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2001/07/07 (01:54) from 129.206.85.195' of 129.206.85.195' Article Number : 69
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Kirche im Pluralismus
Michael Welker
Kirche im Pluralismus,
Chr. Kaiser / Güterslohr Verlagshaus, Gütersloch 1995.

"Die Kirche- nicht nur Rom - hat ein besonders gestörtes Verhältnis zum Pluralismus." Diese Behauptung habe ich oft gehört - und lange fraglos akzeptiert. Nachdem ich mich intensiver an theologischen und soziologischen Diskussionen in Deutschland und Nordamerika über Themen wie "Kirche und Gesellschaft", "Kirche und andere Öffentlichkeiten" und "Pluralismus und Zivilgesellschaft" beteiligt habe, ist mir aber deutlich geworden : Die Kirche hat nur - vielleicht in besonders auffälliger Weise - Anteil an der allgemeinen Unsicherheit gegenüber "dem Pluralismus". Den Christen und Christinnen, den Theologinnen und Theologen und den Kirchenleitungen geht es nicht anders als den "Weltkindern". Sie alle haben Schwierigkeiten, die innere Verfassung der pluralistischen Gesellschaften unserer westlichen Kulturen zu begrifen und sich dazu konstruktiv oder kritisch ins Verhältnis zu setzen.
Nicht nur in kirchlichen Verlautbarungen und theologischen stellungnahmen, sondern auch in der säkularen Literatur aller Art finden wir immer wieder die wolkige und gedankenlosen, genauer : die Gedanken auflösende Rede von "der Pluralität", "der Vielfalt", "dem Vielfältigen", "der Pluralisierung" - ganz offensichtlich verbunden mit der Meinung, damit sei "der Pluralismus" schon erfaßt. Die besondere "Vielfalt" und "Pluralität" aber, die den Pluralismus ausmacht und die ihn unterscheidet etwa von der "Vielfalt" eines von den Soluologen so genannten "organisierten Chaos" oder von der "Vielfalt" hierarchisch gestufter Gesellschaften, kommt dabei überhaupt nicht in den Blick. Sie kommt auch nicht in den Blick bei denen, die meinen, Pluralismus und Individualismus gleichsetzen zu können, oder bei denen, die vermuten, der Pluralismus bestehe in einer etatischen Ausbalancierung von Gruppenegoismen.
Erkennen wir diese allgemeine Schwierigkeit der pluralistischen Gesellschaften, sich über ihre innere Verfassung zu verständigen, so wird begreifbar, daß viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche den Plurlismus als eine Last ansehen, daß sie die "Strapazen der Vielfalt" beklagen oder sogar Pluralismus, haltlosen Relativismus und Zerrüttung einfach gleichsetzen. so verständlich diese Unfähigkeit zur Orientierung ist, so gefährlich ist sie. Sie verhindert es nämlich, den Pluralismus als hochentwickelte Gesellschaftsform zu erkennen, von der die Qualität demokratischen und freiheitlichen menschlichen Zusammenlebens abhängt.


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