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2001/07/20 (22:40) from 147.142.196.118' of 147.142.196.118' Article Number : 71
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Gentechnik
Die grüne Gentechnik birgt unkalkulierbare Risiken

Analyse

Von Hannelore Crolly

Paradoxe Welt: Einst war es ein Großkonzern aus der Schweiz, der uns mit dem Businessmodell der "Life Science" beglückte, jener durch die Gentechnik geklammerten Vereinigung von Pharma und Landwirtschaft also, die angeblich eine so blühende Zukunft verhieß. Und ausgerechnet in der Schweiz wiederum findet dann eine Studie heraus, dass die wirklich guten Marktchancen der Bauern im Verzicht auf genmanipulierte Pflanzen liegen. Uneinige Eidgenossen?
Gescheitertes Konzept

Bei näherem Hinsehen ist der Widerspruch eigentlich gar keiner. Denn eben jener Novartis-Konzern, der Mitte der neunziger Jahre zu keinem anderen Zwecke als zur Verehelichung der beiden Sparten Medizin und Landwirtschaft gegründet worden war, hat als Erster sein dahinwelkendes Agrogeschäft wieder abgestoßen. Und damit zugegeben, dass das "Life Science"-Konzept gescheitert ist.

Der Grund dafür liegt nicht nur darin, dass die erhofften Synergien nicht zu realisieren waren. Das Geschäft mit Pflanzengift und grüner Gentechnik birgt, wie sich jetzt im Falle von Aventis zeigt, auch ganz erhebliche, nicht kalkulierbare Risiken. Außerdem basiert es auf Annahmen, die alles andere als bewiesen sind. So ist es etwa kaum mehr als eine aus der Luft gegriffene Behauptung zu sagen, die Lebensmittelversorgung einer wachsenden Weltbevölkerung sei nur durch Gentechnik zu gewährleisten. Böse hat es Aventis, aber auch Mitbewerber wie Monsanto, vor allem beim genmanipulierten Saatgut erwischt.

Jahrelang versuchten die Konzerne, in Europa mit der Mitteilung Stimmung für die grüne Gentechnik zu machen, amerikanische Bauern und Verbraucher hätten gegen genveränderte Lebensmittelstoffe gar nichts einzuwenden. Das war falsch. Zwar sind mittlerweile tatsächlich schon 25 Prozent der Getreideflächen in den USA mit manipuliertem Saatgut bepflanzt. In manchen Gebieten wie South Dakota oder Minnesota liegt der Anteil gar bei fast der Hälfte. Bei den Getreidesorten handelt es sich wie bei dem umstrittenen Starlink häufig um Pflanzen, in deren Biologie so eingegriffen wurde, dass sie weniger oder ganz bestimmte Pflanzenschutzmittel benötigen, wie etwa das Roundup-Ready-Getreide von Monsanto, das dank einer Genbehandlung nur gut auf das hauseigene Herbizid Roundup zu sprechen ist. Diese Entwicklung haben die Anbieter ebenfalls jahrelang als Segnung gepriesen.



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Viele Bauern sehen das jetzt aber anders. Nach dem Auftauchen des nicht zugelassenen Starlink in Lebensmitteln und - was fast noch schlimmer ist - dem unkontrollierbaren Ausbreiten des manipulierten Proteins herrscht helle Aufregung. Großabnehmer der Bauern wie der Lebensmittelproduzent Tate & Lyle oder Archer-Daniels-Midland warnen die Farmer schon mehr oder weniger offen davor, ihnen weiter genmanipuliertes Getreide zu liefern. Anwälte aus 16 Staaten haben Aventis bereits einen Gemeinschaftsbrief mit der Aufforderung geschickt, mit mehr Nachdruck dafür zu sorgen, dass die Bauern künftig vor finanziellen Einbußen durch solche Zwischenfälle verschont bleiben. Und das, obwohl es keinerlei Hinweise darauf gibt, dass der Starlink-Mais schädlich ist.

Die Empörung entspringt also einer ähnlich tief verwurzelten Unsicherheit gegenüber der Gentechnik wie bei den Europäern. Und in Ländern wie Japan, einem Großabnehmer für amerikanisches Getreide, sitzt dieses Misstrauen ebenfalls tief. Nach dem Aufkommen des Skandals mit Starlink hatten japanische Kunden zunächst ihre Bestellungen storniert.

Die Gesellschaft ist offensichtlich auch nicht bereit, möglicherweise unethische Anwendungen der Gentechnik zu tolerieren. So musste Monsanto schriftlich zusagen, kein durch Gentechnik sterilisiertes Saatgut auf den Markt zu bringen. Die Pflanzen aus solchen Samen hätten im nächsten Jahr nicht noch einmal geblüht - was zum finanziellen Ruin vor allem kleiner Bauern in der Dritten Welt führen würde.

Wie es scheint, sollte Aventis seine Entscheidung, das Crop-Science-Geschäft mit dem Namen "Agreva" an die Börse zu bringen, doch noch ein wenig zurückstellen. Im Moment würden sich die Investoren wahrscheinlich wohlweislich zurückhalten. Immerhin ist es in den USA wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis findige Verbraucheranwälte die ersten Millionenklagen wegen der unzulässigen Verbreitung von genmanipuliertem Saatgut anzetteln.



http://www.welt.de/daten/2000/11/24/1124wi204750.htx



Streit um Gentechnik verschärft sich

Kanzler will Debatte "ohne Dogmatismus und Fraktionszwang" - Opposition kritisiert Kurswechsel

Von Mark Gellert

Tutzing/Berlin - Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat eine "breite gesellschaftliche Debatte" über die Gentechnik gefordert. In einem Vortrag vor der Evangelischen Akademie im oberbayerischen Tutzing sagte Schröder, Gentechnik sei keine Zukunftsutopie, "sondern Teil unserer Gesellschaft". Er habe daher versucht, eine Debatte "ohne ‚ideologische Scheuklappen' und Denkverbote" und "ohne Dogmatismus und Fraktionszwang" in Gang zu bringen.
Nur diejenige Gesellschaft könne über schwerwiegende Zukunftsfragen wie die nach den Chancen und Risiken der Gentechnik befinden, die Bescheid wisse, sagte Schröder. "Unter allen Umständen gilt es zu verhindern, dass Menschheitsthemen von einer Wissensoligarchie vorentschieden werden. Oder auch von einer Ethikoligarchie." Themen, "die uns alle angehen", dürften nicht an ein "Gremium von besonders klugen" oder "besonders moralischen Menschen" delegiert werden.

Eine solche Diskussion müsse vom "unbedingten Respekt" gegenüber religiösen oder ethischen Positionen, aber auch von Redlichkeit bestimmt werden. Eine Selbstbescheidung Deutschlands auf Anwenderlösungen würde nur dazu führen, dass "wir das importieren, was bei uns verboten, aber in unseren Nachbarländern erlaubt ist", fügte der Regierungschef hinzu. Selbst vorsichtige Biologen und Mediziner seien der Ansicht, dass ohne gentechnische Verfahren künftig auch die Therapie ganz allgemeiner Krankheiten kaum noch denkbar sein werde. Gleichzeitig seien Wirtschaftsexperten der Meinung, die Wissensgesellschaft in Deutschland habe ohne einen Führungsplatz in der Bio- und Medizintechnik keine Chance, den Wohlstand zu sichern.

Der stellvertretende Vorsitzende der Ethik-Enquetekommission des Bundestags, Hubert Hüppe (CDU), kritisierte Schröders Vorstoß im Gespräch mit der WELT als eine "Scheindebatte". Schröder folge "mit Brachialgewalt" einem bioethischen Zeitgeist und versuche, "eine Debatte so zu lenken, dass alle ihm folgen". Hüppe warnte vor einer Diskussion unter dem Motto "Erst die Ökonomie, dann die Moral".

Der Oppositionspolitiker sagte, er beobachte einen Kurswechsel, weg von der grundsätzlichen Ablehnung der Gentechnik. Nach den Äußerungen von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD), der Embryonen eine Menschenwürde abgesprochen hatte, setze sich dies im Gesundheitsministerium fort. Schröder finde in der neuen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und ihrer Staatssekretärin Gudrun Schaich-Walch (beide SPD) "zwei willfährige Politikerinnen", die seinen Kurs offenbar mittrügen. Hüppe kritisierte auch, dass die Regierung von dem geplanten Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin abrücke. Von den Grünen zeigte er sich enttäuscht. Sie hätten ihre sonst kritische Haltung zur Gentechnik aufgegeben. "Die Grünen scheinen alle Grundsätze über Bord zu werfen", monierte Hüppe.


http://www.welt.de/daten/2001/01/19/0119de216591.htx



Positionskämpfe zur Gentechnik  

Die einzige Institution, die sich in dem Wettlauf der Positionen und Güterabwägungen fundamental eindeutig und ablehnend verhält ist die Kirche - Leitartikel

Von Michael Mönninger

Seitdem die FDP auf ihrem Düsseldorfer Parteitag zur biopolitischen Avantgarde geworden ist und nach britischem Vorbild die Freigabe der Forschung und Diagnostik an Embryonen fordert, sind die anderen Parteien unter Zugzwang geraten. Bei ihren Versuchen, sich zu Bioethik und Lebensschutz möglichst eindeutig zu positionieren, haben sie sich in einen nervösen Wettlauf begeben, der angesichts der behandelten existenziellen Grundfragen merkwürdig überstürzt gestartet erscheint.
Dabei kann das enorme Tempo nicht darüber hinwegtäuschen, dass die traditionelle Form der Meinungsbildung und Urteilsfindung in Parteien und Parlamenten der realen Entwicklungslogik von wissenschaftlicher Angebots- und gesellschaftlicher Nachfrageorientierung hoffnungslos hinterherhinkt. Die Politik scheint jenes Stadium erreicht zu haben, das Hegel einst der Philosophie zuschrieb: Sie kann ihr Denken und ihre Themen nur an dem schulen, was in der Wirklichkeit längst vollendet ist, weil sie ihre Ideale allein noch unter dem Druck des Realen zu formulieren vermag. Bereits vor der mit Spannung erwarteten Rede des Bundespräsidenten zur Gentechnik an diesem Freitag fällt auf, dass die Parteien in der Tat bei der Formulierung von Idealpositionen gegenwärtig die größten Offerten machen, als gelte es, morgen in eine Wahlschlacht zu ziehen.

Wer den Forschungsstandort Deutschland stärken, die therapeutische Medizin fördern und die menschliche Reproduktion erleichtern möchte, findet sich derzeit bei den Freidemokraten am besten aufgehoben. Sie wollen aus ihrer latenten antiklerikalen Tradition heraus gegen alle kirchlichen Verbote die genetische Diagnostik und embryonale Stammzellenforschung liberalisieren.

Wer dagegen zum "Bündnis der Modernisierungsverweigerer gehört", wie die FDP die Gentechnik-Gegner nennt, der ist bei den Grünen willkommen, die mit ihrem jüngsten Fraktionsbeschluss in Annäherung an die Kirchen die Präimplantationsdiagnostik (PID) und verbrauchende Embryonenforschung eindeutig ablehnen und Risikogruppen empfehlen, beim Kinderwunsch auf Adoptionen zurückzugreifen. Doch den grausamen Widerspruch, dass sie die Selektion in der Petrischale verbieten, die sie im Mutterleib gestatten, haben auch die Grünen bis heute nicht gelöst.

Und wer auf der einen Seite die Biomedizin begrüßt, "technik-feindliche Ressentiments" von Rot-Grün ablehnt und andererseits doch an christlichen Grundwerten festhalten möchte, dem empfiehlt sich die CDU seit ihren Hildesheimer Beschlüssen vom vergangenen September, die von Jürgen Rüttgers jüngst präzisiert wurden: keine gendiagnostische Eugenik, keine verbrauchende Forschung - aber seltsamerweise trotzdem PID bei Indikation.

Und für noch Unentschlossene bieten schließlich die Sozialdemokraten den Griff in eine Art Wundertüte der Bioethik, aus der man sich wahlweise Herta Däubler-Gmelins Totalverbot und Edelgard Bulmahns ergebnisoffene Nachdenklichkeit herausfischen darf - bis der Ethikrat des Kanzlers entschieden hat.

Zwischen den Idealpositionen der liberalen Futuristen und der christlich-ökologisch motivierten Verweigerer tut sich ein Spannungsfeld auf, das in trügerischer Eindeutigkeit Wahlmöglichkeiten suggeriert, die nicht einmal im europäischen Rahmen durchzuhalten sind, geschweige denn im Weltmaßstab. Denn in zehn EU-Ländern ist die Diagnostik in der Petrischale längst erlaubt, und der PID-Tourismus wird ebenso wenig aufzuhalten sein wie früher bei der Abtreibung. Und selbst wenn die letzte Grenze, die Produktion von Embryonen als Lieferanten von Stammzellen, in den Industrieländern noch eine Weile aufrecht zu erhalten ist, so werden Entwicklungsländer erst recht in Konkurrenz zur westlichen Bioethik ihre Forschungen vorantreiben. Nicht zufällig beschäftigt sich der 1995 von Präsident Clinton berufene amerikanische Ethikrat vor allem mit den Proliferations-Risiken der Gentechnik in der Dritten Welt.

Die einzige Institution, die sich in diesem Wettlauf der Positionen und Güterabwägungen fundamental eindeutig und ablehnend verhält, ist der älteste Ethikrat des Abendlandes: die Kirche. Das kann sie, weil sie keine Wahlen gewinnen muss und ihre Ideale lange vor Herausbildung der heutigen Realitäten formuliert hat. Dagegen ist die Politik zur hektischen Nachlaufkritik verurteilt. Parteien und Parlamente werden sich wahrscheinlich nicht an die Kirche halten - aber ethisch kann sich niemand herausreden, es hätte keine schlüssige Alternative gegeben.

Den Autor erreichen Sie unter: moenninger@welt.de


http://www.welt.de/daten/2001/05/17/0517fo254189.htx


Gentechnik ohne Umkehr  

Wo die Expertendebatte beginnt, ist jeder ethische Einwand bereits perdu - Leitartikel

Von Ulrich Clauss

Der Philosoph Hans Jonas hat einmal gesagt, der menschliche Geist hätte sich zweier Kerne nicht bemächtigen sollen - des Atom- und des Zellkerns. Die gesellschaftlichen und individuellen Folgen seien kaum beherrschbar. Wie wir wissen, ist die Geschichte anders verlaufen. Die Bemächtigung schreitet voran - ungebremst. Unsere Ethik-Diskurse über das erlaubte Mögliche und das möglicherweise zu Erlaubende hinken aber immer weiter hinter dem Wissenszuwachs her. Die Bombe, die Atomkerne spalten kann, war vom Tage ihrer ersten praktischen Anwendung eines der großen Ethik-Themen der Menschheit. Die Ingenieursarbeit am Zellkern des Menschen hat wesentlich länger gebraucht, bis sie in den Mittelpunkt politischer und ethischer Dispute rückte. Liegt das nur daran, dass die Wissensexplosionen in den "Lebenswissenschaften" unserer Tage nicht von kriegerischen Bildern und Geräuschen begleitet werden? Verrät sich nicht schon in der Begriffswahl "Lebenswissenschaft" die Halbierung der Wahrheit, weil so der janusköpfige Charakter biomedizinischer Experimente verbal verhüllt wird?
Ob dabei die Politik mehr als Verdrängungshilfe leisten kann, erscheint von jeher zweifelhaft - und ein Denken in Moratorien ehrenhaft, aber nicht sehr geschichtsmächtig. Als im Oktober 1979 die Förderung der Biotechnologien zum ersten Mal von einer deutschen Bundesregierung mit einem eigenen Titel in einen Haushaltsplan geschrieben wurde, war das erste internationale Gentechnik-Moratorium bereits vier Jahre außer Kraft gesetzt. Die Würfel über die Grundakzeptanz der Biotechnik in der breiten Bevölkerung sind spätestens gefallen, seitdem 1982 in den USA genetisch das erste Medikament - das Humaninsulin - herstellbar wurde. Seitdem treten die Zauberlehrlinge der Biotechnik am liebsten im Arztkittel auf. Seitdem werden in der öffentlichen Darstellung - gleichgültig unter welcher Regierung - Chancen groß und Risiken klein geschrieben. Denn im Herzen des Menschen wohnt die Hoffnung, und die Hoffnung auf medizinische Allmacht über die Vergänglichkeit des Lebens in seiner irdischen Form macht es jeder demokratischen Regierung der Welt letzlich unmöglich, tatsächlich ein Moratorium oder gar einen Stopp des biotechnischen Fortschritts zu bewirken.

Wenn jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, der deutsche Bundeskanzler einen nationalen Ehtikrat zu Fragen der Biomedizin installiert, bleibt diesem nicht viel mehr zu tun, als die Geschichte seines Untersuchungsgegenstandes zu ordnen. Freilich, der Bundeskanzler will wissen, "was geht", um "Entscheidungsgrundlagen" für die Politik zu gewinnen. Aber diese Entscheidbarkeit wird nur suggeriert, weil nichts mehr zu entscheiden bleibt.

Wo die Expertendebatte beginnt, ist jeder ethische Einwand bereits perdu. Die Ingenieure der Machbarkeit werden sich nicht selbst ein Berufsverbot auferlegen. Nicht zufällig zeigen die "Experten" der deutschen Forschungsgemeinschaft mit ihrem Plädoyer für die verbrauchende Embryonenforschung die Instrumente, bevor der "nationale Ethikrat" überhaupt zum ersten Mal getagt hat. Die Nebelwerfer gehen prompt in Stellung. "Vorerst" will die Bundesforschungsministerin das Embryonenschutzgesetz nicht gelockert sehen, "zunächst" sieht der Bundeskanzler ebenfalls keinen Handlungsbedarf.

Auch Politiker sind nur Menschen. Niemand kann von ihnen mehr verlangen, als jeder Wähler bereit ist, an Abstraktion vom eigenen Wohl und Wehe zu leisten. Wo Embryonen "verbraucht" werden und sich nicht jede weitere Diskussion verbietet, bleibt ohnehin nicht mehr viel, was noch zu verbieten wäre. Die Toten dieser "Bombe" liegen nicht mehr sichtbar in den Ruinen von Hiroshima und Nagasaki, sondern ungeboren und ungezählt verborgen in den Kühlkammern der "medizinischen" Labors. Diese Katastrophe entzieht sich unserer Warnehmung, vielleicht lernen wir auch deshalb nichts aus ihr.

Der nationale Ethikrat wird, wie seine Vorläuferveranstaltungen, Skizzen des Möglichen abliefern, und schon nach flüchtigem Durchblättern der Expertisen werden Hoffnungen Unheilbarer genährt, Standortfragen aufgerissen und Unabweisbarkeiten des Fortschritts regierungsamtlich festgestellt werden. Wir sind auf einem Weg ohne Umkehr. Die Schuld daran - wenn wir von Schuld sprechen wollen - trifft alle. Das einzige, was wir von unseren Politikern fordern sollten, ist das demütige Eingeständnis von Ohnmacht. Sie ist die Kehrseite der Macht unserer Hoffnungen auf ewige Gesundheit.


Den Autor erreichen Sie unter: clauss@welt.de

http://www.welt.de/daten/2001/05/05/0505fo251516.htx


Naturwissenschaftlich- medizinisches Glossar
(DFG)

Abort:
Fehlgeburt, Ausstoßung der Frucht innerhalb der ersten 28 Wochen der Entwicklung.

Autolytische Prozesse:
Prozesse, die nach dem Absterben von Gewebe einsetzen und durch enzymatische Auflösung zu einer Zerstörung der Zellen führen.

Befruchtung:
Der über eine Reihe von Zwischenstufen verlaufende Prozeß der Vereinigung einer Eizelle mit einer Samenzelle zu einer befruchteten Eizelle (Zygote), vom ersten Kontakt des Spermiums mit der Hülle (zona pellucida) der Eizelle bis zur abgeschlossenen Vereinigung der Chromosomen der Eizelle und der Samenzelle zu einem neuen, individuellen Genom. Die Chromosomen des neuen Genoms liegen in doppelter Ausführung vor (Chromosomenpaare).

Blastomeren:
Die ersten Zellen eines Embryos nach Teilung der Zygote bis zum Morulastadium, ehe es zur Bildung einer Keimblase (Blastozyste) kommt.

Blastozyste:
Ein Embryo während des ca. 4. - 7. Tages der Entwicklung. Die Blastozyste besteht aus einer äußeren Zellgruppe, aus der sich die Plazenta-Anteile entwickeln (Trophoblast), und der inneren Zellmasse, aus der sich der Fetus entwickeln wird (Embryoblast).

Cytoplasma:
Inhalt einer Zelle mit Ausnahme des Zellkerns. Cytoplasma besteht aus einem flüssigen Medium und aus zahlreichen Zellorganellen, wie z.B. Mitochondrien, sowie faden- und röhrenförmigen Strukturen, dem Cytoskelett, und ist für essentielle Zellfunktionen zuständig.

Chimäre:
Nicht einheitlich gebrauchter Begriff (vgl. Hybrid). Ein Individuum, das aus genetisch verschiedenen Geweben zusammengesetzt ist (auch: "Mosaik"). Im weiteren Sinne auch Individuen aus artverschiedenen Geweben (z.B. "Schiege" aus Schaf und Ziege). Wird z.B. durch Injektion einer oder mehrerer fremder Zellen in die Blastozyste hergestellt, entsteht strenggenommen aber auch bei einer Organtransplantation.

Chromosom:
Chromosomen bestehen aus speziell angeordneter, "aufgewickelter" DNS mit einem Protein-Anteil und befinden sich im Zellkern. Eine menschliche Körperzelle enthält die Chromosomen in doppelter Ausführung (46 Stück), eine menschliche Keimzelle enthält die Chromosomen in einfacher Ausführung (23 Stück).

Determination:
Fixierung eines genetisches Programms im Laufe der embryologischen Entwicklung.

Differenzierung:
In sich differenzierenden Zellen werden unterschiedliche Gene aktiv oder unterschiedliche Gene inaktiviert. Dabei hat zwar - von Ausnahmen abgesehen - weiterhin jede Zelle die gesamte genetische Information, genauso wie die ursprüngliche befruchtete Eizelle, sie kann aber nur einen Teil dieser Information "abrufen". Man spricht auch von Spezialisierung einer Zelle. Eine ausdifferenzierte Zelle steht am Ende eine Reihe von Differenzierungs-Schritten.

DNS/Desoxyribonukleinsäure:
Die DNS enthält alle Informationen für die Herstellung aller für die Körperfunktionen nötigen Eiweiße. EG-Zellen (embryonic germ cells): Pluripotente Stammzellen, die im Labor aus primordialen Keimzellen eines toten Feten erhalten werden können. John Gearhart von der John Hopkins Universität in Baltimore konnte erstmals menschliche EG-Zell-Linien erzeugen.

Eizelle (auch Oozyte, Ovum):
Weibliche Keimzelle.

Enukleierte Eizelle:
Eizelle, aus der unter dem Mikroskop mit Hilfe einer Kanüle der Zellkern entfernt wurde.

Embryo:
Nicht einheitlich gebrauchter Begriff. In der Medizin meist die Leibesfrucht von der befruchteten Eizelle bis zum Abschluß der Organogenese etwa 8 Wochen danach. Das Embryonenschutzgesetz, ein Nebenstrafgesetz, gilt für den Zeitpunkt von der abgeschlossenen Befruchtung der Eizelle bis zur abgeschlossenen Einnistung in den Uterus am ca. 14. Tag der Entwicklung. Zusätzlich wird jede totipotente Zelle rechtlich einem Embryo gleichgestellt. Nach der Einnistung gelten die Bestimmungen des Strafgesetzbuchs mit dem Schutz vor vorsätzlicher Tötung und den Einschränkungen des Paragraphen 218.

Embryoblast:
Innere Zellmasse der Blastozyste, aus der sich der Fetus entwickelt. Die Zellen dieser inneren Zellmasse sind pluripotent.

ES-Zellen (Embryonic stem cells):
Pluripotente Stammzellen der inneren Zellmasse der Blastozyste. James Thompson von der University of Wisconsin und Kollegen an der Universität und dem Medizinischen Zentrum Rambam in Israel konnten solche Zellen des Menschen nach der Entnahme aus der Blastozyste erstmals kultivieren, d.h. am Leben erhalten und vermehren und somit ES-Zellinien herstellen.

Fetus (auch Foetus, Fötus):
Nach deutschem Recht gilt die Frucht nach Abschluß der Einnistung in den Uterus als Fetus.

Gen:
Aus DNS bestehender Abschnitt eines Chromosoms. Jedes der ca. 100.000 Gene einer menschlichen Körperzelle enthält die Information zur Produktion eines bestimmten Produkts wie z.B. eines Enzyms.

Genom:
Nicht einheitlich gebrauchter Begriff für die Gesamtheit der Erbanlagen (DNS) eines Individuums oder für die Gesamtheit der genetisch informativen DNS-Abschnitte (Gene).

Gewebe:
Ein Verbund von Zellen, die eine gemeinsame Funktion erfüllen.

Hybrid:
Uneinheitlich gebrauchter Begriff. Nachkomme von erbungleichen - gemeint hier: artverschiedenen Eltern -, d.h. eine Kreuzung zwischen Mensch und Tier. Alle Körperzellen eines hybriden Individuums sind genetisch gleich, im Unterschied zu Chimären. Ein Beispiel aus dem Tierreich ist der Maulesel, eine Kreuzung zwischen Pferd und Esel.

Individualspezifische Stammzelle:
Individualspezifische Stammzellen wurden bislang noch nicht hergestellt. Gemeint sind menschliche Stammzellen, deren ursprünglicher Zellkern durch einen anderen menschlichen Zellkern ersetzt wurde. Dies hat zum Ziel, Zellen und Gewebe mit dem genetischen Erbmaterial des Patienten zu erzeugen und so Immunreaktionen zu vermeiden.

In vitro:
"Im Glas" (Reagenzglas etc.) gemeint ist: außerhalb des Organismus im Unterschied zu
In vivo:
im lebenden Organismus

In-vitro-Fertilisation:
Extrakorporale Befruchtung, Befruchtung außerhalb des Körpers.

Keimzellen:
Eizellen und Samenzellen. Reife Keimzellen enthalten die Chromosomen eines Menschen in einfacher Ausfertigung.

Klonierung, Klonen:
Kopieren und identisches Vermehren. Wird im Zusammenhang mit Molekülen, Zellen, Geweben und Menschen verwendet.

Körperzelle:
Jede Zelle eines Embryos, Fetus oder geborenen Menschen, die nicht dazu bestimmt ist, sich zu einer Keimzelle zu entwickeln. Körperzellen enthalten die Chromosomen eines Menschen in doppelter Ausfertigung.

Organ:
Ein speziell strukturierter Verbund von Geweben zur Erfüllung biologischer Aufgaben im Körper.

Pluripotenz:
Aus pluripotenten Zellen können sich alle unterschiedlichen Gewebe eines Organismus entwickeln, jedoch nicht ein ganzes Individuum.

Primordiale Keimzelle:
Zellen, aus denen über eine Reihe von Entwicklungsstadien die Keimzellen entstehen. Primordiale Keimzellen haben im Gegensatz zu reifen Keimzellen die Chromosomenzahl einer Körperzelle, den doppelten Chromosomensatz.

Reprogrammierung:
Umkehrung der Differenzierung. Eine Reprogrammierung des Zellkerns einer Körperzelle auf das Differenzierungsniveau einer befruchteten Eizelle wurde durch Vereinigung der Körperzelle mit einer entkernten Eizelle im Falle von Schafen, Mäusen und Rindern erreicht ("Dolly-Klonierungsmethode"). Der Mechanismus dieses Vorgangs ist noch ungeklärt.

Stammzelle:
Jede Zelle, die Fähigkeit besitzt, sich selbst beliebig oft durch Zellteilung zu reproduzieren ("unsterbliche Zelle") und die sich zu Zellen unterschiedlicher Spezialisierung entwickeln kann ("Differenzierung").

Totipotenz:
Totipotente Zellen haben die Fähigkeit, sich in extra-embryonale Gewebe wie die Plazenta, den Embryo und alle post-embryonalen Gewebe und Organe zu differenzieren. Aus einer menschlichen totipotenten Zelle kann sich in einem Uterus ein ganzes Individuum, ein Mensch, entwickeln.

Vorkernstadium:
Stadium der Befruchtung, in dem aus dem Kern der Eizelle der weibliche Vorkern und aus dem Kern der Samenzelle der männliche Vorkern geworden ist.

Zellkern:
Teil einer Zelle, der die Chromosomen und damit nahezu die gesamte Erbinformation eines Menschen enthält (ein winziger Teil der Erbinformation ist in den Mitochondrien gespeichert).

Zelllinie:
Generationsabfolge von Zellen, unter Einbeziehung von Zellteilung und Differenzierung.

Zellkerntransfer:
Eine Technik, mit deren Hilfe ein Zellkern einer anderen Körper- oder Keimzelle in eine Zelle übertragen wird, deren Zellkern zuvor entfernt wurde. Die DNS des transplantierten Zellkerns dirigiert dann die weitere Entwicklung der Zelle. Erfolgreiche Beispiele beim Menschen sind nicht bekannt.

Zelltransplantationstherapie:
Medizinische Therapie, die Übertragung von Spenderzellen als Ersatz für erkrankte Zellen des Patienten beinhaltet. Dabei kann genauso wie bei der Transplantation von Organen eine Immunreaktion und eine Abstoßung der Zellen auftreten.


http://www.welt.de/wissenschaft/gentechnik/glossar.htx



Theologe wird Präsident des Deutschen Patentamts

Jürgen Schade will in Gentechnologie-Fragen Misstrauen der Bevölkerung abbauen

Von Anja-Maria Meister

München - Ein Handy habe er nicht, noch nicht, erklärt Jürgen Schade. Das wird sich ändern, denn am 1. August wird der ehemalige bayerische Landtagsabgeordnete neuer Präsident des Deutschen Patent- und Markenamtes (DPMA). Er muss dann ein Amt repräsentieren, das immer mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht. Schließlich ist die Gesellschaft sensibel geworden, wenn es um Patente auf Gensequenzen oder biotechnologische Produkte geht.
"Früher war das Patenrecht ein wertfreier Bereich, heute ist es ein wichtiger Teil der gesellschaftlichen Debatte", erklärt Schade. "Gerade in der Biotechnologie ist das Misstrauen in der Bevölkerung unglaublich hoch." Dem will Schade entgegenwirken, indem er "offensiv nach außen" geht, um "den Menschen unsere Positionen zu erklären". Die nämlich sind durch Recht und Gesetz eingegrenzt. "Wir entscheiden nicht, was gemacht werden darf, das tut der Bundestag als Gesetzgeber." Wenn im DPMA aber Grenzfälle diskutiert werden, dann will sich Schade als studierter Theologe auch selber einbringen.

Daneben stehen noch weitere Aufgaben an: Das DPMA will den Antragsstau abarbeiten, der sich mittlerweile auf 100 000 Patentanmeldungen summiert hat. Die Zahl der Prüfer soll weiter erhöht, die EDV-Ausstattung verbessert werden. Derzeit dauert ein Patentverfahren durchschnittlich 32 Monate, das Ziel sind laut Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin 24 Monate. Schade will das DPMA deshalb zu einer modernen Dienstleistungseinrichtung machen.

Der ehemalige Patentrechtler Schade war zwischen 1994 und 1998 als SPD-Vertreter im Landtagsausschuss für den öffentlichen Dienst. Parallel saß der gebürtige Berliner im Verfassungsausschuss, wo ihn selbst CSU-Kollegen als "fundierten und erfreulich sachlichen Fachmann" erlebt haben.

Auf dem internationalen Parkett sammelt Schade seit 1981 Erfahrungen, zur Zeit bei der Konferenz zur Harmonisierung der europäischen Patentgerichtsbarkeit. Er geht davon aus, dass er als DPMA-Präsident deutsche Errungenschaften zu verteidigen hat: "Es gibt den europäischen Trend, die Standards zu nivellieren, da werde ich auch nationale Interessen vertreten müssen."

http://www.welt.de/daten/2001/07/20/0720mu269085.htx



"Jetzt ist die Wissenschaft am Zug"  

Däubler-Gmelin: Vor Entscheidung über Forschung an embryonalen Stammzellen muss deren Notwendigkeit bewiesen werden

Berlin - Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin warnt davor, Forscherprestige und ökonomische Interessen über den Schutz werdenden menschlichen Lebens zu stellen. Von ihrer kategorischen Ablehnung der embryonalen Stammzellenforschung rückt die Sozialdemokraten jetzt allerdings ab. Mit der Ministerin sprachen Tissy Bruns und Dorothea Siems.
DIE WELT: Wann haben Sie sich zuletzt mit dem Kanzler über das Thema Gentechnik gestritten?

Herta Däubler-Gmelin: Mit Streit kann ich leider nicht dienen - aber unterhalten auch darüber haben wir uns zuletzt am vergangenen Montag, unter anderem über die Tagung des Nationalen Ethikrats vom vergangenen Freitag. Außerdem habe ich den Kanzler über die Ergebnisse der Gesprächsrunde mit führenden Verfassungsrechtlern informiert. Wir haben beide das Interesse, die Diskussion über die Gentechnologie am Menschen so breit wie möglich zu führen. Im Augenblick sehe ich hauptsächlich die Aufgabe, das Ziel und die Fragen deutlich zu machen, um die sich die Diskussion dreht - und drehen muss.

DIE WELT: Und was ist das Ziel?

Däubler-Gmelin: Unsere Gesellschaft muss einen neuen Grundkonsens darüber finden, was Fortschritt in diesem Bereich eigentlich bedeutet. Ich meine, dass sie nur dem Ziel dienen darf, zu heilen und zu helfen, also die Therapiemöglichkeiten für Menschen zu verbessern. Klar muss auch sein, was wir nicht zulassen wollen: Die Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken, reproduktives Klonen und Selektieren. Das muss ausgeschlossen bleiben.

DIE WELT: Sie gehören zu denen in der SPD, die enge Grenzen für die Forschung fordern. Der Kanzler vertritt den Gegenpol. Gibt es da zwischen Ihnen nicht doch Differenzen?

Däubler-Gmelin: Es gibt natürlich auch in der SPD unterschiedliche Meinungen in dieser Frage, aber das hat nichts mit persönlichen Differenzen zu tun. Ich finde es richtig, die unterschiedlichen Standpunkte, die ja auch aus anderen persönlichen und religiösen Prägungen kommen können, klar darzustellen. Und dass jetzt zunächst einmal die Wissenschaft am Zug ist, um zu klären, ob nicht ethisch unproblematische Verfahren, etwa die Forschung mit adulten Stammzellen, Erfolg versprechen, das ist doch klar. Im Übrigen ist ja immer noch völlig unklar, ob die wirklich rechtlich und ethisch problematischen Verfahren, wie die Forschung mit embryonalen Stammzellen, überhaupt Möglichkeiten eröffnen können, die den oben genannten Zielen entsprechen und nicht auch auf anderem Wege zu erreichen sind. Ich finde es gut, dass diese Diskussion auch in der Wissenschaft beginnt. Bisher haben die Forscher, die unbedingt mit embryonalen Stammzellen arbeiten wollen, nicht überzeugend darlegen können, warum sie nicht mit adulten oder mit tierischen Stammzellen arbeiten wollen. Das ist ein großes Defizit.

DIE WELT: Das Argument dieser Forscher lautet, dass das Potenzial der embryonalen menschlichen Stammzellen am größten sei.

Däubler-Gmelin: Das ist nicht mehr als eine pauschale Ankündigung und außerdem unter den Wissenschaftern selbst höchst umstritten. Das reicht nicht, das muss fachlich ausdiskutiert und dann auch für Nicht-Wissenschaftler verständlich dargelegt werden.

DIE WELT: Nach bisheriger Rechtsauffassung gilt die Verschmelzung von Eizelle und Samen als Beginn menschlichen Lebens. Muss diese Definition verändert werden?

Däubler-Gmelin: Auch das ist eine Grundfrage, über die Konsens in unserer Gesellschaft nötig ist. Ich halte diesen Zeitpunkt für beginnendes menschliches Leben für logisch und richtig. Hier Grenzen neu festzulegen, wie viele auch in Deutschland das ja fordern, bedeutet schon eine sehr bedeutsame Grenze zu überschreiten. Und diese Diskussion kann erst ernsthaft geführt werden, wenn klar ist, dass solche Forschungseingriffe wirklich dem Menschen dienen, warum das so ist, und warum das ohne Grenzverletzung nicht möglich wäre. Diese drei Antworten muss die Wissenschaft zunächst einmal geben.

DIE WELT: Der Bundestag will bis Dezember entscheiden, ob der Import von embryonalen Stammzellen zulässig ist oder nicht. Droht mit der Zulassung ein Dammbruch, wird dann als nächstes auch das therapeutische Klonen und anderes kommen?

Däubler-Gmelin: Es gibt Leute, die sagen, es gäbe diesen Dammbruch schon heute, wenn auch nicht in unserem Land. Vieles, was wir aus den USA oder anderen Ländern hören, weist darauf hin. Allerdings sind wir dem nicht schutzlos ausgesetzt. Wir können Grenzen schon durch Strafgesetze absichern. Aber es gibt auch die berechtigte Frage, ob so ein Dammbruch nicht die Einstellung unserer Gesellschaft zu Behinderten verschlechtern würde oder ob dann künftig Kinder weiterhin so angenommen werden würden wie sie sind, als Geschöpf also, nicht als Produkt, wenn Eigenschaften quasi nach Katalog bestellbar sind. Und schließlich weisen gerade angesehene Forscher darauf hin, dass unsere Gene das Ergebnis von dreieinhalb Milliarden Jahren Evolution sind und dass wir viel zu wenig wissen, um wirklich verantwortbar eingreifen zu können. Das alles ist ja richtig!

DIE WELT: SPD und Grüne haben im Bundestag gegen das Moratorium der Union für einen Importstopp von embryonalen Stammzellen gestimmt und einen eigenen Entschließungsantrag durchgesetzt. Sollte bei diesen Entscheidungen nicht ohne Fraktionszwang nach dem Gewissen entschieden werden?

Däubler-Gmelin: Ich bin auch der Meinung, dass für diese Diskussion taktisches Hin und Her sekundär sein sollten. Das gilt für den Moratoriumsantrag der Union und auch für seine Replik. Die Union hatte ursprünglich ja angekündigt, einen Antrag zum Verbot embryonaler, also pluripotenter Stammzellen vorzulegen. Davon war dann nicht mehr die Rede. Übrig blieb nur die taktische Variante, um die Regierungskoalition zu ärgern. Im Übrigen stimmen beide Anträge in ihrem Ziel sogar überein, weil beide wollen, dass die Grundfragen vor der nötigen Entscheidung des Parlaments ausgearbeitet und beantwortet sein müssen. Ich gehe ganz selbstverständlich davon aus, dass bei der Entscheidung selbst jeder Abgeordnete nach seinem Gewissen entscheidet.

DIE WELT: Sollten sich die Kritiker der embryonalen Stammzellenforschung durchsetzen, müsste dann konsequenterweise auch die Debatte über Schwangerschaftsabbrüchen und den Paragrafen 218 wieder aufgerollt werden?

Däubler-Gmelin: Ich halte das nicht für zwangsläufig, weil ja die Grundsituation völlig anders ist. So gibt es bei Schwangerschaftsabbrüchen immer die Kollision zweier höchster Rechtsgütern: das Recht der Schwangeren und das Recht des Ungeborenen. Dieser Konflikt fehlt bei Forschungseingriffen an Embryonen.

DIE WELT: Aber das Interesse der Kranken, die auf Heilung hoffen ...

Däubler-Gmelin: Wenn das bei schweren Leiden konkret nachgewiesen werden könnte, müsste das - trotz aller Probleme - genau abgewogen werden, falls Erfolge nicht auch auf anderem Wege erzielt werden können. Und weil das so ist, wiederhole ich ja immer die Aufforderung an die Wissenschaft, zunächst schlüssig darzulegen, ob es für solche Hoffnungen realistische Gründe gibt.

DIE WELT: Sie haben sich klar gegen die Zulassung der PID ausgesprochen. Ist es nicht moralischer, eine Untersuchung des Embryos auf genetische Defekte vor der Einpflanzung in den Mutterleib vorzunehmen und nicht erst danach, um dann gegebenenfalls abzutreiben?

Däubler-Gmelin: Ich halte in der Tat "Schwangerschaften auf Probe" für höchst problematisch. Im einen wie im anderen Fall. Ich kenne aber auch keine genetisch belasteten Elternpaare, die in der konkreten Entscheidungslage um Verzicht auf eigene Kinder sagen würden: Riskieren wir es eben. Bei Schwangerschaften handelt es sich heute in aller Regel um konkrete Konflikte. Bei PID werden Embryonen auf Probe erzeugt, und dann wird nachgeschaut, ob sie den genetischen Anforderungen entsprechen. Das schließt das Embryonenschutzgesetz als unzulässig aus.

DIE WELT: Es gibt aber Paare, die erblich schwer belastet sind. In diesen, sehr begrenzten Fällen geht es um die Frage, mache ich eine Schwangerschaft auf Probe auf dem einen oder anderen Weg.

Däubler-Gmelin: Richtig, und solche Entscheidungen können menschlich sehr belastend sein. Ich weiß das aus meiner Verwandtschaft. Wenn man sich wegen der eigenen Belastung gegen eigene Kinder und für eine Adoption entscheiden soll, ist das sicher manchmal schwer. Ob die in Ihrer Frage angedeutete Entscheidung für eine Schwangerschaft auf Probe oder eine Prüfung des Embryos letztendlich verantwortbarer ist, glaube ich persönlich nicht. Darüber muss jedoch auch in der Gesellschaft diskutiert werden. Heute ist die PID durch das Embryonenschutzgesetz verboten.

DIE WELT: Glauben Sie, dass sich viele Paare ihre Kinder nach dem Katalog aussuchen würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten?

Däubler-Gmelin: Ich kann nur hoffen, dass es nicht so ist. Doch man sieht schon heute, etwa in den USA, Besorgnis erregende Trends. Da gibt es Kataloge für Adoptionen oder etwa eine rege Nachfrage bei - teuren - so genannten Nobelpreisträger-Samenbanken, die für Geld Samen von Männern mit hohem IQ verkaufen. Ich befürchte, dass diese Kinder unter dem Druck der vorgeprägten Erwartungen ein schweres Leben haben werden. Und wehe, wenn sie sie nicht erfüllen.




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Gentechnik als Waffe gegen den Hunger   

UN-Bericht zur globalen Entwicklung: Potenziale neuer Technologien auch in armen Ländern nutzen

 

Von Claudia Ehrenstein

Berlin - Das Internet und die Gentechnik eröffnen bahnbrechende Chancen, weltweit Hunger und Armut zu bekämpfen. Das geht aus dem jüngsten "Bericht über die menschliche Entwicklung" hervor, den das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) am Dienstag offiziell in Mexiko-Stadt vorgestellt hat. Viele Länder bauten Kapazitäten auf, um technologische Innovationen ihren Bedürfnissen anzupassen, heißt es darin.
So wurde Software für Computernutzer entwickelt, die nicht lesen und schreiben können. Berührungsempfindliche Bildschirme erleichtern die Bedienung. Neue, Mobilfunkgeräte lassen sich mit Sonnenenergie betreiben. Ingenieure aus dem indischen Bangalore bringen in Kürze ein preiswertes Handheld-Gerät für den Internet-Zugang auf den Markt. Der so genannte Simputer nutzt dabei das quelloffene Betriebssystem Linux.

In allen Regionen der Erde hat es in den vergangenen 30 Jahren Fortschritte gegeben, jedoch in unterschiedlichem Tempo, heißt es in dem UN-Bericht. Noch immer lebt ein Drittel der Weltbevölkerung ohne Stromversorgung. 2,8 Milliarden Menschen haben pro Tag weniger als zwei Dollar zur Verfügung. Täglich sterben 30 000 Kinder unter fünf Jahren an vermeidbaren Ursachen. 826 Millionen Menschen sind unterernährt. Es bestehe dringender Bedarf, so der Bericht, moderne Sorten von Hirse, Sorghum und Maniok zu entwickeln, die mehr Nährstoffe enthalten und gegen Schädlinge und Trockenheit resistent sind. In China liefert gentechnisch veränderter Reis bereits bis zu 50 Prozent höhere Erträge. Je besser ausgebildet die Bauern dabei sind, desto eher werden sie modernes Saatgut nutzen, Pestizide und Düngemittel sinnvoll einsetzen.

Der UN-Bericht fordert intensivere Anstrengungen, um Impfstoffe gegen Malaria und Tuberkulose zu entwickeln. Von den 70 Milliarden Dollar für die weltweite Medizinforschung eines Jahres wurden nur 300 Millionen Dollar in die Suche nach einem Aids-Impfstoff investiert. Von 1223 Medikamenten, die in zwei Jahrzehnten auf den Weltmarkt kamen, eignen sich 13 zur Therapie von Tropenkrankheiten.

Über das Internet können schon heute auch entlegene Dörfer in ländlichen Gebieten mit Informationen zu Gesundheit, Wetter und Landwirtschaft versorgt werden. Die Zahl der Internet-Nutzer stieg seit Mitte der neunziger Jahre von 16 auf 400 Millionen, in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und auch in Indien erreicht das Internet jedoch erst 0,4 Prozent der Bevölkerung. Der Bericht ruft daher alle Länder auf, politische Maßnahmen zu ergreifen, um Fachwissen und den Zugang zu neuen Technologien zu fördern.

Der in diesem Jahr von UNDP eingeführte Index für technologischen Fortschritt (TAI) soll für 72 Länder die Fähigkeit aufzeigen, "an den technologischen Innovationen des Netzwerkzeitalters zu partizipieren". Spitzenreiter ist Finnland vor den USA, Schweden, Japan und Korea. Deutschland liegt auf Platz elf. Der TAI berücksichtigt unter anderem die pro Kopf erteilten Patente, die Zahl der Internet-Host-Rechner und Telefonanschlüsse sowie die durchschnittliche Schulbesuchsdauer.


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"Wohin mit dem Homunkulus?"  

Genforschung: Biochemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff fürchtet, dass der Mensch die Rolle des Teufels als Gottes Gegenspieler einnehmen wird

Von Heimo Schwilk

Dass sich die weltweit größte Propagandaschau zur Gentechnologie ausgerechnet in der Nachbarschaft zu Erwin Chargaff niedergelassen hat, in New Yorks imposantem American Museum of Natural History am Central Park West, ist ein seltsamer Zufall. Der 95-jährige Chargaff gilt nämlich als die Kassandra der angewandten Naturwissenschaft, als streitbarer Kritiker - manche sagen Apokalyptiker - des modernen Machbarkeitswahns. Die Ausstellung "The Genomic Revolution" preist in multimedialer Inszenierung an, wovor Chargaff seit Jahrzehnten nicht müde wird zu warnen: Genomentschlüsselung, Embryonenforschung, Klonierungstherapien, Präimplantationsdiagnostik.
Ein paar Hochhäuser weiter, im 13. Stock eines Backsteinbaus über dem Central Park, hat sich der berühmte Molekularbiologe und erfolgreiche Schriftsteller hinter Bücherwänden und seinem fröhlichen Sarkasmus verschanzt. Längst ist Erwin Chargaff eine Legende, weniger als Fast-Nobelpreisträger, dem Watson und Crick ihre Erkenntnisse über die Doppelhelix der DNS "gestohlen" hatten, wie er einmal in einem Interview anmerkte, sondern als wortgewaltiger Mahner vor einer dehumanisierten, schönen neuen Welt.

Der Besuch in seinem New Yorker Refugium ist lange angekündigt und wegen der prekären Gesundheit des hochbetagten Gelehrten verzögert, verschoben und schließlich doch der Realisierung näher gebracht worden. "Rufen Sie mich an, ob ich noch lebe", meinte er jedes Mal. Jetzt öffnet eine Haushälterin die beiden Flügel der Wohnungstür. Seit dem Tod seiner Frau Vera hält sie Chargaffs Kontakt zur Welt aufrecht, kommt regelmäßig zum Kochen in das Vierzimmerapartment, das eigentlich eine wohlbestückte Bib-liothek ist. Er sei kein Bibliophiler, der Erstausgaben sammle, erzählt Chargaff, die Bücher seien allein zum Lesen da. Nach seinem Tod soll die Wiener Nationalbib-liothek die Sammlung erben.

Der schmale Herr mit dem eisgrauen, dichten Haar und den wasserblauen, immer ein wenig spöttisch blickenden Augen sitzt mit dem Rücken zum Fenster, durch das die grelle Sonne eines Frühsommermorgens in den etwas spartanisch wirkenden Raum dringt. Die Hände auf den Stock gestützt, spricht er ein weiches, singendes Wienerisch, entschuldigt sich, dem Gast nicht entgegengehen zu können: Der Rücken mache nicht mehr mit. Damit sind wir mitten im Thema: Die Gesundheit sei der Vorwand, warnt Chargaff, mit dem die Genforscher ihre gefährlichen Grenzüberschreitungen rechtfertigten: "Wenn die Wissenschaft verspricht, dass sie den Schmerz lindert oder gar ausrottet, dann merken die Menschen auf. Die Gentechnokraten wissen, dass sie damit leicht verführen können, denn für Gesundheit und ewiges Leben geht der Mensch jeden Teufelspakt ein." Dabei sei doch beim "so genannten Fortschritt" gar nicht so viel herausgekommen, Krebs sei genauso gefährlich wie vor hundert Jahren, und Aids wachse sich zur Geißel der Menschheit aus. "Die Genomentschlüsselung wird zu zahlreichen unangenehmen Wirkungen führen, Leute werden ihren Genpass fälschen, um nicht ihren Job zu verlieren. Oder man wird feststellen, dass am Nucleotid 235 etwas falsch ist. Dann wird die Chase Manhatten Bank sagen: Dieser Mann kann bei uns nicht Kassierer sein."

Solche Übertreibungen haben Chargaff vielen seiner Forscherkollegen suspekt gemacht; sie argwöhnen, der verpasste Nobelpreis habe den in die Literatur und Philosophie entsprungenen Biochemiker verbittert. In Wirklichkeit hatte Chargaff früh schon seinen polaren Neigungen nachgegeben und nach dem Ersten Weltkrieg in Wien Chemie und Literaturwissenschaft studiert. Der Dreizehnjährige, der alles las, was ihm in die Hände fiel, erkannte in Karl Kraus, dem genialen Satiriker und scharfzüngigen Polemiker, einen Geistesverwandten, dem er bis heute nacheifert. Tatsächlich könnten viele seiner Aphorismen auch vom Herausgeber der "Fackel" geschrieben sein. Ähnlich wie Kraus mit seiner ätzenden Gesellschaftskritik will Chargaff als Wissenschaftskritiker seine Leser aufrütteln, zum Widerspruch reizen, zum Widerstand anleiten.

Für den Autor des Buches "Abscheu vor der Weltgeschichte" steuert die Menschheit auf die selbst gemachte Katastrophe zu. Chargaffs Karriere als Schriftsteller setzte zu einem Zeitpunkt ein, als die Forschung immer unverhüllter dem Zweckmäßigkeitsgrundsatz - "Was gemacht werden kann, muss auch gemacht werden" - zu huldigen begann, in den sechziger Jahren. Erwin Chargaff erkannte rasch, dass diese Art von Wissenschaft mit seinem eigenen Begriff von Natur nichts mehr zu tun hatte. Aus einem Saulus wurde ein Paulus.

Schon der Atombombenabwurf auf Hiroshima im Sommer 1945 hatte einen Schock für den Biochemiker bedeutet, der damals an der New Yorker Columbia University forschte. Zwei verhängnisvolle wissenschaftliche Entdeckungen hätten sein Leben bestimmt, schreibt Chargaff in seiner Autobiografie "Das Feuer des Heraklit": die Spaltung des Atoms sowie die Aufklärung der Chemie der Vererbung. In beiden Fällen habe der Mensch einen Kern "misshandelt", den Atomkern einerseits, den Zellkern andererseits. Damit habe die Wissenschaft eine Schranke überschritten, die sie hätte scheuen sollen.

Den Einwand, Gott habe den Menschen doch zur Freiheit verurteilt und damit seine grenzenlose Neugier erst entfesselt, will mein Gegenüber nicht gelten lassen: Leise, aber eindringlich formuliert Chargaff, der von sich sagt, keiner Kirche und keinem Glauben anzugehören, eine Moralpredigt wider den Machbarkeitswahn der Wissenschaft: "Gott hatte in Satan immer einen Gegenspieler - heute nimmt der Mensch dessen Platz ein. Für fromme Christen oder Hindus sind solche Wissenschaftler eine Teufelsbrut, denn sie sind aufgestanden gegen den Schöpfer der Welt. Sogar die Freidenker des 19. Jahrhunderts wären erstaunt gewesen über das, was jetzt vor sich geht. Den Feldzug der Wissenschaft gegen die Religion konnten auch die Philosophen nicht vorhersehen. Ich habe immer gedacht, dass zur Naturforschung auch eine gewisse Ehrfurcht vor dem Leben gehört. Die Molekularbiologen und Gentechnologen benehmen sich stattdessen wie Staatsanwälte, die einen Prozess gegen Gott führen. Sie häufen Material auf, um zu zeigen, dass die Schöpfung nichts wert ist. Man kann nur mit Verachtung auf diese Leute schauen, es sind beschränkte Menschen, Klempner, die das Wasser erklären wollen."

Für das Experimentieren am Lebendigen - ob an Ratten, "Harvardmäusen", Schafen oder menschlichen Embryonen - hat Chargaff das Verb "mengeln" geprägt, in Anspielung auf den NS-Arzt Josef Mengele, der medizinische Versuche an Menschen anstellte. Als Biochemiker beschränkte Chargaff sich darauf, die Chemie der Vererbung, die Wirksamkeit der Nukleinsäuren zu erforschen, ohne damit irreversible Entwicklungen anzustoßen. Während Forscher wie Francis H. Crick und James D. Watson die Doppelhelix als räumliches Modell darstellten, um damit ein experimentelles Hacken, Schneiden und Kleben am DNS-Band auszulösen, betrachtete der Entdecker der "Chargaff-Regeln" die Erforschung der Natur als Entzifferung eines genialen Textes, den der Schöpfer geschrieben hat.

"Die Wende zum Schlechteren setzte Anfang des Jahrhunderts ein. Darwin war schon ein großer Umstürzer, den tiefsten Einschnitt aber bedeutete das Manhattan-Projekt, das nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufen wurde, um den Amerikanern die Atombombe zu verschaffen. Es war der Anfang einer ganz neuen Forschung, die auf die Masse der Forscher setzte. Eine wissenschaftliche Arbeit zu meiner Zeit hatte höchstens drei Autoren. Jetzt nehmen manche Autorenlisten eine ganze Seite der Zeitschrift ‚Science' ein." Otto Hahn habe noch mit einer einzigen Mitarbeiterin die Atomenergie entdeckt, erinnert sich Chargaff. "Das Manhattan-Projekt war das erste Beispiel dafür, dass man Wissenschaft auch auf industriellem Niveau betreiben kann." Erst diese Art von Kollektiv-Forschung habe moralische Katastrophen wie Hiroshima möglich gemacht. Damals, so Chargaff, sei ihm der fatale Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Mord endgültig klar geworden. "Das Nazi-Experiment in Eugenik - ,die Ausrottung rassisch minderwertiger Elemente' - war eine Folge derselben Art von mechanistischer Denkweise. Die Forschung in Amerika ist heute Teil der kapitalistischen Marktwirtschaft geworden. Die Universität stellt nur noch die Gebäude zur Verfügung, das Geld muss der Wissenschaftler sich selbst beschaffen. Deshalb stehen die Forscher unter enormem Konkurrenzdruck. Manche lassen sich ihre Doktorarbeit patentieren, bevor sie geschrieben ist." Im Grunde, meint Chargaff, sollten alle Wissenschaftler anonym forschen. Dann entfielen viele Grenzüberschreitungen aus Eitelkeit oder Profitsucht.

Schaut man auf Deutschland, wo Bundeskanzler Schröder die Freigabe der Stammzellenforschung mit der Sicherung von Arbeitsplätzen begründet und naturwisenschaftliche Koryphäen wie Hubert Markl oder Ernst-Ludwig Winnacker sich ebenfalls über alle ethische Bedenken hinwegsetzen, muss sich der emeritierte Biochemiker in seinen Warnungen bestätigt fühlen. Er sei, bekennt Chargaff, in völliger Übereinstimmung mit der Position von Johannes Rau. "Seine Rede zur Genforschung hat mich sehr beeindruckt. Ich bin wie er gegen Forschung an Embryonen."

Der eugenische Charakter der Präimplantationsdiagnostik (PID) ist für den Nestor der Biogenetik nicht zu bestreiten, das Selektieren von Embryonen sei ein Skandal, der unter dem Deckmantel der "Gesundheit" die fatale historische Parallele vergessen lassen wolle. Erwin Chargaff, der einer jüdischen Familie entstammt und 1935 von Paris aus in die USA emigrierte (seine Mutter wurde 1943 von Wien nach Polen deportiert und kam dort um), will es sich nicht verbieten lassen, daran zu erinnern, auf welchen Spuren die so genannten "Lebenswissenschaften" heute wandeln. "Was geschieht mit einem Menschen, in dessen Genom eingegriffen wurde und der sich in einer für die Gesellschaft ungünstigen oder abweichenden Art enwickelt? Ein Auto würde man ins Werk zurückrufen - aber wohin stecken wir den Homunkulus?"

Auch der Versuch, in der DNA ein "Todes-Gen" zu lokalisieren, um durch Manipulation die Lebensdauer des Menschen zu verlängern, bedeutet für Chargaff eine blasphemische Grenzüberschreitung - die Anmaßung, mit einem "achten Schöpfungstag" die gottgeschaffene Welt zu korrigieren. Für ihn als fast Hundertjährigen sei der Tod kein Problem, sagt er lächelnd. "Das Tröstliche am Tod ist, dass er der größte Korrektor aller Idiotien ist."


Zur Person Erwin Chargaff

- geb. am 11. August 1905 im österreichisch-ungarischen Czernowitz

- Studium der Chemie und Literaturwissenschaft in Wien

- 1930 wissenschaftlicher Assistent an der Universität von Berlin

- 1933 Flucht vor den Nazis nach Paris

- 1935 Wechsel an die New Yorker Columbia University, dort von 1952 bis 1975 Professor für Biochemie

- 1975 Verleihung der National Medal of Science, der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung der USA


http://www.welt.de/daten/2001/07/08/0708pg266267.htx



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