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Ueber das Land Korea





Ueber das Land Korea

http://www.ems-online.org/_texte/korea/

Ein geteiltes Land, reich an Kontrasten

Von Gisela Köllner

Millionenstädte und Bauerndörfer

Die koreanische Halbinsel, im äußersten Osten Asiens zwischen Pazifischem Ozean und Gelbem Meer gelegen, entspricht mit einer Gesamtgröße von rund 220
000 km2 in etwa der Fläche der alten Bundesländer in Deutschland. Seit 1948 ist diese naturräumliche Einheit politisch zweigeteilt. Der nördliche Teilstaat, die
Demokratische Volksrepublik Korea, auch Nordkorea oder Choson genannt, grenzt entlang des Flusses Yalu an die Volksrepublik China. Eine kommunistische
Regierung unter KIM Jong-Il sorgt für eine starke Weltabgeschlossenheit Chosons. Nur wenige Informationen über Nordkorea mit seinen 23 Mio. Einwohnern
erreichen die internationale Öffentlichkeit. Der südliche Teil der Halbinsel wird eingenommen von der Republik Korea, auch als Südkorea bezeichnet, in der
Landessprache als Taehan Minguk. Auf einer Fläche von rund 100.000  qkm leben 44 Mio. Menschen, 440 Personen pro qkm. (Zum Vergleich: in Deutschland
ist die Bevölkerungsdichte nur halb so hoch).

In diesem Streiflicht soll das Land Südkorea vorgestellt werden. Ein Land mit Millionenstädten, Industrie und rasantem Wirtschaftswachstum, aber auch mit langer
Geschichte, lebendigen Traditionen und schönen Landschaften. In sechs Millionenstädten konzentriert sich die Hälfte der Landesbevölkerung (in Seoul, Pusan,
Taegu, Inchon, Kwangju und Taejon). Nur noch º der Südkoreaner leben in Dörfern. Industrie und Universitäten sowie ein wachsender Dienstleistungssektor
bewirken eine Abwanderung aus den bäuerlichen Dörfern und eine schnelle Zunahme der städtischen Bevölkerung. Durch eine rasche Industrialisierung seit den
60er Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation der Menschen auch soweit verbessert, daß zunehmend eine Freizeitgesellschaft entsteht, in der die jüngere
Generation traditionelle Werte in Frage stellt. So existieren heute kleine, einfache Bauerndörfer und eine moderne Weltstadt wie Seoul in direkter Nachbarschaft.
Der weitere Entwicklungsprozess dieses Landes wird von seinen Menschen noch viel an Offenheit für Veränderungen abverlangen.

Faszinierende Bergwelt im Osten, Landwirtschaft und Industrie im Westen

Korea wird häufig als die "Schweiz Asiens" bezeichnet. Dafür sorgt eine abwechslungsreiche Bergwelt, die im Osten der Halbinsel auf Höhen von fast 2000 m
ansteigt, in Nordkorea noch höher. Ähnlich wie der Schwarzwald entlang unseres Oberrheingrabens ragen hier Bruchstellen aus der Kontinentalplatte. Nach
Osten hin bricht diese Platte steil ins Japanische Meer hinein ab. Vor allem im Bereich dieser Bergwelt sind in Südkorea viele Nationalparks mit herrlichen
Wandermöglichkeiten ausgewiesen. 7,6% der Landesfläche sind Naturschutzgebiete. In dieser Zurückgezogenheit finden sich viele buddhistische Tempel, die
während der Zeit der YI-Dynastie (1392-1910) mit konfuzianistischer Ausprägung in den Städten nicht gern gesehen waren.

Gegen Westen wird die Landschaft flacher - so wie auch unser Schwarzwald langsam in die Gäuflächen übergeht. Hier gibt es geeignete Ebenen für
Landwirtschaft, aber auch für Industrieansiedlungen und große Städte, und so spielt der Westen des Landes wirtschaftlich eine bedeutende Rolle. Auf jeder
kleinen, geeigneten Fläche werden Reis, Sesam und Peperoni angebaut, daneben viele weitere Gemüsearten und auch die wertvolle Ginsengwurzel. In der
Umgebung der Städte schießen Neubausiedlungen wie Pilze aus dem Boden, und weite Industrieareale sind Zeugen der raschen Wirtschaftsentwicklung des
Landes.

Im Süden ist die Insel Chejudo ein rein vulkanisches Eiland, das stark durch Landwirtschaft und Tourismus geprägt ist.

Brückenland zwischen Großmächten

Im Laufe seiner Geschichte wurde das Land häufig Opfer seiner Lage zwischen den beiden Mächten China und Japan. Zwar kamen über die Halbinsel viele
kulturelle Neuerungen aus Asien, aber auch kriegerische Heere. Und für Japan stellte Korea ein Sprungbrett auf den asiatischen Kontinent dar. Trotzdem hat das
Land eine sehr eigene Kulturentwicklung erlebt, mit rein koreanischer Sprache und Schrift, eigener Literatur, Malerei, Töpferei und Musik.

Nach mythologischer Vorstellung im Jahre 2333 v. Chr. durch den Göttersohn Tangun gegründet, gibt es Funde einer menschlichen Besiedlung bereits aus der
Zeit um 800 000 v.Chr. Um 500 nach Chr. existieren auf der Halbinsel drei Königreiche: Koguryo im Norden, Paekche im Südwesten und Silla im Südosten. Es
gelangt Silla, seinen Machteinfluß über alle Königreiche auszudehnen. Die Hauptstadt des Sillareiches, Kyongju, ist eine Stätte bedeutender Tempel und
archäologischer Funde und gilt als eine der 10 bedeutendsten historischen Anlagen der Menschheit.

Von 918-1392 wird das Schicksal des Landes durch die Koryo-Dynastie bestimmt. Ein Lehenssystem und die buddhistische Religion prägen das Leben der
Menschen.

Ab 1392 bis 1910 hatte die YI-Dynastie das Sagen im Lande, deren konfuzianische Haltung bis heute Nachwirkungen auf das Leben hat. 1905 wird Korea
japanisches Protektorat, von 1910-1945 japanische Kolonie. Diese Zeit bringt viel Leid und Unterdrückung über das Volk, vom Verbot der Sprache und der
koreanischen Namen bis hin zur Zwangsverschleppung koreanischer Männer und Frauen, die in der Kriegsindustrie und als Zwangsprostituierte des japanischen
Militärs schrecklich ausgenutzt wurden.

Ein Brudervolk - zwei politische Systeme

Mit der Kapitulation Japans endet für Korea nicht nur der 2. Weltkrieg, sondern auch die japanische Kolonialherrschaft. Auf internationalen Konferenzen wird in
der Folge heftig über die Zukunft des Landes debattiert und eine sowjetisch-amerikanische Treuhandschaft für 5 Jahre beschlossen. Im Norden und Süden der
Halbinsel kommt es zur Bildung von Verwaltungsorganen, und 1948 wird die Republik Korea mit neuer Verfassung im Süden ausgerufen, der rasch die
Proklamation der Volksrepublik Choson im Norden folgt. Mit Beginn des kalten Krieges verschärft sich auch die Trennung der beiden Koreas, und am 25.6.1950
eskaliert die Situation im Koreakrieg. Nordamerikanische, UNO- sowie chinesische Truppen sind an diesem leidvollen Kapitel der koreanischen Geschichte
beteiligt. Das seit 27.7.1953 geltende Waffenstillstandsabkommen bestimmt noch heute die Lage dieses Volkes, das durch die undurchdringlichste Grenze der
Welt geteilt ist.

Zwischen Tradition und Aufbruch

Der Koreakrieg und die Teilung des Landes sind mit dem erlebten Leid und der häufig beschworenen "Gefahr aus dem Norden" für die Menschen und die Politik
bis heute prägende Faktoren in Südkorea. Nach 1953 folgte eine fast ununterbrochene Reihe diktatorischer Regime: YI Sungman 1953-1960; PARK Chung-Hee
1963-1979, in seiner Zeit werden die Weichen für den rasanten Wirtschaftsaufstieg des Landes gestellt; CHUN Doo-Hwan 1980-1987; ROH Tae-Woo
1987-1993 war zwar direkt gewählt, aber ein Kandidat des Militärs. Vom Volk gewählt wurde Präsident KIM Young-Sam 1993, bezüglich Pressefreiheit,
Gewerkschaftsarbeit und anderen demokratischen Strukturen bestehen jedoch noch immer Einschränkungen im Lande. Studenten- und Arbeiterproteste haben
diese Präsidenten begleitet. Am folgenschwersten waren Demonstrationen im Mai 1980, bei denen in der Stadt Kwangju viele Studenten im Kugelhagel ihr Leben
verloren haben. Heute sind in Südkorea allerorten Initiativen für eine weitere Demokratisierung im Lande spürbar. Aber für viele Menschen im Lande ist politische
Freiheit auch mit einer Wiedervereinigung verbunden: erst wenn keine angebliche Gefahr mehr den militärischen Apparat rechtfertigt, kann es persönliche Freiheit
geben.



Zwischen Konfuzius und Bibel - die religiöse Situation im Lande

Über China kam der Buddhismus im 4. nachchristl. Jahrhundert nach Korea, wo er lange Staatsreligion blieb. Erst die YI-Dynastie (1392-1910) erhob den
Konfuzianismus zur bestimmenden Weltanschauung und verbannte die buddhistischen Tempel in abgelegene Bergregionen. Als weiteres religiöses Moment gibt
es die alte koreanische Tradition des Schamanismus. Das Christentum kam erstmals 1784 durch einen koreanischen Gelehrten ins Land, der in China den
Katholizismus kennengelernt hatte. Eine starke Zunahme an christlichen Gemeinden gab es in unserem Jahrhundert, angeregt v.a. durch nordamerikanische
Missionare. Heute sind rund º aller Südkoreaner Christen, 36% Buddhisten, daneben gibt es Anhänger von Schamanismus und Konfuzius, aber auch viele
Konfessionslose. Die christlichen Kirchen kennen eine Trennung zwischen Katholiken (ca. 2 % der Bev.) und Evangelischen (ca. 25%), wobei es eine starke
denominationelle Aufsplitterung unter den evangelischen Gemeinden gibt.

[Quelle: EMS, Streiflicht Korea, August 1996]

Ein halbes Jahrhundert unterdrückt

Die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung

Von Kerstin Sommer

Ein halbes Jahrhundert der Unterdrückung - und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Schon kurz nach der Entstehung der ersten Gewerkschaft in den 40er Jahren
wurde sie von der Regierung als pro-kommunistisch verboten und durch eine regierungshörige Gewerkschaft ersetzt. Seit Südkorea auf Export setzt und
wirtschaftlich erstarkte, stieg die Zahl der Arbeiter, vor allem in der Textilbranche, enorm an. In diesem wichtigen Industriezweig sind Frauen in der Mehrzahl.
Landflucht und Verstädterung führten schnell zur Bildung einer Arbeiterklasse. Ein politisches Wir-Gefühl entwickelte sich erst allmählich, da sich die
Industrialisierung zu rasch vollzog. Erst die Selbstverbrennung des Textilarbeiters Chun Te Il im Jahr 1971 leitete den Kampf für bessere Arbeitsbedingungen ein.
Kirchen und Intellektuelle setzten sich für dieses Ziel ein. Die Studenten, die bisher primär für Demokratisierung gekämpft hatten, nahmen sich jetzt auch der
Arbeiterfrage an. Sie informierten in sog. Arbeiterschulen Menschen über ihre Rechte. Die städtische Industriemission (UIM) und die katholische Arbeiterjugend
(JOC) stärkten die nicht-staatlichen Gewerkschaften durch Ausbildung von Aktivisten. Diese Institutionen waren ein wesentlicher Rückhalt für die Bewegung und
die einzigen, bei denen sich die Arbeiter ohne Gefahr versammeln konnten. Kirchliche Räume tastete die Regierung nicht an, obwohl sie die UIM verbal als
"kommunistische Organisation" attackierte. Die Unterstützung der Studenten machte die Arbeiter mutiger. Auf Demonstrationen reagierte die Regierung mit
Brutalität. Im Katastrophenjahr 1980 tötete das Militär Hunderte von Zivilisten bei einer Demonstration in Kwangju. Doch gerade diese Tragödie gab der
Gewerkschaftsbewegung neuen Auftrieb. Studenten initiierten Arbeiteraufstände. Neue demokratische Gewerkschaften wurden ins Leben gerufen, die ihre legale
Anerkennung forderten. Die Kooperation von studentischen Aktivisten und Arbeitern führte zu einem "verkleideten" Arbeiterphänomen. Studenten bewarben sich
als Arbeiter, um die Bewegung zu unterstützen. Allein 1985 wurden 160 dieser "verkleideten" Arbeiter verhaftet. Einen weiteren Schub erlebte die
Arbeiterbewegung 1987. In diesem Jahr kam der Student Park Chong Chol durch Polizeifolter ums Leben. Eine neue Welle von Streiks folgten: Vor 1987
registrierte man rund 200 Arbeiteraufstände pro Jahr, nach 1987 waren es 3700. Erstreckten sich die Forderungen der Arbeiter bisher auf Lohnerhöhungen und
bessere Arbeitsbedingungen - Korea hat bis heute die höchste registrierte Arbeitsunfallrate - , so kamen nun Forderungen nach der Autonomie von
Gewerkschaften, Reform der Arbeitsgesetze und Teilhabe am Management dazu. Ein Jahr vor der Olympiade in Seoul (1988) lockerte die Regierung ihren harten
Kurs gegenüber den freien Gewerkschaften, kehrte aber schon 1989 zum gewohnten Stil zurück. Das koreanische Gewerkschaftssystem wird derzeit von zwei
Organisationen geprägt, von der regierungstreuen Federation of Trade Unions (FKTU) und von den demokratischen Gewerkschaften, die sich 1995 zur Korean
Federation of Trade Unions (KCTU) zusammengeschlossen haben. Ihr gehören rund ein Viertel der organisierten Arbeiter an, vor allem aus dem Schiffsbau, der
Automobilindustrie und dem öffentlichen Dienst, obwohl die KCTU sofort nach ihrer Gründung als illegal erklärt wurde. In Kleinstbetrieben, die auf der Basis von
Familien- und Bekanntenkreisen aufgebaut sind, sind KCTU-Anhänger ungern gesehen: Schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne und Überstunden sind
die Regel. Anders ist es bei den weltweit agierenden koreanischen Konzernen geworden. Hier hat sich die Arbeitslage deutlich verbessert, Arbeitsgesetze
werden eingehalten und gerechte Löhne bezahlt. Die Kluft zwischen Kleinbetrieben und Großfirmen wird aller Voraussicht nach größer werden. Korea gleicht
seinen Arbeitermangel durch Gastarbeiter aus, die froh sind, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben. Bei ihnen haben die Gewerkschaften bislang kaum Chancen.
Dennoch besteht die Hoffnung, dass mit dem einsetzenden Demokratisierungsprozess eines Tages auch die nicht-staatlichen Gewerkschaften legal werden.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 39]

Yang Wansuk hat einen Traum

Aus dem Leben einer Textilarbeiterin

Von Kerstin Sommer

Yang Wansuk ist heute 28 Jahre alt. Sie kommt aus einem Dorf in der Chullabukdo-Provinz. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr lebte sie zusammen mit sieben
Geschwistern bei ihren Eltern. Der Tagesablauf war durch das bäuerliche Leben bestimmt und ließ nicht viele Perspektiven offen. So war es für Yang Wansuk der
normale Weg, nach dem Abschluss der Schule in der nächsten Kleinstadt in einer Textilfabrik zu arbeiten. Drei Jahre später zog sie nach Seoul, um dort die
Aufnahmeprüfung für die Universität abzulegen. Geprägt durch das Leben mit einem behinderten Bruder wollte sie Behindertenlehrerin werden. Während der
Vorbereitung auf die Prüfung musste Yang Wansuk nebenbei arbeiten gehen. Darunter litt das Lernen, und sie gab nach der zweiten nicht bestandenen
Aufnahmeprüfung auf.

Während dieser ganzen Zeit fand sie Rückhalt in der Shim-Myong Gemeinde, die in einem Industriegebiet von Seoul zuhause ist. Ihr heimatlicher Pfarrer hatte ihr
die Shim-Myong Gemeinde empfohlen. In dieser Arbeiter-Gemeinde, die das Andenken an Chun Tae Il und sein Selbstverbrennungsopfer für bessere
Arbeitsbedingungen bewahrt hat, fand Yang Wansuk eine neue Heimat. Seit sechs Jahren verdient sie nun ihr Geld in einer mittelgroßen Textilfabrik mit dem
Nähen von Herrenhosen. Ihr Tageslauf ist durch ihre Arbeit und die Gemeinde bestimmt. Ihr Tag beginnt um 5 Uhr, eine Stunde später nimmt sie am Morgengebet
der Gemeinde teil. Ihr Arbeitstag geht von 8 bis 21 Uhr, einschließlich von Überstunden, ohne die sie nicht genug zum Leben verdient. Aber mittwochs und
sonntags steht die Gemeinde im Vordergrund. Am Mittwochabend ist Bibelstunde. Gemeinsam mit dem Pfarrer werden Bibelstellen gelesen, und nicht selten
vernimmt man ein Lachen aus der Bibelgruppe; denn oft erfährt die Bibelstelle eine Aktualisierung, die für Erheiterung sorgt. An diesem Abend bricht Yang
Wansuk aus dem Alltag aus. Das gibt ihr Kraft für den Rest der Woche. Den Sonntag verbringt sie ganz in der Gemeinde. Am frühen Morgen putzt sie die
Gemeinderäume oder beginnt mit der Vorbereitung des gemeinsamen Mittagessens. In Arbeitsgruppen am Nachmittag werden Erfahrungen der letzten Woche
ausgetauscht. Für Yang Wansuk ist die Gemeinde eine Familie, in der sie Verständnis, Ruhe und Kraft für das Leben findet.

Eine Zeit lang wollte sie andere von ihren Erfahrungen als Textilarbeiterin profitieren lassen. Da sie sich nicht der unternehmensfreundlichen Gewerkschaft ihrer
Firma anschließen wollte, stand sie einer Arbeitergruppe in der Gemeinde vor und klärte andere über ihre Rechte auf. Allerdings konnte sie dann nicht abends
arbeiten gehen, und schließlich musste sie diese Aufgabe aus Geldnot wieder aufgeben. Seit rund zwei Jahren lebt einer ihrer Brüder ebenfalls in Seoul, auch er
fand in der Gemeinde Halt. Die Geschwister haben beschlossen, zusammenzuziehen, um so etwas Geld für Yang Wansuks Traum zu sparen. Denn sie möchte
noch immer studieren, nur haben sich ihre Neigungen in der Zwischenzeit verändert. Es ist ihr großer Wunsch geworden, eines Tages Theologie zu studieren.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 40]

Der Anfang ist schon die halbe Vollendung

Anmerkungen zum Bildungssystem

Von Wolfgang Kröger



Südkorea hat sich in den letzten Jahrzehnten rapide verändert. Aus einem hochverschuldeten Dritte-Welt-Land ist eine selbstbewusste und leistungsfähige Nation
geworden. Dr. Wolfgang Kröger ist Lehrer und hat einige Jahre in Korea gearbeitet. Er fragt nach den Schlüsseln zu dieser Erfolgsstory. Sijaki ban - der Anfang ist
schon die halbe Vollendung - scheint dabei auch eine Rolle zu spielen.





Die Schul- und Bildungspolitik hat für diesen erstaunlichen Wandel die Voraussetzungen geschaffen. Im konfuzianisch geprägten Korea genießt Bildung höchstes
Ansehen. Lehrer und Professoren sind anerkannte Autoritätspersonen, denen der Lernende lebenslang zu Dank verpflichtet bleibt. Familien investieren alles, was
sie haben, in die Ausbildung ihrer Kinder. Da, wo wirklich internationaler Wettbewerb herrscht - wie im Bereich der Musik und Bildenden Kunst, natürlich auch im
"big business" - tauchen vermehrt koreanische Namen in der Spitzenkategorie auf. Globalisierung ist seit der Olympiade 1988 die Bezeichnung für den Kontext
der koreanischen Bildungspolitik.

Dabei erscheint für den westlichen Beobachter vieles im koreanischen Bildungssystem seltsam und störend: Die Klassen in den Schulen sind riesig groß. Es wird
weitgehend unkritisch gelernt, der Lernstoff wird eingepaukt und wenig verarbeitet. Es findet ein dauernder, scharfer Wettbewerb zwischen den Schülern statt, und
während der Prüfungszeiten steigert sich dieser Kampf bis ins Absurde und belastet die Schülerinnen und Schüler enorm. Noch immer herrscht im Bildungssystem
weitgehende Korruption. Soll das eigene Kind gut gefördert werden, so braucht der Lehrer eine gute "Zuwendung". Will man eine gute, sich auszahlende Lehrer-
oder Professorenstelle bekommen, muss man zunächst selber äußerst "spendabel" sein. Der Schuldrill und die Autoritätshörigkeit bereiten natürlich nicht auf ein
Leben in einer Demokratie vor. Die zentral organisierten Schulprüfungen gehen vielfach, um überhaupt zu einer "Differenzierung" kommen zu können, weit über
den Lehrstoffplan hinaus, so dass nur die Schüler, die sich die besten und teuersten Nachhilfestunden leisten konnten, eine gute Chance haben. Nach dem
Schulstress und der Zuteilung der Lebenschancen durch die Universitätseingangsprüfungen wird im Studium zunächst ziemlich gegammelt; Uni-Ausflüge, Demos,
Sportturniere, Liebesgeschichten - alles scheint auf dem College-level wichtiger zu sein als ein ordentliches Studium.

Was macht dann dies Bildungssystem trotzdem so erfolgreich? Kinder werden in Korea bis zum Schuleintritt verwöhnt. Natürlich pauschaliert eine solche
Aussage. Aber es ist doch auffallend, eine wie große Freiheit koreanische Kinder und besonders die Jungen genießen. Sie sind überall dabei, und immer ist
jemand für sie da. Wenn sie quengeln oder müde werden, nimmt Mutter oder Großmutter sie auf den Rücken und trägt sie herum und wiegt sie ein. Das schafft ein
Grundvertrauen ins Leben. Das Selbstbewusstsein und die Lebenszufriedenheit sind vorgegeben und können durch mögliche Niederlagenerfahrungen im
Schulalltag nicht mehr ganz erschüttert werden. Wenn sich dann in der Schule noch Erfolge einstellen, verwirklicht sich für den einzelnen Schüler das, was die
Botschaft der "koreanischen Kindheit" war: Du bist der Star, du bist der über alles geliebte. So gefördert und gefordert, steckt sich der Jugendliche hohe Ziele,
wirkt dabei manchmal naiv und ein wenig aufgeblasen - und hat in Korea nicht zu fürchten, als "Angeber" fertiggemacht zu werden. Im Ergebnis erreicht dann
mancher, und sei es über Umwege, ein solch hochgestecktes Ziel. Bei alledem stehen Eltern und Gesamtfamilie bereit, dem begabten Kind alle Förderung zuteil
werden zu lassen: Privatunterricht, Schulgeld, Unigebühren, Auslandsstudium.

Was allerdings im koreanischen Ausbildungssystem zu kurz kommt, ist der tertiäre Sektor, also die Berufsschul- und Berufsausbildung. Zwischen Arbeitern und
"white-collar-Leuten" herrscht deshalb ein allzu großer Abstand. Doch die Sehnsucht, nicht mit der Hand arbeiten zu müssen, ist natürlich auch ein starker
Impuls für die Bildungsbeflissenheit der koreanischen Gesellschaft. Dass Bildung auf der gesellschaftlichen und familiären Werteskala obenan steht, ist der
Schlüssel zur individuellen und gesellschaftlichen Erfolgsstory in Korea. Dabei schließt Bildung auch das "östliche Wissen" mit ein, also Grundkenntnisse im
Chinesischen und das Wissen um die chinesische Philosphie. Und das macht die jungen Koreaner durchaus selbstbewusst auch gegenüber ihren westlichen, in
dieser Beziehung ignoranten Kolleg/innen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 43-44]

Das Christentum - eine koreanische Religion

Wie der Katholizismus nach Korea kam

Von Gisela Köllner



Die christliche Religion ist in Korea weit verbreitet und genießt hohes Ansehen. Vertreter koreanischer Kirchen betonen immer wieder, daß das Christentum von
Koreanern ins Land gebracht und mit großer Überzeugung angenommen wurde. Es sei falsch zu sagen, die christliche Religion sei unter kolonialen Bedingungen
verbreitet worden. Diese bemerkenswerte Geschichte hat das 18. Jahrhundert und die harte gesellschaftliche Realität in der koreanischen Yi-Dynastie zum
Hintergrund. In der strengen konfuzianischen Hierarchie hatten die regierenden Gruppen von Adeligen (Yangban) und die Landbesitzer das Sagen, arme Bauern
und Handwerker führten unter den Steuerlasten ein schweres Leben. Auch Yangban ohne Beamtentätigkeit und ohne Einfluß auf die Regierung waren
unzufrieden. Das Land war streng von der Außenwelt abgeschnitten, nur die jährlichen Regierungsdelegationen an den Hof des Kaisers in China hatten Kontakt
zu Ausländern und konnten sich über weltweite Entwicklungen informieren. Bereits seit dem 17. Jahrhundert brachten diese Gesandtschaften westliches
Gedankengut in Buchform nach Korea, allen voran chinesische Übersetzungen von Werken zu Astronomie, Geographie, Technik und Mathematik. Das Studium
dieser Bücher führte 1654 zu einer Reform des Kalendersystems, die Kenntnis von Weltkarten veränderte das Bild der eigenen Position und widerlegte die
bisherige Vorstellung von China als dem Reich der Mitte.

Auch Übersetzungen theologischer Werke gelangten nach Korea, wo sie mit einem gewissen intellektuellen Interesse in Yangban-Kreisen gelesen wurden. Durch
Freunde auf diese Religion aufmerksam gemacht, gehörte Yi Sung-Hun 1783/84 zur jährlichen China-Delegation. In Beijing traf er katholische Missionare, ließ
sich von ihnen unterweisen und 1783 taufen. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1784 berichtete er über seinen neuen Glauben in Adeligenkreisen des
koreanischen Südens, die offen für Neues waren. Vor allem jedoch in ärmeren Bevölkerungsschichten des ganzen Landes fand die christliche Religion rasche
Verbreitung. Bis 1795 entwickelte sich ein rein innerkoreanischer Katholizismus. Erst dann kam der erste ordinierte Pfarrer, der Chinese Chou Wen-Mu, illegal
nach Korea. In einer Woge der Christenverfolgung wurde er am 31. Mai 1801 hingerichtet.

Christliche Märtyrer gab es jedoch schon früher. Die Regierung war über die rasche Ausbreitung der neuen Religion beunruhigt; einige Inhalte stellten ihre
konfuzianisch begründete Macht infrage. So beispielsweise der Gedanke, daß weltliche Macht ein wertloses Ansinnen sei. Aber auch die strikte Ablehnung des
Ahnenkults, die von seiten des Vatikan unterstrichen wurde, war für viele Koreaner schockierend. Ein Yangban namens Yun Chi-Chung in der Provinz Cholla
ließ beim Tod seiner Mutter 1791 anstelle der konfuzianischen Zeremonie einen christlichen Gottesdienst abhalten und verbrannte die Ahnentafeln seiner
Vorfahren. Nach koreanischen Vorstellungen stellte er damit das gesamte Gesellschaftssystem infrage und beging als Sohn die größtmögliche Sünde. Er und
einige beteiligte Verwandte wurden deshalb hingerichtet. 1785 wurde der Katholizismus offiziell verboten, theologische Literatur wurde verbrannt. Dennoch nahm
die Zahl der Katholiken zu und erreichte 1855 eine Zahl von 13 600 Christen, 1884 von 17 600. 1832 kam Gutzlaff als erster evangelischer Missionar ins Land;
ihm folgten seit den 60er Jahren viele weitere. Heute ist rund ein Drittel der Bevölkerung getauft, ca. 23 Prozent sind evangelisch und fünf Prozent katholisch.

Nach: Han Woo-Keun: The History of Korea. The Eul-Yoo Publishing Company, Seoul 1970; Allen D. Clark: A History of the Church in Korea. The Christian
Literature Society of Korea, Seoul, 1992. Bearbeitung: Gisela Köllner

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 15]

Deutsche Ostasien-Mission

Die Deutsche Ostasienmission (DOAM) wurde 1884 gegründet. Sie hat ihre Wurzeln in der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts. Ihre Gründer aus der
Schweiz und aus Deutschland suchten die Auseinandersetzung mit Religionen in Asien und entsandten ihre Mitarbeiter als Missionare nach China und Japan.

Die Veränderungen im theologischen Denken der 20er Jahre in Deutschland führte zu einer Neubesinnung und in den 30er Jahren zu Zerreißproben, so dass es
nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Spaltung in eine Schweizerische und eine Deutsche Ostasienmission kam. Nach Jahren der Entfremdung gibt es heute eine
freundschaftliche Zusammenarbeit. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands haben sich auch die beiden gezwungenermaßen getrennten Vereine der DOAM
im Osten Lind Westen wieder zusammengefunden. Bei der Integration der Missionsgesellschaften in das EMS und das Berliner Missionswerk hat die DOAM ihre
Selbständigkeit weithin aufgegeben in der Erwartung, dass die Kirchen, in deren Bereich die DOAM tätig war, ihre Aufgaben in Zukunft besser wahrnehmen
können.

Drei direkte Aufgaben sind der DOAM noch vorbehalten: die Verwaltung einer japanischen Stiftung im Herzen von Tokyo, die Betreuung von Freundeskreisen
vor allem in Ostdeutschland und die Durchführung einer jährlichen Studientagung zu Ostasien. Das Interesse liegt nach wie vor in der lebendigen Begegnung mit
fremden Kulturen und Religionen sowohl in Deutschland als auch in Ostasien. Besonders dienen dazu die beiden christlichen Institute in Japan und Korea, die
sich mit den Problemen ihrer jeweiligen Gesellschaft auseinandersetzen: das Tomisaka Christian Center in Tokyo, das u.a. die Problematik des Tennoismus oder
die ökologischen Fragen in einer modernen Industrienation aufgegriffen hat, und das Koreanische Theologische Forschungsinstitut in der Nähe von Seoul, das
mit seinen theologischen Lehrbüchern einen beträchtlichen Einfluss auf die theologische Ausbildung koreanischer Pfarrer hat.

[Quelle: EMS, Fürbitt-Kalender 2000, 16. Tag]

Brief an unsere Kirchen und Gemeinden

Vom 12. bis 16. 9. 2000 trafen sich in Musashi-Ranzan bei Tokyo / Japan Christinnen und Christen aus Südkorea, Japan und Deutschland. Wir geben
Ergebnisse und Fragen an unsere Gemeinden weiter und verstehen das Folgende als einen Beitrag zum Programm des Ökumenischen Rates der Kirchen
"Dekade zur Über-windung von Gewalt".

Wir arbeiteten zu den Themen VERGEBUNG, WIEDERGUTMACHUNG UND GEWALTVERZICHT. Wir sind betroffen über die Gräueltaten, die in den letzten 60
Jahren in Deutschland, Korea und Japan begangen worden sind und manchmal erst jetzt in ihren furchtbaren Einzelheiten in die Öffentlichkeit kommen. Wir
denken dabei z.B. an das durch die US-Truppen verursachte Massaker von No-gun-ri im Koreakrieg (Anm. 1), an Kwangju (Anm. 2) (1980), an das durch
Japan begangene Blutbad in Nanjing (Anm. 3) (1937), an die Shoah in Deutschland und die politischen Unrechtstaten in der ehemaligen DDR.

Wir sind betroffen, wie japanische Soldaten mit koreanischen Frauen im Pazifikkrieg umgegangen sind. Wir hörten von den Zwangsverschleppungen des
japanischen Staates während der Kolonialherrschaft Japans über Korea. Uns beschwert, dass viele unschuldige Menschen, die in Gefängnissen gelitten haben,
bis heute nicht entschädigt worden sind. Wir bekennen, dass unsere Kirchen in ihren Ländern nicht eindeutig ihre Stimme gegen angewandte Gewalt erhoben
haben.
Weil Gott uns einen neuen Anfang geschenkt hat, sehen wir, dass trotz aller Be-lastungen und Verletzungen, die zwischen uns stehen, neue Wege zueinander
und miteinander möglich sind.

Gewaltverzicht
Wir sind überzeugt, Gewalt beginnt
- mit der Verachtung von Menschen aus anderen Kulturen und Religionen,
- mit Gleichgültigkeit gegenüber der politischen und ökonomischen Wirklichkeit,
- mit dem Ignorieren anderer Menschen,
- mit einer Sprache, die negativ über Minderheiten redet,
- mit sozialer Isolierung oder psychischer Demütigung.
Wir sehen in jedem Staat und in wirtschaftlicher Macht (Mammon) die Gefahr, dass Menschen nicht nur beschützt und reicher werden, sondern auch gefährdet
sind.

Wir halten das Widerstandsrecht gegen versklavende Gewalt für legitim. Wir bitten die Gemeinden, mit Gläubigen aus anderen Ländern über die Rolle von Militär
und Gewaltverzicht zu beraten, um neue Perspektiven für eine gewaltfreiere Zukunft zu gewinnen. Dabei dürfen die Ziele der Bergpredigt und die Praxis von
Gandhi, Martin Luther King und Kwangju 1997 ("Entmächtigung des Tränengases" - Anm. 4) nicht vergessen werden.
Wir halten Recht und Gerechtigkeit für die wichtigste Alternative zur Gewalt. Deshalb müssen das Völkerrecht, die internationalen Gerichtshöfe und die
Menschenrechte gestärkt werden.

Wir wollen wirksamer darauf achten, dass Gewissensentscheidungen respektiert werden. Durch die Gebote der Bibel müssen in den Gemeinden die Gewissen der
Menschen immer wieder geschärft werden (z.B. keine Gewalt gegen Frauen). Die Kirchen müssen grundsätzlich auf der Seite der Schwachen stehen.

Vergebung
Das nationalistische Denken in Deutschland und Japan führte zur Shoah, entfesselte den Zweiten Weltkrieg und machte viele Nachbarvölker zu Opfern.
Vertre-terinnen und Vertreter aus Korea berichteten uns eindrücklich über die besonderen Folgen in ihrem Land. Allerdings hat es in jedem Volk und jeder
Kirche Täter und Opfer, aber auch eine schweigende Mehrheit von Zuschauern und Mitläufern gegeben. Wir sind Vertreter der Kinder- und Enkelgenerationen,
die nicht direkt mit den Verbrechen und Untaten des Zweiten Weltkriegs oder des Koreakriegs zu tun haben. Trotzdem müssen wir Stellung nehmen. Denn wir
werden immer wieder mit der Geschichte unserer Väter und Mütter konfrontiert. Wir sind dafür verantwortlich, dass alle Generationen die Last der Geschichte nicht
ignorieren, sondern aus der Schuld der Völker und Kirchen Wege zur Versöhnung finden.

Wir sind überzeugt, dass öffentliche Schuldbekenntnisse eine neue Zukunft für Täter und Opfer eröffnen, vor allem wenn sie Schuld konkret benennen. Wir sind
überzeugt, dass die Täter, die Buße tun, ihre Gräueltaten aufdecken und Entschädigung leisten, Vergebung von den Opfern empfangen. Wir sind uns aber
bewusst, dass die Täter aus Angst vor Verurteilung und Ehrverlust diesen Schritt scheuen. Oft können sie sich ihrer Schuld und Verstrickung erst stellen, wenn
ihnen Vergebungsbereitschaft entgegengebracht wird. Die Stärke der Opfer ist ihre Bereitschaft, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun. Wir wissen, dass
bedingungslose Vergebung für einzelne Menschen möglich ist. Für die Völker verlangt Versöhnung eine politische und ökonomische Gestaltung.

Inspiriert von der biblischen Geschichte von der Begegnung zwischen Jesus und Zachäus (Lukas 19, 1-10) sind wir überzeugt, dass auch die Kirchen nicht in
einer Zuschauerhaltung bleiben dürfen. Sie müssen dazu beitragen, dass Täter und Opfer aufeinander zugehen, dass die Leiden der Opfer öffentlich anerkannt
werden und die Täter bereit sind, die Wahrheit über ihre Taten zu bekennen und Entschädigung zu leisten. So kann Vergebung durch die Opfer und Versöhnung
möglich werden.

Entschädigung / Wiedergutmachung
Wir sind der Meinung, dass Wiedergutmachung zwischen Tätern und Opfern im Grunde genommen unmöglich ist. Für die Opfer und die Hinterbliebenen sind
sowohl eine klare Aussage der Wahrheit und die konkrete Aufarbeitung der Geschichte notwendig als auch die materielle Entschädigung, so weit als möglich.
Eine Entschädigung kann helfen, eine Wiederholung des Bösen zu verhindern. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass Entschädigung die Gefahr in sich birgt, zur
Beendigung der Diskussion missbraucht zu werden. Von großer Bedeutung ist in jedem Fall die Wiederherstellung der Menschenwürde.

Darum fordern wir auch uns selbst auf, die Wahrheit ans Licht zu bringen und lebendig ins Gedächtnis des Volkes zu rufen.

Wir, Christinnen und Christen aus drei Ländern, verlangen von der japanischen Regierung, dass sie sich sofort bei den Opfern entschuldigt und Entschädigung
leistet. Darum unterstützen wir auch das Internationale Frauen-Tribunal für die Comfort Women (Anm. 5) im Dezember dieses Jahres in Tokyo.

Diese Aufgaben verändern die Beziehungen zwischen Völkern und auch die unseres eigenen Lebens. Sie gehören zum ökumenischen und missionarischen
Auftrag aller Kirchen.

Schluss
Darum bitten wir unsere Kirchen in Korea, Japan und Deutschland, vor Ort für die Erinnerung der Geschichte sowie für die Weitergabe gewonnener Erkenntnisse
an die nächste Generation zu arbeiten.

So bitten wir unsere Gemeinden, sich dafür einzusetzen, dass die z. T. erst jetzt bekannt gewordenen Unrechtstaten nicht verdrängt werden, und rufen sie auf,
gemeinsam mit den verantwortlichen Politikern und Bürgerinitiativen nach Lösungen zu suchen.

Wir bitten unsere Kirchen, die Zeitzeugen nicht zu überhören und sich für weitere Austauschmöglichkeiten und Begegnungen zwischen den drei Ländern
einzusetzen, um auch die Jugend in die uns bewegenden Fragen verantwortlich einzubeziehen.

Auch bitten wir die Kirchen in unseren drei Ländern darum, sich für die Versöhnung zwischen Nord- und Südkorea, die im Juni dieses Jahres begonnen hat, auf
allen Ebenen einzusetzen.

Die Tagung fand erstmals auf Initiative der Deutschen Ostasienmission, des Tomisaka Christian Center (Japan) und des Koreanischen Theologischen
Forschungsinstitutes (Seoul) statt.

Deutsche Ostasienmission: Paul SCHNEISS
Zähringer Str.16, 69115 Heidelberg, Germany
Aunae-Stiftung: KIM Jeong-Ran
33 Byungchun-ri, Byungchun-Myun, Chonan-shi, Korea
Tomisaka Christian Center: MURAKAMI Hiroshi
2-9-4 Koishikawa, Bunkyo-Ku, Tokyo 112-0002, Japan


Anmerkungen:

1 Nogun-ri ist ein Dorf in Südkorea, bei dem die im Juli 1950 in einen Tunnel geflüchtete Zivilbevölkerung und nordkoreanische Flüchtlinge von US-Soldaten
niedergeschossen wurden (über 200).
2 Kwangju, Hauptstadt der Südwestprovinz Südkoreas, in der das südkoreanische Militär ein Blutbad unter der unbewaffneten Bevölkerung anrichtete, die sich für
Demokratie einsetzte.
3 Nanjing (früher: Nanking, China), wo das jap. Militär 1937 wochenlang ein Massaker unter der Bevölkerung beging, dem 300.000 Menschen zum Opfer fielen,
was bis heute von Japan offiziell nicht anerkannt wird.
4 Die gewaltfreie Demonstration zum Jahrestag des Massakers von Kwangju 1980 ließ sich auch vom Tränengas der Polizei nicht einschüchtern.
5 "Comfort Women", also "Trostfrauen" wurden die Zwangsprostituierten im jap. Militär während des Zweiten Weltkrieges genannt (geschätzt über 200.000).

Diakonie- das Stichwort für die kommenden Jahre

Von Reinhilde Freise



In der Nähe vom Magdalena-Haus hat Gene Malony eine kleine Beratungsstätte. Die Leute des Viertels kommen und fragen um Rat z. B. bei Eheproblemen,
wegen Kinderadoption oder Scheidungsrecht. Die Mary-Knoll-Sisters haben insgesamt zwölf Büros in Korea mit verschiedenen sozialen Diensten, die fast ganz
von Spendern getragen werden. In Seoul unterhalten sie eine Klinik für Arme, ein Zentrum für Alkoholiker und führen Armenspeisung durch. In einem Treffpunkt
für Stadtteilentwicklung können Frauen Lesen und Schreiben lernen und ein paar Fertigkeiten erwerben, mit denen sie Geld verdienen können. Ein weiteres Büro
ist auf Gerechtigkeitsfragen spezialisiert. In Kwangju führen sie eine Schule für körperlich behinderte Kinder und bieten soziale Dienste für die ärmeren
Studen/innen an.

Diakonie wird in südkoreanischen Kirchen häufig von einzelnen getragen. Dabei darf man nicht vergessen, daß die katholische Kirche und einige protestantische
es jahrelang für eine wichtige soziale Aufgabe ansah, für Demokratie und Menschenrechte einzutreten, politische Gefangene zu verteidigen und sich um ihre
Familien zu kümmern. Mitglieder von Mittelstandsgemeinden gehören zwei oder drei Hilfsorganisationen an, für die sie sammeln. Insgesamt aber tut man sich in
solchen Gemeinden schwer, einen Ausgleich zwischen armen und reichen Gemeinden zu schaffen.

Koreanische Pfarrer, die nach Deutschland kommen, wundern sich über die schlecht besuchten Gottesdienste, entdecken meistens aber mit Bewunderung die gut
organisierten diakonischen Dienste der Kirchen. In Korea entscheidet jede Gemeinde selbst, welche Projekte sie unterstützen möchte; viel Geld und Einsatz
bleiben auch hier in der eigenen (Mittelstands-) Gemeinde. "Die koreanische Kirche hat sich bisher zu sehr am Himmel orientiert und zuwenig um die Erde
gekümmert", meint Sook Lee-Phil, Predigerin in einer armen Gemeinde. Sie selbst hat fünf Waisen bei sich aufgenommen und betreut 35 weitere Kinder
zusammen mit zwei Helferinnen in einer Kindertagesstätte. Sonntags versucht sie, in möglichst vielen Gemeinden zu predigen; nur so komme sie an Geld für ihre
Arbeit. Dies ist ein typisches Beispiel für die Diakonie-Situation in den rund 160 evangelischen Denominationen im Land. Doch ist Diakonie das Stichwort für die
kommenden Jahre, nachdem der Staat sich nicht zu einem Sozialstaat entwickelt und immer mehr Randgruppen entstehen. Man kann es sich nicht mehr leisten, in
Konkurrenz zueinander und unvernetzt zu arbeiten. Inzwischen bestehen Kontakte zum Diakonischen Werk in Deutschland, dessen Arbeit als vorbildlich gilt.
Altenbetreuung, Pflege von Behinderten, Frauenhäuser, Frauennotruf, Drogenberatung und vieles andere mehr sollen verstärkt und besser vernetzt werden.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 35]
Vielseitig, modern und fröhlich

Die Diakonieschwestern in Mokpo

Von Sabine Bauer



Schwester Lee Young-Sook schürzt die blaugraue Tracht, startet das Motorrad durch und fährt los. Auf der geraden Strecke geht alles gut, dann die Kurve. Das
Hinterrad rutscht weg und Schwester Lee liegt neben dem Motorrad. Als wir auf sie zugerannt kommen, steht sie schon wieder auf den Beinen. "Na", meint sie,
"das Ding, mit dem ich jahrelang zu den Kranken in die Dörfer gefahren bin, war halt bloß ein Moped." Schwester Lee ist eine der sechs Frauen, die sich 1980
zusammentaten, um eine Form gemeinsamen Lebens in Gebet und Dienst am Menschen zu finden. Eine Ärztin in Mokpo, Dr. Yoh, schenkte ihnen ein Stück
Land, und die jungen Schwestern arbeiteten in ihrer Lungenklinik mit. Bis heute ist die Pflege von Patienten mit offener Tb in der Wohngemeinschaft des
"Hansalmejib" Teil ihrer Arbeit. Zur Zeit leben dort 15 Patienten und zwei Schwestern. Vor zwei Jahren hatte Lee Young-Sook sich angesteckt. Zum Glück
wurde es früh entdeckt, und nach Monaten völliger Ruhe konnte sie die Arbeit wieder aufnehmen. Heute zählt die Schwesternschaft zwölf Mitglieder. Manche
junge Frauen, die ins Noviziat kamen, sind wieder gegangen. Das ist schmerzlich für die Schwestern, aber sie meinen, erst im gemeinsamen Leben kann man
feststellen, ob dies wirklich die angemessene Antwort auf den Ruf Gottes ist. Doch inmitten der am quantitativen Wachstum orientierten koreanischen Kirche ist es
nicht leicht, als kleine Gemeinschaft selbstbewusst zu bleiben. Neuerdings stattfindende diakonische Frauenseminare sollen dazu beitragen, die Schwestern und
ihre Arbeit bekannter zu machen. Die Schwestern sind mit Hilfe von Prof. Ahn Byung-Mu, dem damaligen Leiter des "Korean Theological Study Institute", mit
Schwesternschaften in Europa in Verbindung gekommen und wurden Mitglied im Kaiserswerther Verband. Schwestern aus Grandchamps halfen ihnen bei den
ersten Gestaltungsversuchen ihres geistlichen Lebens. Die geistliche Ausrichtung der Diakonia-Schwesternschaft betont das Soldidarischwerden mit dem Leiden
der Menschen.

Das ihnen damals geschenkte Stück Land haben die Schwestern vielfältig genutzt: Eine Kapelle wurde gebaut, ein Tagungszentrum, das von kirchlichen Gruppen
genutzt wird. Nach vorn zur Straße hin gibt es große Gewächshäuser mit Aloepflanzen, die sich genau wie die Erzeugnisse der Orchideenzucht gut verkaufen
lassen. Aber die Hauptaufgabe bleibt nach wie vor die Sozialarbeit. Im Team mit Ärzten und Krankenschwestern besuchen sie Arme und Kranke in ihren Häusern,
versorgen sie medizinisch und beraten bei familiären Problemen. 1993 haben sie ein kleine Zahnarztpraxis eingerichtet, in der Ärzte kostenlos behandeln. Die in
der Stadt tätigen Schwestern kommen abends ins Mutterhaus zurück, um wenigstens zweimal am Tag am gemeinsamen Gebet teilnehmen zu können. Im
Mutterhaus führen sie praktische Seminare für Jugendliche und Frauen aus ländlichen Gebieten durch und machen sie mit biologischem Anbau und aller Art von
Umweltschutzmaßnahmen bekannt. Die Schwestern haben sich im Laufe der Jahre ein erstaunliches landwirtschaftliches Fachwissen angeeignet. Seit neuestem
sind drei Schwestern von Mokpo nach Chonan übergesiedelt, wo sich das frühere Korean Theological Study Institute zum "Aune-Dorf" entwickelt hat, in dem
ebenfalls eine Gemeinschaft entstehen soll. Wer weiß, vielleicht muss Schwester Lee ihre Motorradfahrkünste bald wieder im Ernst einsetzen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 33]


Leben auf dem Lande

Kleinbauern zwischen Weltmarkt und Tradition

Von Gisela Köllner



Die traditionelle Landwirtschaft ist bedroht, die bäuerliche Kultur zum Absterben verurteilt. Die Autorin, Mitarbeiterin im EMS, schildert am Beispiel des typisches
Dorfes Youngri die Probleme der ländlichen Bevölkerung.

4. Uhr 30 am Morgen in dem 300-Seelen-Dorf Youngri in der Provinz Chungcho-nam, ungefähr 150 Kilometer südlich von Seoul: Seit wenigen Minuten hört
man den Klang von Glocken leise aus den Nachbarorten jenseits der Hügel. Und nun setzt auch der Lautsprecher der kleinen Kirche von Youngri ein und ruft mit
einem koreanischen Kirchenlied zum Morgengebet - wie in allen Dörfern Südkoreas zu so früher Stunde. Gleich danach beginnt die harte Tagesarbeit.

Kommt man aus der modernen und hochtechnisierten Hauptstadt in ein koreanisches Dorf, wird man mit Impressionen einer völlig neuen Welt konfrontiert: einfache
Betonplatten-Zufahrtswege zum Ort, unbefestigte Dorfstraßen, alte Bauernhäuser, die manchmal renovierungsbedürftig sind. Zwischen kleinen, verstreut
liegenden Feldern mit Reis, Gemüse, Obstbäumen, Sesam- und Pepperonipflanzen und manchmal der wertvollen Ginsengwurzel trifft man vor allem alte
Menschen und Kinder. Die mittlere Generation ist überall fast vollständig in die großen Städte ausgewandert, wo die begehrte Universitätsausbildung möglich ist
und wo es im Industrie- und Dienstleistungsbereich attraktivere Berufsmöglichkeiten gibt. Auf dem Land jedoch kommen nur Besitzer größerer Flächen finanziell
zurecht. Dabei gibt es in heutigen koreanischen Dörfern sogar noch Tagelöhner, oft alte Menschen oder Witwen oder Pächter mit kleinen Feldern, die in sehr
ärmlichen Verhältnissen leben. Für die harte Tagesarbeit erhalten sie umgerechnet rund DM 40,-- bei Lebenshaltungskosten, die ungefähr so hoch sind wie in
Deutschland. Und natürlich ergeben sich nur während der Pflanz- und der Erntezeit Verdienstmöglichkeiten.

Lee Jin-Soon und seine Frau Park Seung-Boon sind Bauern wie fast alle Bewohner von Youngri. Auf den Feldern rund um Youngri wird vor allem Reis
angebaut. Es gibt aber auch ausgedehnte Obstbaumkulturen, wo im Herbst die für Korea typischen kopfgroßen Äpfel und Birnen geerntet werden. Dem
Eigenbedarf dienen kleine Felder mit Peperoni- und Sesampflanzen. Die Reisfelder sind teilweise in winzige Parzellen zerstückelt, manchmal nur zehn oder
zwanzig Quadratmeter groß. Es ist sehr mühsam diese kleinen Flächen zu bearbeiten. Oft liegen weite Wege zwischen den verschiedenen Feldern eines Bauern.
Zählt man all die kleinen "Handtuchparzellen" einer Familie zusammen, so kommt man im Durchschnitt in Youngri auf eine Fläche von zehn Hektar. Es gibt aber
viele dörfliche Betriebe in Korea, die nur über einen Hektar verfügen. Vergleicht man diese beiden Größen mit deutschen Bedingungen, wo ein
landwirtschaftlicher Betrieb mit 30 Hektar als zu unrentabel betrachtet wird, hat man einen weiteren Anhaltspunkt über dörfliche Lebensbedingen. Häufig sind die
Bauern nicht die Besitzer der Felder und Wiesen, sondern haben die Flächen nur gepachtet. Dafür bezahlen sie 50 bis 60 Prozent ihrer Ernte an
Großgrundbesitzer. Wer im traditionellen Halbpachtsystem Land bewirtschaft, kommt kaum über die Runden und kann Industrieprodukte wie Fernseher und
Motorrad nur als Geschenk von Verwandten aus der Stadt bekommen. Großhändler kaufen Äpfel und Reis in Youngri auf, transportieren die Güter in ihren
Lastkraftwagen, lagern sie in ihren Tiefkühlhäusern und bringen die Äpfel im nächsten Frühjahr zum doppelten Preis auf den Markt in der nächstgelegenen
Kleindstadt, Godok, vier Kilometer von Youngri entfernt. Herrn Lee geht es vergleichsweise gut. Er besitzt ungefähr 20 Hektar Land, und er fährt auf seinem
Motorrad selbst auf den Markt.

Zu Beginn der 70er Jahren hatte mancher Dorfbewohner Hoffnungen auf eine gute bäuerliche Zukunft, als von Regierungsseite das Programm "Saemaul
Undong", "Neues Dorf", ins Leben gerufen wurde. Es bescherte Zufahrtsstraßen in die Dörfer und Kredite für neue Dächer oder Kleinmaschinen. In allen
koreanischen Dörfern sind die alten Strohdächer nahezu völlig verschwunden und durch Ziegeldächer in bunten Farben ersetzt. Manche Familie hat jedoch ihre
Schulden noch nicht abbezahlt. In Youngri ist jede Familie im Schnitt mit DM 30 000,-- belastet. Jeder gesparte Won wird in die Ausbildung der Kinder
investiert, die es einmal in einem Arbeitsbereich außerhalb der Landwirtschaft besser haben sollen und die durch Bildung ihre soziale Position enorm anheben
können. Heute halten sich einige bäuerliche Betriebe noch dadurch am Leben, dass landeseigene Agrarprodukte teilweise durch hohe Einfuhrzölle gegen Importe
geschützt werden. Durch die GATT-Verhandlungen der Uruguay-Runde (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen; 1986) ist das Land jedoch gezwungen, in
den nächsten Jahren diese Zölle stufenweise abzubauen. Nur ein geringer Anteil der bislang noch rund 12 Prozent landwirtschaftlich Erwerbstätigen wird in
Zukunft finanziell über die Runden kommen, indem es ihm gelingt, auf großen Flächen eine vollmechanisierte und international konkurrenzfähige Produktion zu
betreiben. Das Verschwinden der traditionellen ländlichen Kultur scheint unausweichlich. Selbst Ehepaar Lee Jin-Soon und Park Seung-Boon haben unter
diesen Voraussetzungen keine Chance. Ob sie in wenigen Jahren noch im bäuerlichen Dorf Youngri mit seinen kleinen Reisfeldern, den nichtasphaltierten
Wegen und dem morgendlichen Glockenklang sein werden, ist fraglich. Welche beruflichen Alternativen hätten sie und die anderen Bauern in den
hochtechnisierten Städten wie Seoul und Pusan? Schon heute erlebt ein Reisender in Korea zwei recht konträre Welten. Die rasanten Veränderungen werden
sich fortsetzen und in den nächsten Jahren von den betroffenen Menschen große Opfer und extreme Anpassungsfähigkeit fordern.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 48-49]

Frauenwege im Patriarchat

600 Jahre konfuzianische Ethik sind zu überwinden

Von Reinhilde Freise



Am 3. Dezember 1986 konnte man in der größten koreanischen Tageszeitung heftige Diskussionen zwischen der Frauenbewegung und Konfuzianern über eine
beabsichtigte Gesetzesänderung des Familienrechts verfolgen. Vorrangig ging es um die Tatsache, dass Frauen nach geltendem Recht nicht Familienoberhaupt
sein können. Die Gegner der Gesetzesänderung argumentierten, damit werde der über 5000jährigen koreanischen Tradition (mythologische Entstehungszeit 2333
v. Chr.) der Boden entzogen. Tatsache ist, dass zu Beginn der Yi-Dynastie (1392-1910) Männer und Frauen über gleiche Erbrechte verfügten, beide
Geschlechter den Ahnenkult vollzogen und die Namen von Söhnen und Töchtern genealogisch registriert wurden. Am Ende der Li-Dynastie wurden Töchter nur
noch ohne Namen eingetragen, und die Gleichstellung war aufgehoben. Die Änderungen vollzogen sich schleichend. Erst im 18. Jahrhundert gelang es der
herrschenden Dynastie, die konfuzianische Ethik vollständig durchzusetzen.

Die konfuzianische Ethik geht ursprünglich von dem Nachdenken über die Tugenden der Menschlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Sie
ist dann aber auch eine Verbindung mit religiösen Weltbildern, besonders dem chinesischen Taoismus, eingegangen, die das Wesen von Mann und Frau
definieren. Die konfuzianische Ethik beruht auf drei Grundsätzen:

1. Der König ist das Vorbild für seine Untertanen.

2. Der Vater ist das Vorbild für seinen Sohn.

3. Der Ehemann ist das Vorbild für seine Ehefrau.

Daraus wurden fünf ethische Prinzipien abgeleitet. Das erste davon besagt, dass zwischen Vater und Sohn Vertraulichkeit herrschen soll, das zweite, dass
zwischen Ehemann und Ehefrau ein Unterschied bestehen soll. Vereinfacht gesagt, wird die Frau durch den Mann definiert, so dass Frauen nie Vorbilder für
Männer sein können. Die Unterordnung der Frau wird als Tugend definiert, wobei die Macht der Männer im Konfuzianismus mit dem Himmel identifiziert wird: "Die
Frau muss dem Mann genauso wie dem Himmel als etwas Absolutem und Heiligem gehorchen" (ne hun; Lehre von der weiblichen häuslichen Erziehung 1457).
Frauen haben diese Ideologie durch Erziehung und Sitte verinnerlicht. So fällt es auch gebildeten "modernen" Frauen schwer, einen Blick für emanzipatorische
Modelle zu entwickeln.

Der Vater/Ehemann hat moralischen Anspruch auf die Unterordnung unter seine Stärke. Er bewährt sich in der außerfamiliären Welt und lässt seine Frau
gesellschaftlich Anteil daran haben. Die Frau bewährt sich im Haus. Sie soll dem Mann gefallen, eine vorbildliche Hausfrau, gute Mutter und Erzieherin ihrer
Kinder sein. Frauen, die aus wirtschaftlichen Zwängen arbeiten müssen und daneben die Tugenden der Hausfrau und Mutter erfüllen, haben es besonders
schwer, an ihrer Befreiung mitzuarbeiten. Ungefähr 40 Prozent der Frauen sind Arbeiterinnen, verheiratet und mit Lohn- und Hausarbeit belastet. Dennoch ist ein
befreiender Wandel im Gang. 1989 schlossen sich 22 Frauengruppen zur Korean Women United (KWU) zusammen; vor allem Arbeiterinnen sind im KWU aktiv. Ab
1. Januar 1991 haben Töchter und Söhne wieder gleiche Rechte in der Erbfolge. Noch vor zehn Jahren sagten Frauen U-Bahnhaltestellen mit feminin-piepsigen
Stimmen an. Heute sprechen sie normal.



Nach: Jai Sin Pak: Familie und Frauen in Korea. IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt/M 1995

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 47]

Erfolgreichste Fußballnation Asiens

Daß Korea die Fußball-WM im Jahr 2002 ausrichten möchte, überrascht nicht, wenn man weiß, daß das Fußballspiel hier Tradition hat. Bereits seit 1983, als
erstes asiatisches Land, gibt es die professionelle Liga mit neun Mannschaften. Finanziert werden die Klubs der "Drachen", "Panther" usw. von großen Firmen
wie Samsung und Hyundai. Hohe Zuschauerzahlen in den Stadien und hohe Einschaltquoten bei großen Spielen zeugen von breiter Anteilnahme. Doch nicht nur
das "Zuschauen" erfreut sich großer Beliebtheit. In Korea hat sich das Fußballspiel als Breitensport etabliert. So sieht man auf Bolz- und Fußballplätzen Koreaner
jeglichen Alters bei dieser Freizeitbeschäftigung, auch schon morgens vor Arbeitsbeginn!

Nachdem sich die Koreanische Nationalmannschaft schon viermal in der 66jährigen Geschichte der Fußballweltmeisterschaften qualifiziert hat, möchte das Land
nun selber Gastgeber sein. 1,3 Milliarden Dollar sind für den Neubau und Umbau von Stadien und für infrastrukturelle Maßnahmen vorgesehen. Daß Planung und
Umsetzung eines solchen Projektes bei den Koreanern in guten Händen läge, zeigt schon die perfekte Ausrichtung der Olympischen Spiele von 1988 in Seoul.
Auch die Inspektorengruppe der FIFA, die Korea vor kurzem bereist hat, bestätigte die guten "technischen" Voraussetzungen des Landes für eine Ausrichtung
der WM. Die Planungen der koreanischen Bewerbungskommission waren schon zu Beginn des Jahres so weit gediehen, daß auch die zu erwartenden Gewinne
künftigen Nutznießern zugewiesen waren - nämlich sehr prestigeträchtig an die FIFA und die Konföderierten zur Verbreitung und Unterstützung des Fußballspiels
in den sogenannten unterentwickelten Ländern.

Ein Problem gibt es dennoch für Korea: einziger Mitbewerber für die WM 2002 ist ausgerechnet Japan, alte Kolonialmacht und bestgehaßter Bruder im
asiatischen Raum. Unter diesen Bedingungen wird schnell aus einer normalen Bewerbung um die WM eine Konkurrenz, die ganz rasant die nationalen Gefühle
anschwellen läßt. Immerhin befürworten über 85 Prozent der Koreaner die Bewerbung - trotz der immensen Kosten für die Ausrichtung der Meisterschaft.
Besonders kennzeichnend für die Situation ist auch die Bemerkung des koreanischen Ministerpräsidenten Lee Hong Koo, daß für ihn die FIFA-Entscheidung
einen höheren Stellenwert habe als die anstehenden Parlamentswahlen.

Daß alles Planen der Bewerbungskommission und auch das festverwurzelte Fußballinteresse der Koreaner nicht ausgereicht hat, die Konkurrenz für sich zu
entscheiden, zeigte sich am 1. Juni dieses Jahres in Zürich. Hier hatte die FIFA ihre Wahl zu treffen. Entgegen allen internationalen Erwartungen wurde nicht
eins der beiden konkurrierenden Länder favorisiert, sondern beide Länder erhielten den Auftrag, sich die Ausrichtung der Weltmeisterschaft zu teilen. So wurde
dann doch noch - nachdem die japanische Delegation in Zürich grünes Licht gegeben hatte - , dieser Kompromißvorschlag des malayischen
Konföderationsvorsitzenden in die Tat umgesetzt.

Nach: Frankfurter Rundschau vom 18.5.1996 und Stuttgarter Zeitung vom 2.6.1996

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 61]

Unterwegs zur Demokratie...

Geschichte Koreas seit 1945

Von Huh Kum-Hoe

Studenten demonstrieren in Seoul und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Das sind typische Szenen der 60er bis 90er Jahre, die häufig auch im
deutschen Fernsehen zu sehen waren. Huh Kum-Hoe, der im Fachbereich Germanistik an der Universität Heidelberg promoviert, schildert die historischen
Hintergründe.



Ein dorniger Weg in Richtung Demokratie. Am 15.8.1945 kapituliert Japan. Für die Menschen in Korea ein Augenblick voller Hoffnung: Nach 35 Jahren kolonialer
Unterdrückung durch den Nachbarstaat besteht endlich die Aussicht auf Unabhängigkeit. Schon 1943 haben die USA, Großbritannien und China beschlossen,
dass "Korea zu gegebener Zeit frei und unabhängig werden soll". Viele Landesbewohner hoffen auf eine demokratische Ordnung. Es existieren koreanische
Exilgruppierungen, die Entscheidungen - Jalta 1945: Internationale Treuhandschaft über Korea, Moskauer Vertrag vom 20.12.1945: fünfjährige Treuhandschaft
der Siegermächte - werden jedoch auf internationalen Konferenzen der Siegermächte gefällt, ohne das koreanische Volk einzubeziehen. Sie werden in Korea mit
großer Enttäuschung aufgenommen. Die USA einigen sich mit der Sowjetunion auf die Teilung des Landes entlang des 38. Breitengrades. Unter sowjetischer
Vorherrschaft im Norden und US-amerikanischer im Süden kommt es am 15.8.1948 zur Ausrufung der Republik Korea im Süden der Halbinsel, der rasch die
Proklamation der Demokratischen Volksrepublik Choson im Norden folgt. In der Situation des Kalten Krieges wird Korea zu einem der undurchlässigsten
Grenzgebiete zwischen westlicher und östlicher Hemisphäre. Am 25.6.1950 eskaliert die Situation im koreanischen Bruderkrieg, der nahezu das ganze Land
zerstört und von jeder Familie Opfer fordert. Die Teilung des Landes, durch das Waffenstillstandsabkommen von 1953 festgeschrieben, dient allen beteiligten
Regimen als ständige Begründung für Aufrüstung und eingeschränkte Meinungsfreiheit. Der stramme südkoreanische Antikommunismus ist ein Ausgangspunkt
vieler Menschenrechtsverletzungen. Es folgt eine fast ununterbrochene Reihe diktatorischer Regime. 1948 wird Yi Sungman zum Präsidenten gewählt. In den USA
ausgebildet, ist er ein Mann westlicher Interessen, der eine Beamtenschaft voll blinder Loyalität und einen unter japanischer Herrschaft geschulten Polizeiapparat
für sich zu nutzen weiß. Die Erste Republik wird zur Diktatur.

Studentinnen und Studenten sind die bewegende Kraft für Demokratie, Wiedervereinigung und Wahrung der Menschenrechte. Die Studentengeneration der 60er
Jahre ist nach dem 19. April 1960 benannt, als es in Folge von massiven Wahlfälschungen zu Demonstrationen kommt, durch die Yi Sungman ins Exil
gezwungen wird. Von Juli 1960 bis Mai 1961 dauert der kurze Versuch einer Zweiten Republik mit Präsident Yun Po-Sun. Am 16.5.1961 kommt es zu einem
Militärputsch, dessen größte Gefahr in der Wiederholung besteht. Mit zweifelhaftem Wahlergebnis wird Generalmajor Park Chung-Hee 1963 Präsident. In seiner
Amtszeit erfolgt die Weichenstellung für den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg im bisherigen Agrarland durch eine exportorientierte Industrialisierung und
Importzölle zum Schutz eigener Produkte. Park wird durch die Yushin-Verfassung zum unumschränkten Alleinherrscher. Yushin gibt auch der aufgebrachten
Studentengeneration der 70er Jahre ihren Namen. Am 26.10.1979 wird Park von seinem eigenen Geheimdienstchef erschossen.

Die 80er Jahre beginnen mit der Machtübernahme durch Generalmajor Chun Doo-Hwan und Studentenprotesten, die in Kwangju im Kugelhagel der militärischen
Sondertruppen gipfeln - die genaue Zahl der Toten ist bis heute unbekannt. Die Demonstrationen häufen sich und zeigen ausgesprochen antiamerikanische
Züge. Die politische Landschaft verändert sich: Normalbürger interessieren sich für Politik. "Kwangju geht weiter" wird zum Motto der engagierten Bevölkerung.
Die politisierte Studentengeneration der 80er Jahre trägt ihre Forderungen von Menschenrechten, Demokratie und Wiedervereinigung vor. Im Vorfeld der
Olympischen Spiele in Seoul 1988 fordert sie vor der Weltöffentlichkeit die Rechte auf freie Meinungsäußerung und gerechtere politische und wirtschaftliche
Strukturen. Sie erhält im nachhinein den Namen "Sanduhr-Generation", nach der 1995 ausgestrahlten Fernsehserie "Sanduhr", in der aus der Perspektive eines
Halbstarken die Zeit der Chun-Diktatur dargestellt wird.

Vor den Olympischen Spielen findet der Machtwechsel von Chun Doo-Hwan an Rho Tae-Woo (1987) als Direktwahl statt. Dabei nutzt Roh Tae-Woo die
Spaltung der Opposition zwischen Kim Dae-Jung und Kim Young-Sam für seinen Wahlsieg aus. 1993 kommt es tatsächlich zu einem Zivilpräsidenten, dem
Oppositionsführer Kim Young-Sam, der als politischer Taktiker im Vorfeld der Wahlen in die Regierungspartei übergewechselt war. Trotz seines Zickzackkurses
zwischen den Hoffnungen der Wähler und den alten Positionen in Militär und Verwaltung siegt seine Partei in der letzten Wahl der Abgeordneten zur
Nationalversammlung 1996. Die heutige Studentengeneration wird bislang "Neue Generation" genannt: junge Menschen, die teilweise politisch aktiv, teilweise
aber auch völlig apolitisch sind und aus wirtschaftlich relativ gesicherten Verhältnissen kommen. Demonstrationen finden nach wie vor statt. Korea - ein Volk,
das sich seit einem Jahrhundert auf den Weg zur Demokratie begeben hat. Sein Ziel ist noch nicht erreicht. Dass die ehemaligen Militärmachthaber Chun und
Roh jetzt wegen Korruption und wegen des Kwangju-Massakers vor Gericht stehen, ist ein gutes Zeichen für das demokratische Bewusstsein im koreanischen
Volk. Die strukturellen Korruptionen, die während der Diktatur entstanden sind, haben noch Gültigkeit. Bei den heutigen Parteien geht es nicht um ein konkretes
Programm, sondern nur um eine bestimmte Führungspersönlichkeit. Die Nationalen Sicherheitsgesetze sind noch immer in Kraft, nach denen es auch heute über
400 politische Gefangene im Lande gibt. Das Bemühen um Demokratie und Wiedervereinigung muss weitergehen.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 31-32]

Königreich Vasallenstaat und Kolonie

Geschichte im Schatten von China und Japan

Von Ko Son

Als Brückenland zwischen China, dem Reich der Mitte, und Japan war Korea ein Vermittler kultureller Errungenschaften wie auch ein begehrtes militärisches Objekt.
Politische Abhängigkeiten haben die Geschichte geprägt. Trotz aller äußeren Einflussnahme hat sich im Land jedoch eine völlig eigenständige Kultur entwickelt.

Jedem Koreaner ist die Gründungssaga um den Göttersohn Tangun bekannt, der 2333 v. Chr. die Erde betrat. Die Besiedlungsgeschichte ist älter. Es gibt
archäologische Funde in Korea, die belegen, dass die Halbinsel seit dem Paläolithikum bewohnt ist. Die Bewohner des heutigen Korea sind in mehreren
Besiedlungsphasen über die Mandschurei zugewandert. Ihre Sprache ist mit den mongolischen, den turk- und den tungusisch-mandschurischen Sprachen
verwandt und gehört zu einer völlig anderen Sprachfamilie als das Chinesische. Bereits seit vorchristlicher Zeit besteht jedoch ein politisches
Abhängigkeitsverhältnis zum chinesischen Reich, das erst 1910 endete.

Um die Zeitenwende wurde die Halbinsel von unabhängigen Stammesverbänden regiert, die sich zunehmend zu größeren Königreichen zusammenschlossen: im
Norden zu Koguryo, im Südwesten zu Paekche und im Südosten zu Silla. 668 n.Chr. kam es zum ersten staatlichen Zusammenschluss der gesamten Halbinsel
unter der Vorherrschaft von Silla - bis 918. Diese Einheit blieb bis 1945 fast ohne Unterbrechung bestehen. Die Hauptstadt Kyongju ist ein Ort bedeutender
Tempel und archäologischer Funde und wurde von der UNESCO zu einer der zehn bedeutendsten Kulturstätten der Menschheit erklärt. Silla anerkannte die
chinesische Oberhohheit durch eine Tributpflicht. Der Buddhismus war die prägende Religion. Im Land herrschten Adelige über eine unfreie Bauernbevölkerung.
Ein Aufstand der verarmten Landbevölkerung 889 ist der Beginn des Silla-Niedergangs.

Von 918 bis 1392 wurden die Geschicke der Halbinsel durch die Koryo-Dynastie bestimmt. Die Hauptstadt war Kaesong im heutigen Nordkorea, in dem der
vorherrschenden Religion entsprechend viele buddhistische Tempel errichtet wurden. Ein Schutzwall entlang der Nordgrenze sicherte das Land gegen Übergriffe
von China. Von 1290 an stand das Land vorübergehend unter mongolischer Oberhohheit. Die schwere innenpolitische und wirtschaftliche Krise am Ende der
Koryo-Dynastie konnte Yi Songgye durch eine Bodenreform erleichtern. Er wurde der Begründer der nachfolgenden Yi-Dynastie, die von 1392 bis 1910 das
Schicksal Koreas bestimmt.

Korea wurde wiederum ein tributpflichtiger Vasallenstaat Chinas. Es kam unter der neuen Herrschaft zu teifgreifenden Veränderungen im Lande (vgl. das Portrait
von König Sejong). Bis heute von nachhaltiger Wirkung war die Stärkung des Konfuzianismus als staatsprägender Philosophie. Unter anderem gehörten ein
hierarchischer Gesellschaftsaufbau und eine gravierende Verschlechterung der gesellschaftlichen Stellung der Frauen zu den Folgen. In Korea pflegte man vor
allem Philosophie und Künste und setzte damit das Land immer wieder militärischen Invasionen aus, deren gravierendste unter dem japanischen General
Hideyoshi in den Jahren 1592 bis 1598 stattfanden, jedoch durch Admiral Yi Sun-Sin und seine Erfindung gepanzerter Kriegsschiffe zurückgeschlagen werden
konnten. Seit dem 17. Jahrhundert hat das koreanische Volk eine Politik der strikten Abgeschlossenheit nach Außen verinnerlicht.

Hohe Steuerlasten und eine ungleiche Landverteilung waren die Ursachen für die Armut der unteren Bevölkerungsschichten in diesem Feudalstaat. Im 19.
Jahrhundert wehrte sich das Volk mit Aufständen. In diesem Klima entstand die Tonghak-Lehre, die "östliche Wissenschaft", die die Gleichwertigkeit aller
Menschen betont und Anleihen aus dem Schamanismus und dem Christentum aufweist. Sie verbreitete sich rasch im ganzen Land, wurde aber von den
Regierenden im Jahr 1894 blutig abgewürgt. Die Aufstände gaben auch chinesischen und japanischen Truppen Anlass, einzumarschieren. Dabei sicherte sich
Japan eine zunehmende Einflussnahme auf der Halbinsel. 1905 musste die koreanische Regierung einen Vertrag unterzeichnen, der das Land zum japanischen
Protektorat machte, 1910 wurde Korea eine japanische Kolonie. Die folgenden Leidens- und Schreckensjahre haben viele ältere Menschen im Lande noch in
trauriger Erinnerung: den Abzug koreanischer Produkte nach Japan, die Zwangsverschleppung von Arbeitern für die Kriegsindustrie und von Frauen in
Militärbordelle, das Verbot der koreanischen Sprache und Namen, das gewalttätige Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung. Anlässlich der Beisetzung König
Kojongs kam es am 1.3.1919 zu einer gewaltfreien Volkserhebung, die von den Besatzern blutig niedergeschlagen wurde. Erst 1945 brachte die Kapitulation
Japans die Hoffnung auf Unabhängigkeit.

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S.10-12]

Geschichte im Überblick

3.10.2333 v.Chr. Mythologische Gründung Koreas durch Tangun: Tag der Öffnung des Himmels

57 v.Chr. - 668 drei Königreiche: Silla, Paekche und Koguryo

668 Vereinigung der drei Königreiche

668 - 918 erstes Großreich unter Silla-Vorherrschaft

918 - 1392 Koryo-Dynastie

1392 - 1910 Yi - Dynastie

1446 Einführung des koreanischen Hangul-Alphabets

1592 Japanischer Invasionsversuch unter Hidejoshi

Februar 1784 Taufe des ersten Koreaners

1884/1885 erste amerikanische Missionare

1894 Tonghak-Bauernaufstand

1895 Ende der chinesischen Vorherrschaft über Korea nach Niederlage Chinas im Chinesisch-Japanischen Krieg

1905 Korea wird japanisches Protektorat

1910 - 1945 Japanische Kolonie

1.3.1919 gewaltfreie Volkserhebung (Sam-Il), durch Japaner blutig niedergeschlagen

1945 Kapitulation Japans, Treuhandschaft der Siegermächte über Korea

1948 endgültige Teilung des Landes

25.6.1950 Beginn des Koreakrieges

27.7.1953 Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens

1948 - 1960 "Erste Republik" mit Präsident Yi Sungman

19.April 1960 Studentenproteste führen zum Sturz Yi Sungmans

1960 - 1961 Zweite Republik

16.5.1961 Militärputsch unter Park Chung-Hee

26.10.1979 Ermordung Park Chung-Hees

1980 Putsch von Offizieren um Chun Doo-Hwan

Mai 1980 Massaker von Kwangju

1981 - 1987 Staatsoberhaupt Chun Doo-Hwan

1987 - 1992 Staatsoberhaupt Rho Tae-Woo

1988 Olympische Spiele in Seoul

seit 1993 Präsident Kim Young-Sam

[Quelle: EMS, Länderheft Südkorea, 1996, S. 11]

Kleiner historischer Abriss:

Die koreanische Halbinsel ist seit der Altsteinzeit (mindestens 20 000 Jahre) besiedelt.

Die ersten Bewohner wanderten über die heutige Mandschurei, letzlich Südsibirien, ein. Auf diesen historischen Kontext geht die Urreligion Koreas - der
Schamanismus - zurück, der sich im Land weiterentwickelt hat und heute noch kräftig ist.

Auf koreanischem Boden bildeten sich ab dem 3. Jahrtausend kleine Königreiche.

Das Gründungsdatum des ersten mythischen Königreichs geben Koreaner mit 2333 v. Chr. an. Wir haben mit einer 5000jährigen kontinuierlichen historischen
Tradition von Königsherrschaft zu rechnen. Die Könige hatten das Amt von Priester-Schamanen innen. Im heutigen koreanischen Schamanismus sind Frauen
als Schamaninnen tonangebend.

Im Jahr 668 n. Chr. wurde die koreanische Halbinsel zum ersten Mal staatlich zusammengeschlossen. Diese Einheit blieb bis 1945 bestehen!

Das erste koreanische Großreich (Silla) blieb bis 988 bestehen, es wurde dann abgelöst von einer neuen Dynastie (Koryo), die bis 1392 herrschte.

Die Jahrhunderte von 688 bis 1392 waren Höhepunkte buddhistischer Frömmigkeit.

Von 1392 bis 1910 herrschte die Yi-Dynastie (618 lange Jahre). Diese Dynastie führte die konfuzianische Staatslehre und Ethik ein. Der Konfuzianismus
blieb prägend bis heute. Die Dynastie war die meiste Zeit als Vasall dem Kaiserreich China tributpflichtig. Doch schaffte es Korea, seine eigenständige Kultur
weiterzu- entwickeln.

In der Yi-Dynastie kam auch erstmals das Christentum - und ohne westliche Missionare ins Land. deshalb empfinden viele koreanische Christen, dass der
christliche Glaube keine westliche Religion, sondern eine koreanische sei. Die koreanischen Herrscher mussten jährlich eine Regierungsdelegation an den
kaiserlichen Hof in Peking schicken. Ein Delegationsmitglied lernte 1783/84 katholische Missionare am Hof des Kaisers kennen, ließ sich unterweisen und kehrte
als Christ nach Korea zurück. Er gewann andere Adlige, wurde dafür aber hingerichtet. Dennoch entwickelte sich bis 1795 ein rein innerkoreanischer
Katholizismus.

1832 kam der erste protestantische Missionar.

1910 brach die japanische Kolonialzeit an. Sie ging bis 1945. Noch heute gilt Japan als Feind bzw. Hauptkonkurrent Japans. Auf den Straßen von Korea sieht
man kein einziges japanisches Auto (Importverbot). Bei den Verhandlungen um die Fußball-WM 2000 standen als potentielle Ausrichter Japan und Korea an.
Korea als Austragungsort wäre ein Triumph gewesen. Nun hat die FIFA beide Länder als Austragungsorte benannt.

Auf der koreanischen Halbinsel ging der Kalte Krieg bis heute weiter. 1948 wurde das Land geteilt. Die südkoreanische Bevölkerung ersehnt eine
Wiedervereinigung. Ihre Regierung sieht es mit Misstrauen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren aus der wirtschaftlichen Not des kommunistischen
Nordkoreas heraus und aus dem wirtschaftlichen Expansionswunsch des staatskapitalistisch orientierten Südkorea schon eine kleine Zusammenarbeit ergeben:
im August 1996 sind der nordkoreanische Samchonri in der Hauptstadt Pyonyang und das sükoreanische Unternehmen Daewo eine Partnerschaft auf 50:50
Prozent Basis eingegangen. Südkoreanische Kleidungsingenieure (Fachkräfte) arbeiten mit den nordkoreanischen ArbeiterInnen