nderungen abverlangen.

Faszinierende Bergwelt im Osten, Landwirtschaft und Industrie im Westen

Korea wird h&auml;ufig als die "Schweiz Asiens" bezeichnet. Daf&uuml;r sorgt eine abwechslungsreiche Bergwelt, die im Osten der Halbinsel auf H&ouml;hen von fast 2000 m
ansteigt, in Nordkorea noch h&ouml;her. &Auml;hnlich wie der Schwarzwald entlang unseres Oberrheingrabens ragen hier Bruchstellen aus der Kontinentalplatte. Nach
Osten hin bricht diese Platte steil ins Japanische Meer hinein ab. Vor allem im Bereich dieser Bergwelt sind in S&uuml;dkorea viele Nationalparks mit herrlichen
Wanderm&ouml;glichkeiten ausgewiesen. 7,6% der Landesfl&auml;che sind Naturschutzgebiete. In dieser Zur&uuml;ckgezogenheit finden sich viele buddhistische Tempel, die
w&auml;hrend der Zeit der YI-Dynastie (1392-1910) mit konfuzianistischer Auspr&auml;gung in den St&auml;dten nicht gern gesehen waren.

Gegen Westen wird die Landschaft flacher - so wie auch unser Schwarzwald langsam in die G&auml;ufl&auml;chen &uuml;bergeht. Hier gibt es geeignete Ebenen f&uuml;r
Landwirtschaft, aber auch f&uuml;r Industrieansiedlungen und große St&auml;dte, und so spielt der Westen des Landes wirtschaftlich eine bedeutende Rolle. Auf jeder
kleinen, geeigneten Fl&auml;che werden Reis, Sesam und Peperoni angebaut, daneben viele weitere Gem&uuml;searten und auch die wertvolle Ginsengwurzel. In der
Umgebung der St&auml;dte schießen Neubausiedlungen wie Pilze aus dem Boden, und weite Industrieareale sind Zeugen der raschen Wirtschaftsentwicklung des
Landes.

Im S&uuml;den ist die Insel Chejudo ein rein vulkanisches Eiland, das stark durch Landwirtschaft und Tourismus gepr&auml;gt ist.

Br&uuml;ckenland zwischen Großm&auml;chten

Im Laufe seiner Geschichte wurde das Land h&auml;ufig Opfer seiner Lage zwischen den beiden M&auml;chten China und Japan. Zwar kamen &uuml;ber die Halbinsel viele
kulturelle Neuerungen aus Asien, aber auch kriegerische Heere. Und f&uuml;r Japan stellte Korea ein Sprungbrett auf den asiatischen Kontinent dar. Trotzdem hat das
Land eine sehr eigene Kulturentwicklung erlebt, mit rein koreanischer Sprache und Schrift, eigener Literatur, Malerei, T&ouml;pferei und Musik.

Nach mythologischer Vorstellung im Jahre 2333 v. Chr. durch den G&ouml;ttersohn Tangun gegr&uuml;ndet, gibt es Funde einer menschlichen Besiedlung bereits aus der
Zeit um 800 000 v.Chr. Um 500 nach Chr. existieren auf der Halbinsel drei K&ouml;nigreiche: Koguryo im Norden, Paekche im S&uuml;dwesten und Silla im S&uuml;dosten. Es
gelangt Silla, seinen Machteinfluß &uuml;ber alle K&ouml;nigreiche auszudehnen. Die Hauptstadt des Sillareiches, Kyongju, ist eine St&auml;tte bedeutender Tempel und
arch&auml;ologischer Funde und gilt als eine der 10 bedeutendsten historischen Anlagen der Menschheit.

Von 918-1392 wird das Schicksal des Landes durch die Koryo-Dynastie bestimmt. Ein Lehenssystem und die buddhistische Religion pr&auml;gen das Leben der
Menschen.

Ab 1392 bis 1910 hatte die YI-Dynastie das Sagen im Lande, deren konfuzianische Haltung bis heute Nachwirkungen auf das Leben hat. 1905 wird Korea
japanisches Protektorat, von 1910-1945 japanische Kolonie. Diese Zeit bringt viel Leid und Unterdr&uuml;ckung &uuml;ber das Volk, vom Verbot der Sprache und der
koreanischen Namen bis hin zur Zwangsverschleppung koreanischer M&auml;nner und Frauen, die in der Kriegsindustrie und als Zwangsprostituierte des japanischen
Milit&auml;rs schrecklich ausgenutzt wurden.

Ein Brudervolk - zwei politische Systeme

Mit der Kapitulation Japans endet f&uuml;r Korea nicht nur der 2. Weltkrieg, sondern auch die japanische Kolonialherrschaft. Auf internationalen Konferenzen wird in
der Folge heftig &uuml;ber die Zukunft des Landes debattiert und eine sowjetisch-amerikanische Treuhandschaft f&uuml;r 5 Jahre beschlossen. Im Norden und S&uuml;den der
Halbinsel kommt es zur Bildung von Verwaltungsorganen, und 1948 wird die Republik Korea mit neuer Verfassung im S&uuml;den ausgerufen, der rasch die
Proklamation der Volksrepublik Choson im Norden folgt. Mit Beginn des kalten Krieges versch&auml;rft sich auch die Trennung der beiden Koreas, und am 25.6.1950
eskaliert die Situation im Koreakrieg. Nordamerikanische, UNO- sowie chinesische Truppen sind an diesem leidvollen Kapitel der koreanischen Geschichte
beteiligt. Das seit 27.7.1953 geltende Waffenstillstandsabkommen bestimmt noch heute die Lage dieses Volkes, das durch die undurchdringlichste Grenze der
Welt geteilt ist.

Zwischen Tradition und Aufbruch

Der Koreakrieg und die Teilung des Landes sind mit dem erlebten Leid und der h&auml;ufig beschworenen "Gefahr aus dem Norden" f&uuml;r die Menschen und die Politik
bis heute pr&auml;gende Faktoren in S&uuml;dkorea. Nach 1953 folgte eine fast ununterbrochene Reihe diktatorischer Regime: YI Sungman 1953-1960; PARK Chung-Hee
1963-1979, in seiner Zeit werden die Weichen f&uuml;r den rasanten Wirtschaftsaufstieg des Landes gestellt; CHUN Doo-Hwan 1980-1987; ROH Tae-Woo
1987-1993 war zwar direkt gew&auml;hlt, aber ein Kandidat des Milit&auml;rs. Vom Volk gew&auml;hlt wurde Pr&auml;sident KIM Young-Sam 1993, bez&uuml;glich Pressefreiheit,
Gewerkschaftsarbeit und anderen demokratischen Strukturen bestehen jedoch noch immer Einschr&auml;nkungen im Lande. Studenten- und Arbeiterproteste haben
diese Pr&auml;sidenten begleitet. Am folgenschwersten waren Demonstrationen im Mai 1980, bei denen in der Stadt Kwangju viele Studenten im Kugelhagel ihr Leben
verloren haben. Heute sind in S&uuml;dkorea allerorten Initiativen f&uuml;r eine weitere Demokratisierung im Lande sp&uuml;rbar. Aber f&uuml;r viele Menschen im Lande ist politische
Freiheit auch mit einer Wiedervereinigung verbunden: erst wenn keine angebliche Gefahr mehr den milit&auml;rischen Apparat rechtfertigt, kann es pers&ouml;nliche Freiheit
geben.



Zwischen Konfuzius und Bibel - die religi&ouml;se Situation im Lande

&Uuml;ber China kam der Buddhismus im 4. nachchristl. Jahrhundert nach Korea, wo er lange Staatsreligion blieb. Erst die YI-Dynastie (1392-1910) erhob den
Konfuzianismus zur bestimmenden Weltanschauung und verbannte die buddhistischen Tempel in abgelegene Bergregionen. Als weiteres religi&ouml;ses Moment gibt
es die alte koreanische Tradition des Schamanismus. Das Christentum kam erstmals 1784 durch einen koreanischen Gelehrten ins Land, der in China den
Katholizismus kennengelernt hatte. Eine starke Zunahme an christlichen Gemeinden gab es in unserem Jahrhundert, angeregt v.a. durch nordamerikanische
Missionare. Heute sind rund º aller S&uuml;dkoreaner Christen, 36% Buddhisten, daneben gibt es Anh&auml;nger von Schamanismus und Konfuzius, aber auch viele
Konfessionslose. Die christlichen Kirchen kennen eine Trennung zwischen Katholiken (ca. 2 % der Bev.) und Evangelischen (ca. 25%), wobei es eine starke
denominationelle Aufsplitterung unter den evangelischen Gemeinden gibt.

[Quelle: EMS, Streiflicht Korea, August 1996]

Ein halbes Jahrhundert unterdr&uuml;ckt

Die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung

Von Kerstin Sommer

Ein halbes Jahrhundert der Unterdr&uuml;ckung - und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Schon kurz nach der Entstehung der ersten Gewerkschaft in den 40er Jahren
wurde sie von der Regierung als pro-kommunistisch verboten und durch eine regierungsh&ouml;rige Gewerkschaft ersetzt. Seit S&uuml;dkorea auf Export setzt und
wirtschaftlich erstarkte, stieg die Zahl der Arbeiter, vor allem in der Textilbranche, enorm an. In diesem wichtigen Industriezweig sind Frauen in der Mehrzahl.
Landflucht und Verst&auml;dterung f&uuml;hrten schnell zur Bildung einer Arbeiterklasse. Ein politisches Wir-Gef&uuml;hl entwickelte sich erst allm&auml;hlich, da sich die
Industrialisierung zu rasch vollzog. Erst die Selbstverbrennung des Textilarbeiters Chun Te Il im Jahr 1971 leitete den Kampf f&uuml;r bessere Arbeitsbedingungen ein.
Kirchen und Intellektuelle setzten sich f&uuml;r dieses Ziel ein. Die Studenten, die bisher prim&auml;r f&uuml;r Demokratisierung gek&auml;mpft hatten, nahmen sich jetzt auch der
Arbeiterfrage an. Sie informierten in sog. Arbeiterschulen Menschen &uuml;ber ihre Rechte. Die st&auml;dtische Industriemission (UIM) und die katholische Arbeiterjugend
(JOC) st&auml;rkten die nicht-staatlichen Gewerkschaften durch Ausbildung von Aktivisten. Diese Institutionen waren ein wesentlicher R&uuml;ckhalt f&uuml;r die Bewegung und
die einzigen, bei denen sich die Arbeiter ohne Gefahr versammeln konnten. Kirchliche R&auml;ume tastete die Regierung nicht an, obwohl sie die UIM verbal als
"kommunistische Organisation" attackierte. Die Unterst&uuml;tzung der Studenten machte die Arbeiter mutiger. Auf Demonstrationen reagierte die Regierung mit
Brutalit&auml;t. Im Katastrophenjahr 1980 t&ouml;tete das Milit&auml;r Hunderte von Zivilisten bei einer Demonstration in Kwangju. Doch gerade diese Trag&ouml;die gab der
Gewerkschaftsbewegung neuen Auftrieb. Studenten initiierten Arbeiteraufst&auml;nde. Neue demokratische Gewerkschaften wurden ins Leben gerufen, die ihre legale
Anerkennung forderten. Die Kooperation von studentischen Aktivisten und Arbeitern f&uuml;hrte zu einem "verkleideten" Arbeiterph&auml;nomen. Studenten bewarben sich
als Arbeiter, um die Bewegung zu unterst&uuml;tzen. Allein 1985 wurden 160 dieser "verkleideten" Arbeiter verhaftet. Einen weiteren Schub erlebte die
Arbeiterbewegung 1987. In diesem Jahr kam der Student Park Chong Chol durch Polizeifolter ums Leben. Eine neue Welle von Streiks folgten: Vor 1987
registrierte man rund 200 Arbeiteraufst&auml;nde pro Jahr, nach 1987 waren es 3700. Erstreckten sich die Forderungen der Arbeiter bisher auf Lohnerh&ouml;hungen und
bessere Arbeitsbedingungen - Korea hat bis heute die h&ouml;chste registrierte Arbeitsunfallrate - , so kamen nun Forderungen nach der Autonomie von
Gewerkschaften, Reform der Arbeitsgesetze und Teilhabe am Management dazu. Ein Jahr vor der Olympiade in Seoul (1988) lockerte die Regierung ihren harten
Kurs gegen&uuml;ber den freien Gewerkschaften, kehrte aber schon 1989 zum gewohnten Stil zur&uuml;ck. Das koreanische Gewerkschaftssystem wird derzeit von zwei
Organisationen gepr&auml;gt, von der regierungstreuen Federation of Trade Unions (FKTU) und von den demokratischen Gewerkschaften, die sich 1995 zur Korean
Federation of Trade Unions (KCTU) zusammengeschlossen haben. Ihr geh&ouml;ren rund ein Viertel der organisierten Arbeiter an, vor allem aus dem Schiffsbau, der
Automobilindustrie und dem &ouml;ffentlichen Dienst, obwohl die KCTU sofort nach ihrer Gr&uuml;ndung als illegal erkl&auml;rt wurde. In Kleinstbetrieben, die auf der Basis von
Familien- und Bekanntenkreisen aufgebaut sind, sind KCTU-Anh&auml;nger ungern gesehen: Schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige L&ouml;hne und &Uuml;berstunden sind
die Regel. Anders ist es bei den weltweit agierenden koreanischen Konzernen geworden. Hier hat sich die Arbeitslage deutlich verbessert, Arbeitsgesetze
werden eingehalten und gerechte L&ouml;hne bezahlt. Die Kluft zwischen Kleinbetrieben und Großfirmen wird aller Voraussicht nach gr&ouml;ßer werden. Korea gleicht
seinen Arbeitermangel durch Gastarbeiter aus, die froh sind, &uuml;berhaupt einen Arbeitsplatz zu haben. Bei ihnen haben die Gewerkschaften bislang kaum Chancen.
Dennoch besteht die Hoffnung, dass mit dem einsetzenden Demokratisierungsprozess eines Tages auch die nicht-staatlichen Gewerkschaften legal werden.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 39]

Yang Wansuk hat einen Traum

Aus dem Leben einer Textilarbeiterin

Von Kerstin Sommer

Yang Wansuk ist heute 28 Jahre alt. Sie kommt aus einem Dorf in der Chullabukdo-Provinz. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr lebte sie zusammen mit sieben
Geschwistern bei ihren Eltern. Der Tagesablauf war durch das b&auml;uerliche Leben bestimmt und ließ nicht viele Perspektiven offen. So war es f&uuml;r Yang Wansuk der
normale Weg, nach dem Abschluss der Schule in der n&auml;chsten Kleinstadt in einer Textilfabrik zu arbeiten. Drei Jahre sp&auml;ter zog sie nach Seoul, um dort die
Aufnahmepr&uuml;fung f&uuml;r die Universit&auml;t abzulegen. Gepr&auml;gt durch das Leben mit einem behinderten Bruder wollte sie Behindertenlehrerin werden. W&auml;hrend der
Vorbereitung auf die Pr&uuml;fung musste Yang Wansuk nebenbei arbeiten gehen. Darunter litt das Lernen, und sie gab nach der zweiten nicht bestandenen
Aufnahmepr&uuml;fung auf.

W&auml;hrend dieser ganzen Zeit fand sie R&uuml;ckhalt in der Shim-Myong Gemeinde, die in einem Industriegebiet von Seoul zuhause ist. Ihr heimatlicher Pfarrer hatte ihr
die Shim-Myong Gemeinde empfohlen. In dieser Arbeiter-Gemeinde, die das Andenken an Chun Tae Il und sein Selbstverbrennungsopfer f&uuml;r bessere
Arbeitsbedingungen bewahrt hat, fand Yang Wansuk eine neue Heimat. Seit sechs Jahren verdient sie nun ihr Geld in einer mittelgroßen Textilfabrik mit dem
N&auml;hen von Herrenhosen. Ihr Tageslauf ist durch ihre Arbeit und die Gemeinde bestimmt. Ihr Tag beginnt um 5 Uhr, eine Stunde sp&auml;ter nimmt sie am Morgengebet
der Gemeinde teil. Ihr Arbeitstag geht von 8 bis 21 Uhr, einschließlich von &Uuml;berstunden, ohne die sie nicht genug zum Leben verdient. Aber mittwochs und
sonntags steht die Gemeinde im Vordergrund. Am Mittwochabend ist Bibelstunde. Gemeinsam mit dem Pfarrer werden Bibelstellen gelesen, und nicht selten
vernimmt man ein Lachen aus der Bibelgruppe; denn oft erf&auml;hrt die Bibelstelle eine Aktualisierung, die f&uuml;r Erheiterung sorgt. An diesem Abend bricht Yang
Wansuk aus dem Alltag aus. Das gibt ihr Kraft f&uuml;r den Rest der Woche. Den Sonntag verbringt sie ganz in der Gemeinde. Am fr&uuml;hen Morgen putzt sie die
Gemeinder&auml;ume oder beginnt mit der Vorbereitung des gemeinsamen Mittagessens. In Arbeitsgruppen am Nachmittag werden Erfahrungen der letzten Woche
ausgetauscht. F&uuml;r Yang Wansuk ist die Gemeinde eine Familie, in der sie Verst&auml;ndnis, Ruhe und Kraft f&uuml;r das Leben findet.

Eine Zeit lang wollte sie andere von ihren Erfahrungen als Textilarbeiterin profitieren lassen. Da sie sich nicht der unternehmensfreundlichen Gewerkschaft ihrer
Firma anschließen wollte, stand sie einer Arbeitergruppe in der Gemeinde vor und kl&auml;rte andere &uuml;ber ihre Rechte auf. Allerdings konnte sie dann nicht abends
arbeiten gehen, und schließlich musste sie diese Aufgabe aus Geldnot wieder aufgeben. Seit rund zwei Jahren lebt einer ihrer Br&uuml;der ebenfalls in Seoul, auch er
fand in der Gemeinde Halt. Die Geschwister haben beschlossen, zusammenzuziehen, um so etwas Geld f&uuml;r Yang Wansuks Traum zu sparen. Denn sie m&ouml;chte
noch immer studieren, nur haben sich ihre Neigungen in der Zwischenzeit ver&auml;ndert. Es ist ihr großer Wunsch geworden, eines Tages Theologie zu studieren.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 40]

Der Anfang ist schon die halbe Vollendung

Anmerkungen zum Bildungssystem

Von Wolfgang Kr&ouml;ger



S&uuml;dkorea hat sich in den letzten Jahrzehnten rapide ver&auml;ndert. Aus einem hochverschuldeten Dritte-Welt-Land ist eine selbstbewusste und leistungsf&auml;hige Nation
geworden. Dr. Wolfgang Kr&ouml;ger ist Lehrer und hat einige Jahre in Korea gearbeitet. Er fragt nach den Schl&uuml;sseln zu dieser Erfolgsstory. Sijaki ban - der Anfang ist
schon die halbe Vollendung - scheint dabei auch eine Rolle zu spielen.





Die Schul- und Bildungspolitik hat f&uuml;r diesen erstaunlichen Wandel die Voraussetzungen geschaffen. Im konfuzianisch gepr&auml;gten Korea genießt Bildung h&ouml;chstes
Ansehen. Lehrer und Professoren sind anerkannte Autorit&auml;tspersonen, denen der Lernende lebenslang zu Dank verpflichtet bleibt. Familien investieren alles, was
sie haben, in die Ausbildung ihrer Kinder. Da, wo wirklich internationaler Wettbewerb herrscht - wie im Bereich der Musik und Bildenden Kunst, nat&uuml;rlich auch im
"big business" - tauchen vermehrt koreanische Namen in der Spitzenkategorie auf. Globalisierung ist seit der Olympiade 1988 die Bezeichnung f&uuml;r den Kontext
der koreanischen Bildungspolitik.

Dabei erscheint f&uuml;r den westlichen Beobachter vieles im koreanischen Bildungssystem seltsam und st&ouml;rend: Die Klassen in den Schulen sind riesig groß. Es wird
weitgehend unkritisch gelernt, der Lernstoff wird eingepaukt und wenig verarbeitet. Es findet ein dauernder, scharfer Wettbewerb zwischen den Sch&uuml;lern statt, und
w&auml;hrend der Pr&uuml;fungszeiten steigert sich dieser Kampf bis ins Absurde und belastet die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler enorm. Noch immer herrscht im Bildungssystem
weitgehende Korruption. Soll das eigene Kind gut gef&ouml;rdert werden, so braucht der Lehrer eine gute "Zuwendung". Will man eine gute, sich auszahlende Lehrer-
oder Professorenstelle bekommen, muss man zun&auml;chst selber &auml;ußerst "spendabel" sein. Der Schuldrill und die Autorit&auml;tsh&ouml;rigkeit bereiten nat&uuml;rlich nicht auf ein
Leben in einer Demokratie vor. Die zentral organisierten Schulpr&uuml;fungen gehen vielfach, um &uuml;berhaupt zu einer "Differenzierung" kommen zu k&ouml;nnen, weit &uuml;ber
den Lehrstoffplan hinaus, so dass nur die Sch&uuml;ler, die sich die besten und teuersten Nachhilfestunden leisten konnten, eine gute Chance haben. Nach dem
Schulstress und der Zuteilung der Lebenschancen durch die Universit&auml;tseingangspr&uuml;fungen wird im Studium zun&auml;chst ziemlich gegammelt; Uni-Ausfl&uuml;ge, Demos,
Sportturniere, Liebesgeschichten - alles scheint auf dem College-level wichtiger zu sein als ein ordentliches Studium.

Was macht dann dies Bildungssystem trotzdem so erfolgreich? Kinder werden in Korea bis zum Schuleintritt verw&ouml;hnt. Nat&uuml;rlich pauschaliert eine solche
Aussage. Aber es ist doch auffallend, eine wie große Freiheit koreanische Kinder und besonders die Jungen genießen. Sie sind &uuml;berall dabei, und immer ist
jemand f&uuml;r sie da. Wenn sie quengeln oder m&uuml;de werden, nimmt Mutter oder Großmutter sie auf den R&uuml;cken und tr&auml;gt sie herum und wiegt sie ein. Das schafft ein
Grundvertrauen ins Leben. Das Selbstbewusstsein und die Lebenszufriedenheit sind vorgegeben und k&ouml;nnen durch m&ouml;gliche Niederlagenerfahrungen im
Schulalltag nicht mehr ganz ersch&uuml;ttert werden. Wenn sich dann in der Schule noch Erfolge einstellen, verwirklicht sich f&uuml;r den einzelnen Sch&uuml;ler das, was die
Botschaft der "koreanischen Kindheit" war: Du bist der Star, du bist der &uuml;ber alles geliebte. So gef&ouml;rdert und gefordert, steckt sich der Jugendliche hohe Ziele,
wirkt dabei manchmal naiv und ein wenig aufgeblasen - und hat in Korea nicht zu f&uuml;rchten, als "Angeber" fertiggemacht zu werden. Im Ergebnis erreicht dann
mancher, und sei es &uuml;ber Umwege, ein solch hochgestecktes Ziel. Bei alledem stehen Eltern und Gesamtfamilie bereit, dem begabten Kind alle F&ouml;rderung zuteil
werden zu lassen: Privatunterricht, Schulgeld, Unigeb&uuml;hren, Auslandsstudium.

Was allerdings im koreanischen Ausbildungssystem zu kurz kommt, ist der terti&auml;re Sektor, also die Berufsschul- und Berufsausbildung. Zwischen Arbeitern und
"white-collar-Leuten" herrscht deshalb ein allzu großer Abstand. Doch die Sehnsucht, nicht mit der Hand arbeiten zu m&uuml;ssen, ist nat&uuml;rlich auch ein starker
Impuls f&uuml;r die Bildungsbeflissenheit der koreanischen Gesellschaft. Dass Bildung auf der gesellschaftlichen und famili&auml;ren Werteskala obenan steht, ist der
Schl&uuml;ssel zur individuellen und gesellschaftlichen Erfolgsstory in Korea. Dabei schließt Bildung auch das "&ouml;stliche Wissen" mit ein, also Grundkenntnisse im
Chinesischen und das Wissen um die chinesische Philosphie. Und das macht die jungen Koreaner durchaus selbstbewusst auch gegen&uuml;ber ihren westlichen, in
dieser Beziehung ignoranten Kolleg/innen.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 43-44]

Das Christentum - eine koreanische Religion

Wie der Katholizismus nach Korea kam

Von Gisela K&ouml;llner



Die christliche Religion ist in Korea weit verbreitet und genießt hohes Ansehen. Vertreter koreanischer Kirchen betonen immer wieder, daß das Christentum von
Koreanern ins Land gebracht und mit großer &Uuml;berzeugung angenommen wurde. Es sei falsch zu sagen, die christliche Religion sei unter kolonialen Bedingungen
verbreitet worden. Diese bemerkenswerte Geschichte hat das 18. Jahrhundert und die harte gesellschaftliche Realit&auml;t in der koreanischen Yi-Dynastie zum
Hintergrund. In der strengen konfuzianischen Hierarchie hatten die regierenden Gruppen von Adeligen (Yangban) und die Landbesitzer das Sagen, arme Bauern
und Handwerker f&uuml;hrten unter den Steuerlasten ein schweres Leben. Auch Yangban ohne Beamtent&auml;tigkeit und ohne Einfluß auf die Regierung waren
unzufrieden. Das Land war streng von der Außenwelt abgeschnitten, nur die j&auml;hrlichen Regierungsdelegationen an den Hof des Kaisers in China hatten Kontakt
zu Ausl&auml;ndern und konnten sich &uuml;ber weltweite Entwicklungen informieren. Bereits seit dem 17. Jahrhundert brachten diese Gesandtschaften westliches
Gedankengut in Buchform nach Korea, allen voran chinesische &Uuml;bersetzungen von Werken zu Astronomie, Geographie, Technik und Mathematik. Das Studium
dieser B&uuml;cher f&uuml;hrte 1654 zu einer Reform des Kalendersystems, die Kenntnis von Weltkarten ver&auml;nderte das Bild der eigenen Position und widerlegte die
bisherige Vorstellung von China als dem Reich der Mitte.

Auch &Uuml;bersetzungen theologischer Werke gelangten nach Korea, wo sie mit einem gewissen intellektuellen Interesse in Yangban-Kreisen gelesen wurden. Durch
Freunde auf diese Religion aufmerksam gemacht, geh&ouml;rte Yi Sung-Hun 1783/84 zur j&auml;hrlichen China-Delegation. In Beijing traf er katholische Missionare, ließ
sich von ihnen unterweisen und 1783 taufen. Nach seiner R&uuml;ckkehr im Jahre 1784 berichtete er &uuml;ber seinen neuen Glauben in Adeligenkreisen des
koreanischen S&uuml;dens, die offen f&uuml;r Neues waren. Vor allem jedoch in &auml;rmeren Bev&ouml;lkerungsschichten des ganzen Landes fand die christliche Religion rasche
Verbreitung. Bis 1795 entwickelte sich ein rein innerkoreanischer Katholizismus. Erst dann kam der erste ordinierte Pfarrer, der Chinese Chou Wen-Mu, illegal
nach Korea. In einer Woge der Christenverfolgung wurde er am 31. Mai 1801 hingerichtet.

Christliche M&auml;rtyrer gab es jedoch schon fr&uuml;her. Die Regierung war &uuml;ber die rasche Ausbreitung der neuen Religion beunruhigt; einige Inhalte stellten ihre
konfuzianisch begr&uuml;ndete Macht infrage. So beispielsweise der Gedanke, daß weltliche Macht ein wertloses Ansinnen sei. Aber auch die strikte Ablehnung des
Ahnenkults, die von seiten des Vatikan unterstrichen wurde, war f&uuml;r viele Koreaner schockierend. Ein Yangban namens Yun Chi-Chung in der Provinz Cholla
ließ beim Tod seiner Mutter 1791 anstelle der konfuzianischen Zeremonie einen christlichen Gottesdienst abhalten und verbrannte die Ahnentafeln seiner
Vorfahren. Nach koreanischen Vorstellungen stellte er damit das gesamte Gesellschaftssystem infrage und beging als Sohn die gr&ouml;ßtm&ouml;gliche S&uuml;nde. Er und
einige beteiligte Verwandte wurden deshalb hingerichtet. 1785 wurde der Katholizismus offiziell verboten, theologische Literatur wurde verbrannt. Dennoch nahm
die Zahl der Katholiken zu und erreichte 1855 eine Zahl von 13 600 Christen, 1884 von 17 600. 1832 kam Gutzlaff als erster evangelischer Missionar ins Land;
ihm folgten seit den 60er Jahren viele weitere. Heute ist rund ein Drittel der Bev&ouml;lkerung getauft, ca. 23 Prozent sind evangelisch und f&uuml;nf Prozent katholisch.

Nach: Han Woo-Keun: The History of Korea. The Eul-Yoo Publishing Company, Seoul 1970; Allen D. Clark: A History of the Church in Korea. The Christian
Literature Society of Korea, Seoul, 1992. Bearbeitung: Gisela K&ouml;llner

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 15]

Deutsche Ostasien-Mission

Die Deutsche Ostasienmission (DOAM) wurde 1884 gegr&uuml;ndet. Sie hat ihre Wurzeln in der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts. Ihre Gr&uuml;nder aus der
Schweiz und aus Deutschland suchten die Auseinandersetzung mit Religionen in Asien und entsandten ihre Mitarbeiter als Missionare nach China und Japan.

Die Ver&auml;nderungen im theologischen Denken der 20er Jahre in Deutschland f&uuml;hrte zu einer Neubesinnung und in den 30er Jahren zu Zerreißproben, so dass es
nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Spaltung in eine Schweizerische und eine Deutsche Ostasienmission kam. Nach Jahren der Entfremdung gibt es heute eine
freundschaftliche Zusammenarbeit. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands haben sich auch die beiden gezwungenermaßen getrennten Vereine der DOAM
im Osten Lind Westen wieder zusammengefunden. Bei der Integration der Missionsgesellschaften in das EMS und das Berliner Missionswerk hat die DOAM ihre
Selbst&auml;ndigkeit weithin aufgegeben in der Erwartung, dass die Kirchen, in deren Bereich die DOAM t&auml;tig war, ihre Aufgaben in Zukunft besser wahrnehmen
k&ouml;nnen.

Drei direkte Aufgaben sind der DOAM noch vorbehalten: die Verwaltung einer japanischen Stiftung im Herzen von Tokyo, die Betreuung von Freundeskreisen
vor allem in Ostdeutschland und die Durchf&uuml;hrung einer j&auml;hrlichen Studientagung zu Ostasien. Das Interesse liegt nach wie vor in der lebendigen Begegnung mit
fremden Kulturen und Religionen sowohl in Deutschland als auch in Ostasien. Besonders dienen dazu die beiden christlichen Institute in Japan und Korea, die
sich mit den Problemen ihrer jeweiligen Gesellschaft auseinandersetzen: das Tomisaka Christian Center in Tokyo, das u.a. die Problematik des Tennoismus oder
die &ouml;kologischen Fragen in einer modernen Industrienation aufgegriffen hat, und das Koreanische Theologische Forschungsinstitut in der N&auml;he von Seoul, das
mit seinen theologischen Lehrb&uuml;chern einen betr&auml;chtlichen Einfluss auf die theologische Ausbildung koreanischer Pfarrer hat.

[Quelle: EMS, F&uuml;rbitt-Kalender 2000, 16. Tag]

Brief an unsere Kirchen und Gemeinden

Vom 12. bis 16. 9. 2000 trafen sich in Musashi-Ranzan bei Tokyo / Japan Christinnen und Christen aus S&uuml;dkorea, Japan und Deutschland. Wir geben
Ergebnisse und Fragen an unsere Gemeinden weiter und verstehen das Folgende als einen Beitrag zum Programm des &Ouml;kumenischen Rates der Kirchen
"Dekade zur &Uuml;ber-windung von Gewalt".

Wir arbeiteten zu den Themen VERGEBUNG, WIEDERGUTMACHUNG UND GEWALTVERZICHT. Wir sind betroffen &uuml;ber die Gr&auml;ueltaten, die in den letzten 60
Jahren in Deutschland, Korea und Japan begangen worden sind und manchmal erst jetzt in ihren furchtbaren Einzelheiten in die &Ouml;ffentlichkeit kommen. Wir
denken dabei z.B. an das durch die US-Truppen verursachte Massaker von No-gun-ri im Koreakrieg (Anm. 1), an Kwangju (Anm. 2) (1980), an das durch
Japan begangene Blutbad in Nanjing (Anm. 3) (1937), an die Shoah in Deutschland und die politischen Unrechtstaten in der ehemaligen DDR.

Wir sind betroffen, wie japanische Soldaten mit koreanischen Frauen im Pazifikkrieg umgegangen sind. Wir h&ouml;rten von den Zwangsverschleppungen des
japanischen Staates w&auml;hrend der Kolonialherrschaft Japans &uuml;ber Korea. Uns beschwert, dass viele unschuldige Menschen, die in Gef&auml;ngnissen gelitten haben,
bis heute nicht entsch&auml;digt worden sind. Wir bekennen, dass unsere Kirchen in ihren L&auml;ndern nicht eindeutig ihre Stimme gegen angewandte Gewalt erhoben
haben.
Weil Gott uns einen neuen Anfang geschenkt hat, sehen wir, dass trotz aller Be-lastungen und Verletzungen, die zwischen uns stehen, neue Wege zueinander
und miteinander m&ouml;glich sind.

Gewaltverzicht
Wir sind &uuml;berzeugt, Gewalt beginnt
- mit der Verachtung von Menschen aus anderen Kulturen und Religionen,
- mit Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber der politischen und &ouml;konomischen Wirklichkeit,
- mit dem Ignorieren anderer Menschen,
- mit einer Sprache, die negativ &uuml;ber Minderheiten redet,
- mit sozialer Isolierung oder psychischer Dem&uuml;tigung.
Wir sehen in jedem Staat und in wirtschaftlicher Macht (Mammon) die Gefahr, dass Menschen nicht nur besch&uuml;tzt und reicher werden, sondern auch gef&auml;hrdet
sind.

Wir halten das Widerstandsrecht gegen versklavende Gewalt f&uuml;r legitim. Wir bitten die Gemeinden, mit Gl&auml;ubigen aus anderen L&auml;ndern &uuml;ber die Rolle von Milit&auml;r
und Gewaltverzicht zu beraten, um neue Perspektiven f&uuml;r eine gewaltfreiere Zukunft zu gewinnen. Dabei d&uuml;rfen die Ziele der Bergpredigt und die Praxis von
Gandhi, Martin Luther King und Kwangju 1997 ("Entm&auml;chtigung des Tr&auml;nengases" - Anm. 4) nicht vergessen werden.
Wir halten Recht und Gerechtigkeit f&uuml;r die wichtigste Alternative zur Gewalt. Deshalb m&uuml;ssen das V&ouml;lkerrecht, die internationalen Gerichtsh&ouml;fe und die
Menschenrechte gest&auml;rkt werden.

Wir wollen wirksamer darauf achten, dass Gewissensentscheidungen respektiert werden. Durch die Gebote der Bibel m&uuml;ssen in den Gemeinden die Gewissen der
Menschen immer wieder gesch&auml;rft werden (z.B. keine Gewalt gegen Frauen). Die Kirchen m&uuml;ssen grunds&auml;tzlich auf der Seite der Schwachen stehen.

Vergebung
Das nationalistische Denken in Deutschland und Japan f&uuml;hrte zur Shoah, entfesselte den Zweiten Weltkrieg und machte viele Nachbarv&ouml;lker zu Opfern.
Vertre-terinnen und Vertreter aus Korea berichteten uns eindr&uuml;cklich &uuml;ber die besonderen Folgen in ihrem Land. Allerdings hat es in jedem Volk und jeder
Kirche T&auml;ter und Opfer, aber auch eine schweigende Mehrheit von Zuschauern und Mitl&auml;ufern gegeben. Wir sind Vertreter der Kinder- und Enkelgenerationen,
die nicht direkt mit den Verbrechen und Untaten des Zweiten Weltkriegs oder des Koreakriegs zu tun haben. Trotzdem m&uuml;ssen wir Stellung nehmen. Denn wir
werden immer wieder mit der Geschichte unserer V&auml;ter und M&uuml;tter konfrontiert. Wir sind daf&uuml;r verantwortlich, dass alle Generationen die Last der Geschichte nicht
ignorieren, sondern aus der Schuld der V&ouml;lker und Kirchen Wege zur Vers&ouml;hnung finden.

Wir sind &uuml;berzeugt, dass &ouml;ffentliche Schuldbekenntnisse eine neue Zukunft f&uuml;r T&auml;ter und Opfer er&ouml;ffnen, vor allem wenn sie Schuld konkret benennen. Wir sind
&uuml;berzeugt, dass die T&auml;ter, die Buße tun, ihre Gr&auml;ueltaten aufdecken und Entsch&auml;digung leisten, Vergebung von den Opfern empfangen. Wir sind uns aber
bewusst, dass die T&auml;ter aus Angst vor Verurteilung und Ehrverlust diesen Schritt scheuen. Oft k&ouml;nnen sie sich ihrer Schuld und Verstrickung erst stellen, wenn
ihnen Vergebungsbereitschaft entgegengebracht wird. Die St&auml;rke der Opfer ist ihre Bereitschaft, den ersten Schritt zur Vers&ouml;hnung zu tun. Wir wissen, dass
bedingungslose Vergebung f&uuml;r einzelne Menschen m&ouml;glich ist. F&uuml;r die V&ouml;lker verlangt Vers&ouml;hnung eine politische und &ouml;konomische Gestaltung.

Inspiriert von der biblischen Geschichte von der Begegnung zwischen Jesus und Zach&auml;us (Lukas 19, 1-10) sind wir &uuml;berzeugt, dass auch die Kirchen nicht in
einer Zuschauerhaltung bleiben d&uuml;rfen. Sie m&uuml;ssen dazu beitragen, dass T&auml;ter und Opfer aufeinander zugehen, dass die Leiden der Opfer &ouml;ffentlich anerkannt
werden und die T&auml;ter bereit sind, die Wahrheit &uuml;ber ihre Taten zu bekennen und Entsch&auml;digung zu leisten. So kann Vergebung durch die Opfer und Vers&ouml;hnung
m&ouml;glich werden.

Entsch&auml;digung / Wiedergutmachung
Wir sind der Meinung, dass Wiedergutmachung zwischen T&auml;tern und Opfern im Grunde genommen unm&ouml;glich ist. F&uuml;r die Opfer und die Hinterbliebenen sind
sowohl eine klare Aussage der Wahrheit und die konkrete Aufarbeitung der Geschichte notwendig als auch die materielle Entsch&auml;digung, so weit als m&ouml;glich.
Eine Entsch&auml;digung kann helfen, eine Wiederholung des B&ouml;sen zu verhindern. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass Entsch&auml;digung die Gefahr in sich birgt, zur
Beendigung der Diskussion missbraucht zu werden. Von großer Bedeutung ist in jedem Fall die Wiederherstellung der Menschenw&uuml;rde.

Darum fordern wir auch uns selbst auf, die Wahrheit ans Licht zu bringen und lebendig ins Ged&auml;chtnis des Volkes zu rufen.

Wir, Christinnen und Christen aus drei L&auml;ndern, verlangen von der japanischen Regierung, dass sie sich sofort bei den Opfern entschuldigt und Entsch&auml;digung
leistet. Darum unterst&uuml;tzen wir auch das Internationale Frauen-Tribunal f&uuml;r die Comfort Women (Anm. 5) im Dezember dieses Jahres in Tokyo.

Diese Aufgaben ver&auml;ndern die Beziehungen zwischen V&ouml;lkern und auch die unseres eigenen Lebens. Sie geh&ouml;ren zum &ouml;kumenischen und missionarischen
Auftrag aller Kirchen.

Schluss
Darum bitten wir unsere Kirchen in Korea, Japan und Deutschland, vor Ort f&uuml;r die Erinnerung der Geschichte sowie f&uuml;r die Weitergabe gewonnener Erkenntnisse
an die n&auml;chste Generation zu arbeiten.

So bitten wir unsere Gemeinden, sich daf&uuml;r einzusetzen, dass die z. T. erst jetzt bekannt gewordenen Unrechtstaten nicht verdr&auml;ngt werden, und rufen sie auf,
gemeinsam mit den verantwortlichen Politikern und B&uuml;rgerinitiativen nach L&ouml;sungen zu suchen.

Wir bitten unsere Kirchen, die Zeitzeugen nicht zu &uuml;berh&ouml;ren und sich f&uuml;r weitere Austauschm&ouml;glichkeiten und Begegnungen zwischen den drei L&auml;ndern
einzusetzen, um auch die Jugend in die uns bewegenden Fragen verantwortlich einzubeziehen.

Auch bitten wir die Kirchen in unseren drei L&auml;ndern darum, sich f&uuml;r die Vers&ouml;hnung zwischen Nord- und S&uuml;dkorea, die im Juni dieses Jahres begonnen hat, auf
allen Ebenen einzusetzen.

Die Tagung fand erstmals auf Initiative der Deutschen Ostasienmission, des Tomisaka Christian Center (Japan) und des Koreanischen Theologischen
Forschungsinstitutes (Seoul) statt.

Deutsche Ostasienmission: Paul SCHNEISS
Z&auml;hringer Str.16, 69115 Heidelberg, Germany
Aunae-Stiftung: KIM Jeong-Ran
33 Byungchun-ri, Byungchun-Myun, Chonan-shi, Korea
Tomisaka Christian Center: MURAKAMI Hiroshi
2-9-4 Koishikawa, Bunkyo-Ku, Tokyo 112-0002, Japan


Anmerkungen:

1 Nogun-ri ist ein Dorf in S&uuml;dkorea, bei dem die im Juli 1950 in einen Tunnel gefl&uuml;chtete Zivilbev&ouml;lkerung und nordkoreanische Fl&uuml;chtlinge von US-Soldaten
niedergeschossen wurden (&uuml;ber 200).
2 Kwangju, Hauptstadt der S&uuml;dwestprovinz S&uuml;dkoreas, in der das s&uuml;dkoreanische Milit&auml;r ein Blutbad unter der unbewaffneten Bev&ouml;lkerung anrichtete, die sich f&uuml;r
Demokratie einsetzte.
3 Nanjing (fr&uuml;her: Nanking, China), wo das jap. Milit&auml;r 1937 wochenlang ein Massaker unter der Bev&ouml;lkerung beging, dem 300.000 Menschen zum Opfer fielen,
was bis heute von Japan offiziell nicht anerkannt wird.
4 Die gewaltfreie Demonstration zum Jahrestag des Massakers von Kwangju 1980 ließ sich auch vom Tr&auml;nengas der Polizei nicht einsch&uuml;chtern.
5 "Comfort Women", also "Trostfrauen" wurden die Zwangsprostituierten im jap. Milit&auml;r w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges genannt (gesch&auml;tzt &uuml;ber 200.000).

Diakonie- das Stichwort f&uuml;r die kommenden Jahre

Von Reinhilde Freise



In der N&auml;he vom Magdalena-Haus hat Gene Malony eine kleine Beratungsst&auml;tte. Die Leute des Viertels kommen und fragen um Rat z. B. bei Eheproblemen,
wegen Kinderadoption oder Scheidungsrecht. Die Mary-Knoll-Sisters haben insgesamt zw&ouml;lf B&uuml;ros in Korea mit verschiedenen sozialen Diensten, die fast ganz
von Spendern getragen werden. In Seoul unterhalten sie eine Klinik f&uuml;r Arme, ein Zentrum f&uuml;r Alkoholiker und f&uuml;hren Armenspeisung durch. In einem Treffpunkt
f&uuml;r Stadtteilentwicklung k&ouml;nnen Frauen Lesen und Schreiben lernen und ein paar Fertigkeiten erwerben, mit denen sie Geld verdienen k&ouml;nnen. Ein weiteres B&uuml;ro
ist auf Gerechtigkeitsfragen spezialisiert. In Kwangju f&uuml;hren sie eine Schule f&uuml;r k&ouml;rperlich behinderte Kinder und bieten soziale Dienste f&uuml;r die &auml;rmeren
Studen/innen an.

Diakonie wird in s&uuml;dkoreanischen Kirchen h&auml;ufig von einzelnen getragen. Dabei darf man nicht vergessen, daß die katholische Kirche und einige protestantische
es jahrelang f&uuml;r eine wichtige soziale Aufgabe ansah, f&uuml;r Demokratie und Menschenrechte einzutreten, politische Gefangene zu verteidigen und sich um ihre
Familien zu k&uuml;mmern. Mitglieder von Mittelstandsgemeinden geh&ouml;ren zwei oder drei Hilfsorganisationen an, f&uuml;r die sie sammeln. Insgesamt aber tut man sich in
solchen Gemeinden schwer, einen Ausgleich zwischen armen und reichen Gemeinden zu schaffen.

Koreanische Pfarrer, die nach Deutschland kommen, wundern sich &uuml;ber die schlecht besuchten Gottesdienste, entdecken meistens aber mit Bewunderung die gut
organisierten diakonischen Dienste der Kirchen. In Korea entscheidet jede Gemeinde selbst, welche Projekte sie unterst&uuml;tzen m&ouml;chte; viel Geld und Einsatz
bleiben auch hier in der eigenen (Mittelstands-) Gemeinde. "Die koreanische Kirche hat sich bisher zu sehr am Himmel orientiert und zuwenig um die Erde
gek&uuml;mmert", meint Sook Lee-Phil, Predigerin in einer armen Gemeinde. Sie selbst hat f&uuml;nf Waisen bei sich aufgenommen und betreut 35 weitere Kinder
zusammen mit zwei Helferinnen in einer Kindertagesst&auml;tte. Sonntags versucht sie, in m&ouml;glichst vielen Gemeinden zu predigen; nur so komme sie an Geld f&uuml;r ihre
Arbeit. Dies ist ein typisches Beispiel f&uuml;r die Diakonie-Situation in den rund 160 evangelischen Denominationen im Land. Doch ist Diakonie das Stichwort f&uuml;r die
kommenden Jahre, nachdem der Staat sich nicht zu einem Sozialstaat entwickelt und immer mehr Randgruppen entstehen. Man kann es sich nicht mehr leisten, in
Konkurrenz zueinander und unvernetzt zu arbeiten. Inzwischen bestehen Kontakte zum Diakonischen Werk in Deutschland, dessen Arbeit als vorbildlich gilt.
Altenbetreuung, Pflege von Behinderten, Frauenh&auml;user, Frauennotruf, Drogenberatung und vieles andere mehr sollen verst&auml;rkt und besser vernetzt werden.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 35]
Vielseitig, modern und fr&ouml;hlich

Die Diakonieschwestern in Mokpo

Von Sabine Bauer



Schwester Lee Young-Sook sch&uuml;rzt die blaugraue Tracht, startet das Motorrad durch und f&auml;hrt los. Auf der geraden Strecke geht alles gut, dann die Kurve. Das
Hinterrad rutscht weg und Schwester Lee liegt neben dem Motorrad. Als wir auf sie zugerannt kommen, steht sie schon wieder auf den Beinen. "Na", meint sie,
"das Ding, mit dem ich jahrelang zu den Kranken in die D&ouml;rfer gefahren bin, war halt bloß ein Moped." Schwester Lee ist eine der sechs Frauen, die sich 1980
zusammentaten, um eine Form gemeinsamen Lebens in Gebet und Dienst am Menschen zu finden. Eine &Auml;rztin in Mokpo, Dr. Yoh, schenkte ihnen ein St&uuml;ck
Land, und die jungen Schwestern arbeiteten in ihrer Lungenklinik mit. Bis heute ist die Pflege von Patienten mit offener Tb in der Wohngemeinschaft des
"Hansalmejib" Teil ihrer Arbeit. Zur Zeit leben dort 15 Patienten und zwei Schwestern. Vor zwei Jahren hatte Lee Young-Sook sich angesteckt. Zum Gl&uuml;ck
wurde es fr&uuml;h entdeckt, und nach Monaten v&ouml;lliger Ruhe konnte sie die Arbeit wieder aufnehmen. Heute z&auml;hlt die Schwesternschaft zw&ouml;lf Mitglieder. Manche
junge Frauen, die ins Noviziat kamen, sind wieder gegangen. Das ist schmerzlich f&uuml;r die Schwestern, aber sie meinen, erst im gemeinsamen Leben kann man
feststellen, ob dies wirklich die angemessene Antwort auf den Ruf Gottes ist. Doch inmitten der am quantitativen Wachstum orientierten koreanischen Kirche ist es
nicht leicht, als kleine Gemeinschaft selbstbewusst zu bleiben. Neuerdings stattfindende diakonische Frauenseminare sollen dazu beitragen, die Schwestern und
ihre Arbeit bekannter zu machen. Die Schwestern sind mit Hilfe von Prof. Ahn Byung-Mu, dem damaligen Leiter des "Korean Theological Study Institute", mit
Schwesternschaften in Europa in Verbindung gekommen und wurden Mitglied im Kaiserswerther Verband. Schwestern aus Grandchamps halfen ihnen bei den
ersten Gestaltungsversuchen ihres geistlichen Lebens. Die geistliche Ausrichtung der Diakonia-Schwesternschaft betont das Soldidarischwerden mit dem Leiden
der Menschen.

Das ihnen damals geschenkte St&uuml;ck Land haben die Schwestern vielf&auml;ltig genutzt: Eine Kapelle wurde gebaut, ein Tagungszentrum, das von kirchlichen Gruppen
genutzt wird. Nach vorn zur Straße hin gibt es große Gew&auml;chsh&auml;user mit Aloepflanzen, die sich genau wie die Erzeugnisse der Orchideenzucht gut verkaufen
lassen. Aber die Hauptaufgabe bleibt nach wie vor die Sozialarbeit. Im Team mit &Auml;rzten und Krankenschwestern besuchen sie Arme und Kranke in ihren H&auml;usern,
versorgen sie medizinisch und beraten bei famili&auml;ren Problemen. 1993 haben sie ein kleine Zahnarztpraxis eingerichtet, in der &Auml;rzte kostenlos behandeln. Die in
der Stadt t&auml;tigen Schwestern kommen abends ins Mutterhaus zur&uuml;ck, um wenigstens zweimal am Tag am gemeinsamen Gebet teilnehmen zu k&ouml;nnen. Im
Mutterhaus f&uuml;hren sie praktische Seminare f&uuml;r Jugendliche und Frauen aus l&auml;ndlichen Gebieten durch und machen sie mit biologischem Anbau und aller Art von
Umweltschutzmaßnahmen bekannt. Die Schwestern haben sich im Laufe der Jahre ein erstaunliches landwirtschaftliches Fachwissen angeeignet. Seit neuestem
sind drei Schwestern von Mokpo nach Chonan &uuml;bergesiedelt, wo sich das fr&uuml;here Korean Theological Study Institute zum "Aune-Dorf" entwickelt hat, in dem
ebenfalls eine Gemeinschaft entstehen soll. Wer weiß, vielleicht muss Schwester Lee ihre Motorradfahrk&uuml;nste bald wieder im Ernst einsetzen.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 33]


Leben auf dem Lande

Kleinbauern zwischen Weltmarkt und Tradition

Von Gisela K&ouml;llner



Die traditionelle Landwirtschaft ist bedroht, die b&auml;uerliche Kultur zum Absterben verurteilt. Die Autorin, Mitarbeiterin im EMS, schildert am Beispiel des typisches
Dorfes Youngri die Probleme der l&auml;ndlichen Bev&ouml;lkerung.

4. Uhr 30 am Morgen in dem 300-Seelen-Dorf Youngri in der Provinz Chungcho-nam, ungef&auml;hr 150 Kilometer s&uuml;dlich von Seoul: Seit wenigen Minuten h&ouml;rt
man den Klang von Glocken leise aus den Nachbarorten jenseits der H&uuml;gel. Und nun setzt auch der Lautsprecher der kleinen Kirche von Youngri ein und ruft mit
einem koreanischen Kirchenlied zum Morgengebet - wie in allen D&ouml;rfern S&uuml;dkoreas zu so fr&uuml;her Stunde. Gleich danach beginnt die harte Tagesarbeit.

Kommt man aus der modernen und hochtechnisierten Hauptstadt in ein koreanisches Dorf, wird man mit Impressionen einer v&ouml;llig neuen Welt konfrontiert: einfache
Betonplatten-Zufahrtswege zum Ort, unbefestigte Dorfstraßen, alte Bauernh&auml;user, die manchmal renovierungsbed&uuml;rftig sind. Zwischen kleinen, verstreut
liegenden Feldern mit Reis, Gem&uuml;se, Obstb&auml;umen, Sesam- und Pepperonipflanzen und manchmal der wertvollen Ginsengwurzel trifft man vor allem alte
Menschen und Kinder. Die mittlere Generation ist &uuml;berall fast vollst&auml;ndig in die großen St&auml;dte ausgewandert, wo die begehrte Universit&auml;tsausbildung m&ouml;glich ist
und wo es im Industrie- und Dienstleistungsbereich attraktivere Berufsm&ouml;glichkeiten gibt. Auf dem Land jedoch kommen nur Besitzer gr&ouml;ßerer Fl&auml;chen finanziell
zurecht. Dabei gibt es in heutigen koreanischen D&ouml;rfern sogar noch Tagel&ouml;hner, oft alte Menschen oder Witwen oder P&auml;chter mit kleinen Feldern, die in sehr
&auml;rmlichen Verh&auml;ltnissen leben. F&uuml;r die harte Tagesarbeit erhalten sie umgerechnet rund DM 40,-- bei Lebenshaltungskosten, die ungef&auml;hr so hoch sind wie in
Deutschland. Und nat&uuml;rlich ergeben sich nur w&auml;hrend der Pflanz- und der Erntezeit Verdienstm&ouml;glichkeiten.

Lee Jin-Soon und seine Frau Park Seung-Boon sind Bauern wie fast alle Bewohner von Youngri. Auf den Feldern rund um Youngri wird vor allem Reis
angebaut. Es gibt aber auch ausgedehnte Obstbaumkulturen, wo im Herbst die f&uuml;r Korea typischen kopfgroßen &Auml;pfel und Birnen geerntet werden. Dem
Eigenbedarf dienen kleine Felder mit Peperoni- und Sesampflanzen. Die Reisfelder sind teilweise in winzige Parzellen zerst&uuml;ckelt, manchmal nur zehn oder
zwanzig Quadratmeter groß. Es ist sehr m&uuml;hsam diese kleinen Fl&auml;chen zu bearbeiten. Oft liegen weite Wege zwischen den verschiedenen Feldern eines Bauern.
Z&auml;hlt man all die kleinen "Handtuchparzellen" einer Familie zusammen, so kommt man im Durchschnitt in Youngri auf eine Fl&auml;che von zehn Hektar. Es gibt aber
viele d&ouml;rfliche Betriebe in Korea, die nur &uuml;ber einen Hektar verf&uuml;gen. Vergleicht man diese beiden Gr&ouml;ßen mit deutschen Bedingungen, wo ein
landwirtschaftlicher Betrieb mit 30 Hektar als zu unrentabel betrachtet wird, hat man einen weiteren Anhaltspunkt &uuml;ber d&ouml;rfliche Lebensbedingen. H&auml;ufig sind die
Bauern nicht die Besitzer der Felder und Wiesen, sondern haben die Fl&auml;chen nur gepachtet. Daf&uuml;r bezahlen sie 50 bis 60 Prozent ihrer Ernte an
Großgrundbesitzer. Wer im traditionellen Halbpachtsystem Land bewirtschaft, kommt kaum &uuml;ber die Runden und kann Industrieprodukte wie Fernseher und
Motorrad nur als Geschenk von Verwandten aus der Stadt bekommen. Großh&auml;ndler kaufen &Auml;pfel und Reis in Youngri auf, transportieren die G&uuml;ter in ihren
Lastkraftwagen, lagern sie in ihren Tiefk&uuml;hlh&auml;usern und bringen die &Auml;pfel im n&auml;chsten Fr&uuml;hjahr zum doppelten Preis auf den Markt in der n&auml;chstgelegenen
Kleindstadt, Godok, vier Kilometer von Youngri entfernt. Herrn Lee geht es vergleichsweise gut. Er besitzt ungef&auml;hr 20 Hektar Land, und er f&auml;hrt auf seinem
Motorrad selbst auf den Markt.

Zu Beginn der 70er Jahren hatte mancher Dorfbewohner Hoffnungen auf eine gute b&auml;uerliche Zukunft, als von Regierungsseite das Programm "Saemaul
Undong", "Neues Dorf", ins Leben gerufen wurde. Es bescherte Zufahrtsstraßen in die D&ouml;rfer und Kredite f&uuml;r neue D&auml;cher oder Kleinmaschinen. In allen
koreanischen D&ouml;rfern sind die alten Strohd&auml;cher nahezu v&ouml;llig verschwunden und durch Ziegeld&auml;cher in bunten Farben ersetzt. Manche Familie hat jedoch ihre
Schulden noch nicht abbezahlt. In Youngri ist jede Familie im Schnitt mit DM 30 000,-- belastet. Jeder gesparte Won wird in die Ausbildung der Kinder
investiert, die es einmal in einem Arbeitsbereich außerhalb der Landwirtschaft besser haben sollen und die durch Bildung ihre soziale Position enorm anheben
k&ouml;nnen. Heute halten sich einige b&auml;uerliche Betriebe noch dadurch am Leben, dass landeseigene Agrarprodukte teilweise durch hohe Einfuhrz&ouml;lle gegen Importe
gesch&uuml;tzt werden. Durch die GATT-Verhandlungen der Uruguay-Runde (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen; 1986) ist das Land jedoch gezwungen, in
den n&auml;chsten Jahren diese Z&ouml;lle stufenweise abzubauen. Nur ein geringer Anteil der bislang noch rund 12 Prozent landwirtschaftlich Erwerbst&auml;tigen wird in
Zukunft finanziell &uuml;ber die Runden kommen, indem es ihm gelingt, auf großen Fl&auml;chen eine vollmechanisierte und international konkurrenzf&auml;hige Produktion zu
betreiben. Das Verschwinden der traditionellen l&auml;ndlichen Kultur scheint unausweichlich. Selbst Ehepaar Lee Jin-Soon und Park Seung-Boon haben unter
diesen Voraussetzungen keine Chance. Ob sie in wenigen Jahren noch im b&auml;uerlichen Dorf Youngri mit seinen kleinen Reisfeldern, den nichtasphaltierten
Wegen und dem morgendlichen Glockenklang sein werden, ist fraglich. Welche beruflichen Alternativen h&auml;tten sie und die anderen Bauern in den
hochtechnisierten St&auml;dten wie Seoul und Pusan? Schon heute erlebt ein Reisender in Korea zwei recht kontr&auml;re Welten. Die rasanten Ver&auml;nderungen werden
sich fortsetzen und in den n&auml;chsten Jahren von den betroffenen Menschen große Opfer und extreme Anpassungsf&auml;higkeit fordern.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 48-49]

Frauenwege im Patriarchat

600 Jahre konfuzianische Ethik sind zu &uuml;berwinden

Von Reinhilde Freise



Am 3. Dezember 1986 konnte man in der gr&ouml;ßten koreanischen Tageszeitung heftige Diskussionen zwischen der Frauenbewegung und Konfuzianern &uuml;ber eine
beabsichtigte Gesetzes&auml;nderung des Familienrechts verfolgen. Vorrangig ging es um die Tatsache, dass Frauen nach geltendem Recht nicht Familienoberhaupt
sein k&ouml;nnen. Die Gegner der Gesetzes&auml;nderung argumentierten, damit werde der &uuml;ber 5000j&auml;hrigen koreanischen Tradition (mythologische Entstehungszeit 2333
v. Chr.) der Boden entzogen. Tatsache ist, dass zu Beginn der Yi-Dynastie (1392-1910) M&auml;nner und Frauen &uuml;ber gleiche Erbrechte verf&uuml;gten, beide
Geschlechter den Ahnenkult vollzogen und die Namen von S&ouml;hnen und T&ouml;chtern genealogisch registriert wurden. Am Ende der Li-Dynastie wurden T&ouml;chter nur
noch ohne Namen eingetragen, und die Gleichstellung war aufgehoben. Die &Auml;nderungen vollzogen sich schleichend. Erst im 18. Jahrhundert gelang es der
herrschenden Dynastie, die konfuzianische Ethik vollst&auml;ndig durchzusetzen.

Die konfuzianische Ethik geht urspr&uuml;nglich von dem Nachdenken &uuml;ber die Tugenden der Menschlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Sie
ist dann aber auch eine Verbindung mit religi&ouml;sen Weltbildern, besonders dem chinesischen Taoismus, eingegangen, die das Wesen von Mann und Frau
definieren. Die konfuzianische Ethik beruht auf drei Grunds&auml;tzen:

1. Der K&ouml;nig ist das Vorbild f&uuml;r seine Untertanen.

2. Der Vater ist das Vorbild f&uuml;r seinen Sohn.

3. Der Ehemann ist das Vorbild f&uuml;r seine Ehefrau.

Daraus wurden f&uuml;nf ethische Prinzipien abgeleitet. Das erste davon besagt, dass zwischen Vater und Sohn Vertraulichkeit herrschen soll, das zweite, dass
zwischen Ehemann und Ehefrau ein Unterschied bestehen soll. Vereinfacht gesagt, wird die Frau durch den Mann definiert, so dass Frauen nie Vorbilder f&uuml;r
M&auml;nner sein k&ouml;nnen. Die Unterordnung der Frau wird als Tugend definiert, wobei die Macht der M&auml;nner im Konfuzianismus mit dem Himmel identifiziert wird: "Die
Frau muss dem Mann genauso wie dem Himmel als etwas Absolutem und Heiligem gehorchen" (ne hun; Lehre von der weiblichen h&auml;uslichen Erziehung 1457).
Frauen haben diese Ideologie durch Erziehung und Sitte verinnerlicht. So f&auml;llt es auch gebildeten "modernen" Frauen schwer, einen Blick f&uuml;r emanzipatorische
Modelle zu entwickeln.

Der Vater/Ehemann hat moralischen Anspruch auf die Unterordnung unter seine St&auml;rke. Er bew&auml;hrt sich in der außerfamili&auml;ren Welt und l&auml;sst seine Frau
gesellschaftlich Anteil daran haben. Die Frau bew&auml;hrt sich im Haus. Sie soll dem Mann gefallen, eine vorbildliche Hausfrau, gute Mutter und Erzieherin ihrer
Kinder sein. Frauen, die aus wirtschaftlichen Zw&auml;ngen arbeiten m&uuml;ssen und daneben die Tugenden der Hausfrau und Mutter erf&uuml;llen, haben es besonders
schwer, an ihrer Befreiung mitzuarbeiten. Ungef&auml;hr 40 Prozent der Frauen sind Arbeiterinnen, verheiratet und mit Lohn- und Hausarbeit belastet. Dennoch ist ein
befreiender Wandel im Gang. 1989 schlossen sich 22 Frauengruppen zur Korean Women United (KWU) zusammen; vor allem Arbeiterinnen sind im KWU aktiv. Ab
1. Januar 1991 haben T&ouml;chter und S&ouml;hne wieder gleiche Rechte in der Erbfolge. Noch vor zehn Jahren sagten Frauen U-Bahnhaltestellen mit feminin-piepsigen
Stimmen an. Heute sprechen sie normal.



Nach: Jai Sin Pak: Familie und Frauen in Korea. IKO - Verlag f&uuml;r Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt/M 1995

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 47]

Erfolgreichste Fußballnation Asiens

Daß Korea die Fußball-WM im Jahr 2002 ausrichten m&ouml;chte, &uuml;berrascht nicht, wenn man weiß, daß das Fußballspiel hier Tradition hat. Bereits seit 1983, als
erstes asiatisches Land, gibt es die professionelle Liga mit neun Mannschaften. Finanziert werden die Klubs der "Drachen", "Panther" usw. von großen Firmen
wie Samsung und Hyundai. Hohe Zuschauerzahlen in den Stadien und hohe Einschaltquoten bei großen Spielen zeugen von breiter Anteilnahme. Doch nicht nur
das "Zuschauen" erfreut sich großer Beliebtheit. In Korea hat sich das Fußballspiel als Breitensport etabliert. So sieht man auf Bolz- und Fußballpl&auml;tzen Koreaner
jeglichen Alters bei dieser Freizeitbesch&auml;ftigung, auch schon morgens vor Arbeitsbeginn!

Nachdem sich die Koreanische Nationalmannschaft schon viermal in der 66j&auml;hrigen Geschichte der Fußballweltmeisterschaften qualifiziert hat, m&ouml;chte das Land
nun selber Gastgeber sein. 1,3 Milliarden Dollar sind f&uuml;r den Neubau und Umbau von Stadien und f&uuml;r infrastrukturelle Maßnahmen vorgesehen. Daß Planung und
Umsetzung eines solchen Projektes bei den Koreanern in guten H&auml;nden l&auml;ge, zeigt schon die perfekte Ausrichtung der Olympischen Spiele von 1988 in Seoul.
Auch die Inspektorengruppe der FIFA, die Korea vor kurzem bereist hat, best&auml;tigte die guten "technischen" Voraussetzungen des Landes f&uuml;r eine Ausrichtung
der WM. Die Planungen der koreanischen Bewerbungskommission waren schon zu Beginn des Jahres so weit gediehen, daß auch die zu erwartenden Gewinne
k&uuml;nftigen Nutznießern zugewiesen waren - n&auml;mlich sehr prestigetr&auml;chtig an die FIFA und die Konf&ouml;derierten zur Verbreitung und Unterst&uuml;tzung des Fußballspiels
in den sogenannten unterentwickelten L&auml;ndern.

Ein Problem gibt es dennoch f&uuml;r Korea: einziger Mitbewerber f&uuml;r die WM 2002 ist ausgerechnet Japan, alte Kolonialmacht und bestgehaßter Bruder im
asiatischen Raum. Unter diesen Bedingungen wird schnell aus einer normalen Bewerbung um die WM eine Konkurrenz, die ganz rasant die nationalen Gef&uuml;hle
anschwellen l&auml;ßt. Immerhin bef&uuml;rworten &uuml;ber 85 Prozent der Koreaner die Bewerbung - trotz der immensen Kosten f&uuml;r die Ausrichtung der Meisterschaft.
Besonders kennzeichnend f&uuml;r die Situation ist auch die Bemerkung des koreanischen Ministerpr&auml;sidenten Lee Hong Koo, daß f&uuml;r ihn die FIFA-Entscheidung
einen h&ouml;heren Stellenwert habe als die anstehenden Parlamentswahlen.

Daß alles Planen der Bewerbungskommission und auch das festverwurzelte Fußballinteresse der Koreaner nicht ausgereicht hat, die Konkurrenz f&uuml;r sich zu
entscheiden, zeigte sich am 1. Juni dieses Jahres in Z&uuml;rich. Hier hatte die FIFA ihre Wahl zu treffen. Entgegen allen internationalen Erwartungen wurde nicht
eins der beiden konkurrierenden L&auml;nder favorisiert, sondern beide L&auml;nder erhielten den Auftrag, sich die Ausrichtung der Weltmeisterschaft zu teilen. So wurde
dann doch noch - nachdem die japanische Delegation in Z&uuml;rich gr&uuml;nes Licht gegeben hatte - , dieser Kompromißvorschlag des malayischen
Konf&ouml;derationsvorsitzenden in die Tat umgesetzt.

Nach: Frankfurter Rundschau vom 18.5.1996 und Stuttgarter Zeitung vom 2.6.1996

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 61]

Unterwegs zur Demokratie...

Geschichte Koreas seit 1945

Von Huh Kum-Hoe

Studenten demonstrieren in Seoul und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Das sind typische Szenen der 60er bis 90er Jahre, die h&auml;ufig auch im
deutschen Fernsehen zu sehen waren. Huh Kum-Hoe, der im Fachbereich Germanistik an der Universit&auml;t Heidelberg promoviert, schildert die historischen
Hintergr&uuml;nde.



Ein dorniger Weg in Richtung Demokratie. Am 15.8.1945 kapituliert Japan. F&uuml;r die Menschen in Korea ein Augenblick voller Hoffnung: Nach 35 Jahren kolonialer
Unterdr&uuml;ckung durch den Nachbarstaat besteht endlich die Aussicht auf Unabh&auml;ngigkeit. Schon 1943 haben die USA, Großbritannien und China beschlossen,
dass "Korea zu gegebener Zeit frei und unabh&auml;ngig werden soll". Viele Landesbewohner hoffen auf eine demokratische Ordnung. Es existieren koreanische
Exilgruppierungen, die Entscheidungen - Jalta 1945: Internationale Treuhandschaft &uuml;ber Korea, Moskauer Vertrag vom 20.12.1945: f&uuml;nfj&auml;hrige Treuhandschaft
der Siegerm&auml;chte - werden jedoch auf internationalen Konferenzen der Siegerm&auml;chte gef&auml;llt, ohne das koreanische Volk einzubeziehen. Sie werden in Korea mit
großer Entt&auml;uschung aufgenommen. Die USA einigen sich mit der Sowjetunion auf die Teilung des Landes entlang des 38. Breitengrades. Unter sowjetischer
Vorherrschaft im Norden und US-amerikanischer im S&uuml;den kommt es am 15.8.1948 zur Ausrufung der Republik Korea im S&uuml;den der Halbinsel, der rasch die
Proklamation der Demokratischen Volksrepublik Choson im Norden folgt. In der Situation des Kalten Krieges wird Korea zu einem der undurchl&auml;ssigsten
Grenzgebiete zwischen westlicher und &ouml;stlicher Hemisph&auml;re. Am 25.6.1950 eskaliert die Situation im koreanischen Bruderkrieg, der nahezu das ganze Land
zerst&ouml;rt und von jeder Familie Opfer fordert. Die Teilung des Landes, durch das Waffenstillstandsabkommen von 1953 festgeschrieben, dient allen beteiligten
Regimen als st&auml;ndige Begr&uuml;ndung f&uuml;r Aufr&uuml;stung und eingeschr&auml;nkte Meinungsfreiheit. Der stramme s&uuml;dkoreanische Antikommunismus ist ein Ausgangspunkt
vieler Menschenrechtsverletzungen. Es folgt eine fast ununterbrochene Reihe diktatorischer Regime. 1948 wird Yi Sungman zum Pr&auml;sidenten gew&auml;hlt. In den USA
ausgebildet, ist er ein Mann westlicher Interessen, der eine Beamtenschaft voll blinder Loyalit&auml;t und einen unter japanischer Herrschaft geschulten Polizeiapparat
f&uuml;r sich zu nutzen weiß. Die Erste Republik wird zur Diktatur.

Studentinnen und Studenten sind die bewegende Kraft f&uuml;r Demokratie, Wiedervereinigung und Wahrung der Menschenrechte. Die Studentengeneration der 60er
Jahre ist nach dem 19. April 1960 benannt, als es in Folge von massiven Wahlf&auml;lschungen zu Demonstrationen kommt, durch die Yi Sungman ins Exil
gezwungen wird. Von Juli 1960 bis Mai 1961 dauert der kurze Versuch einer Zweiten Republik mit Pr&auml;sident Yun Po-Sun. Am 16.5.1961 kommt es zu einem
Milit&auml;rputsch, dessen gr&ouml;ßte Gefahr in der Wiederholung besteht. Mit zweifelhaftem Wahlergebnis wird Generalmajor Park Chung-Hee 1963 Pr&auml;sident. In seiner
Amtszeit erfolgt die Weichenstellung f&uuml;r den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg im bisherigen Agrarland durch eine exportorientierte Industrialisierung und
Importz&ouml;lle zum Schutz eigener Produkte. Park wird durch die Yushin-Verfassung zum unumschr&auml;nkten Alleinherrscher. Yushin gibt auch der aufgebrachten
Studentengeneration der 70er Jahre ihren Namen. Am 26.10.1979 wird Park von seinem eigenen Geheimdienstchef erschossen.

Die 80er Jahre beginnen mit der Macht&uuml;bernahme durch Generalmajor Chun Doo-Hwan und Studentenprotesten, die in Kwangju im Kugelhagel der milit&auml;rischen
Sondertruppen gipfeln - die genaue Zahl der Toten ist bis heute unbekannt. Die Demonstrationen h&auml;ufen sich und zeigen ausgesprochen antiamerikanische
Z&uuml;ge. Die politische Landschaft ver&auml;ndert sich: Normalb&uuml;rger interessieren sich f&uuml;r Politik. "Kwangju geht weiter" wird zum Motto der engagierten Bev&ouml;lkerung.
Die politisierte Studentengeneration der 80er Jahre tr&auml;gt ihre Forderungen von Menschenrechten, Demokratie und Wiedervereinigung vor. Im Vorfeld der
Olympischen Spiele in Seoul 1988 fordert sie vor der Welt&ouml;ffentlichkeit die Rechte auf freie Meinungs&auml;ußerung und gerechtere politische und wirtschaftliche
Strukturen. Sie erh&auml;lt im nachhinein den Namen "Sanduhr-Generation", nach der 1995 ausgestrahlten Fernsehserie "Sanduhr", in der aus der Perspektive eines
Halbstarken die Zeit der Chun-Diktatur dargestellt wird.

Vor den Olympischen Spielen findet der Machtwechsel von Chun Doo-Hwan an Rho Tae-Woo (1987) als Direktwahl statt. Dabei nutzt Roh Tae-Woo die
Spaltung der Opposition zwischen Kim Dae-Jung und Kim Young-Sam f&uuml;r seinen Wahlsieg aus. 1993 kommt es tats&auml;chlich zu einem Zivilpr&auml;sidenten, dem
Oppositionsf&uuml;hrer Kim Young-Sam, der als politischer Taktiker im Vorfeld der Wahlen in die Regierungspartei &uuml;bergewechselt war. Trotz seines Zickzackkurses
zwischen den Hoffnungen der W&auml;hler und den alten Positionen in Milit&auml;r und Verwaltung siegt seine Partei in der letzten Wahl der Abgeordneten zur
Nationalversammlung 1996. Die heutige Studentengeneration wird bislang "Neue Generation" genannt: junge Menschen, die teilweise politisch aktiv, teilweise
aber auch v&ouml;llig apolitisch sind und aus wirtschaftlich relativ gesicherten Verh&auml;ltnissen kommen. Demonstrationen finden nach wie vor statt. Korea - ein Volk,
das sich seit einem Jahrhundert auf den Weg zur Demokratie begeben hat. Sein Ziel ist noch nicht erreicht. Dass die ehemaligen Milit&auml;rmachthaber Chun und
Roh jetzt wegen Korruption und wegen des Kwangju-Massakers vor Gericht stehen, ist ein gutes Zeichen f&uuml;r das demokratische Bewusstsein im koreanischen
Volk. Die strukturellen Korruptionen, die w&auml;hrend der Diktatur entstanden sind, haben noch G&uuml;ltigkeit. Bei den heutigen Parteien geht es nicht um ein konkretes
Programm, sondern nur um eine bestimmte F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit. Die Nationalen Sicherheitsgesetze sind noch immer in Kraft, nach denen es auch heute &uuml;ber
400 politische Gefangene im Lande gibt. Das Bem&uuml;hen um Demokratie und Wiedervereinigung muss weitergehen.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 31-32]

K&ouml;nigreich Vasallenstaat und Kolonie

Geschichte im Schatten von China und Japan

Von Ko Son

Als Br&uuml;ckenland zwischen China, dem Reich der Mitte, und Japan war Korea ein Vermittler kultureller Errungenschaften wie auch ein begehrtes milit&auml;risches Objekt.
Politische Abh&auml;ngigkeiten haben die Geschichte gepr&auml;gt. Trotz aller &auml;ußeren Einflussnahme hat sich im Land jedoch eine v&ouml;llig eigenst&auml;ndige Kultur entwickelt.

Jedem Koreaner ist die Gr&uuml;ndungssaga um den G&ouml;ttersohn Tangun bekannt, der 2333 v. Chr. die Erde betrat. Die Besiedlungsgeschichte ist &auml;lter. Es gibt
arch&auml;ologische Funde in Korea, die belegen, dass die Halbinsel seit dem Pal&auml;olithikum bewohnt ist. Die Bewohner des heutigen Korea sind in mehreren
Besiedlungsphasen &uuml;ber die Mandschurei zugewandert. Ihre Sprache ist mit den mongolischen, den turk- und den tungusisch-mandschurischen Sprachen
verwandt und geh&ouml;rt zu einer v&ouml;llig anderen Sprachfamilie als das Chinesische. Bereits seit vorchristlicher Zeit besteht jedoch ein politisches
Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis zum chinesischen Reich, das erst 1910 endete.

Um die Zeitenwende wurde die Halbinsel von unabh&auml;ngigen Stammesverb&auml;nden regiert, die sich zunehmend zu gr&ouml;ßeren K&ouml;nigreichen zusammenschlossen: im
Norden zu Koguryo, im S&uuml;dwesten zu Paekche und im S&uuml;dosten zu Silla. 668 n.Chr. kam es zum ersten staatlichen Zusammenschluss der gesamten Halbinsel
unter der Vorherrschaft von Silla - bis 918. Diese Einheit blieb bis 1945 fast ohne Unterbrechung bestehen. Die Hauptstadt Kyongju ist ein Ort bedeutender
Tempel und arch&auml;ologischer Funde und wurde von der UNESCO zu einer der zehn bedeutendsten Kulturst&auml;tten der Menschheit erkl&auml;rt. Silla anerkannte die
chinesische Oberhohheit durch eine Tributpflicht. Der Buddhismus war die pr&auml;gende Religion. Im Land herrschten Adelige &uuml;ber eine unfreie Bauernbev&ouml;lkerung.
Ein Aufstand der verarmten Landbev&ouml;lkerung 889 ist der Beginn des Silla-Niedergangs.

Von 918 bis 1392 wurden die Geschicke der Halbinsel durch die Koryo-Dynastie bestimmt. Die Hauptstadt war Kaesong im heutigen Nordkorea, in dem der
vorherrschenden Religion entsprechend viele buddhistische Tempel errichtet wurden. Ein Schutzwall entlang der Nordgrenze sicherte das Land gegen &Uuml;bergriffe
von China. Von 1290 an stand das Land vor&uuml;bergehend unter mongolischer Oberhohheit. Die schwere innenpolitische und wirtschaftliche Krise am Ende der
Koryo-Dynastie konnte Yi Songgye durch eine Bodenreform erleichtern. Er wurde der Begr&uuml;nder der nachfolgenden Yi-Dynastie, die von 1392 bis 1910 das
Schicksal Koreas bestimmt.

Korea wurde wiederum ein tributpflichtiger Vasallenstaat Chinas. Es kam unter der neuen Herrschaft zu teifgreifenden Ver&auml;nderungen im Lande (vgl. das Portrait
von K&ouml;nig Sejong). Bis heute von nachhaltiger Wirkung war die St&auml;rkung des Konfuzianismus als staatspr&auml;gender Philosophie. Unter anderem geh&ouml;rten ein
hierarchischer Gesellschaftsaufbau und eine gravierende Verschlechterung der gesellschaftlichen Stellung der Frauen zu den Folgen. In Korea pflegte man vor
allem Philosophie und K&uuml;nste und setzte damit das Land immer wieder milit&auml;rischen Invasionen aus, deren gravierendste unter dem japanischen General
Hideyoshi in den Jahren 1592 bis 1598 stattfanden, jedoch durch Admiral Yi Sun-Sin und seine Erfindung gepanzerter Kriegsschiffe zur&uuml;ckgeschlagen werden
konnten. Seit dem 17. Jahrhundert hat das koreanische Volk eine Politik der strikten Abgeschlossenheit nach Außen verinnerlicht.

Hohe Steuerlasten und eine ungleiche Landverteilung waren die Ursachen f&uuml;r die Armut der unteren Bev&ouml;lkerungsschichten in diesem Feudalstaat. Im 19.
Jahrhundert wehrte sich das Volk mit Aufst&auml;nden. In diesem Klima entstand die Tonghak-Lehre, die "&ouml;stliche Wissenschaft", die die Gleichwertigkeit aller
Menschen betont und Anleihen aus dem Schamanismus und dem Christentum aufweist. Sie verbreitete sich rasch im ganzen Land, wurde aber von den
Regierenden im Jahr 1894 blutig abgew&uuml;rgt. Die Aufst&auml;nde gaben auch chinesischen und japanischen Truppen Anlass, einzumarschieren. Dabei sicherte sich
Japan eine zunehmende Einflussnahme auf der Halbinsel. 1905 musste die koreanische Regierung einen Vertrag unterzeichnen, der das Land zum japanischen
Protektorat machte, 1910 wurde Korea eine japanische Kolonie. Die folgenden Leidens- und Schreckensjahre haben viele &auml;ltere Menschen im Lande noch in
trauriger Erinnerung: den Abzug koreanischer Produkte nach Japan, die Zwangsverschleppung von Arbeitern f&uuml;r die Kriegsindustrie und von Frauen in
Milit&auml;rbordelle, das Verbot der koreanischen Sprache und Namen, das gewaltt&auml;tige Vorgehen gegen die Zivilbev&ouml;lkerung. Anl&auml;sslich der Beisetzung K&ouml;nig
Kojongs kam es am 1.3.1919 zu einer gewaltfreien Volkserhebung, die von den Besatzern blutig niedergeschlagen wurde. Erst 1945 brachte die Kapitulation
Japans die Hoffnung auf Unabh&auml;ngigkeit.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S.10-12]

Geschichte im &Uuml;berblick

3.10.2333 v.Chr. Mythologische Gr&uuml;ndung Koreas durch Tangun: Tag der &Ouml;ffnung des Himmels

57 v.Chr. - 668 drei K&ouml;nigreiche: Silla, Paekche und Koguryo

668 Vereinigung der drei K&ouml;nigreiche

668 - 918 erstes Großreich unter Silla-Vorherrschaft

918 - 1392 Koryo-Dynastie

1392 - 1910 Yi - Dynastie

1446 Einf&uuml;hrung des koreanischen Hangul-Alphabets

1592 Japanischer Invasionsversuch unter Hidejoshi

Februar 1784 Taufe des ersten Koreaners

1884/1885 erste amerikanische Missionare

1894 Tonghak-Bauernaufstand

1895 Ende der chinesischen Vorherrschaft &uuml;ber Korea nach Niederlage Chinas im Chinesisch-Japanischen Krieg

1905 Korea wird japanisches Protektorat

1910 - 1945 Japanische Kolonie

1.3.1919 gewaltfreie Volkserhebung (Sam-Il), durch Japaner blutig niedergeschlagen

1945 Kapitulation Japans, Treuhandschaft der Siegerm&auml;chte &uuml;ber Korea

1948 endg&uuml;ltige Teilung des Landes

25.6.1950 Beginn des Koreakrieges

27.7.1953 Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens

1948 - 1960 "Erste Republik" mit Pr&auml;sident Yi Sungman

19.April 1960 Studentenproteste f&uuml;hren zum Sturz Yi Sungmans

1960 - 1961 Zweite Republik

16.5.1961 Milit&auml;rputsch unter Park Chung-Hee

26.10.1979 Ermordung Park Chung-Hees

1980 Putsch von Offizieren um Chun Doo-Hwan

Mai 1980 Massaker von Kwangju

1981 - 1987 Staatsoberhaupt Chun Doo-Hwan

1987 - 1992 Staatsoberhaupt Rho Tae-Woo

1988 Olympische Spiele in Seoul

seit 1993 Pr&auml;sident Kim Young-Sam

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 11]

Kleiner historischer Abriss:

Die koreanische Halbinsel ist seit der Altsteinzeit (mindestens 20 000 Jahre) besiedelt.

Die ersten Bewohner wanderten &uuml;ber die heutige Mandschurei, letzlich S&uuml;dsibirien, ein. Auf diesen historischen Kontext geht die Urreligion Koreas - der
Schamanismus - zur&uuml;ck, der sich im Land weiterentwickelt hat und heute noch kr&auml;ftig ist.

Auf koreanischem Boden bildeten sich ab dem 3. Jahrtausend kleine K&ouml;nigreiche.

Das Gr&uuml;ndungsdatum des ersten mythischen K&ouml;nigreichs geben Koreaner mit 2333 v. Chr. an. Wir haben mit einer 5000j&auml;hrigen kontinuierlichen historischen
Tradition von K&ouml;nigsherrschaft zu rechnen. Die K&ouml;nige hatten das Amt von Priester-Schamanen innen. Im heutigen koreanischen Schamanismus sind Frauen
als Schamaninnen tonangebend.

Im Jahr 668 n. Chr. wurde die koreanische Halbinsel zum ersten Mal staatlich zusammengeschlossen. Diese Einheit blieb bis 1945 bestehen!

Das erste koreanische Großreich (Silla) blieb bis 988 bestehen, es wurde dann abgel&ouml;st von einer neuen Dynastie (Koryo), die bis 1392 herrschte.

Die Jahrhunderte von 688 bis 1392 waren H&ouml;hepunkte buddhistischer Fr&ouml;mmigkeit.

Von 1392 bis 1910 herrschte die Yi-Dynastie (618 lange Jahre). Diese Dynastie f&uuml;hrte die konfuzianische Staatslehre und Ethik ein. Der Konfuzianismus
blieb pr&auml;gend bis heute. Die Dynastie war die meiste Zeit als Vasall dem Kaiserreich China tributpflichtig. Doch schaffte es Korea, seine eigenst&auml;ndige Kultur
weiterzu- entwickeln.

In der Yi-Dynastie kam auch erstmals das Christentum - und ohne westliche Missionare ins Land. deshalb empfinden viele koreanische Christen, dass der
christliche Glaube keine westliche Religion, sondern eine koreanische sei. Die koreanischen Herrscher mussten j&auml;hrlich eine Regierungsdelegation an den
kaiserlichen Hof in Peking schicken. Ein Delegationsmitglied lernte 1783/84 katholische Missionare am Hof des Kaisers kennen, ließ sich unterweisen und kehrte
als Christ nach Korea zur&uuml;ck. Er gewann andere Adlige, wurde daf&uuml;r aber hingerichtet. Dennoch entwickelte sich bis 1795 ein rein innerkoreanischer
Katholizismus.

1832 kam der erste protestantische Missionar.

1910 brach die japanische Kolonialzeit an. Sie ging bis 1945. Noch heute gilt Japan als Feind bzw. Hauptkonkurrent Japans. Auf den Straßen von Korea sieht
man kein einziges japanisches Auto (Importverbot). Bei den Verhandlungen um die Fußball-WM 2000 standen als potentielle Ausrichter Japan und Korea an.
Korea als Austragungsort w&auml;re ein Triumph gewesen. Nun hat die FIFA beide L&auml;nder als Austragungsorte benannt.

Auf der koreanischen Halbinsel ging der Kalte Krieg bis heute weiter. 1948 wurde das Land geteilt. Die s&uuml;dkoreanische Bev&ouml;lkerung ersehnt eine
Wiedervereinigung. Ihre Regierung sieht es mit Misstrauen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren aus der wirtschaftlichen Not des kommunistischen
Nordkoreas heraus und aus dem wirtschaftlichen Expansionswunsch des staatskapitalistisch orientierten S&uuml;dkorea schon eine kleine Zusammenarbeit ergeben:
im August 1996 sind der nordkoreanische Samchonri in der Hauptstadt Pyonyang und das s&uuml;koreanische Unternehmen Daewo eine Partnerschaft auf 50:50
Prozent Basis eingegangen. S&uuml;dkoreanische Kleidungsingenieure (Fachkr&auml;fte) arbeiten mit den nordkoreanischen ArbeiterInnen zusammen und d&uuml;rfen auf dem
Werksgel&auml;nde leben.

[Quelle: EMS, Gisela K&ouml;llner]

Das einzige Vertraute in der Fremde

Koreanische Gemeinden im s&uuml;dwestdeutschen Raum

Von Martina Waiblinger

Die Evangelisch-Koreanische Gemeinde in Deutschland z&auml;hlt heute 100 Gemeinden mit ca. 25 000 Mitgliedern. Einige Gemeinden sind 30 Jahre alt; der
Gesamtverband feiert demn&auml;chst das 25j&auml;hrige Jubil&auml;um. Martina Waiblinger hat die Evangelisch-Koreanische Gemeinde im S&uuml;ddeutschen Raum besucht.





Herr Choi verschwindet fast hinter den Blumenarrangements, den P&auml;ckchen und Paketen, die er zu seinem 60. Geburtstag geschenkt bekommen hat. Im
Gemeindesaal der T&uuml;binger Martinsgemeinde sind die Tische festlich gedeckt, alle Pl&auml;tze belegt, &uuml;berall sind lebhafte koreanische Unterhaltungen im Gang. Vom
kunstvoll aufgebauten Buffet verbreiten sich k&ouml;stliche Ger&uuml;che im Raum. Die Frauen bringen immer neue Sch&uuml;sseln mit Kimchi, in Seetang gewickelten Reis,
Fleischpfannen, Obst und Kuchen aus der K&uuml;che. Bis zur Schlacht am Buffet vergeht noch eine Weile, denn die angereisten Gemeindemitglieder der
koreanischen Gemeinden Stuttgart, G&ouml;ppingen und Trossingen haben ein Festprogramm vorbereitet. Der 60. Geburtstag ist f&uuml;r Koreaner immer ein ganz
besonderer Tag. Als w&uuml;rde man ein neues Leben geschenkt bekommen. Pfarrer Park Chun-Soo, zust&auml;ndig f&uuml;r alle vier Gemeinden, er&ouml;ffnet das Fest mit einem
Gebet. Herr Choi sitzt vorne und genießt ganz offensichtlich, was sich ihm zu Ehren abspielt. Die Kinder singen einige zuvor im Garten noch einmal geprobte
St&uuml;ckchen, ein koreanischer S&auml;nger der Stuttgarter Staatsoper singt mit Fl&uuml;gelbegleitung wehm&uuml;tige koreanische Lieder und sp&auml;ter tritt ein richtiges Orchester mit
Chor auf, haupts&auml;chlich aus Musikstudent/innen aus Stuttgart und Trossingen.

Herr Choi wohnt in Bitz, in der N&auml;he von Hechingen. 1965 kam er nach Dinslaken und arbeitete im Bergbau. Ende der 50er Jahre fehlten im westdeutschen
Bergbau und in den Krankenh&auml;usern viele Arbeitskr&auml;fte. Deshalb wurden Bergleute, Krankenschwestern und Pflegehelferinnen aus S&uuml;dkorea angeworben. Die
ersten Bergleute kamen 1963 nach Deutschland. F&uuml;r den Bergbau wurde das Programm 1973 gestoppt, f&uuml;r den Pflegebereich 1978. Von den 8000 Bergleuten
und den 10 000 Koreanerinnen ging ein Teil sp&auml;ter wieder zur&uuml;ck, ein Teil blieb hier, manche heirateten und haben heute die deutsche Staatsangeh&ouml;rigkeit. So
wie Herr Choi. Nach vier Jahren Bergarbeit kam er nach Ebingen auf die Schw&auml;bische Alb, wo er in verschiedenen Fabriken arbeitete und eine koreanische
Krankenschwester heiratete. Die zwei S&ouml;hne waren nat&uuml;rlich am Geburtstag dabei, der j&uuml;ngere, Sin-Moo, hielt eine kleine Rede auf den Vater - das einzig
Schw&auml;bische an diesem Nachmittag, denn Sin-Moo und Young-Moo k&ouml;nnen nicht so gut koreanisch. Sie f&uuml;hlen sich als Deutsche.

Herr Chois Vater war Konfuzianer, seine Mutter Buddhistin. Als er klein war, nahm sie ihn oft mit in buddhistische Kl&ouml;ster in den Bergen. Er erinnert sich noch gut
an die unber&uuml;hrte Natur, das gute Quellwasser und das vegetarische Essen der M&ouml;nche. Erst in der Schule kam er mit dem Christentum in Ber&uuml;hrung und ließ
sich mit 19 bei den Adventisten taufen. &Uuml;ber die in Ebingen und Umgebung lebenden Koreaner bekam er Kontakt zu der T&uuml;binger Gemeinde. Mit der Krankheit
seiner Frau wurde diese Beziehung noch intensiver. Heute, nach dem Tod seiner Frau, f&auml;hrt er fast jeden Sonntag zum Gottesdienst nach T&uuml;bingen. F&uuml;r ihn war
und ist der Kontakt zu seinen Landsleuten sehr wichtig: "Wenn man fremd in einem Land lebt, muss man auch seinen Stress loslassen. Auf Deutsch kann ich
meinen Stress nicht ausdr&uuml;cken. Das kann ich nur auf Koreanisch."

Pfarrer Park Chun-Soo ist seit einem Jahr zust&auml;ndig f&uuml;r die Koreanische Evangelische Gemeinde im S&uuml;ddeutschen Raum, mit Sitz in Stuttgart. Ihr geh&ouml;ren 180
Mitglieder an, die sich an vier verschiedenen Orten zum Gottesdienst treffen. Manche Feste, wie die zum 60. Geburtstag, werden gemeinsam gefeiert. Die
T&uuml;binger Gemeinde mit ca. 50 Mitgliedern ist eine eher intellektuell: Pfarrer, die zur Promotion in T&uuml;bingen sind, Studenten und Studentinnen verschiedener
Fachrichtungen und Krankenschwestern treffen sich hier. Angefangen hatte es 1972 mit einem kleinen Gebetskreis in der Klinik. Der erste Gottesdienst mit 15
Personen fand am 27.6.1976 in Stuttgart statt.

Ein anderes Gemeindemitglied ist Frau Laux, mit M&auml;dchennamen Park Young-Ran. Sie lebt seit 1979 in T&uuml;bingen und hat den Gebetskreis in der Klinik noch
kennengelernt. 1976 kam sie zwanzigj&auml;hrig als Krankenschwester nach W&uuml;rzburg. F&uuml;r die &Auml;lteste von f&uuml;nf Kindern war trotz bester Noten ein Studium nicht in
Frage gekommen. &Uuml;ber eine Freundin hatte sie von der M&ouml;glichkeit, in Deutschland zu arbeiten, geh&ouml;rt. Das reizte sie: "F&uuml;r mich war es etwas ganz Großes. Zu
dieser Zeit kamen noch sehr wenige nach Europa." Trotz der Fremde f&uuml;hlte sie sich wohl: "Die Leute waren sehr nett. Ich war so klein und zierlich. Die haben
mich geschont." Ihr Geld schickte sie nach Hause. Sie hatte nie gelernt, mit Geld umzugehen. In katholischen W&uuml;rzburg ließ sich Young-Ran taufen. Ihr Vater
hatte keine Religionszugeh&ouml;rigkeit. Ihre Mutter war Mitglied der Presbyterianischen Kirche, meinte aber, Young-Ran solle sich erst sp&auml;ter entscheiden. "Von
meinem Hintergrund war es eigentlich unm&ouml;glich, mich katholisch taufen zulassen. Aber ich wollte irgendwo dazugeh&ouml;ren. In T&uuml;bingen habe ich mich dann gleich
umschreiben lassen."

Die Schwestern bekamen damals nur Dreijahresvertr&auml;ge. Als Young-Ran nach drei Jahren nach Hause kam, merkte sie, wie sehr sie sich ver&auml;ndert hatte: "Ich
war v&ouml;llig unselbst&auml;ndig erzogen worden. Ich hatte viele Fragen an meine Gesellschaft, aber auch an mich. Ich wollte wieder zur&uuml;ck." In T&uuml;bingen lebte sich
Young-Ran gut ein, sie hatte deutsche Freundinnen und ging bald nicht mehr so oft in den Gebetskreis. Erst, als es um die Entscheidung ging, einen Deutschen
zu heiraten und hier zu bleiben, verst&auml;rkte sie den Kontakt wieder. Um dem auf sie zukommenden deutschen Element etwas Koreanisches entgegenzusetzen. Als
ein St&uuml;ck Identit&auml;tsfindung. Das war 1987/88. Die koreanische Gemeinde in T&uuml;bingen, die sich inzwischen in der Martinskirche etabliert hatte, hatte sich zu der
Zeit gespalten. Man traf sich, ein kleines Gr&uuml;ppchen, nach dem Gottesdienst meist noch irgendwo zuhause. Die jeweilige Hausfrau servierte eine Kleinigkeit, Reis
in Seetang oder Kuchen und Tee. Das hat allen so gut gefallen, dass sich daraus das gemeinsame Mittagessen im Gemeindesaal entwickelte. &Auml;hnlich wie in
Korea. Dort verbringen viele Gemeinden den ganzen Sonntag miteinander. Inzwischen ist die Gemeinde gewachsen, und heute erlebt man in T&uuml;bingen eine recht
aktive Gemeinde. Sonntags um 15 Uhr ist Gottesdienst, aber die Aktivit&auml;ten beginnen schon eine Stunde fr&uuml;her. Die Kinder haben Koreanisch-Unterricht oder
lernen Taekwondo, und Frau Laux hat mit ca. 15 anderen Chorprobe. W&auml;hrend des Gottesdiensts haben die Kinder dann Kindergottesdienst im Gemeindesaal.
Zweimal im Jahr gibt es einen Gemeindeausflug und einmal im Jahr einen &ouml;kumenischen Tag mit der Martinsgemeinde. Im Wechsel sind die Deutschen und die
Koreaner f&uuml;r die Bewirtung zust&auml;ndig. Frau Laux findet es jetzt "ganz toll" in der Gemeinde. Daneben geh&ouml;rt sie mit ihrem Mann und den zwei T&ouml;chtern zur
Lustnauer Gemeinde, auch dort geht sie in den Chor. F&uuml;r sie ist die koreanische Gemeinde ein wichtiger Bereich in ihrem Leben geworden. Sie kann bewusster
erleben, wer sie ist, wer sie zwischen diesen beiden Kulturen geworden ist.

F&uuml;r Nahamm Kim ist das schwieriger. Sie studiert seit vier Jahren Theologie in T&uuml;bingen und wohnt im Albrecht-Bengel-Haus: "Von außen bin ich Koreanerin.
Aber ich weiß nicht genau, welche Punkte in mir koreanisch und welche deutsch sind." Kein Wunder, denn Nahamm war schon einmal in Deutschland, von ihrem
7.-14. Lebensjahr, und hat schon das zweite Mal die Kultur gewechselt. Ihr Vater, fr&uuml;her Pfarrer in Pusan, hatte damals in M&uuml;nster weiterstudiert und war mit Frau
und zwei T&ouml;chtern nach Deutschland gekommen. F&uuml;r Nahamm ergab sich der Kontakt zur koreanischen Gemeinde ganz selbstverst&auml;ndlich. Mit einer
koreanischen Musikmissionsgruppe kam sie 1992 in Deutschland an. Diese Gruppe hatte Kontakte zu den koreanischen Gemeinden, in T&uuml;bingen nat&uuml;rlich zur
Martinsgemeinde: "Das war f&uuml;r mich sehr bequem. Es war auch sch&ouml;n, Koreaner zu sehen, koreanisches Essen zu bekommen." So eine Gemeinde ist f&uuml;r viele
der erste und einzige Kontakt zu etwas Vertrautem. "Alle, die hierherkommen, m&uuml;ssen k&auml;mpfen, mit der Sprache, mit dem Studium. In die Gemeinde kommen auch
manche, die keinen Glauben haben. Man m&uuml;sste sie mehr integrieren", meint Nahamm. Aber sie selbst f&uuml;hlt sich auch zu angestrengt, mit ihrem Studium, ihrem
Leben im Ausland, als dass sie die Kraft f&auml;nde, sich st&auml;rker zu engagieren, zum Beispiel in der Arbeit mit koreanischen Jugendlichen. Aber sie hat ja noch Zeit.
Manchmal geht Nahamm sonntagmorgens in die Derendinger Kirche. Da ist sie schon ein bisschen deutsch geworden: "Ich finde es auch mal sch&ouml;n, morgens in
den Gottesdienst zu gehen und den ganzen Sonntag frei zu haben."

Die S&uuml;ddeutsche Koreanische Evangelische Gemeinde hat sich zu einer wichtigen Anlaufstelle und Gemeinschaft entwickelt. Allerdings war es in
S&uuml;ddeutschland viel schwieriger als in Norddeutschland, diese Gemeinschaft aufzubauen. Im Norden entstanden durch die vielen Bergarbeiter und
Krankenschwestern schon viel fr&uuml;her recht große und starke Gemeinden. Es gab auch mehr koreanisch-koreanische Ehen. Frau Laux hat das immer beeindruckt:
"Sie k&ouml;nnen viel mehr koreanische Lieder, und die Kinder sprechen besser Koreanisch." Aber auch hier tut sich was. F&uuml;r viele, die hier leben, fast unbemerkt.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 58-60]

Ein Fall f&uuml;r eine Frau

Gemeindearbeit im Abseits

Von Sabine Bauer



Ein Wintertag auf dem Land. Draußen friert es Stein und Bein. Im winzigen Pfarrhaus von Im Sook-Jae ist wenigstens der Fußboden warm. Das Wohnzimmer ist
vom Schrank zur Wand und vom Fenster zur T&uuml;r gerade so groß, dass drei Leute eng nebeneinander schlafen k&ouml;nnen. Im zweiten Zimmer steht ein Spezialbett,
in dem Im Sook-Jae wegen ihres stark verkr&uuml;mmten R&uuml;ckens besser schlafen kann als auf dem Fußboden; aber sie kann es nur in w&auml;rmeren Jahreszeiten
benutzen.

Im Sook-Jae ist eine der fast 200 Theologinnen der Presbyterianischen Kirche in Korea (PCK), die freiwillig den schweren Weg aufs Land, auf die Inseln, in die
Armut gegangen sind. Im Moment wartet die Evangelistin auf das Ergebnis ihrer theologischen Pr&uuml;fung, die sie zusammen mit weiteren 174 Kolleginnen am 24.
Mai 1996 abgelegt hat. Ein Synodenbeschluss der Presbyterianischen Kirche in Korea (PCK) von 1995 hat es endlich erm&ouml;glicht, auch Frauen zu ordinieren. Im
Sook-Jae hat ihre F&auml;higkeiten, eine Gemeinde zu leiten und dabei Knochenarbeit zu leisten, l&auml;ngst unter Beweis gestellt. Sie ist schon vor 25 Jahren in dieses
abgelegene Tal in der Chungchongprovinz im Westen Koreas gekommen, um in dem Ort Taegok eine Gemeinde zu gr&uuml;nden. &Uuml;ber 20 Jahre hat sie dabei
mitansehen m&uuml;ssen, dass die meisten jungen Leute der b&auml;uerlichen Existenz und den Reisfeldern den R&uuml;cken kehrten, nach Seoul abwanderten und die Alten
allein liessen. "Immer habe ich gebetet", sagt sie, "dass unsere Gemeinde einmal wachsen und bl&uuml;hen m&ouml;ge. Die Arbeit war nicht leicht." Und die Kirchengesetze
machten es ihr zus&auml;tzlich schwer. Als studierte Theologin, aber Nichtordinierte durfte sie kein Abendmahl feiern, keine Taufe spenden und noch nicht einmal den
Segen sprechen. F&uuml;r jede Amtshandlung musste ihr Kollege aus dem n&auml;chsten Ort kommen. Im Sook-Jae betont, dass sie Gl&uuml;ck gehabt habe; denn ihr Kollege
sei sehr kooperativ gewesen, so dass sie in all den anderen Arbeitsbereichen selbst&auml;ndig sein konnte, in der Seelsorge, bei der Altenbetreuung, bei der
Sterbebegleitung, bei den Hausbesuchen, bei den t&auml;glichen Morgenandachten um f&uuml;nf Uhr fr&uuml;h, in den Gottesdiensten. Sie hat immer wenig Geld gehabt: "Mit
dem Zehnten unserer armen Gemeindeglieder kommen keine Reicht&uuml;mer zusammen."

Ihr Lebensweg nach Taegok war ebenso schwer. Ihr Vater war Konfuzianer, ihre Mutter Buddhistin. Sie waren sehr aufgeschlossen und wollten, dass ihre Tochter
trotz ihrer Behinderung eine volle Schulausbildung bekam. Dann machte der Vater Pleite. Dennoch ging die junge Frau 1970 zum Studium nach Seoul. Sie hat oft
gehungert. F&uuml;r ein Zimmer hat es nicht immer gereicht. Dann saß sie tags&uuml;ber in der Bibliothek und schlief nachts in der Kirche. Nun wird Taegok vielleicht nicht
l&auml;nger ihre Heimat bleiben. Denn dort hat sich zuletzt doch noch etwas getan. Eine Universit&auml;t wurde gebaut, junge Menschen erf&uuml;llen den Ort mit neuem Leben.
Da wird selbst eine bisher abgelegene Region auch f&uuml;r gestandene ordinierte Pfarrer attraktiv. Und wer will dann schon auf Dauer eine Frau als Gemeindeleiterin,
die dazu noch behindert ist? Im Sook-Jae l&auml;ßt sich nicht entmutigen. Vielleicht wird sie ja doch von einer Gemeinde gew&auml;hlt. "Vielleicht kann ich auch eine
Altenkommunit&auml;t aufmachen." Und hiervon versteht sie viel nach 25 Jahren in Taegok.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 47]

Kimtschi und Ondol

Ein Blick in K&uuml;che und Wohnung

Von Gisela K&ouml;llner

"Gl&uuml;cklich der Mensch, der sich liegend den satten Bauch streichelt". Dieses koreanische Sprichwort spiegelt den hohen Stellenwert wider, den das Essen in
einem Land einnimmt, in dem die heute &uuml;ber 40j&auml;hrigen die Zeiten des Hungers w&auml;hrend der Kriegsjahre erlebt haben und in dem in der Vergangenheit die
unteren Bev&ouml;lkerungsschichten nie &uuml;ppig gelebt haben. Die koreanische K&uuml;che stellt eine v&ouml;llig eigene Kulturentwicklung dar, Gemeinsamkeiten bestehen
minimal mit der chinesischen und &uuml;berhaupt nicht mit der japanischen K&uuml;che. Mit zahlreichen eingelegten Gem&uuml;segerichten, arbeitsaufwendigen Soßen und
vielseitig gew&uuml;rzten Suppen und Hauptgerichten erfordert die Zubereitung viel Zeit, stellt aber eine gesunde und schmackhafte, wenig belastende
Ern&auml;hrungsweise dar.

Dreimal t&auml;glich wird in Korea warm gegessen. Die Zusammensetzung aller Mahlzeiten bleibt zu jeder Tageszeit gleich: Leicht klebender Reis ist ein Bestandteil
jeder Tafel, dazu werden stets Suppe, verschiedene Beilagen sowie Fleisch- und Fischgerichte gereicht. Erwartet man G&auml;ste, so stehen mindestens sieben
Einzelgerichte auf dem Tisch. Zu besonderen Anl&auml;ssen wie Feiertagen und Hochzeiten gibt es spezielle Gerichte: Zu einer Geburtstagsfeier geh&ouml;rt
beispielsweise unbedingt die traditionelle Seetangsuppe mit Rindfleischst&uuml;cken (Mijoggug).

Die wichtigste Beilage ist Kimtschi: Chinakohl und anderes Gem&uuml;se, das in Peperonipulver, Zucker und Knoblauch, je nach Hausrezept zus&auml;tzlich in
Fischsoßen, Ingwer oder gemischt mit Meeresfr&uuml;chten eingelegt ist. Traditionell wird es in großen Tont&ouml;pfen aufbewahrt, die auch in modernen
Hochhaussiedlungen der Großstadt Seoul die Balkone schm&uuml;cken.

Ein h&auml;ufiges Hauptgericht, das sich mit in Deutschland erh&auml;ltlichen Zutaten leicht zubereiten l&auml;sst, ist Pulgogi. D&uuml;nne Rindfleischstreifen werden in einer
Marinade aus Reiswein, Zucker, Sojasoße, gehacktem Knoblauch und Lauch, ger&ouml;steten Sesamk&ouml;rnern, Sesam&ouml;l und etwas Pfeffer ca. eine Stunde lang
eingelegt, danach gegrillt oder in der Pfanne gebraten.

Gew&uuml;rzt wird nicht wie in Deutschland durch Hervorheben einer Geschmacksrichtung (s&uuml;ß, sauer, bitter), sondern durch eine harmonische Kombination
verschiedener Geschmacksrichtungen in einer einzigen Speise. Hauptw&uuml;rzmittel sind Peperoni und Peperonipaste, Sojasoße und Sojapaste, Zucker, Sesam&ouml;l,
Sesamk&ouml;rner, Knoblauch, Ingwer und Meerestiere. Knoblauch wird in relativ großen Mengen beigegeben.

Ein koreanisches Essbesteck besteht aus einem langstieligen L&ouml;ffel sowie einem Paar d&uuml;nner Metallst&auml;bchen. Viele Sch&uuml;sselchen bedecken die Tafel, die
Lebensmittel sind &auml;sthetisch und farblich abgestimmt angerichtet. Gegessen wird an niedrigen Lacktischen. Die N&auml;he zum Fußboden behalten auch moderne
junge Menschen bei, selbst wenn sie in ihrer Wohnung vielleicht zus&auml;tzlich &uuml;ber europ&auml;ische Tische und St&uuml;hle verf&uuml;gen. Wer einmal eine Wohnung in Korea
besucht hat, hat die Vorz&uuml;ge der Bodenn&auml;he selbst gef&uuml;hlt. Die alte koreanische Erfindung der Ondol-Fußbodenheizung beschert vom Herbst &uuml;ber den Winter
bis zum Sommerbeginn eine wohlige W&auml;rme. Ganz besonders hautnah zu genießen ist dieses auch in allen modernen Wohnungen installierte Heizungssystem in
einer k&uuml;hleren Jahreszeit, wenn das &uuml;bliche koreanische Bett, bestehend aus einer d&uuml;nnen Matte, direkt auf dem Fußboden ausgebreitet wird. Tags&uuml;ber werden
die Betten zusammengerollt und in Truhen verstaut, so dass ein Schlafzimmer gleichzeitig Wohn- und Arbeitszimmer sein kann. So werden kleine Wohnungen
intensiv genutzt, was gerade in den Großst&auml;dten mit fehlendem Wohnraum dringend erforderlich ist.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea 1996, S. 62]

Am Ende werden die Wege zum Land

Korea - ein Naturerlebnis

Von Gisela K&ouml;llner



Ernst von Hesse-Wartegg, ein deutscher Reisender, der im Jahre 1894 "das Land der Morgenstille" besuchte, notiert &uuml;ber die k&ouml;nigliche Hauptstadt: "Eine
Stunde nach meiner Ankunft wanderte ich l&auml;ngs der Stadtmauer empor zu dem steilen, bewaldeten Nams(ch)an, um von seinem Gipfel den Anblick der großen
Stadt zu genießen. Nun sah ich erst, dass die H&ouml;hen hier einen weiten Kessel umschließen, wie den Krater eines erloschenen Vulkans, und in diesem Kessel
verborgen liegt das H&auml;usermeer von Seoul. Nur eine mir bekannte Stadt besitzt eine ann&auml;hernd &auml;hnliche Lage: Stuttgart."

W&auml;hrend Ernst von Hesse-Wartegg vor 100 Jahren zu Fuß oder auf dem R&uuml;cken kleiner Ponies die unbefestigten Wege Koreas bereist hat, findet sich der
heutige Reisende in einem Land mit ausgezeichneter Infrastruktur: Mit Bus, Bahn, Auto oder Flugzeug kann er in wenigen Stunden ganz Korea durchqueren. An
einem sonnigen Tag des Jahres 1996 warten fr&uuml;hmorgens Menschen an einer Bushaltestelle in Seoul, um einen der malerischen Granitberge in der Umgebung
der Millionenstadt zu erreichen - nicht etwa den Namsan, den 262-m-H&uuml;gel umgeben von Stadtautobahnen und Hochh&auml;usern, zwischen dessen Laubb&auml;umen
das Wahrzeichen der Stadt, der Aussichtsturm aufragt und der ein beliebtes Ausflugsziel ist. Fr&uuml;hmorgens liegt das Ziel der Stadtbewohner eher in den ruhigeren
waldbedeckten Bergen, die die Silouette der Stadt &uuml;berragen und unterbrechen. Vor dem Beginn eines anstrengenden Arbeitstages ist hier inmitten der Natur die
Ruhe f&uuml;r ein intensives und manchmal lautes Fr&uuml;hgebet zu finden.

Am arbeitsfreien Sonntag trifft sich fr&uuml;h am Morgen an den Bus- und Metrohaltestellen eine andere Ausfl&uuml;glergemeinschaft mit Wanderstiefeln und Rucksack. In
der "Schweiz Ostasiens" geh&ouml;rt das Bergwandern zu den wichtigsten Freizeitbesch&auml;ftigungen. Im regenarmen Fr&uuml;hjahr und Herbst bewegen sich unter blauem
Himmel auch viele motorisierte Naturfreunde Richtung S&uuml;den und Osten, wo es in den hochaufragenden Gebirgen mit ihren zahlreichen Naturparks viele
markierte Wanderwege und gute &Uuml;bernachtungsm&ouml;glichkeiten gibt. Sollte einmal die Zeit am Wochenende f&uuml;r eine Wanderung zu knapp bemessen sein, so sind
die Autos beladen mit K&ouml;rben voller kulinarischer Spezialit&auml;ten, und unter bl&uuml;henden Fr&uuml;hlingsb&auml;umen oder herbstlich rotgef&auml;rbten Ahorn- und gelben
Ginkobl&auml;ttern sind die Gr&uuml;nfl&auml;chen um Ausflugsparkpl&auml;tze fest in der Hand von Picknickgesellschaften. Die Bergz&uuml;ge erreichen im Osten der Halbinsel knapp
2000 m H&ouml;he, bevor sie steil zum Japanischen Meer hin abfallen. Kurze Bachl&auml;ufe f&uuml;hren hinab zum Meeresspiegel, und der enorme H&ouml;henunterschied wird
durch tief eingegrabene T&auml;ler &uuml;berwunden. M&ouml;nche und Landschaftsmaler finden hier Ruhe oder Anregung. Im Winter liegt auf den Gipfeln Schnee.

Aus den &ouml;stlichen Gebirgen fließen l&auml;ngere B&auml;che und Fl&uuml;sse nach Westen, wo die Landschaft flacher wird und wo geeignete ebene Fl&auml;chen f&uuml;r die
Landwirtschaft, aber auch f&uuml;r große St&auml;dte und Industrieansiedlungen zur Verf&uuml;gung stehen. Unterbrochen von bewaldeten H&uuml;gelketten liegt hier die
bedeutendste Wirtschaftsregion Koreas, und hier lebt auch ein Großteil der Bev&ouml;lkerung des dichtbesiedelten Landes. Jedes flache Landst&uuml;ck wird zum Anbau
von Reis, Gem&uuml;se und Obst genutzt. Die Gew&auml;sser wie beispielsweise der Seoul querende Han-Fluss bewegen sich hier tr&auml;ge und sind nur f&uuml;r die Nutzung
durch kleine Binnenschiffe geeignet. Im S&uuml;dwesten sind dem Festland zahlreiche kleine Inseln vorgelagert, die teilweise touristisch attraktiv, teilweise aber auch
kaum verkehrsm&auml;ßig erschlossen sind.

Wie zu Zeiten von Ernst Hesse-Wartegg werden Korea und seine Hauptstadt von einer imposanten Bergwelt dominiert. Die H&ouml;henz&uuml;ge sind jedoch nicht
vulkanischen Ursprungs. Um in Korea bizarre Lavaformen und Reste von Vulkankegeln zu sehen, ist die weite Reise auf die Inseln Chejudo oder Ull&ucirc;ngdo
notwendig. Vor allem Chejudo mit seinem subtropischen Klima, den Sandstr&auml;nden und S&uuml;dfr&uuml;chten ist das Ziel vieler Urlauber. Der H&ouml;hepunkt einer solchen
Reise kann der Blick in den Kratersee auf dem h&ouml;chsten Berg S&uuml;dkoreas, dem Vulkan Hallasan (1950 m), sein. In Nordkorea erhebt sich im Paektusan mit 2744 m
H&ouml;he ein weiterer Vulkankegel, der h&ouml;chste Berg der gesamten Halbinsel. Der Wunsch, diese beiden Erhebungen einmal bestiegen zu haben, steht symbolisch
f&uuml;r den Wunsch vieler Landesbewohner nach der Wiedervereinigung der beiden Staaten.

Zwar ist das koreanische Festland mit seinen Granit- und Kalksteinh&ouml;hen, seinen Tropfsteinh&ouml;hlen und W&auml;ldern landschaftlich v&ouml;llig anders geartet als die
benachbarten japanischen Inseln; aber heiße Quellen sind auch hier weit verbreitet. Ein Besuch in einem der zahlreichen B&auml;der ist eine Wohltat f&uuml;r K&ouml;rper und
Geist. Getrennt nach M&auml;nner- und Frauenb&auml;dern finden sich zahlreiche Becken mit Wassern verschiedener Temperatur und mineralischer Zusammensetzung.
Bislang konnte das Land trotz intensiver Industrialisierung und Verst&auml;dterung in weiten Bereichen seine Naturlandschaft erhalten. Erste ernsthafte Probleme mit
der Wasser- und Luftqualit&auml;t im Umland großer Industriest&auml;dte haben jedoch auch schon die internationale Presse erreicht. Eine aktive Umweltschutzbewegung ist
noch sehr jung. Hoffentlich gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit f&uuml;r die Zukunft der Natursch&auml;tze Koreas zu wecken.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 8-9]

Dominant und selbst unter Zwang

M&auml;nnerrollen im m&uuml;hsamen Wandel



Von Lee Kook-Il



M&auml;nnerrollen zu beschreiben, ist f&uuml;r Koreaner, die eine Zeit im westlichen Ausland gelebt haben, keine ungetr&uuml;bte Angelegenheit. Vorgestellt werden zwei M&auml;nner im
Alter von 40 und 31 Jahren. Die Namen wurden von der Redaktion ge&auml;ndert.



Kim Young-Chun ist 40 Jahre alt, verheiratet, zwei S&ouml;hne. Er ist Christ, aber nach seiner Erziehung bleibt er in der konfuzianischen Tradition. Wenn er nach
Hause kommt, zu welcher Uhrzeit auch immer, erwartet er, dass seine Frau ihm das fertige Essen serviert. Das klappt nicht immer, und es &auml;rgert ihn sehr. Seine
Frau hat ein kleines Kalligrafiestudio, mit dem sie sich ein Taschengeld und einen Teil des Haushaltsgelds verdient. Young-Chun sieht es mit zwiesp&auml;ltigen
Gef&uuml;hlen. Einerseits verschafft es ihm finanziell Luft, andererseits wird seine Frau zu selbst&auml;ndig und eigensinnig. Young-Chun kontrolliert das Haushaltsbuch.
Nachdem seine Frau mehrmals sehr sparsam war und etwas von dem Geld zur&uuml;ckgelegt hat, hat er selbstverst&auml;ndlich seinen Betrag reduziert. Mit der
Haushaltsf&uuml;hrung hat er nichts zu tun, er hat noch nie Lebensmittel eingekauft.

Sein Gehalt verwendet er, nach Abzug der festen Kosten, nach eigenem Gutd&uuml;nken. Er braucht viel Geld, weil er Leute zum Essen einladen muss, die f&uuml;r ihn
wichtig sind. Dabei geht man immer ins Restaurant. Es darf kein billiges sein; das macht keinen guten Eindruck. Die obligatorischen Trinkereien im Kollegenkreis
versucht er in Grenzen zu halten. Er braucht auch immer Reserven. Wenn ein Freund um Geld bittet, muss man großz&uuml;gig helfen. Das steigert das eigene
Ansehen. &Uuml;berhaupt ist es wichtig, "das Gesicht zu wahren". Dazu geh&ouml;ren bestimmte Verhaltensweisen. K&uuml;rzlich wollte seine Frau Klassenkameradinnen treffen
und bat ihn, ausnahmsweise einen Abend f&uuml;r die Kinder zuhause zu sein. Das fand er eine ziemliche Zumutung und hat es glatt abgelehnt. F&uuml;r die Kinder ist
seine Frau zust&auml;ndig. Daraufhin ist seine Frau pl&ouml;tzlich ausf&auml;llig geworden und hat ihn angeschrieen. Da hat er sie ins Gesicht geschlagen.

Entscheidungen, auch solche, die die ganze Familie betreffen, trifft er als Familienoberhaupt grunds&auml;tzlich allein. Im Augenblick allerdings befindet er sich in
einer Zwickm&uuml;hle. Ein H&ouml;hergestellter in der Firma hat ihn f&uuml;r eine wichtige Arbeit im Ausland vorgeschlagen. Das kann er nicht ablehnen, er w&uuml;rde sich
unm&ouml;glich machen. Es macht ihm Sorgen. Er hat das Gef&uuml;hl, dass die westliche Kultur sich mit seiner Lebensart nicht vertr&auml;gt. Wie wird das die Frau und die
Kinder beeinflussen? Wenn er amerikanische Fernsehserien sieht, erschrickt er &uuml;ber die Art, wie M&auml;nner sich von Frauen beherrschen lassen. Dies entspricht
nicht den traditionellen Rollenvorstellungen f&uuml;r Eheleute. Diese Vorstellungen beherrschen ihn stark - wie &uuml;brigens auch noch mindestens 60 bis 70 Prozent aller
jungen Paare, die sich noch &uuml;ber die traditionelle Ehevermittlung verheiraten lassen. Manchmal denkt er, es w&auml;re gut, sich in einer bedr&auml;ngenden Situation wie
dieser ausf&uuml;hrlich mit jemandem besprechen zu k&ouml;nnen. Seine Frau kommt daf&uuml;r nicht in Frage, ein Freund vielleicht...? Nein, er ist zu stolz dazu. Man &ouml;ffnet
einem anderen Menschen nicht sein ganzes Herz. Nicht, wenn man ein Yangban sein will, ein auch innerlich vornehmer Mensch.

Kim Nam-Gi, 31 Jahre alt, verheiratet, noch keine Kinder, lebt in Deutschland, studiert Architektur und betrachtet mit Aufgeschlossenheit alles, was ihm
erstrebenswert erscheint. Aus der Ferne hat er ein neues Bild seiner Heimat gewonnen. Er stellt viele Traditionen infrage. Manches vermisst er hier. F&uuml;r ihn waren
es vor allem die Olypmischen Spiele 1988, durch die Korea die Welt entdeckt, den Wert der eigenen Kultur wiederentdeckt und damit wichtige Anst&ouml;ße erhalten
hat. Er vermisst in Deutschland die koreanische K&uuml;che;dabei mag er deutsche und ist sich bewusst geworden, wie aufwendig die koreanische ist. Nam-Gi fehlt
vor allem das enge Zusammenleben mit Verwandten. Andererseits genießen er und seine Frau die Selbstbestimmung &uuml;ber ihr Leben: ihre Freizeit
eigenverantwortlich und ohne R&uuml;cksicht auf die Erwartungen von Familien- und Bekanntenkreis gestalten zu k&ouml;nnen.

Seine Frau, Park Mi-Su, geht ihrer beruflichen T&auml;tigkeit nach. Sie ist Designerin, und Nam-Gi ist von ihren Entw&uuml;rfen begeistert. Er bef&uuml;rwortet, zumindest hier in
Deutschland, ihre Berufst&auml;tigkeit. In Korea w&auml;re er mit den Erwartungen seiner Eltern konfrontiert. Es ist nicht nur &uuml;blich, dass die Schwiegertochter ihren Sohn
und seine Kinder rundum versorgt, sondern sie selbst haben einen Anspruch darauf, von ihr bedient zu werden. Berufst&auml;tigkeit der Ehefrau bringt auf jeden Fall
eine Pflichtenkollision mit sich. Hier im Ausland kann Nam-Gi auch Haushaltsarbeiten mit seiner Frau teilen. Kein Verwandter kann dazu einen Kommentar
abgeben, wenn er einmal das Geschirr sp&uuml;lt oder staubsaugt.

Nam-Gi ist erleichtert, mit der deutschen Grammatik relativ wenige H&ouml;flichkeitsformen lernen zu m&uuml;ssen und auf &auml;ltere Menschen locker zugehen zu k&ouml;nnen,
ohne sich um die konfuzianisch gepr&auml;gte Hierarchie k&uuml;mmern zu m&uuml;ssen. Er rechnet f&uuml;r die Zukunft mit einer Vereinfachung der Umgangsformen in seiner Heimat,
aber mit einer langsamen, die sich &uuml;ber Generationen erstreckt. Nam-Gi weiß genau, dass er und seine Frau nach Korea zur&uuml;ckgehen werden. In seinem
angestrebten Beruf sieht er in den rasch wachsenden St&auml;dten viele Aufgaben f&uuml;r sich. Er weiß, dass er in manchen Lebensbereichen wieder anders leben wird
und hofft, einen Mittelweg zu finden. Er wird, sagt er, ab und zu die gemeinsamen Restaurant- und Kneipenabende im Kollegenkreis mitmachen. Sie st&auml;rken das
Zusammengeh&ouml;rigkeitsgef&uuml;hl und geh&ouml;ren nun einmal zum M&auml;nneralltag in Korea. Ganz sicher ist er sich, dass er das Gebot der teuren Einladungen von
Verwandten, Freunden und Kollegen erf&uuml;llen wird. Wie aber wird sich seine Beziehung zu Mi-Su gestalten? Nam-Gi hat seine Frau auf der Universit&auml;t
kennengelernt. An der Partnerschaft ist f&uuml;r ihn die Freiheit in gegenseitigem Vertrauen und Liebe wichtig. Rollenunterschiede zwischen Mann und Frau gibt es f&uuml;r
ihn in der Situation als Vater und Mutter. Nam-Gi - ein junger Koreaner, der seinen Weg in den sich &auml;ndernden Strukturen sucht. Hier im Ausland konnte er
manche von seinen Vorstellungen verwirklichen. Ob es ihm in seiner Heimat pers&ouml;nlich und gesellschaftlich gelingen wird?

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 45-46]

Das Salz in der Suppe

Minjung: Randsiedler-Gemeinden

Von Lutz Drescher

"Nicht der religi&ouml;se Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben." Mit diesem Gedanken von Bonhoeffer verbindet der
Autor das Leben der zahlreichen Minjung-Gemeinden S&uuml;dkoreas. Es sind Gemeinden von Randgruppen, die den offiziellen Großkirchen mit Skepsis
gegen&uuml;berstehen. Lutz Drescher war von 1987 bis 1995 &ouml;kumenischer Mitarbeiter der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK).





"Gott ist ein Bauer", verbunden mit dem Hinweis auf Johannes 15,1, steht in großen Lettern auf einem Spruchband an der Außenwand einer kleinen
methodistischen Kirche in einem Bauerndorf, 60 Kilometer von Seoul entfernt. "Das Leben Jesu als Arbeiter" ist der Titel eines Weihnachtsspiels, mit dem junge
Leute aus einer kleinen Arbeitergemeinde in einem Industrieviertel Seouls ihre Erfahrungen und die Geschichten von Jesus von Nazareth miteinander in
Verbindung bringen. "Gottes Herz schl&auml;gt f&uuml;r die Armen", ist die Grund&uuml;berzeugung, die einen jungen Pfarrer f&auml;hig macht, in vollst&auml;ndiger Solidarit&auml;t das Leben
von Armen in einem Slum in Seoul zu teilen und dort eine kleine reformierte Gemeinde zu gr&uuml;nden. Eines haben diese drei Beispiele gemeinsam: Sie geh&ouml;ren zu
der wachsenden Zahl kleiner Gemeinden, die sich "Minjung-Gemeinden" nennen. Mit dem kaum zu &uuml;bersetzenden Begriff Minjung werden Randgruppen
bezeichnet, verarmte Bauern, Niedriglohn-Arbeiter, Leute in den Armenvierteln, aber auch politische Gefangene und ihre Angeh&ouml;rigen oder wegen
Gewerkschaftst&auml;tigkeit entlassene Lehrer.

Gott als Bauer, Jesus als Arbeiter - das ist auf den ersten Blick befremdlich. Doch in dieser Sprache wird etwas von der Theologie der Minjung-Gemeinden
deutlich: Mitten unter dem Minjung ist der auferstandene Christus lebendig. Der koreanische Theologieprofessor Ahn Byung-Mu, der im Gef&auml;ngnis hautnah mit
dem Minjung in Ber&uuml;hrung kam und die Bibel mit neuen Augen sehen lernte, hat einen entscheidenden Anstoß mit seinem Nachdenken &uuml;ber die letzte
Begegnung des Auferstandenen mit seinen J&uuml;ngern in Galil&auml;a (Markus 16,7) gegeben. Galil&auml;a, das war zu den Zeiten Jesu der Ort, wo fern von den
Machtzentren das einfache, ausgebeutete und sich wehrende Volk lebte, "im Schatten des Todes" (vgl. Matth&auml;us 4,15f). Mit diesen Menschen hat sich Jesus
verbunden. Galil&auml;a heute in S&uuml;dkorea - das sind die Bauernd&ouml;rfer, Arbeitersiedlungen und Armenviertel. Zwar nahm sich schon die Stadt-und Land-Mission
seit den 50er Jahren der Anliegen der Bauern und Arbeiter an, aber doch mit dem Anspruch, etwas f&uuml;r sie zu tun. Gemeinden, die sich als Minjung-Gemeinden
verstehen, haben die Erfahrung gemacht, dass sie durchaus selbst in der Lage sind, ihre Sache zu vertreten. "Die Bauern Koreas werden oft als Menschen
zweiter Klasse behandelt und haben in den vergangenen 30 Jahren unter einer vorwiegend am Export orientierten Wirtschaftspolitik und in j&uuml;ngster Zeit unter der
fortschreitenden &Ouml;ffnung des Agrarmarkts sehr zu leiden gehabt. Jesus hat in seinen Gleichnisse Gott oft auch mit einem Bauern oder einem G&auml;rtner verglichen.
Ein solcher Gedanke hilft uns, nicht zu verzweifeln, sondern uns f&uuml;r die Rechte der Bauern einzusetzen." So erkl&auml;rt Pfarrer Song Byung-Mu das Spruchband an
seiner Kirche.

Minjung-Gemeinden in Arbeitervierteln haben &auml;hnliche Erfahrungen gemacht. F&uuml;r sie waren ihre Kirchen bis vor einigen Jahren die einzigen Freir&auml;ume, in
denen sie offen &uuml;ber ihre Probleme reden konnten. Abends trafen sie sich dort und nach einer Bibelarbeit wurde das Arbeitsgesetz studiert und &uuml;ber die Rolle der
Gewerkschaften diskutiert. Als es 1987 zu einer großen Streikwelle im ganzen Land und zur Gr&uuml;ndung freier Gewerkschaften kam, haben viele Arbeiter/innen aus
Minjung-Gemeinden dabei mitgewirkt. Sie wurden &uuml;berwacht, und hin und wieder wurden auch ihre Pfarrer verhaftet. Gerade in solchen Situationen erlebten die
Gemeinden besonders intensiv die Gemeinschaft mit Jesus, der ja auch verhaftet, gefoltert und schließlich zum Tode verurteilt wurde. Dass Jesus in einem Stall
zur Welt kam, ist f&uuml;r die Bewohner des "Schweinedorfes", einem Armenviertel in Seoul, so genannt, weil dort bis vor wenigen Jahren Vieh gez&uuml;chtet wurde, ein
ermutigender und tr&ouml;stlicher Gedanke, der ihnen die Gewissheit vermittelt: Gott ist uns nahe. Verst&auml;rkt wird dies dadurch, dass Pfarrer Oh Young-Shik ihr Leben
mit all seinen Schwierigkeiten teilt. Die kleine Yong-Un-Gemeinde versucht, gemeinsam mit den Bewohnern und freiwilligen Mitarbeitern, anstehende Probleme
zu l&ouml;sen. Kindertagesst&auml;tte, Hausaufgabenhilfe, medizinische Betreuung, Treffpunkt f&uuml;r &Auml;ltere, das sind alles Orte, an denen Gottesdienst im Alltag, "Gottesdienst
ohne Worte" stattfindet. Diese Aktivit&auml;ten sind notwendige Erg&auml;nzung der anderen Gottesdienste, bei denen wie in allen anderen Gemeinden die Bibel gelesen,
gesungen und gebetet wird. F&uuml;r die weitgehend mittelschicht-orientierten Kirchen sind die Minjung-Gemeinden ein Stein des Anstosses. Sie fordern die großen
Kirchen durch ihr Zeugnis in Wort und Tat und Leiden heraus. Zwar sind Minjung-Gemeinden noch in der Minderheit, aber ihre Zahl w&auml;chst, und sie sind jetzt
schon das "Salz in der Suppe und Hefe im Teig" der koreanischen Kirche und Gesellschaft. In der Minjung-Kultur gibt es keine Zuschauer, sondern nur
Beteiligte. In der Minjung-Theologie spielt der Ort des Geschehens eine große Rolle. Und die Leidensbereitschaft des Minjung hat f&uuml;r andere befreiende Wirkung
gehabt.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 22-23]

Die B&auml;rin und der G&ouml;ttersohn

Ein Mythos von der Geburt des ersten K&ouml;nigs Tangun



"In alter Zeit dachte der G&ouml;ttersohn Hwangung daran, die Menschen zu erl&ouml;sen. Als sein Vater hiervon h&ouml;rte, schickte er seinen Sohn mit drei himmlischen
Abzeichen auf den Gipfel des Taebaek-Berges. Zu dieser Zeit lebten in einer H&ouml;hle ein Tiger und eine B&auml;rin, deren sehnlichster Wunsch es war,
Menschengestalt anzunehmen. Deshalb beteten sie unaufh&ouml;rlich zu Hwangung, der ihnen schließlich einen &uuml;bergroßen Beifuß und ein Gebinde aus Knoblauch
mit dem Versprechen gab, wenn sie dies &auml;ßen und f&uuml;r einhundert Tage das Sonnenlicht mieden, so w&uuml;rden sie Menschengestalt annehmen. Nur die B&auml;rin konnte
jedoch so lange dem Sonnenlicht fernbleiben und nahm, wie prophezeit, die Gestalt einer Frau an. Da ihr nun ein Lebenspartner fehlte, sie sich aber nichts
sehnlicher als ein Kind w&uuml;nschte, betete sie erneut zu Hwangung, der sich ihrem Flehen nicht verschließen konnte und sie zur Frau nahm. Bald darauf schenkte
sie ihm einen Sohn, den sie Tangun nannten. Sp&auml;ter gr&uuml;ndete Tangun seine Hauptstadt in Pyongyang und nannte das Land, &uuml;ber das er herrschte, Choson."

Dieser Mythos &uuml;ber die Gr&uuml;ndung Koreas findet sich im koreanischen Geschichtswerk "Samgukyusa" aus dem 13. Jahrhundert n. Chr. Er ist eine von mehreren
&auml;hnlichen Varianten &uuml;ber den himmels- und erdentsprossenen g&ouml;ttlichen Helden und Staatsgr&uuml;nder. In der Gestalt der B&auml;rin schimmert noch etwas durch von der
Herkunft des Volkes aus dem sibirischen Raum, wo der B&auml;renkult eingebettet ist in die schamanistische Religion, wo die Seele des get&ouml;teten, aber respektvoll
behandelten B&auml;ren bei einigen V&ouml;lkern als Bote der Menschen und Vermittler zwischen G&ouml;ttern und Menschen zum Himmel aufsteigt. Der Halbgott Tangun ist
nach der alten religi&ouml;sen Taejonggyo-&Uuml;berlieferung der Sohn des Gottes Hanul. Mit der Einf&uuml;hrung des Buddhismus und sp&auml;ter des Konfuzianismus in Korea
verschwand diese Religion im 15. Jahrhundert. Bis vor kurzem begannen jedoch koreanische Kalender mit der Zeitrechnung im Jahre 2333 v. Chr. - dem
mythologischen Geburtsjahr Tanguns und damit legend&auml;rem Gr&uuml;ndungsdatum Koreas. Im sp&auml;ten 19. und fr&uuml;hen 20 Jahrhundert kam es durch ein Erwachen
koreanischer National- und Unabh&auml;ngigkeitsideen auch zu einem Wiederaufleben dieser Tradition.

Quellen: Hanns W. Maull und Ivo M. Maull - Korea. Verlag C.H.Beck, M&uuml;nchen 1987; A handbook of Korea. Korean Overseas Information Service, 1993.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 12]

Religionen in Stichworten

Bearbeitung: Reinhilde Freise

Der Schamanismus, der aus dem sibirischen Raum stammt, gilt als die &auml;lteste greifbare Religion im Land. Im Zentrum des koreanischen Schamanismus steht der
"kut", die große Zeremonie, die sich urspr&uuml;nglich auf das Leben der Dorfgemeinschaft, auf Ernte und Wetter bezogen hat. Durch Industrialisierung und
Verst&auml;dterung bedeutungslos geworden, sind heute drei Zeremonien wesentlich: der "chip-kut" f&uuml;r ein Haus oder eine Familie, der gl&uuml;cksbeschw&ouml;rende
"chaesu-kut" oder der "pyong-kut" im Fall psychosomatischer Erkrankungen. Beherrschende Gestalt im ekstatischen "kut" ist die Schamanenpriesterin.
Grabfunde deuten darauf hin, dass in vorbuddhistischer Zeit die koreanischen Herrscher neben k&ouml;niglichen Funktionen auch schamanistisch-priesterliche
ausge&uuml;bt haben.

Der Buddhismus ist vom 4. Jahrhundert an in Korea belegt, sowohl im n&ouml;rdlichen Koguryo-Reich wie in den beiden S&uuml;dreichen Paekche und Silla. In Alt-Silla
wurde er 527 offiziell anerkannt. Als Alt-Silla seine beiden Rivalen einverleibte (668), wurde der Buddhismus Staatsreligion und erlebte im Silla-Reich (668-918)
seine große Bl&uuml;te. Er wurde unter der konfuzianischen Yi-Dynastie (1392-1910) nur teilweise geduldet; tempor&auml;r kam es zu regelrechten Budhistenverfolgungen.
Die Tempel und Kl&ouml;ster, deren Zahl sich auf mehrere Tausend bel&auml;uft, sind deshalb meist tief in den Bergen verborgen. Heute sind rund 20 000 Nonnen und
M&ouml;nche registriert; ein Viertel der Bev&ouml;lkerung bekennt sich zum Buddhismus. Das heißt in erster Linie, dass sie am Fest von Buddhas Geburtstag, am 8. Tag des
4. Mondmonats, zu einem Tempel gehen und dort ihre Geldspenden entrichten. Der koreanische Buddhismus ist ein von strenger Meditation gepr&auml;gter Son-
(Zen-) Buddhismus. Jedoch ist er kein einheitliches Gebilde; verschiedenste Schulen und Organisationsformen bestehen nebeneinander. Der Chogche-Orden
hat die F&uuml;hrung und leitet auch die buddhistische Dongguk-Universit&auml;t in Seoul. Buddhismus und Christentum sind die gr&ouml;ßte Religionsgemeinschaften im Land.

Der Konfuzianismus ist eine geistige Str&ouml;mung, die vor zweieinhalb Jahrtausenden in China entstanden ist und sich vom 8. Jahrhundert an in ganz Ostasien
ausbreitete. Er ist in erster Linie eine ethisch-politische Lehre, enthielt aber zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Regionen auch starke religi&ouml;se
Elemente. In Korea wurde er durch die Yi-Dynastie zur vorherrschenden gesellschaftlichen Ordnung. Staatsf&uuml;hrung und patriarchalische Familienmoral sind eine
enge Verflechtung eingegangen, wobei die Tugenden von Mann und Frau festgeschrieben und durch ein religi&ouml;s-kosmologisches Weltbild von Himmel und
Erde, oben und unten, m&auml;nnlich und weiblich zementiert wurden.

Die statischen Angaben sind nur Ann&auml;herungswerte. Viele Koreaner sind gleichzeitig schamanistisch, buddhistisch und konfuzianistisch gepr&auml;gt.

Nach: Religionen der Welt. Bertelsmann Handbuch, hrsg. von Monika und Udo Tworuschka, 1992, S. 331-332,349-356, 423-424; Fischer Weltalmanach 1996.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 55]

Im Schamanismus sind Frauen tonangebend

Die Urreligion Koreas war nie zu unterdr&uuml;cken

Von Lutz Drescher



Der Schamanismus gilt als Urreligion Koreas. Als Volksreligion hat er keine heiligen Schriften und keine festen Institutionen. Der Autor, von 1987 bis 1995
&ouml;kumenischer Mitarbeiter in S&uuml;dkorea, beschreibt Formen und Wirkungskr&auml;fte der koreanischen Form des Schamanismus.



"Ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass dunkle Seelen wieder hell werden", beschreibt die 27j&auml;hrige Chong Son-Dok ihre Berufung. Mit acht Jahren,
nach dem Tod ihres Vaters und einer langen, unerkl&auml;rbaren Krankheit, wurde sie durch ein mehrere Tage dauerndes Ritual zur Schamanin. Fast t&auml;glich wird sie
von Hilfesuchenden beansprucht, die k&ouml;rperlich oder seelisch krank sind oder famili&auml;re oder gesch&auml;ftliche Schwierigkeiten haben. Manchmal hilft ein Gespr&auml;ch
oder ein kleines Ritual vor dem Hausaltar. In anderen F&auml;llen ist ein Kut notwendig. Im Verlauf einer viele Stunden, manchmal Tage dauernden Zeremonie bricht
die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen auf: Es wird geweint und gelacht, geklagt und getr&ouml;stet, geschrien und beruhigt, gefleht und gelobt, gestritten und
vers&ouml;hnt. Die Schamanin handelt als Medium einer Vielzahl von G&ouml;ttern und Geistern, deren Botschaften sie ausrichtet. Zu jedem von ihnen geh&ouml;rt ein anderes
Gewand, in das sie wie in eine neue Rolle schl&uuml;pft.

In einem Gespr&auml;ch junger Pfarrer aus Arbeiter- und Armenvierteln mit Chong Son-Dok wurde festgehalten, dass der Schamanismus, vielleicht sogar wegen
seiner starken Ablehnung durch die meisten Christen Koreas, durch die Hintert&uuml;r Eingang in Gemeinden gefunden hat. Auf den ersten Blick scheint das nicht so
zu sein: n&uuml;chterne Gottesdienstr&auml;ume, von amerikanischen Missionaren &uuml;bernommene Hymnen, Gebete und Predigten wie &uuml;berall auf der Welt. Sieht man jedoch
genauer hin, wird deutlich, dass eine Spur leidenschaftlicher gepredigt, l&auml;nger und intensiver gebetet wird. Vor den eigentlichen Gottesdiensten, besonders in
Gebetsh&auml;usern und bei Nachtandachten, wird lange gesungen, manchmal getanzt. Bei gemeinsamen lauten Gebeten fließen Tr&auml;nen, wird geseufzt, durch Schreie
Schmerz und durch Halleluja-Rufe Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht. Man schl&auml;gt sich zerknirscht an die Brust, streckt die Arme lobend und sehns&uuml;chtig zum
Himmel. Steine fallen dabei vom Herzen und Knoten l&ouml;sen sich.

Die Spiritualit&auml;t vieler Koreaner ist schamanistisch gepr&auml;gt. "Schamanin im Bauch - Christin im Kopf" lautet der provozierende Titel der deutschen &Uuml;bersetzung
des vielbeachteten Buches der Theologin Chung Hyun Kyung (Stuttgart 1992). "Konfuzianistisch im Verhalten" h&auml;tte wohl hinzugef&uuml;gt werden m&uuml;ssen, wenn
auch der m&auml;nnliche Teil der Bev&ouml;lkerung in den Blick genommen worden w&auml;re. W&auml;hrend Konfuzianismus eher "M&auml;nnersache" ist, sind im koreanischen
Schamanismus Frauen tonangebend. Konfuzianistische Ethik wird eher in der gebildeten Oberschicht gepflegt, w&auml;hrend der Schamanismus die Religion der
"kleinen Leute" ist. Der Schamanismus als Urreligion Koreas behielt auch dann seinen Einfluss, als vom 4. Jahrhundert an der Buddhismus immer mehr Raum
erhielt. Buddhismus und Schamanismus wurden von der konfuzianistischen Yi-Dynastie (1328-1905) unterdr&uuml;ckt. In j&uuml;ngster Zeit hat die alte Religion eine
Aufwertung erfahren. Il-Young, Professor f&uuml;r Religionswissenschaften an der katholischen Hochschule, spricht von 50 000 Wahrsagern und Schamaninnen, die
im offiziellen Wahrsagerverband zusammengeschlossen sind. Die wirkliche Zahl betr&auml;gt mindestens das Doppelte und ist damit doppelt so hoch wie die Zahl aller
Pfarrer und Evangelisten.

Im Koreanischen werden Schamaninnen als "Mudang" bezeichnet. Das chinesische Zeichen f&uuml;r "Mu" zeigt Himmel und Erde und zwei tanzende Menschen,
durch die Himmel und Erde miteinander verbunden werden. Die Mudang schafft durch Tanz, Gesang und Ekstase eine Verbindung zwischen der irdischen und
himmlischen Welt, in die alle Besucher eines Kuts einbezogen sind. Zum einen gibt es erblichen Schamanismus: Innerhalb einer Familie werden die zur
Aus&uuml;bung dieses Berufes notwendigen Fertigkeiten weitergegeben. Zum anderen gibt es die viel gr&ouml;ßere Gruppe der "berufenen Mudang". Sie alle haben eine
sog. Schamanenkrankheit durchlitten, deren Heilung erst erfolgte, als sie einwilligten, Mudang zu werden. Von dieser Berufung aus Leid her r&uuml;hrt die große
Sensibilit&auml;t f&uuml;r das Leiden anderer. Mit der Berufung verbunden ist eine mehrt&auml;gige Initiation, die "Shin-naerim Kut" genannt wird. "Naerim" bedeutet w&ouml;rtlich
"Niederkunft", w&auml;hrend "Shin" ein Begriff f&uuml;r transzendente M&auml;chte ist, der Gott und G&ouml;tter, Geist und Geister einschließt. Alle großen Zeremonien werden "Kut"
genannt. Einer der H&ouml;hepunkte eines solchen Kuts, gleichsam sein "G&uuml;tesiegel"f&uuml;r die Echtheit der werdenden Mudang, ist ein Tanz auf scharfen Messern, in
dessen Verlauf Orakel der G&ouml;tter mitgeteilt werden. Solch ein Tanz ist nur im Zustand der Ekstase, des "Ergriffenseins" von G&ouml;ttern und Geistern, m&ouml;glich und nur
nach l&auml;ngerer Vorbereitung und einer symbolischen Selbstauslieferung der Aspirantin an die G&ouml;tter. Durch die Initiation wird sie geistige Tochter einer
praktizierenden Mudang. Sie lernt durch die Teilnahme an Kuts &uuml;ber mehrere Jahre hinweg die Ges&auml;nge, T&auml;nze sowie den Gebrauch der dabei verwendeten
Ger&auml;tschaften. Erst dann arbeitet sie selbst&auml;ndig.

Im allgemeinen haben Mudang eine gewachsene Klientel. Mudang haben eine psychotherapeutische Funktion, da sie in ihren Ritualen seelische Vorg&auml;nge in
st&auml;ndiger Interaktion mit dem Hilfesuchenden inszenieren. Besonders eindr&uuml;cklich geschieht dies beim Kut f&uuml;r die Seele eines Verstorbenen, die keine Ruhe finde.
Man darf vermuten, dass es die Seelen der Hinterbliebenen sind, die ruhelos bleiben. Im Verlauf eines solchen Kuts ist die Schamanin von dem Geist des
Verstorbenen besessen und spricht Problembereiche an, die vor dem Tod unausgesprochen geblieben sind. Dies ist der Punkt der heilenden Katharsis. Der
Schamanismus hat, wie einige Religionswissenschaftler betonen, St&auml;rke gezeigt, weil es ihm gelungen ist, fremde Religionen, die in Korea Eingang gefunden
haben, "zu schamanisieren". Besonders deutlich wird das auch beim koreanischen Buddhismus: Es gibt kaum einen Tempel ohne einen Seitentempel, der dem im
Schamanismus bedeutsamen "Berggeist" gewidmet ist. Es ist auffallend, dass im Seitentempel oft mehr gespendet wird als im Haupttempel.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, 56-57]

Mit mehr als f&uuml;nf bist du out

Von Sch&uuml;lerdasein und Schlafmangel

Von Song Kang-Hun und Song Kang-Min



Kang-Hun ist 16 Jahre alt, sein Bruder Kang-Min 15 Jahre. Sie haben zusammen mit ihren Eltern von 1986 bis 1992 in Stuttgart gelebt und hier die Grundschule
und zuletzt das Gymnasium besucht. Im Vergleich zum Schulalltag in Korea erscheint ihnen die Schule in Deutschland wie ein Paradies.



Als ich, Kang-Hun, 1992 nach Seoul zur&uuml;ckgekehrt bin, kam ich in die zweite Klasse der Mittelschule und war sofort damit besch&auml;ftigt, mich auf die
Aufnahmepr&uuml;fung f&uuml;r die Oberschule vorzubereiten. Das koreanische Schulsystem umfasst sechs Jahre Grundschule, drei Jahre Mittel- und drei Jahre
Oberschule. Das Unterrichtstempo ist schneller als in Deutschland. Darum war ich fast ein Jahr im R&uuml;ckstand. Schwierig war es außerdem, dass im laufenden
Schuljahr viermal Pr&uuml;fungen stattfinden, die man alle bestehen muss. Aber ich habe es geschafft und besuche jetzt die Seoul Foreign Language High School,
eine Spezialschule f&uuml;r Fremdsprachen. Da dies eine Spezialschule ist, war die Pr&uuml;fung auch eine besondere, und die Konkurrenz um die wenigen freien Pl&auml;tze
war hoch. Dank meiner guten Englischkenntnisse, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte, konnte ich es aber schaffen. Englisch und Japanisch sind
Pflichtf&auml;cher, daneben werden Deutsch, Franz&ouml;sisch und Chinesisch unterrichtet. Ich bin in die deutsche Sektion eingestiegen und habe jetzt zehn
Wochenstunden Deutsch.

Der Tagesablauf ist hart: Ich stehe um 5.50 Uhr auf, 6.20 Uhr geht der Schulbus. Unterricht von 7.20 bis 12.30 Uhr und von 13.30 bis 17.20 Uhr. Von 18.30 bis
22.30 ist Selbststudium. Mittag- und Abendessen gibt es in der Schulkantine oder vom Imbissstand. Gegen 23.30 komme ich nach Hause und gehe bald schlafen.
Aber es gibt auch Sch&uuml;ler, die dann noch weiterarbeiten. Wir h&ouml;ren immer wieder: "Vier Stunden Schlaf sind okay, mit f&uuml;nf Stunden bist du out."

Am Samstag und Sonntag gehe ich ins Hagwon zum Lernen. Hagwons gibt es in Deutschland nicht; hier besuchen fast alle Sch&uuml;ler eins. Man kann es mit
Nachhilfeunterricht vergleichen. Vielleicht klingt das f&uuml;r deutsche Ohren alles unglaubw&uuml;rdig. Tatsache aber ist, dass wir ohne diese Paukerei keine Chance
haben, die Aufnahmepr&uuml;fung f&uuml;r eine gute Universit&auml;t zu schaffen. Weil meine Schule spezialisiert ist, sind die Anforderungen noch gr&ouml;ßer. Am liebsten habe ich
den Deutschunterricht, weil ich da relaxen kann. Am meisten an der Schule hasse ich, dass der Lehrer beim kleinsten Fehler zuschl&auml;gt oder kneift. Ich bin voll
blauer Flecke. Inzwischen bin ich daran gew&ouml;hnt und finde es nicht mehr ganz so schlimm wie am Anfang.

Jetzt fange ich an, mich auf die Uni-Aufnahmepr&uuml;fung vorzubereiten. Das ist in unserer ganzen Laufbahn das wichtigste. Ohne Universit&auml;t bekommt man in Korea
keinen guten Arbeitsplatz und wird in der Gesellschaft nicht anerkannt. Die Uni ist jetzt f&uuml;r mich das wichtigste, ja einzige Ziel. Freizeit gibt es bis dahin nicht f&uuml;r
mich. Was ich mir w&uuml;nsche? Bloß einmal ausschlafen k&ouml;nnen!

Ich heiße Song Kang-Min, bin 15 Jahre und in der dritten Klasse der Mittelschule. Mein Tagesablauf ist noch nicht ganz so stressig wie der meines Bruders. Ich
stehe um 7 Uhr auf, bis sp&auml;testens 8.15 Uhr muss ich in der Schule sein, wo es zuerst eine Stunde Stillarbeit gibt. Der Unterricht beginnt um 9 Uhr, die Stunden
dauern 45 Minuten, und es gibt einmal zehn Minuten Pause. Von 12.30 Uhr bis 13.15 Uhr ist Mittagspause, dann wieder Unterricht bis 15.30 Uhr. Nach dem
Unterricht m&uuml;ssen wir das Klassenzimmer putzen. Dann komme ich nach Hause, mache Hausaufgaben und esse zu Abend. Danach muss ich ins Hagwon, wo ich
angefangen habe, die Aufnahmepr&uuml;fung f&uuml;r die Oberschule vorzubereiten, von 19.30 bis 23.30 Uhr.

Mehr als die Sch&uuml;ler w&uuml;nschen die Eltern einen guten Schulabschluss f&uuml;r ihre Kinder. Darum besuchen rund 70 Prozent aller Sch&uuml;ler noch den Sonderunterricht
im Hagwon. Das Ziel aller sind die "Sky-Unis": Das sind die Seoul National University, die Koryo- und die Yonsei-University. Die strahlen wie die Sterne am
Himmel. Genauso schwer wie die Sterne vom Himmel zu pfl&uuml;cken ist es auch, dahinzukommen. Alles, was man von der Grundschule an tut, h&auml;ngt unmittelbar mit
diesem Ziel zusammen. In der koreanischen Schule gibt es Sommer- und Winterferien. Die Winterferien sind l&auml;nger, weil dadurch Energie gespart wird. In dieser
Zeit besucht man aber weiter das Hagwon, wo man dann ziemlich viele Hausaufgaben bekommt.

Im &uuml;berv&ouml;lkerten Seoul gibt es praktisch keine Orte, wo man draußen spielen kann. Darum verbringen wir das bisschen Freizeit, das wir haben, meistens in der
Spielhalle mit Computerspielen. Oder wir gehen in die Leihbibliothek f&uuml;r Comics, ins Noraebang, wo man zu Playback singen kann, oder Tischtennisspielen. In
Korea haben wir es schwer mit dem Individualismus. Alle lesen die gleichen Comics, tragen die gleiche Schuluniform, gucken das gleiche Fernsehprogramm und
die gleichen Videos, und darum spielen auch alle dasselbe und sehen &uuml;berhaupt alle gleich aus! Wenn man in der Schule etwas anders macht als die anderen
Sch&uuml;ler, gilt man sofort als Außenseiter und Problemkind. Als ich nach Korea zur&uuml;ckkam, fand ich vieles ganz komisch und schrecklich, zum Beispiel, dass die
Lehrer schlagen und Kopfn&uuml;sse verteilen oder dass die Sch&uuml;ler praktisch nicht mit den Sch&uuml;lerinnen reden und dass die Klassen so groß sind. In unserer Klasse
sind wir 50. Alle tragen ein Namensschild. Zuerst dachte ich, dass alle Sch&uuml;ler schrecklich fleißig sind, weil sie alle ins Hagwon gehen, aber langsam merkte ich,
dass viele bloß gehen, weil die Eltern Druck machen und dass es auch viele faule Sch&uuml;ler gibt.

Jetzt habe ich noch 100 Tage bis zur Aufnahmepr&uuml;fung f&uuml;r die Oberschule, und darum war ich heute mit meinen Freunden "einen Trinken". Das geh&ouml;rt zur Sitte,
damit man die Pr&uuml;fung besteht. Dann kommt der Endspurt, und ich muss pauken, bis mir der Kopf raucht. Ich habe oft Alptr&auml;ume. Wenn ich an Deutschland
zur&uuml;ckdenke, dann meine ich, dass dort in der Schule das Paradies war. Das erste, was ich machen w&uuml;rde, wenn ich wieder in Deutschland leben k&ouml;nnte, w&auml;re,
mir eine Punkfrisur schneiden zu lassen. Und dann m&ouml;chte ich gern Zeit haben und schwimmen, schwimmen, schwimmen.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 41-42]

Seoul. Auf dem Weg ins n&auml;chste Jahrtausend

Von Martina Waiblinger

Schumann und Clara heißt das Lokal, das uns anzieht. Es liegt an der vor allem abends turbulenten Universit&auml;tsstraße mitten in Seoul im ersten Stock. Pizza-Inn,
Mac Donalds, Burger King, kleine Kneipen, Discos und Kinos ziehen die Studenten und die jungen erfolgreichen Seouler an. Hier geht es ab. Motorr&auml;der und
Motorroller rauschen durch die breit angelegte Straße, in deren Zentrum Steinskulpturen mit Riesenbr&uuml;sten moderner K&uuml;nstler ausgestellt sind. Sehen und
Gesehenwerden sind hier wesentlich. Die Preise sind auf h&ouml;herem Niveau. Bei Schumann und Clara treffen sich in romantischem Schummerlicht vor allem junge,
auffallend modern und ausgew&auml;hlt gekleidete Paare zum Tete-a-Tete, zum Essen und Musikh&ouml;ren. In der Mitte des Raums steht ein &uuml;berdimensionaler
Fernseher, auf dem Pavarotti, Domingos und Careras ihr Bestes geben. Man sitzt nat&uuml;rlich auf St&uuml;hlen, nicht wie in den traditionellen Restaurants auf Kissen, die
auf dem geheizten Boden liegen. Von gegen&uuml;ber fallen immer wieder die Farbenspiele der Leuchtreklamen ins Schummerlicht. Mein Koreabild wandelt sich hier
schlagartig. In diesem war das Leben von Frau und Mann in Korea getrennt, gingen die M&auml;nner abends alleine aus, w&auml;hrend die Frauen zuhause blieben.

&Auml;hnliche Erlebnisse begleiten einen in Seoul auf Schritt und Tritt. Zwei Gesichter einer Stadt verwirren den Besucher immer wieder: das geschichtliche,
traditionelle und ein elektronisches, westliches, das haupts&auml;chlich von den USA gepr&auml;gt ist. F&auml;hrt man vom Hauptbahnhof in Richtung Rathaus, ist man mitten
drin in einer hektischen, lauten City mit einer 12-spurigen Straße, eingekeilt von den Beton- und Glaspal&auml;sten der Versicherungen, Banken und Hotels. Die
Fahrt f&uuml;hrt zun&auml;chst direkt auf das einst m&auml;chtige Große S&uuml;dtor (Nam Dae Mun) zu, das im 15. Jahundert gebaut wurde und heute mit dem geschwungenen
Dach, den Malereien und den geschnitzten &Auml;ffchen etwas fremd und verlassen wirkt.

Eine 16 km lange Umfassungsmauer und neun Tore hatte die Stadt, die mit der Gr&uuml;ndung der Yi-Dynastie am Ende des 14. Jahrhunderts gebaut wurde. Zu dem
breiten und damals noch schiffbaren Han &ouml;ffnete sich die Stadt. Heute trennt er die alten von den neuen Stadtvierteln und macht immer neue Br&uuml;cken n&ouml;tig. Es
gibt aber auch die ruhigen Oasen, die K&ouml;nigspal&auml;ste, die in großz&uuml;gig angelegten Parks liegen und Zeugnis von der Pracht und der Kultur der konfuzianischen
Herrscher ablegen. Der erste Palast der Yi-Dynastie, den K&ouml;nig Taejo als Amtssitz diente, ist der Kyongbok-Palast, der Palast des gl&auml;nzenden Gl&uuml;cks. Er war so
angelegt, dass der Geist der Bergg&ouml;tter freien Zugang zum Palast und weiter zur ganzen Stadt hatte. W&auml;hrend der Besatzungszeit bauten die Japaner ihren
Regierungssitz direkt vor den Palast, gedacht als Dem&uuml;tigung. Sp&auml;ter wurde dieser Bau als Nationalmuseum genutzt, soll aber in der n&auml;chsten Zeit abgerissen
werden. Mit dem Abbau der Kuppel hat man schon begonnen. Die unz&auml;hligen buddhistischen Tempelanlagen beweisen die vergebliche M&uuml;he der Yi-Dynastie,
den Buddhismus zu verdr&auml;ngen.

Seoul liegt zwischen sieben H&uuml;gel. Man kann sie auch als Berge bezeichnen. Auf einem, dem Namsam, steht der 1975 fertiggestellte Fernsehturm, ein wichtiger
Orientierungs- und Aussichtspunkt. Die Berge sind als Lunge f&uuml;r die 12-Millionenstadt unentbehrlich. F&uuml;r die Seouler Bev&ouml;lkerung haben sie eine starke
Anziehung. Nicht wenige wandern schon in aller Fr&uuml;he hinauf, um an einer der Quellen frisches Wasser in Kanister abzuf&uuml;llen, tief durchzuatmen und einen
erl&ouml;senden Schrei auszustoßen. Die mythische Bedeutung der Berge und Berggeister ist nicht nur f&uuml;r die Schamaninnen nachvollziehbar. Die Luft in der Stadt ist
eher geeignet, die Bewohner krank zu machen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Autos in Seoul fast verf&uuml;nffacht. Endlose Staus und
Parkplatzprobleme geh&ouml;ren zum Alltag. Ungefilterte Autoabgase, Dreck aus der Kleinindustrie und die Angewohnheit, den M&uuml;ll teilweise gleich am eigenen Herd
zu verbrennen, verd&uuml;stern Seoul oft mit einer ungesunden Smogwolke.

Seoul hat in den letzten 20 Jahren rasante Ver&auml;nderungen erlebt, die sich in den Menschen, den Bauwerken, im Angebot und im Selbstbewusstsein &auml;ußern. Die
Stadt, nach dem Bruderkrieg 1953 stark zerst&ouml;rt, hat ehrgeizige Anstrengungen auf sich genommen, Wirtschaft, Ausbildung und Technologie zu entwickeln. Ein
altes koreanisches Sprichwort lautet: "Hast Du ein Pferd, so schick? es nach Cheju, hast du aber einen Sohn, so schick? ihn nach Seoul." Auf der Insel Cheju
gibt es das beste Gras, in der Hauptstadt dagegen die besten Schulen, Universit&auml;ten und Ausbildungsm&ouml;glichkeiten. Tausende studieren an den 70 Hochschulen
und wollen sp&auml;ter m&ouml;glichst hier auch arbeiten. Das bringt zu dem Verkehrsproblem ein immenses Wohnungsproblem.

In nur acht Jahren wurden in S&uuml;dkorea &uuml;ber 3,5 Millionen neue Wohnungen f&uuml;r ca. 25% der Gesamtbev&ouml;lkerung gebaut. Wohnungen heißt hier Apartmentblocks,
die &uuml;berall wie Pilze aus dem Boden schießen. F&uuml;r die meisten immer noch ein Zeichen von Fortschritt. Dass die bauliche Qualit&auml;t nicht immer die beste ist und
manchmal auch auf Sand gebaut wird, zeigte der Kaufhauseinsturz im Sommer 1995, der vielen Menschen das Leben kostete. Dass mit ihnen auch ein St&uuml;ck
Kommunikation verloren gegangen ist, die in den niedrigen, engen traditionellen H&auml;usern mit den geschwungenen D&auml;chern selbstverst&auml;ndlich war, wird erst
langsam bewusst. Die Schamaninnen ziehen sich in die wenigen alten Viertel zur&uuml;ck. Ihre Trommeln, ihre Gongs, die sie f&uuml;r ihre Rituale und die Ekstase
brauchen, passen nicht in die Hochhausatmosph&auml;re. Gebraucht werden diese Priesterinnen immer noch.

Ein besonderer Bauboom wurde 1988 durch die Olympiade ausgel&ouml;st. Die ersten neun Linien der U-Bahn, neue Straßen und Br&uuml;cken wurden damals gebaut
und viele Slumgebiete mussten riesigen Hochhausvierteln weichen. Seoul sollte nicht den Eindruck einer Dritte-Welt-Metropole machen. Die Stadtverwaltung
verbannte damals auch einen Teil der fliegenden Straßenh&auml;ndler aus dem Zentrum und verbot das Singen in den traditionellen Trinkstuben. Ein Verlust f&uuml;r die,
die nach einem endlos langen Arbeitstag ihren Frust heruntersp&uuml;len und hinaussingen wollten. F&uuml;r die Jungen gibt es Ersatz: bald an jeder Ecke findet man
einen Karaoke-Schuppen - das Singen mit Play Back geh&ouml;rt zu den besonders gesch&auml;tzten Freizeitbesch&auml;ftigungen der Jugendlichen. Außerdem wurden die
Hundefleisch-Gerichte damals aus den Speisekarten der Seouler Restaurants gestrichen, zumindest aber umbenannt.

&Uuml;berwiegen im innersten Zentrum der Stadt die fast uniformierten B&uuml;romenschen, die mit Aktentaschen und Handys diszipliniert ihrem gesch&auml;ftigen Alltag
nacheilen, lockert sich das Straßenbild in den angrenzenden Stadtvierteln auf. Straßenh&auml;ndler mit ihren St&auml;ndchen auf R&auml;dern verkaufen Erdn&uuml;sse, Obst, kleine
in Fett ausgebackene s&uuml;ße oder salzige Krapfen und Trockenfische, Wahrsager bieten ihre gern in Anspruch genommenen Dienste an, Alte kratzen
Kaugummireste von den U-Bahnunterf&uuml;hrungen und bekommen hier noch etwas Geld vom Staat. Auf den Balkons und in den Hinterh&ouml;fen stehen die Tont&ouml;pfe f&uuml;r
den Kimchi, mit Gew&uuml;rzen eingelegter Chinakohl, der jede ?normale? koreanische Mahlzeit begleitet, die aus Reis und Suppe besteht und je nach dem mit
Fleisch oder Fisch angereichert wird. Manchmal kann man hier und da eine Frau oder einen &auml;lteren Mann entdecken, die die traditionelle Kleidung, den Hanbok,
tragen. Die Frauen haben weiße oder ganz farbenfrohe lange Gew&auml;nder, die M&auml;nner Pumphosen in dezenten Farben und eine schwarze oder farbige Weste. An
den wichtigen Feiertagen, die nach dem Mondkalender ausgerichtet sind, wird das Straßenbild bunter, viele sind dann im traditionellen Stil gekleidet. Normal hat
man eher den Eindruck von einer gewissen Uniformit&auml;t. Dies r&uuml;hrt auch daher, dass M&auml;nner keine B&auml;rte tragen, h&ouml;chstens alte Konfuzianer, und dass es als
ungepflegt gilt, mit grauen Haaren auf die Straße zu gehen und so die meisten diesselben schwarzen Haare haben. Nur ganz selten findet man einen aufm&uuml;pfigen
Jugendlichen mit einer kleinen roten gef&auml;rbten Str&auml;hne.

Seoul ist nicht Korea. Auf dem Land findet man keine Mac Donalds und Pizzal&auml;den, keine Handys und keine Karaoke-Schuppen, dort gibt es noch keine
Bierb&auml;uche und keine Konditoreien. Es gibt dort auch weniger Geld und Unterst&uuml;tzung, die Traditionen halten sich l&auml;nger. Aber Seoul gibt vor, wie Korea sein
will.

Was bekannt, aber in der Stadt weniger zu sehen ist, ist Armut. Auch wer arm ist, versucht nach außen einen passablen Eindruck zu machen. Bettler auf der
Straße sieht man selten, sie erscheinen manchmal pl&ouml;tzlich in den U-Bahnen. Blinde und Behinderte kommen durch die W&auml;gen und fordern mehr oder weniger
dezent, was ihnen zusteht. Alte Frauen schieben meterhoch beladene Handkarren mit gestapelten Kartons durch die stark befahrenen Straßen. Sie k&ouml;nnen sich
keine Haarf&auml;rbung leisten, sie tragen Kopft&uuml;cher. Vom Hotel aus konnte ich in einer kleinen Fabrik Frauen beobachten, die die ganze Nacht &uuml;ber geb&uuml;gelt
haben.

In der Nacht, wenn die Bierkneipen, ?H&ouml;fe? genannt, und die Trinkstuben geschlossen haben, wird es in den meisten Vierteln ruhig, der L&auml;rm und die Hektik
ziehen sich zur&uuml;ck, ein Teil der Leuchtreklamen wird irgendwann abgeschaltet. Es sind nur noch die Sterne und die Lichter des Fernsehturms zu sehen und
immer wieder rot beleuchtete Kreuze. Tags&uuml;ber fast unsichtbar, weil sich darunter keine Kirchengeb&auml;ude verbergen, sondern Gemeinden, die oft gerade nur ein
Stockwerk haben. Die Nacht ist kurz f&uuml;r die meisten Bewohner in Seoul, die Arbeitstage sind lang, die Anfahrtswege oft endlos, Urlaub gibt es wenig und
manchmal findet man ganze U-Bahnwaggons schlafend vor.

Und schon hat Seoul eine neue Herausforderung zu meistern: Nachdem die weißen Herren der FIFA sowohl Korea als auch Japan den Zuschlag f&uuml;r den
Worldcup 2002 gegeben haben, sind wieder neue Herausforderungen und Prestigeschlachten zu gewinnen.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 27-30]

Sollal

Neujahrsfest nach dem Mondkalender

Von Martina Waiblinger

Vor Sollal geht es rund. Alle Gesch&auml;fte quellen &uuml;ber von Geschenkpackungen mit bunten Schleifen, auf denen ?Happy New Year? oder dasselbe auf Koreanisch
steht. &Uuml;berall werden Blumen verkauft. Die große Hektik ist ausgebrochen. Es ist wie bei uns vor Weihnachten. Die Frauen m&uuml;ssen einmal wieder beweisen, dass
sie gute Hausfrauen sind, m&uuml;ssen Geschenke und die Zutaten f&uuml;r eine aufwendige Speisefolge besorgen und die Festkleidung, den traditionellen Hanbok
herrichten. Sollal ist das Fest des Neujahrs nach dem Mondkalender. Das zweitwichtigste Familienfest des Jahres. Die Japaner haben w&auml;hrend der
Besatzungszeit den gregorianischen Kalender eingef&uuml;hrt. Deshalb feiert ein Teil der Bev&ouml;lkerung bis heute Neujahr nach dem offiziellen Kalender.

Die Tradition will es, dass die J&uuml;ngeren an diesem Tag den &Auml;lteren den Respekt erweisen. Das hat eine Reisewelle immensen Ausmaßes zur Folge. Es ist v&ouml;llig
unm&ouml;glich, w&auml;hrend dieser drei Tage einen Platz im Flugzeug, Zug oder &Uuml;berlandbus zu bekommen. Alles ist seit Wochen ausgebucht. In den Wartehallen des
Inlandflughafens und des Bahnhofs bietet sich ein buntes Bild. Frauen, Kinder und M&auml;nner, viele im farbenpr&auml;chtigen Hanbok, sind mit kleinem Gep&auml;ck und
Geschenkpackungen auf dem Weg zu den Eltern. Die anderen setzen sich ins Auto. 1996 registriete die koreanische Autobahngesellschaft, dass ca. ein Drittel
der in Seoul registrierten Autos, immerhin &uuml;ber 650 000, die Stadt verlassen haben. Entsprechend lange Staus sind die Folge. Eine seltene Ruhe und
Gelassenheit herrscht in diesen Tagen in Seoul. Bis auf ganz wenige kleine M&auml;rkte und L&auml;den ist jetzt alles geschlossen. Trubel herrscht nur in den Parkanlagen
der K&ouml;nigspal&auml;ste und den Vergn&uuml;gungsparks wie in ?Lotte World? und ?Seoul Land?, wo traditionelle Spiele, Wettk&auml;mpfe und T&auml;nze aufgef&uuml;hrt werden. Voll
sind auch die Friedh&ouml;fe, wo an die verstorbenen Eltern und Ahnen gedacht wird. Ein Anziehungspunkt besonderer Art ist Tong Il-Chung Mang Dae, eine
Gedenkst&auml;tte mit Aussichtsturm in der N&auml;he der entmilitarisierten Zone, eine Autostunde von Seoul entfernt. Mindestens 40 Ferngl&auml;ser sind hier auf Nordkorea
gerichtet, es gibt Filmvorf&uuml;hrungen zum Bruderkrieg, eine Ausstellung und ein Restaurant. 20 000 Menschen sind in diesem Jahr in einem unabl&auml;ssigen Strom mit
den Zubringerbussen hierher gebracht worden. Auf dem Vorplatz steht ein geschm&uuml;ckter Altar in Richtung Norden. Viele verrichten hier die Rituale der
Ahnenverehrung f&uuml;r ihre Verwandten, die in Nordkorea leben oder begraben sind.

Die Jungen scheinen allerdings nicht mehr unter allen Umst&auml;nden bereit zu sein, diese ganze Aktion mitzumachen. Deshalb hat sich 1996 eine Fernsehanstalt
dazu entschlossen, einen unterhaltsamen Lehrfilm zu diesem Thema zu prominenter Sendezeit auszustrahlen. Es wird eine junge, erfolgreiche Familie mit Kind
gezeigt, die beschließt, &uuml;ber die Feiertage zum Skifahren zu gehen, anstatt zu den Gr&auml;bern der Eltern. Die Eltern erscheinen bald als Geister und verderben der
jungen Familie gr&uuml;ndlich den Aufenthalt. Schließlich haben sie ein schlechtes Gewissen und sehen ein, dass man sich nicht so einfach aus der Tradition
herausschleichen kann. Ob solche Filme die Ver&auml;nderungen in einer Gesellschaft letztendlich aufhalten k&ouml;nnen, in der die individuelle Entfaltung immer mehr
Gewicht bekommt, ist sicher fraglich.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 63]

Geteiltes Land - gemeinsame Sehnsucht

Perspektiven f&uuml;r eine Wiedervereinigung

Von Pak Jai Sin

Der sehnlichste Wunsch der Koreaner, noch heute Erben des Kalten Krieges, ist die Wiedervereinigung. Und man schaut nach Deutschland, um L&ouml;sungen zu finden.
Die Autorin, Dr. Pak Jai Sin, kam 1970 nach Berlin. Sie ist eine Wanderin zwischen den Welten Koreas und Deutschlands.

Am 3. Oktober feiert Korea sein mythisch begr&uuml;ndetes Entstehungsjahr 2333 v. Chr., w&auml;hrend man in Deutschland der wiederhergestellten Einheit gedenkt.
Historisch dokumentiert ist Korea als Nation mit einheitlicher Sprache, Kultur und Identit&auml;t seit 688 n. Chr. Umso traumatischer erleben Nord- und S&uuml;dkoreaner die
Teilung ihres Landes, die nun schon 51 Jahre lang anh&auml;lt. Korea stand stets im Spannungsfeld historischer Auseinandersetzungen von Hegemonialm&auml;chten, zum
Beispiel im Chinesisch-Japanischen Krieg 1894/95 und dem Russisch-Japanischen Krieg 1904/05, die Japan beide f&uuml;r sich entscheiden konnte. Im Jahr 1910
annektierte Japan Korea, doch die Befreiung von der japanischen Herrschaft 1945 brachte gleichzeitig das Trauma der Teilung und eines Bruderkrieges (1950
bis 1952). Die Feindseligkeiten zwischen den Regierungen in Nord und S&uuml;d waren so stark, dass die Waffenstillstandslinie erst 1992 zur Friedenszone erk&auml;rt
wurde. Beide Staaten haben sich st&auml;ndig gegenseitig beschuldigt, Korea mit milit&auml;rischen Mitteln vereinigen zu wollen. Solche Schuldzuweisungen sind
innenpolitisch als Druckmittel gegen den politischen Gegner wirksam. Die Armeest&auml;rke im Norden wird mit &uuml;ber einer Million Soldaten angegeben, im S&uuml;den mit
650 000. Sind die Soldaten als Schutz f&uuml;r Menschen da oder dienen sie ideologischen nationalen Interessen? Wer ist aber die Nation - das Volk oder die
Regierungen? Die Herrschenden werden sagen, sie seien beides.

Die Freund- und Feindbilder im geteilten Korea sind durch 50 Jahre lange antikommunistische Erziehung im S&uuml;den und anti-imperialistische im Norden starr
geworden. Wir Koreaner kennen uns nicht mehr. Wir wissen nicht, wie die anderen leben und denken und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Die
Schwarz-Weiß-Malerei, die dem Volk aufgezwungen wurde, kann nur durch einen bedingungslosen Dialog aufgel&ouml;st werden, in dem man ohne Forderungen
sehen lernt und Vertrauen entwickelt. Ein Erfahrungsaustausch im Alltag ist angesagt, um die Sozialisationen, ideologischen &Uuml;berzeugungen und die
sozio-kulturellen Zusammenh&auml;nge verstehen zu k&ouml;nnen. In diesem Bereich geschieht herzlich wenig; ich jedenfalls weiß von keinem solchem Versuch. Es gibt
jeweils nur einseitige politische Konzepte und r&uuml;cksichtslose Interessenpolitik, die kaum in handlungsf&auml;hige politische Schritte umzusetzen sind. Vor allem gilt es,
die Freund- und Feindbilder abzubauen, so wie es im SED-SPD-Dialog &uuml;ber "den Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" in den 80er Jahren in
Deutschland geschehen ist. Doch sieht Nordkorea diesen Dialog mit anderen Augen: Der Verfall der SED und der DDR sei durch den Westen herbeigeredet
worden. Der Zusammenbruch sozialistischer L&auml;nder und die Suche nach neuen Wegen erzeugen Angst in Nordkorea. Der S&uuml;den muss deshalb Maßnahmen
anbieten, die die Angst aufl&ouml;sen kann. Die DDR sei der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu dogmatisch gefolgt und habe die Anregungen des großen
nordkoreanischen F&uuml;hrers Kim Il Sung nicht h&ouml;ren wollen, kommentiert Li Jong Pil den Zusammenbruch. In Seoul behauptet man, S&uuml;dkorea k&ouml;nne bald ein
Wirtschaftsriese sein. Beide Seiten bewerten sich selbst &uuml;berheblich.

Wirtschaftsbeziehungen sind ungeheuer schwierig. Der Handel zwischen beiden L&auml;ndern l&auml;uft &uuml;ber Hongkong und Singapur. Es gibt keinen Postaustausch, keine
Telefonverbindungen, keine Verwandtenbesuche. Der Besuch von Ahnengr&auml;bern an Feiertagen ist untersagt. Das ist in der koreanischen Tradition absolut
piet&auml;tlos. Anders war es in den deutsch-deutschen Beziehungen. Hier gab es innerdeutschen Handel ohne internationale Zollgeb&uuml;hr. Wir Koreaner m&uuml;ssen uns
fragen, wie sich der gewaltlose Vereinigungsprozess von Ost- und Westdeutschland im Rahmen der weltpolitischen Ver&auml;nderungen seit 1989 vollzogen hat. Wer
spielte dabei eine Rolle? Was ist erreicht und was vers&auml;umt worden? Erste Analysen von Oppositionsgruppen in der Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung
der DDR lassen erkennen, wie wichtig die Frage nach einer Typologie der ostdeutschen Widerstandsgruppen war und wie wichtig sie noch im gegenw&auml;rtigen
Umbildungsprozess ist. Hier k&ouml;nnten sich f&uuml;r Korea wesentliche Forschungshypothesen ergeben, die empirisch differenziert werden k&ouml;nnten. Dazu muss man die
Interessenpolitik der Großm&auml;chte China, Japan, Russland und der USA kritisch im Auge behalten.

Was kann Korea selbst zu einer friedlichen Wiedervereinigung beitragen?

Nordkorea schl&auml;gt einen konf&ouml;derativen Staat vor: ein Volk, zwei Nationen, zwei Regierungen und zwei gesellschaftliche Systeme und zeigt hierin eine gewisse
Flexibilit&auml;t. S&uuml;dkorea beg&uuml;nstigt ein nationales Referendum, um zur Wiedervereinigung zu kommen. Jedoch w&auml;re Nordkorea mit seinen 22 Millionen im Nachteil
gegen&uuml;ber S&uuml;dkorea mit 55 Millionen. S&uuml;dkorea k&ouml;nnte den Norden wirtschaftlich &uuml;berrennen. Dies widerspricht dem innerkoreanischen Abkommen vom 4. Juli
1972, das eine Einigung auf der Grundlage nationaler Solidarit&auml;t vorsieht. S&uuml;dkorea k&ouml;nnte, wie schon vorgeschlagen, seine kapitalistischen Strukturen durch die
Einf&uuml;hrung eines sozialen Wohlfahrtssystem abmildern und so einen Angleichungsprozess erleichtern. Eine nationale Solidarit&auml;t kann aber nur zustandekommen,
wenn die Koreaner ein realistisches Bild voneinander entwickeln und die kritischen Potentiale nutzen, um in den eigenen Lebensbereichen einen
Demokratisierungsprozess einzuleiten. Hier k&ouml;nnten vor allem die partizipatorisch orientierten NGO?s eine Rolle spielen.

Zun&auml;chst muss eine friedliche Koexistenz mit demokratischen Prinzipien, die von den Betroffenen getragen sind, erreicht werden. Friedliche Koexistenz heißt: zu
einer klaren gemeinsamen Definition der Menschenrechte zu kommen; sich zu verpflichten, sich nicht gegenseitig in die inneren Angelegenheiten einzumischen;
beiden Seiten die F&auml;higkeit zu friedlicher Koexistenz zuzusprechen und die Kr&auml;fte zu f&ouml;rdern, die die Vereinigung ohne Gewalt herbeif&uuml;hren wollen. Das geteilte
Korea kann einiges aus der Wiedervereinigung Deutschlands lernen, auch wenn direkte Vergleiche nicht m&ouml;glich sind; denn Korea ist kein Sozialstaat. Doch
lehrt der Transformationsprozess in den neuen Bundesl&auml;ndern, dass man neben &ouml;konomischen und strukturellen Problemen auch die sozialpsychologischen und
sozio-kulturellen Gegebenheiten in eine Analyse einbeziehen muss. Wichtig sind die zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz und in kulturellen
Kontakten wie Theater, Kino, Fernsehen, Feste und Forschungen.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 50-51]

&Ouml;konomisch auf Erfolgskurs

Wie S&uuml;dkorea zum kleinen Tiger wurde

Von Kim Jin-Woong



Seit den 60er Jahren erlebte S&uuml;dkorea eine rasante Wirtschaftsentwicklung. Die Regierung setzte auf exportorientierte Industrialisierung. Dabei wurden die L&ouml;hne
mit Gewalt niedrig gehalten, die Gewerkschaften weitgehend ausgeschaltet. Andererseits ist das Bruttoinlandprodukt in nur drei Jahrzehnten um das Hundertfache
gestiegen ist - eine Leistung, die das Volk erbracht hat.



Besuch in einer Textilfabrik in den 90er Jahren. Hier werden Seidenstoffe verarbeitet. Beim Betreten einer der Fabrikhallen wirft uns der L&auml;rm der 50
Webmaschinen fast wieder zur&uuml;ck. Frauen arbeiten hier - ohne Ohrenschutz. Wie sie das den ganzen Tag aushalten? Nun ja, sagt eine, das m&uuml;sse sie; mit
Ohrenschutz k&ouml;nne sie die Ger&auml;usche ihres Webstuhls nicht &uuml;berwachen. Dabei verhaken sich die Webst&uuml;hle leicht, und die Frauen m&uuml;ssen schnell eingreifen.
Die Nachfrage auf der Chefetage ergibt eine besch&ouml;nigende Antwortvariante. Ohrenschutz? Selbstverst&auml;ndlich, aber die Frauen seien halt so nachl&auml;ssig. Der
Aufstieg des Landes zu einem der vier "kleinen Tiger" Ostasiens - Hongkong, Singapur, Taiwan und S&uuml;dkorea - begann in den 60er Jahren mit der
Textilindustrie. Das war noch zehn Jahre fr&uuml;her unvorstellbar. Nach dem Koreakrieg (1950-1953) war die Wirtschaft so schwer gesch&auml;digt, dass S&uuml;dkorea ganz
auf die &ouml;konomische Aufbauhilfe der USA angewiesen war. Dann kam das Milit&auml;rregime unter Park Chung Hee. Er &auml;nderte die Wirtschaftspolitik radikal und
machte S&uuml;dkorea w&auml;hrend seiner Herrschaft (1961-1979) in weniger als zwei Jahrzehnten zu einem sog. Schwellenland. Schon 1962 legte Park einen
F&uuml;nfjahresplan vor, der auf exportorientierte Industrialisierung setzte. Zun&auml;chst standen arbeitsintensive Produkte der Leichtindustrie - wie eben Textilien - im
Vordergrund. Um g&uuml;nstige Investitionsbedingungen zu schaffen, griff die Regierung in den inl&auml;ndischen Marktmechanismus ein. Wegen geringer L&ouml;hne mussten
die Bauern die Preise f&uuml;r ihre Produkte niedrig halten. Der auf diese Weise erkaufte Erfolg bestand in einem j&auml;hrlichen Wirtschaftswachstum von zehn Prozent.

Textilien sind noch immer im Rennen. Am 15. August 1996 meldete der "Far Eastern Economic Review" einen der seltenen Deals zwischen Nord- und S&uuml;dkorea.
Der s&uuml;dkoreanische Konzern Daewoo und der nordkoreanische Staatsbetrieb Samchonri in der Hauptstadt Pyongyang sind eine Partnerschaft auf einer 50:50
Prozent-Basis eingegangen. Pyongyang hat zehn s&uuml;dkoreanischen Kleidungsingenieuren erlaubt, in der Textilfabrik in Nampo zu arbeiten und zu leben. 13 000
Arbeiter sind f&uuml;r den Textilexport ger&uuml;stet. W&auml;hrend Nordkorea hiermit praktisch die wirtschaftlichen Anf&auml;nge S&uuml;dkoreas nachvollzieht, zeigt S&uuml;dkorea in diesem
Deal ein typisches Merkmal industrialisierter L&auml;nder: Auslagerung von Arbeit in Billiglohnl&auml;nder. Der wirtschaftliche Aufschwung wurde durch viele Opfer erkauft.
In den 70er Jahren stand S&uuml;dkorea vor dem Problem eines sich versch&auml;rfenden Konkurrenzkampfs zwischen den Entwicklungsl&auml;ndern auf dem Weltmarkt. So
wurde der dritte F&uuml;nfjahresplan auf die F&ouml;rderung der Schwerindustrie umgestellt. Man konzentrierte sich vor allem auf die Stahl- und Chemieindustrie und
finanzierte sie durch billige Kredite von den internationalen Finanzm&auml;rkten. Von 1971 bis 1979 betrug die j&auml;hrliche Wachstumsrate 10, 5 Prozent. Das
Pro-Kopf-Einkommen stieg von 232 US$ auf 1349 US$ und hatte 1989 den Stand von 3868 US$ erreicht - Folge einer neuen Strategie in den 80er Jahren.

Das Jahr 1993 war f&uuml;r den koreanischen Schiffsbau ein absolutes Erfolgsjahr. Die Werften konnten ihr Auftragsvolumen um 40 Prozent steigern, vor allem auf
Kosten der japanischen Wirtschaft. Die ehemalige Besatzungsmacht in einem Wirtschaftsbereich zu &uuml;berrunden, ist Musik in den Ohren der S&uuml;dkoreaner.
S&uuml;dkorea war immer flexibel und investierte die Gewinne in die jeweils neuen Technologien. Im Jahr 1991 betrugen die Gesamtausgaben f&uuml;r
Technologieforschungen und -entwicklungen 5,5 Milliarden US$. Dabei spielten das staatlich eingerichtete "Koreanische Institut f&uuml;r Wissenschaft und
Technologie" und in folgenden Jahren auch die 1992 fertiggestellte "Daedok-Wissenschaftsstadt" eine große Rolle. Hier besch&auml;ftigt man sich mit Elektro- und
Nachrichtentechnik, industrieller Chemie, Halbleitersystemen und ist gerade dabei, sich auf die Gebiete von Biotechnologie, alternativer Energie, Meeres- und
Luftfahrttechnologie vorzuwagen. Innerhalb der letzten zehn Jahre (1985-1995) verf&uuml;nffachte sich das Bruttoinlandprodukt von 94 Milliarden US$ auf 456
Milliarden. In drei Jahrzehnten ist es um das Hundertfache gestiegen. Auf der Strecke blieb dabei vor allem die oft hoch verschuldete, f&uuml;r ihre Produkte schlecht
bezahlte b&auml;uerliche Bev&ouml;lkerung. Jahr f&uuml;r Jahr gibt es h&ouml;here Abwanderungsquoten in die Ballungsr&auml;ume. Auf der Strecke blieben auch die st&auml;dtischen Armen,
die kaum Zugang zu Bildungschancen haben. Andererseits muss man deutlich sagen, dass im gleichen Zeitraum die Zahl der Arbeitslosen von vier auf zwei
Prozent gesunken ist. Der Anteil erwerbst&auml;tiger Frauen ist konstant gestiegen und betrug 1995 rund 48 Prozent. Die Arbeitszeiten f&uuml;r Lohnarbeiter und
Lohnarbeiterinnen sind immer noch gnadenlos. 1995 betrug die Wochenarbeitszeit 48 Stunden, vier Stunden weniger als im Jahr 1985.

S&uuml;dkorea versteht es meisterlich, sich auf dem Weltmarkt durchzusetzen und gleichzeitig die eigene Industrie zu sch&uuml;tzen. Seoul d&uuml;rfte die einzige Hauptstadt der
Welt sein, in der kein japanisches Auto auf den Straßen zu sehen ist. Es besteht ein absolutes Importverbot f&uuml;r die ostasiatische Konkurrenz. S&uuml;dkoreanische
Autofirmen hingegen lagern Arbeitsbereiche in Billiglohnl&auml;nder aus, nach Iran und Spanien, China, Libyen und Vietnam. Im Kern beruht der Erfolg der
exportorientierten Wirtschaft auf einer engen Verbindung zwischen den großen Industrie- und Handelsfirmen und der Staatsb&uuml;rokratie. Von Anfang an konnte sich
der Einzelunternehmer nach dem Rezept der staatlich geleiteten Wirtschaft entfalten. Die Regierung bot und bietet g&uuml;nstige Kredite und andere &ouml;konomische
Anreize. So wurden die Firmen f&uuml;r die Entwicklungsvorhaben der Regierung gewonnen und mobilisiert. Dabei ist ein Problem nicht zu &uuml;bersehen. Der Staat f&ouml;rdert
Großbetriebe und vernachl&auml;ssigt Klein- und Mittelstandsunternehmen. Deshalb spielen die großen Mischkonzerne wie Samsung, Hyundai, Lucky-Goldstar auf
allen gesellschaftlichen Ebenen eine entscheidende Rolle.

Trotz unglaublicher wirtschaftlicher Expansion steht der "kleine Tiger" S&uuml;dkorea vor verschieden gearteten Schwierigkeiten. F&uuml;r die Energieversorgung hat die
Regierung auf Kernkraftwerke gesetzt. Derzeit gibt es zehn Kernkraftwerke, weitere zehn sind geplant. Ein großer Teil dieser Kernkraftwerke liegt in den H&auml;nden
ausl&auml;ndischer Investoren, da sie mit Krediten finanziert werden und bestimmte Rohmaterialien teuer vom Ausland eingekauft werden mussten. Die im Land
erzielten Gewinne fließen &uuml;berwiegend wieder ab. Die L&ouml;hne in der Industrie sind niedrig; Arbeiter und Arbeiterinnen haben verh&auml;ltnism&auml;ßig wenig Anteil am
Wirtschaftsaufschwung. Der Unmut, vor allem in den unteren Gesellschaftsschichten, w&auml;chst. Billigexporte aus Entwicklungsl&auml;ndern, insbesondere aus China,
zwingen manche Firmen, ihre Produktion auf Kosten der Arbeitskraft zu automatisieren. S&uuml;dkorea ist kein Billiglohnland mehr. Es ist wegen all dieser Faktoren
damit zu rechnen, dass sich der Wirtschaftsaufschwung nicht in dem Tempo fortsetzen kann wie bisher. Bei der Wirtschaftsentwicklung muss S&uuml;dkorea vor allem
das soziale Gef&auml;lle noch mehr abbauen und es gleichzeitig schaffen, seine Wettbewerbsf&auml;higkeit auf dem Weltmarkt durch Innovationen und st&auml;ndige
Qualit&auml;tsverbesserung zu behaupten.

[Quelle: EMS, L&auml;nderheft S&uuml;dkorea, 1996, S. 36-38]

Comfort women - Zwangsprostituierte der japanischen Armee 1933-1945

Von Gisela K&ouml;llner, EMS-Ostasienreferat





Der Hintergrund dieses Textes ist ein besonders trauriges Kapitel koreanischer Frauengeschichte.

Von 1910 bis 1945 war die koreanische Halbinsel eine japanische Kolonie. Auch die Mandschurei und Formosa waren unter japanischer Kontrolle. Weitere
Expansionsw&uuml;nsche Japans zeigten sich in den chinesisch-japanischen Kriegen. Am 7.12.1941 trat Japan durch die Bombardierung von Pearl Harbour aktiv in
das Geschehen des Zweiten Weltkrieges ein. Seine Armee stand in der Folge an Kriegsfronten im gesamten s&uuml;dostasiatischen und pazifischen Raum.

Fast 50 Jahre nach Kriegsende meldeten sich nach entsetztem und besch&auml;mtem Schweigen weibliche Opfer der japanischen Kriegsmaschinerie zu Wort, die von
systematischen Vergewaltigungen an allen Kriegsfronten pers&ouml;nlich betroffen waren. Bis zu diesen &ouml;ffentlichen &Auml;ußerungen einiger koreanischer Frauen war
dieses Thema totgeschwiegen worden, und bis heute scheint es schwierig zu sein, Dokumente zu jenen Vorg&auml;ngen w&auml;hrend der Kriegszeit in japanischen
Archiven aufzufinden. Eine Entschuldigung und den Versuch einer Wiedergutmachung f&uuml;r die betroffenen Frauen durch japanische offizielle Stellen zu erwirken,
scheint fast hoffnungslos.

Nach heutigem Wissensstand gab es Zwangsprostituierte an den Einsatzorten japanischer Soldaten sp&auml;testens seit dem Massaker von Nanjing im Jahre 1938,
wahrscheinlich sogar schon viel fr&uuml;her (1933). Da h&auml;ufig Vergewaltigungen durch Mitglieder der japanischen Armee an einheimischen Frauen in den besetzten
Gebieten vorkamen, entstand die Idee, diese gewaltt&auml;tigen &Uuml;bergriffe durch eine systematische "Versorgung" der Soldaten mit Prostituierten zu reduzieren.
Teilweise wurden dazu zun&auml;chst wohl vertragliche Abmachungen mit Japanerinnen aus diesem T&auml;tigkeitsbereich getroffen. Um jedoch einer raschen Ausbreitung
von Geschlechtskrankheiten vorzubeugen und eine große Anzahl von Frauen an die Fronten bringen zu k&ouml;nnen, kam es zur großangelegten Verschleppung
nichtprofessioneller Frauen aus den von Japan besetzten L&auml;ndern. Vom 23.8.1944 existiert sogar eine offizielle Anweisung des Tennos Hirohito pers&ouml;nlich &uuml;ber
die Rekrutierung koreanischer Frauen f&uuml;r japanische Bordelle.

Teilweise wurden die Frauen durch falsche Arbeitsvertr&auml;ge als "W&auml;scherinnen" oder "K&ouml;chinnen" angelockt, zum Teil aber auch gewaltsam aus ihren D&ouml;rfern
und von ihren Familien weg entf&uuml;hrt. H&auml;ufig waren Schulm&auml;dchen (zum Teil nur 12-15 Jahre alt) betroffen. Hauptherkunftsland war Korea, (circa 80% der
Frauen), aber auch tausende von Chinesinnen, Taiwanesinnen, Philippinas, Indonesierinnen und im damaligen Niederl&auml;ndisch-Ostindien lebende
Holl&auml;nderinnen wurden zwangsweise missbraucht. Betroffen waren also in erster Linie Frauen aus L&auml;ndern, die von Japan besetzt waren, aber auch aus all
jenen L&auml;ndern, die im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges von der japanischen Kriegsfront ber&uuml;hrt wurden. Sch&auml;tzungen gehen davon aus, dass circa 120 000
Frauen durch irref&uuml;hrende Arbeitsvertr&auml;ge in die Bordelle gelockt und dort eingesperrt wurden, und dass ungef&auml;hr 80 000 Frauen zwangsrekrutiert wurden. Es ist
davon auszugehen, dass viele Frauen an Krankheiten und Entbehrungen starben. Wurden sie beim Fluchtversuch gefasst oder mit Geschlechtskrankheiten
infiziert, drohte die Ermordung. Ihre Bezahlung erfolgte in japanischer Milit&auml;rw&auml;hrung, die nach Kriegsende wertlos war. Ein Großteil der Frauen ging wohl 1945
aus gesellschaftsbedingten Gr&uuml;nden nicht in die Heimat zur&uuml;ck oder w&auml;hlte den Selbstmord (im konfuzianisch-strengen Ostasien wurde Vergewaltigung als
Schande f&uuml;r die Frau und als Scheidungsgrund betrachtet). Die dennoch zur&uuml;ckkehrten, versuchten, ihre Namen zu &auml;ndern und ihren Lebenslauf zu
verheimlichen. Die Lebensperspektiven dieser Frauen waren extrem beeintr&auml;chtigt.

Erste &ouml;ffentliche Meldungen &uuml;ber diesen Akt der Missachtung jeglicher Menschenw&uuml;rde kursierten ab 1991 in der internationalen Presse. Zu diesem Zeitpunkt
hatten sich drei koreanische Frauen entschlossen, ihr Schweigen zu beenden und die Greueltaten der Kriegszeit &ouml;ffentlich vorzutragen. Seitdem haben sich
&Uuml;berlebende aus vielen ost- und s&uuml;dostasiatischen L&auml;ndern gemeldet, deren Anklagen vereinzelt durch die Aussagen m&auml;nnlicher japanischer T&auml;ter best&auml;tigt
wurden. Japanische offizielle Stellen reagierten auf diese Ver&ouml;ffentlichungen zun&auml;chst mit der Behauptung, die Bordelle seien damals von privaten Firmen
betrieben worden, und milit&auml;rische Beh&ouml;rden h&auml;tten nichts mit jenen Vorg&auml;ngen zu tun gehabt. M&uuml;hsame Suchaktionen verschiedener Interessierter in
japanischen Archiven f&ouml;rderten kaum Unterlagen zu den damaligen Vorkommnissen zutage, aber immerhin musste inzwischen offiziellerseits die Beteiligung des
Milit&auml;rs am Betrieb der Bordelle zugegeben werden. Die Tatsache der zwangsweisen Verschleppung und Vergewaltigung der Frauen wurde jedoch erst gegen
Ende des Jahres 1992 best&auml;tigt, angeblich waren zuvor keine Dokumente aufzufinden gewesen, und Zeugenaussagen allein betrachtete man wohl als
ungen&uuml;gendes Beweismittel. Lange Zeit verharrte die japanische Regierung dann auf der Position, dass eine individuelle Entsch&auml;digung der betroffenen
&Uuml;berlebenden nicht in Frage k&auml;me, da alle Forderungen bereits durch den bilateralen Friedensvertrag zwischen Japan und S&uuml;dkorea von 1965 geregelt worden
seien.

Die bislang ermittelten &Uuml;berlebenden aus unterschiedlichen L&auml;ndern (u.a. Korea, Philippinen, Taiwan, Indonesien, Burma, Malaysia) fordern eine offizielle
Entschuldigung und eine Entsch&auml;digung von der japanischen Regierung. Offizielle staatliche Stellen dieser L&auml;nder hatten sich zun&auml;chst mit Forderungen an
Japan zur&uuml;ckgehalten (m&ouml;glicherweise bestanden Bef&uuml;rchtungen, durch &ouml;ffentliche Anklage japanische Entwicklungshilfegelder zu verlieren). Dagegen hat sich
die koreanische Regierung bereit erkl&auml;rt, den Opfern sofort eine Entsch&auml;digung auszubezahlen. Von Tokyo wird eine umfassende Aufkl&auml;rung jener
Kriegsereignisse verlangt.

Auch heute, wird von japanischer Seite nach wie vor jegliche offizielle Entschuldigung und jede Entsch&auml;digung der &Uuml;berlebenden abgelehnt. In Japan wurden
private Spenden gesammelt, mit dem Ziel, aus diesem Fonds ein "Trostgeld" an die ehemaligen "comfort women" zu bezahlen. Heftige Proteste begleiten diese
Initiative, die als Ablenkungsman&ouml;ver zu einer tats&auml;chlichen japanischen Entschuldigung betrachtet wird. Frauengruppen haben inzwischen Verfahren vor dem
Internationalen Gerichtshof in Den Haag angestrengt, um auf diesem Wege eine offizielle Reaktion der japanischen Regierung zu erzwingen.





Spenden f&uuml;r Initiativen zur Unterst&uuml;tzung &uuml;berlebender Frauen k&ouml;nnen &uuml;berwiesen werden unter dem Stichwort "Korea-comfort women" an das Evangelische
Missionswerk in S&uuml;dwestdeutschland, Kontonummer 124 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft eG Stuttgart, BLZ 600 606 06.

[Quelle: EMS, Streiflicht Korea, Juli 1996]









</table>

Backward Forward Post Reply List